Kent Nerburn

 4.6 Sterne bei 5 Bewertungen

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Nicht Wolf nicht Hund

Nicht Wolf nicht Hund

 (5)
Erschienen am 10.12.2018

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Rezension zu "Nicht Wolf nicht Hund" von Kent Nerburn

Wie ein alter Lakota die Welt sieht
HansDurrervor 2 Monaten

Kent Nerburn, Ethnologe und Theologe, arbeitete zuerst als Bildhauer, bevor er über die Arbeit an einem 'Oral History'-Projekt in der Red Lake Ojibwe Reservation (in Minnesota) zum Schreiben kam. Und dabei auch dies gelernt hatte: „Ich würde ein für alle Mal damit aufhören, meine indianischen Brüder und Schwestern als Rollenmodelle anzusehen. Ich betrachtete es als meine Pflicht, eine Brücke zwischen zwei Welten zu bauen – der Welt, in die ich hineingeboren worden war, und der Welt eines Volkes, das ich kennen und lieben gelernt hatte.“
 
Eines Tages wird er von einer jungen Frau angerufen, die ihn bittet, ihren Grossvater Dan, einen 78jährigen Lakota Indianer, in einem weit entfernten Reservat aufzusuchen. Dan hat über viele Jahre hinweg Aufzeichnungen gemacht und möchte nun, dass Kent Nerburn daraus ein Buch macht. „Der Alte war weder ein Spinner noch ein Chronist. Sondern ein Denker, der die Welt um sich herum lange und eingehend studiert hatte.“
 
Während mehrere Monate durchforstet er einen Stapel zerfledderter Heftseiten und mehrere Schuhkartons voller Notizen. Nachdem er ein paar Kapitel zusammengebracht hat, legt er diese Dan vor, der davon angetan scheint, nicht jedoch sein Kumpel Grover, der Kent Nerburns Arbeit missbilligt. Dann verbrennt Dan alle seine Unterlagen. Und beginnt zu erzählen.
 
Als die Weissen aufgetaucht seien, hätten sie das Land in Besitz genommen, ja, es ihnen geraubt, denn für die Ureinwohner sei das Haben keine Kategorie ihres Denkens gewesen. „Ihr seid in unser Land eingefallen und habt es uns gestohlen, ohne uns auch nur einmal Gehör zu schenken. Jedes einzelne eurer Versprechen habt ihr gebrochen.“
 
Dazu kommt, dass die Ureinwohner eine völlig andere Vorstellung von der Natur hatten als die Weissen. Sie war lebendig, sprach zu ihnen, war ihre Mutter, sie hörten auf sie. „Wie sollten zwei Völker je miteinander auskommen, wenn beide das Land mit völlig andere Augen sehen? Es konnte nicht funktionieren, und so war es auch.“ Dazu komme, so Dan, dass die Weissen immer zuerst an sich selber und ihre Rechte dächten. „Aber wir denken zuerst an unsere Kultur, daran, wie wir an ihrer Kraft wachsen könne.“
 
Was er von der Bezeichnung „Indianer“ halte?, will Kent Nerburn wissen. „Weil Kolumbus glaubte, er hätte die Westindischen Inseln gefunden, heissen wir jetzt Indianer“. Das passe vielen seiner Leute nicht, sie seien der Meinung, dass ihnen dieser Name ihren Stolz und ihre Identität raube. „Was wäre wohl los, wenn ihr die Schwarzen plötzlich Russen oder Chinesen nennen würdet? Glauben Sie, die würden das einfach so schlucken?“ Zudem: Sie seien keine Einwanderer, sondern immer schon hier gewesen, erläutert Dan.
 
Kent Nerburn ist kein Möchtegern-Indianer, er hat aufrichtiges Interesse an den Ureinwohnern. Und es ist verblüffend, was er sich alles an Belehrungen und Unhöflichkeiten (jedenfalls aus weisser Sicht) gefallen lässt. Alsbald kommt er an seine Grenzen, denn Dan und sein Freund Grover nehmen auf seine Bedürfnisse überhaupt keine Rücksichten. „Die Stille machte mich nervös. Eben noch hatte Dan zu einer längeren Ausführung über Sitting Bull angehoben, und nun fuhren wir in gleichsam selbstverständlichem indianischem Schweigen dahin. Ich fühlte mich wie ein kompletter Aussenseiter.“
 
Weshalb viele von ihnen ihre untüchtigen Schrottmühlen vor dem Haus stehen lassen, will Kent wissen und erhält zur Antwort, dass Dinge, die nicht mehr gebraucht würden, einfach liegen gelassen werden. „Eine Coladose am Wegesrand findet ihr schlimmer als die Highways, mit denen ihr das Land zubetoniert, eine Mülltüte im Wald schlimmer als eure blitzblanken Einkaufszentren.“
 
