Kent Nerburn

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Nicht Wolf nicht Hund

 (5)
Erschienen am 10.12.2018

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Rezension zu "Nicht Wolf nicht Hund" von Kent Nerburn

Beeindruckende Sichtweise
Sikalvor einem Jahr

Der Autor und Ethnologe Kent Nerburn erhält einen seltsamen Anruf und weiß nicht, wie er darauf reagieren soll. Eine junge Frau ist am Telefon und möchte, dass er sich mit ihrem Großvater, einem alten Lakota-Indianer, trifft.

 

Die ersten Begegnungen könnten seltsamer nicht sein – und das, obwohl der Autor bereits einige Erfahrungen im Umgang mit Indianern mitbringt.

 

Dan, der Lakota, stellt sich als Chronist heraus und möchte zusammen mit Nerburn die Geschichte seines Stammes erzählen – ohne Schnörkel, ohne die Sicht des weißen Mannes und ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Es soll die Geschichte eines Volkes werden, welches seit 200 Jahren missverstanden wird.

 

Nachdem das Projekt nicht so anläuft wie sich Kent Nerburn das vorstellt und Dan zwar keine Kritik an seiner Arbeit übt, aber dennoch nicht zufrieden scheint, entschließt sich der Autor, die Sache abzubrechen. Und genau in diesem Moment beginnt die Geschichte sich zu dem zu entwickeln was sie eigentlich ist – eine Reise in die Geschichte der Indianer.

 

Das Buch lässt sich in zwei Teile unterteilen, wobei der erste Teil immer wieder von den Selbstzweifeln und Entschuldigungen des Autors genährt wird. Beinahe hat man den Eindruck, Kent Nerburn entschuldigt sich für das Unrecht, das den Indianern angetan wurde auf jeder Seite.

Hat man als Leser jedoch die Geduld sich durchzuarbeiten, wird man belohnt mit einer Geschichte, die sich zwar vor 200 Jahren zugetragen hat, die aber immer noch in den Indianern lebendig ist und deren heutiges Leben prägt – im Positiven wie im Negativen.

 

Unfreiwillig begibt sich der Autor mit Dan und Groover - dem Freund Dan’s - sowie dem Hund Fatback auf eine Reise durch ein Land, in welchem er die Leiden der Indianer der letzten Jahrhunderte am eigenen Leib zu spüren bekommt.

 

Der zweite Teil des Buches ist geprägt von Erzählungen über Rassismus, Genoziden und Religion. Wenn wir als Europäer die Geschichte der Indianer vielleicht anders wahrnehmen als sie uns hier dargestellt wird, so liegt das an genau diesen Vorurteilen, welche uns durch die Medien suggeriert werden. Und wenn wir in Europa auch wenig mit der Geschichte der Indianer in Verbindung gebracht werden wollen, so finden sich diese Geschichten nicht weniger bei uns.

Genozid, Rassismus, Kapitalismus und religiöse Kämpfe sind auch in unserer Geschichte ein fester Bestandteil und wenn wir zwar über den Genozid hinweg sind, so ist Rassismus und Religionskrieg immer noch überall zu finden sowie auch ein immerwährender Kulturkampf – leider zum Teil auch wieder sehr erstarkt.

 

Wenn der (europäische) Leser dieses Buch auf die Geschichte der Indianer reduziert, wird er darin nichts anderes finden als eine Weißen, der sich schlecht fühlt für das, was den Indianern immer wieder angetan wurde und wird sowie einen Indianer, der sein Volk als Opfer sieht.

Wer dieses Buch jedoch als das liest was es ist – nämlich als Plädoyer für mehr Miteinander, für eine Welt in der Menschlichkeit, ohne Raffgier oder religiöse Ängste im Vordergrund stehen und Kulturen sich gegenseitig respektieren sowie wechselseitig Befruchten, wird die Zeilen als sehr bereichernd empfinden.


