Kenneth S. Lynn Hemingway

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Inhaltsangabe zu „Hemingway“ von Kenneth S. Lynn

This text, winner of the "Los Angeles Times" Book Prize Award, explores the many tragic facets that both nurtured Hemingway's work and eroded his life. (Quelle:'Flexibler Einband/03.03.1995')

Gleichermaßen wissenschaftlich präzise und lebenskluge Einschätzung eines bis heute wichtigen Schriftstellers

— Joachim_Tiele

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  • Konzise Aufarbeitung einer komplexen und komplizierten Persönlichkeit

    Hemingway

    Joachim_Tiele

    Das mit Hemingway ist (und war schon immer) so eine Sache. Seine Kurzgeschichten waren stilbildend, Nobelpreisträger wird man nicht ohne Weiteres, und selbst wenn er nur "Der Alte Mann und das Meer" geschrieben hätte, hätte er wohl zu Recht literarische Weltgeltung erlangt, einerseits. Andererseits wurde er von vielen Zeitgenossen als persönliches Ekel wahrgenommen und beschrieben, als jemand, der sich ein Image zu geben versuchte, dem er nicht entsprach, ein enervierender Macho, insbesondere gegenüber weiblichen Bekannten. Da dies ganz überwiegend kontrovers gesehen wurde und dabei nicht einheitlich positiv oder negativ, war es lange nicht leicht, sich Orientierung zu verschaffen. Näherte man sich als Anfänger seinem Werk literaturwissenschaftlich (etwa beim Studium der Anglistik/Amerikanistik oder der Vergleichenden Literaturwisssenschaft), war man schnell erstaunt vom Gelehrtenstreit über ihn, und war man reiner Literaturliebhaber, der ihn ohne professionelles Interesse las, war man fast noch mehr aufgeschmissen, verschärft durch die Situation, dass man auch in Europa spätestens seit den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts Hemingway gelesen oder zumindest eine Meinung ihm gegenüber haben musste, wenn man intellektuell etwas gelten wollte. Er gehörte damit gewissermaßen zur Angeberliteratur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lynns Biographie ist allein schon wegen ihrer 828 Seiten sicherlich kein easy companion, auch die wissenschaftliche Akkuratesse mag manche abschrecken, aber es ist vermutlich nicht übertrieben zu sagen, dass mit diesem Buch eine seriöse, breit orientierte und einigermaßen ausgewogene Rezeption Hemingways beginnen konnte. Der Kunstgriff des Verfassers, mit dessen Hilfe er dies erreicht, besteht darin, dass er die Kontroversen um die Person wie das Werk Hemingways zum Ausgangspunkt seiner Darstellung macht und seine Leserschaft damit gewissermaßen dort abholt, wo sie steht, nämlich häufig ohne sichere Orientierung gegenüber einer der im positiven wie im negativen Sinne Monumentalfiguren der zeitgenössischen Literatur. Hemingway wird von seinem Biografen vom ersten Inhaltskapitel an sozusagen auf den Boden geholt, ohne ihn dadurch in irgendeiner Weise klein(er) zu schreiben. Die Situation der Eltern und insbesondere das Verhältnis der Mutter zu ihrem Ehemann und ihren Kindern wird beschrieben, das wirtschaftliche und politische Klima in der Gemeinde in der Nähe Chicagos, in der er aufwuchs, bis hin zu Details des schulischen Lesestoffs, den Kursen in Kurzgeschichte und Journalistik seiner Lieblingslehrerin und seinen sportlichen Ambitionen. Allein aus dieser Darstellung macht es Sinn, dass Journalismus und Kurzgeschichten zur Grundlage seiner späteren literarischen Tätigkeit wurden und er gleichzeitig die literarische Betätigung als Wettkampf ansah, bis hin zur späteren Analogie des gewonnen Nobelpreises als Weltmeistertitel der Literatur. Mit der gleichen Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit wie die Schulzeit werden auch alle weiteren Stationen von Hemingways Leben beschrieben und in eine Beziehung zu seinem Werk gesetzt. Dies erfolgt nie von einem akademischen Katheder herab, sondern bleibt immer auch alltagsbezogen nachvollziehbar. Dies betrifft auch die Härten des Lebens, die von der Kindheit an in ihrer gesamten Brutalität (körperliche Züchtigung durch den Vater, verhätschelnde Kontrolle durch die Mutter als frühe Beispiele), männliches Kompensationsverhalten der eigenen Unsicherheit gegenüber Kollegen, Konkurrenten und insbesondere Frauen in seinem späteren Leben bis hin zum Selbstmord, der hier von seiner im Falle Hemingways häufig angenommenen Vererbtheit befreit, sondern als Folge eines andauernden konflikthaften Verhaltens in seiner unmittelbaren familiären Umgebung gesehen wird. Andererseits dominieren derartige analytische Passagen die Darstellung nicht, sondern sind, auch wenn sie gelegentlich einzelne Lebensabschnitte übergreifen, ganz überwiegend in den chronologischen Lebensverlauf eingebettet. Vom frühen Journalismus in Kansas über seine Zeit als Amerikaner in Paris und seine journalistische wie schriftstellerische Begleitung des spanischen Bürgerkriegs bis hin zum in die USA zurückgekehrten literarischen Champion und Erfolgsschriftsteller, später zum Großwildjäger in Afrika und noch später zum Trinker auf Kuba und in Florida lässt sich Hemingways Leben nachvollziehen und zu politischen und kulturellen Entwicklungen ebenso in Beziehung setzen wie zu seinen inneren Konflikten. Für mich ist Lynns "Hemingway" eine der komplettesten Biographien, die ich kenne, in dem Sinne, dass sie weder einseitig literarisiert, soziologisiert, psychologisiert oder politisiert, sondern alle Aspekte gleichermaßen ausführlich und kompetent beschreibt und aufeinander bezieht. Bei ihrem Erscheinen war diese Biografie eine gefeierte Sensation, weil sie den Mythos Hemingway durch seine konzise Aufarbeitung entmystifizierte. Inzwischen gibt es das Werk nur noch antiquarisch, dafür entsprechend günstig. Für jeden, der sich dem Werk Hemingways (wieder) annähern mag, oder einfach nur eine sehr gut gemachte Biografie (als Genre) kennenlernen möchte, nach wie vor sehr empfohlen. 13.01.2016 - Joachim Tiele

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