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KenaH

vor 2 Jahren

08.09. – Ein Tag vor dem Supervollmond

 Hannahs Blick lag reglos auf der Digitaluhr an der Wand. Seit zehn Minuten imitierte ihr Hirn ein Ticktack, das dieses leblose Ding selbst nicht erzeugen konnte. Mit jedem Ticktack fühlte Hannah, wie die Uhr sich immer mehr vor ihren Augen auflöste und sie selbst in einen Tagtraum entschwand. Die Ostsee lag klar vor ihr, als könnte sie darin baden. Der Computer auf ihrem Schreibtisch hatte seine Macht verloren. All die Antragsteller, die auf Hartz IV warteten, waren ihr egal. Sie glitt tiefer in den Traum hinein. Hörte die Möwen kreischen, spürte den Wind auf ihrer Haut und schmeckte die salzige Luft auf ihren Lippen. Ein kleiner Teil von ihr blieb im Büro und forderte sie zur Arbeit auf. Sie wollte ihn jedoch nicht über ihren Tagtraum siegen lassen.

Hannah hatte schon längst den Glauben an die Behörde, für die sie arbeitete, verloren und ihren Job nur noch als Einnahmequelle gesehen, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestritt. Mechanisch arbeitete sie sich täglich durch die immer größer werdende Lawine aus Anträgen, die sie ordnete, auf Vollständigkeit prüfte und in die Fachanwendung eingab. Für Hannah beruhte ihre eigene Arbeitsberechtigung nur auf dem Elend anderer Menschen, die täglich in ihrem Büro saßen und denen verzweifelt bewusst wurde, dass ihnen ab jetzt kein Cent mehr für Vergnügungen blieb. Es gab keinen fröhlichen Blumenstrauß mehr am Sonntagmorgen auf dem Frühstückstisch. Keine spontanen Einladungen, die bei Wein und Essen zu anregenden Gesprächen führten. Ab jetzt würden sich die meisten Gespräche nur noch ums Geld drehen, weil die finanzielle Lage allgegenwärtig war. Keine Ausflüge mit den Kindern, keine großen Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke für die Kleinen. Statt des Kinobesuchs gab es nun Fernsehen, der Urlaub wurde gegen Armutsstress getauscht. Manchmal fühlte sich Hannah hilflos gegenüber der Macht des Geldes. Glück gab es angeblich nur für Menschen, die hart arbeiteten und ihren Lebensunterhalt selbst bestritten. Da sie diese Bedingung erfüllte, fragte sie sich, warum sie selbst kein Glück verspürte?

Manchmal war sie erstaunt, gab es doch erfinderische Eltern, die trotz der geringen Zuschüsse vom Staat die Familie glücklich zusammenhielten. Bemühte Eltern, die sich selbst zu helfen wussten. In diesen Familien wurden abends Märchen erfunden, alte Brettspiele vom Flohmarkt gekauft und Bücher aus der Bücherei ausgeliehen. Hier wurde gemeinsam gekocht, gebastelt und alte Möbel aufgebessert. Selten erlebte Hannah, dass eine Familie so zusammenhielt und das Beste aus der Situation herausholte. Die meisten Familien zerbrachen an dem Unglück der Langzeitarbeitslosigkeit.

Wer war an diesem Dilemma schuld? Der Mensch selbst? Das System, in dem er lebte oder schlicht und ergreifend die Industrie mit ihren vielen Verlockungen? Verführerische Errungenschaften der Technik, die den Menschen vor Fernsehern und Computern festnagelten, mit dem Smartphone in der Hand durch Einkaufszentren laufen ließen, in denen die neueste Mode süßlich winkte. Wer hielt noch an, schaute von seinem Smartphone auf, begrüßte eine fremde Person und kam mit ihr ins Gespräch? Sind dies nicht die wahren Freuden im Leben? Hannah konnte es selbst nicht richtig einschätzen. War sie doch ein menschenscheuer Einzelgänger, der eher verächtlich über seine Spezies nachdachte. Sie schaffte es nur in wenigen Augenblicken ihres Lebens, ihre eigene Verschlossenheit zu überwinden. Beispielsweise im Urlaub, wenn sie auf Fehmarn bei ihrer Tante Erika und ihrem Onkel Heinz einige Tage oder Wochen verbrachte. Zwei Menschen, die sich stets um sie bemühten und ihr ein Zuhause gaben, als ihr eigenes in jungen Jahren zerbrach.

Ticktack sprach ihr Hirn, während sich die dunklen Wellen am Strand brachen und der helle Vollmond am Himmel immer wieder durch die Wolkendecke trat. Hannah schloss die Augen, gab sich dem Ostseewind und der salzigen Luft noch mehr hin. Das Büro löste sich auf. Hannah streckte sich aus und fühlte den kalten, großen Findling, auf dem sie jetzt gedanklich lag. Er war glatt und feucht. Sie strich mit ihren Händen darüber und nahm den feinen Salzstaub war, der sich auf ihren Fingern bildete. Die Blätter aus dem kleinen Wald hinter ihr rauschten, als wollten sie eine Geschichte erzählen. Die Wolken zogen vorbei und bildeten Schatten auf ihrem Gesicht, die die Augen unter den Lidern noch mehr verdunkelten. Sie sah Farben, die sich zu kleinen Mustern vereinten, wie in einem Kaleidoskop. Dann wiederum spürte sie, wie sich vom Wind die Haare auf dem Oberarm aufrichteten und sich eine Gänsehaut bildete. Sie nahm den Sand unter den Füßen war. Die obere Schicht war noch warm vom Tag, weiter unten wurde der Sand kühler und feuchter. Hannah fühlte sich geborgen. Als würde sie durch die Zeit reisen und alle Gefühle aufnehmen, die je ein Mensch wahrnahm, der irgendwann einmal in den Abend- oder Nachtstunden am Strand unter dem Mond lag. Sie fühlte sich eins mit der Natur, der Vergangenheit und der Zukunft. Als gäbe es keine Zeit, kein Ich und kein Du. Das Hier und Jetzt wurde von einem schwarzen Loch aufgesogen und vermischt, bis es nur noch ein Ewig und Immer gab. Hannah fühlte sich frei.

 

Autor: Kena Hüsers
Buch: Mondsüchtig
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