Ständig beklagt Dan die Ignoranz der Weissen; er selber glaubt an die Weisheit seiner Vorfahren und versteht die Weissen genau so wenig wie sie ihn. Doch was genau in den beiden Indianern Dan und Grover vor sich geht, erfährt man nicht, Kent hingegen spricht von seinen Gefühlen – die weite Landschaft und die Stille bewegen ihn. Und als die beiden unterwegs im Auto zu singen beginnen, fühlt er sich daran erinnert, wie er zum ersten Mal Bachs h-Moll Messe gehört hatte. „Es war, als würde ich im Gesang zweier alter Lakota Indianer und dem sonoren Brummen des Buick das Sanctus, das Agnus Dei und das Kyrie der Prärie vernehmen.“
 
„Nicht Wolf Nicht Hund“ macht vor allem deutlich, mit was für verschiedenen Denk- und Wertesystemen Ureinwohner und Weisse unterwegs sind. Und bietet vielfältige Aufklärung über die daraus resultierenden Missverständnisse. In den Augen von Dan liegen diese wesentlich daran, „dass für die Weissen Freiheit ganz obenan steht. Und für uns Indianer die Ehre.“ Und es klärt auf, wie unterschiedlich mit Autoritäten umgegangen wird. Es ist selten, dass ich auf derart viele Gedanken stosse, von denen ich in meiner Jugend überzeugt gewesen bin und die mir „das System“ versucht hat auszutreiben. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube!
 
Die Welt bestehe nicht aus Zufällen, sagt der alte Lakota einmal. „Der Schöpfer hat Ihnen eine Aufgabe gestellt, so wie mir auch. Das ist kein Witz. Er hat sie ausgewählt. Kommen Sie nicht auf die Idee, es zu vermasseln.“ Wir sind gut beraten, uns diese Haltung anzueignen!

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Rezension zu "Nicht Wolf nicht Hund" von Kent Nerburn

Ein Buch, das berührt und nachdenklich stimmt
Buchraettinvor 2 Monaten

Eine Art Roadtrip. In der Einleitung des Buches lädt der Autor den Leser ein, ihn auf eine Reise zu folgen, in die Welt der Indianer und Nichtindianer. (Es wird im Buch von Indianern gesprochen, nur als Anmerkung).
2 Indianer, ein Hund und ein weißer Ethnologe, der auch der Autor des Buches ist. Gespräche, die der Leser hautnah miterlebt, die Landschaft durch die sie reisen. Gedanken, an denen der Leser teilhaben kann. Eine Welt auf der wir alle als Menschen leben, das Buch hat mir sehr gut gefallen.
Vorn im Buch findet der Leser als erste Übersicht ein Inhaltsverzeichnis. Daran schließt sich ein Vorwort von Robert Plant an und ich mochte hier auch besonders das Zitat von Sitting Bull mit dem der Autor dann in einer Einführung das Buch eröffnet.
Gut gefallen hat mir die Art, wie das Buch aufgebaut ist. Man hat als Leser das Gefühl, als sei man ein unsichtbarer Teil dieses Gespräches. Ein Außenstehender zwar, aber dennoch Teil dieser Geschichte.
Die Kennlernszenen zu Beginn des Buches, das erste Schreiben des Autors, als er die gesammelten Zettelwerke von Dan, er ist ein Lakota, in eine Art Zusammenfassung überführt. Aber sie merken schnell, da spricht nicht wirklich Dan aus den Zeilen. Dann das immer wieder aufeinandertreffen. Die Darstellung der Dialoge, das Gefühl bei mir, als sei ich als Leser dabei, nehme teil und darf zuhören und miterleben. Das fand ich das Besondere an diesem Buch.
Ich kann als Leser teilhaben an Dans Gedanken. Das Wort Indianer wird viel benutzt im Buch, auch wie Dan dazu steht. Was hält er von den Weißen, wie sein Volk behandelt wurde und wird. Es ist ein persönliches Buch und berührt den Leser.
Ich finde, es öffnet einem diese Welt der Native Americans. Ich fand die Idee, das Buch so zu schreiben, also Dans Gedanken einzufangen, indem der Autor an seinem Alltag teilhat und auch Dialoge für den Leser wiedergibt, sehr gelungen.
Auch die Diskussion über das Wort Indianer, was bedeutet das für Dan, fand ich gelungen. Es sind Textstellen dabei, da kann mal Leser kurz innehalten und drüber nachdenken. Es hat für mich durchaus auch etwas Philosophisches. Ein Nachdenken über das Leben, die Art wie wir leben.
Was mir als Abschluss des Buches auch sehr gut gefallen hat, war der Ausblick den der Autor dem Leser hier bietet. Er beschreibt hier, wie sehr das Buch gelesen wurde. Von Schülern, Insassen in amerikanischen Gefängnissen, Wärtern dort, einfach damit sie lernen, welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten haben wir und dass sie auch ins Gespräch kommen darüber.