„Lasst uns zusammen überlegen, was für eine Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen“ Sitting Bull [Seite 11]

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Rezension zu "Nicht Wolf nicht Hund" von Kent Nerburn

Wie ein alter Lakota die Welt sieht
HansDurrervor 2 Jahren

Kent Nerburn, Ethnologe und Theologe, arbeitete zuerst als Bildhauer, bevor er über die Arbeit an einem 'Oral History'-Projekt in der Red Lake Ojibwe Reservation (in Minnesota) zum Schreiben kam. Und dabei auch dies gelernt hatte: „Ich würde ein für alle Mal damit aufhören, meine indianischen Brüder und Schwestern als Rollenmodelle anzusehen. Ich betrachtete es als meine Pflicht, eine Brücke zwischen zwei Welten zu bauen – der Welt, in die ich hineingeboren worden war, und der Welt eines Volkes, das ich kennen und lieben gelernt hatte.“
 
Eines Tages wird er von einer jungen Frau angerufen, die ihn bittet, ihren Grossvater Dan, einen 78jährigen Lakota Indianer, in einem weit entfernten Reservat aufzusuchen. Dan hat über viele Jahre hinweg Aufzeichnungen gemacht und möchte nun, dass Kent Nerburn daraus ein Buch macht. „Der Alte war weder ein Spinner noch ein Chronist. Sondern ein Denker, der die Welt um sich herum lange und eingehend studiert hatte.“
 
Während mehrere Monate durchforstet er einen Stapel zerfledderter Heftseiten und mehrere Schuhkartons voller Notizen. Nachdem er ein paar Kapitel zusammengebracht hat, legt er diese Dan vor, der davon angetan scheint, nicht jedoch sein Kumpel Grover, der Kent Nerburns Arbeit missbilligt. Dann verbrennt Dan alle seine Unterlagen. Und beginnt zu erzählen.
 
Als die Weissen aufgetaucht seien, hätten sie das Land in Besitz genommen, ja, es ihnen geraubt, denn für die Ureinwohner sei das Haben keine Kategorie ihres Denkens gewesen. „Ihr seid in unser Land eingefallen und habt es uns gestohlen, ohne uns auch nur einmal Gehör zu schenken. Jedes einzelne eurer Versprechen habt ihr gebrochen.“
 
Dazu kommt, dass die Ureinwohner eine völlig andere Vorstellung von der Natur hatten als die Weissen. Sie war lebendig, sprach zu ihnen, war ihre Mutter, sie hörten auf sie. „Wie sollten zwei Völker je miteinander auskommen, wenn beide das Land mit völlig andere Augen sehen? Es konnte nicht funktionieren, und so war es auch.“ Dazu komme, so Dan, dass die Weissen immer zuerst an sich selber und ihre Rechte dächten. „Aber wir denken zuerst an unsere Kultur, daran, wie wir an ihrer Kraft wachsen könne.“
 
Was er von der Bezeichnung „Indianer“ halte?, will Kent Nerburn wissen. „Weil Kolumbus glaubte, er hätte die Westindischen Inseln gefunden, heissen wir jetzt Indianer“. Das passe vielen seiner Leute nicht, sie seien der Meinung, dass ihnen dieser Name ihren Stolz und ihre Identität raube. „Was wäre wohl los, wenn ihr die Schwarzen plötzlich Russen oder Chinesen nennen würdet? Glauben Sie, die würden das einfach so schlucken?“ Zudem: Sie seien keine Einwanderer, sondern immer schon hier gewesen, erläutert Dan.
 
Kent Nerburn ist kein Möchtegern-Indianer, er hat aufrichtiges Interesse an den Ureinwohnern. Und es ist verblüffend, was er sich alles an Belehrungen und Unhöflichkeiten (jedenfalls aus weisser Sicht) gefallen lässt. Alsbald kommt er an seine Grenzen, denn Dan und sein Freund Grover nehmen auf seine Bedürfnisse überhaupt keine Rücksichten. „Die Stille machte mich nervös. Eben noch hatte Dan zu einer längeren Ausführung über Sitting Bull angehoben, und nun fuhren wir in gleichsam selbstverständlichem indianischem Schweigen dahin. Ich fühlte mich wie ein kompletter Aussenseiter.“
 