Toll fand ich auch, dass auch in Neuseeland von den Maori gelesen und empfohlen wird. Der Autor spricht hier auch von einer „Aura“ des Buches- ich denke, das trifft den Kern des Buches sehr gut.
Es ist eine Besonderheit, eine Botschaft der Verständigung und des Verständnisses, die von diesem Buch ausgeht.
Ein Buch, das berührt und nachdenklich stimmt. Ein Buch, das erklärt und Verständnis und auch Vertrauen fördert.
Ein wundervolles Buch.
Das Nachwort fand ich auch sehr berührend und nachhallend- unbedingt lesen. Was mir fehlte im Buch sind ein paar Fotos, das hätte ich in einem Sachbuch einfach schön gefunden.
Zum Autor, Ken Nerburn ist Ethnologe und Theologe (Quelle Klappentext des Buches) und kam zum Schreiben über ein Projekt in der Red Lake Ojibwe Reservation. Hier erfährt man übrigens auch, dass das Buch 2017 verfilmt wurde,

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Rezension zu "Nicht Wolf nicht Hund" von Kent Nerburn

Ein intensives und wichtiges Buch
michael_lehmann-papevor 3 Monaten

Ein intensives und wichtiges Buch

Eine Reise. Ein Ethnologe und Theologe, der auf dieser Reise sein literarisches Lebensthema findet und auch als Mensch (auch spirituell) tief beeindruckt diese Reise beendet wird. Ein alter Indianer, der Kent Nerburn mit auf die Reise nimmt, weil er merkt, dass das Wesentliche in nur erzählenden Worten nicht wirklich greifbar und fassbar ausgedrückt werden kann. Und ein Fahrer, Indianer, Lakota, der dazu gehört.

Die „Native Americans“, so die Selbstbezeichnung, die immer noch gilt, auch wenn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts alle Kriege gegen die US-Armee und die Siedler im Westen Amerikas verlorengingen und ein Hauch indianischen Lebens nurmehr in Reservaten zu finden ist.

Was, wie das Buch zeigt, so nicht stimmt. Denn „die Erde vergisst nicht“. Der Geist der Indianer ist für Dan, den alten Indianer, genauso aktuell und gegenwärtig, wie es auch die Schuld des „weißen Mannes“ ist.

Ein Wissen, dass dicht, intensiv, fassbar aus den Seiten des Reise-Romans spätestens dann nahetritt, wenn die kleine Reisegruppe den Friedhof am Wounde Knee erreicht, die Gebetspfeife entzündet wird und das Innere massiv in Bewegung gerät, bei allen dreien. Und beim Leser.

„Hier starb Horncloud, der unschuldige Friedensstifter“.
„In all diesen Lettern widerhallte der Aufschrei, eine Empörung, die immer wieder in dem Wort „Unschuld“ kulminiert“.
Wenn dann noch Dan das Ergehen seines Volkes, das hingeschlachtet werden, mit Jesus am Kreuz für die Weißen zur dauerhaften Wunde erklärt, dann wird klar, dass alles mit allem zusammenhängt und jeder Lebensstil, jede Lebenshaltung, jeder Konflikt seine Spuren auf Dauer hinterlässt.

„Ich habe noch nie einen Indianer getroffen, der nicht tiefe Trauer und Zorn über das empfunden hätte, was seinem Volk widerfahren ist, und ich bin auch noch nie einem ehrlichen und sensiblen Amerikaner nicht-indigener Herkunft begegnet, der in seinem tiefsten Innern nicht ein schlechtes Gewissen gehabt hätte“.

Was sich vertieft nach der Lektüre des Werkes, in dem indianische Spiritualität, tiefe Lebensweisheiten und Glaubensüberzeugungen geballt vor Augen geführt werden und wieder daran erinnern, dass schon zu Zeiten der gewaltsamen Auseinandersetzungen Weisheit und Verbundenheit mit der Schöpfung gegen Expansionsdrang und Rücksichtslosigkeit nichts ausrichten konnten.

Hier übersteigt das Buch auch den engeren, thematischen Rahmen und verweist für jeden, der einigermaßen sensibel ist, auch auf die aktuelle Weltlage. In der es nicht mehr die Indianer sind, aber jede Menge andere Völker, die zumindest wirtschaftlich ausgenutzt oder, wenn zu viel Unruhe entsteht, kriegerisch „geschliffen“ werden sollen.

„Und mein Volk ist der Schatten, der euch in alle Ewigkeit an Euer Versagen erinnern wird“.

Ein Versagen „aus er Natur heraus“, fast. Denn die Analyse von Dan trifft ebenso klar zu:

„Ihr Weißen müsst lernen, Eure Arroganz abzulegen. Ihr seid nicht die einzigen auf dieser Erde, und Ihr müsst Euch damit abfinden, dass Euer Weg nicht der allein seligmachende ist. Die Völker haben dem Schöpfer auf verschiedenste Art und Weise gehuldigt, und Ihr müsst lernen, das zu respektieren“.

Müssen wohl, aber können? Schaut man sich den aktuellen Zustand Europas an gegenüber „fremden Huldigungen des Schöpfers“?

Ein bewegendes Buch, dem Robert Plant ein poetisches Vorwort voranstellt, welches eines der gewichtigsten Probleme menschlichen Zusammenlebens präzise formuliert.

„Den Triumph der Gier, des Rattenrennens nach mehr“.

Eine hervorragende, bewegende Lektüre.

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