Weshalb viele von ihnen ihre untüchtigen Schrottmühlen vor dem Haus stehen lassen, will Kent wissen und erhält zur Antwort, dass Dinge, die nicht mehr gebraucht würden, einfach liegen gelassen werden. „Eine Coladose am Wegesrand findet ihr schlimmer als die Highways, mit denen ihr das Land zubetoniert, eine Mülltüte im Wald schlimmer als eure blitzblanken Einkaufszentren.“
 
Ständig beklagt Dan die Ignoranz der Weissen; er selber glaubt an die Weisheit seiner Vorfahren und versteht die Weissen genau so wenig wie sie ihn. Doch was genau in den beiden Indianern Dan und Grover vor sich geht, erfährt man nicht, Kent hingegen spricht von seinen Gefühlen – die weite Landschaft und die Stille bewegen ihn. Und als die beiden unterwegs im Auto zu singen beginnen, fühlt er sich daran erinnert, wie er zum ersten Mal Bachs h-Moll Messe gehört hatte. „Es war, als würde ich im Gesang zweier alter Lakota Indianer und dem sonoren Brummen des Buick das Sanctus, das Agnus Dei und das Kyrie der Prärie vernehmen.“
 
„Nicht Wolf Nicht Hund“ macht vor allem deutlich, mit was für verschiedenen Denk- und Wertesystemen Ureinwohner und Weisse unterwegs sind. Und bietet vielfältige Aufklärung über die daraus resultierenden Missverständnisse. In den Augen von Dan liegen diese wesentlich daran, „dass für die Weissen Freiheit ganz obenan steht. Und für uns Indianer die Ehre.“ Und es klärt auf, wie unterschiedlich mit Autoritäten umgegangen wird. Es ist selten, dass ich auf derart viele Gedanken stosse, von denen ich in meiner Jugend überzeugt gewesen bin und die mir „das System“ versucht hat auszutreiben. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube!
 
Die Welt bestehe nicht aus Zufällen, sagt der alte Lakota einmal. „Der Schöpfer hat Ihnen eine Aufgabe gestellt, so wie mir auch. Das ist kein Witz. Er hat sie ausgewählt. Kommen Sie nicht auf die Idee, es zu vermasseln.“ Wir sind gut beraten, uns diese Haltung anzueignen!

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M

Rezension zu "Nicht Wolf nicht Hund" von Kent Nerburn

Ein intensives und wichtiges Buch
michael_lehmann-papevor 2 Jahren

Ein intensives und wichtiges Buch

Eine Reise. Ein Ethnologe und Theologe, der auf dieser Reise sein literarisches Lebensthema findet und auch als Mensch (auch spirituell) tief beeindruckt diese Reise beendet wird. Ein alter Indianer, der Kent Nerburn mit auf die Reise nimmt, weil er merkt, dass das Wesentliche in nur erzählenden Worten nicht wirklich greifbar und fassbar ausgedrückt werden kann. Und ein Fahrer, Indianer, Lakota, der dazu gehört.

Die „Native Americans“, so die Selbstbezeichnung, die immer noch gilt, auch wenn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts alle Kriege gegen die US-Armee und die Siedler im Westen Amerikas verlorengingen und ein Hauch indianischen Lebens nurmehr in Reservaten zu finden ist.

Was, wie das Buch zeigt, so nicht stimmt. Denn „die Erde vergisst nicht“. Der Geist der Indianer ist für Dan, den alten Indianer, genauso aktuell und gegenwärtig, wie es auch die Schuld des „weißen Mannes“ ist.

Ein Wissen, dass dicht, intensiv, fassbar aus den Seiten des Reise-Romans spätestens dann nahetritt, wenn die kleine Reisegruppe den Friedhof am Wounde Knee erreicht, die Gebetspfeife entzündet wird und das Innere massiv in Bewegung gerät, bei allen dreien. Und beim Leser.

„Hier starb Horncloud, der unschuldige Friedensstifter“.
„In all diesen Lettern widerhallte der Aufschrei, eine Empörung, die immer wieder in dem Wort „Unschuld“ kulminiert“.
Wenn dann noch Dan das Ergehen seines Volkes, das hingeschlachtet werden, mit Jesus am Kreuz für die Weißen zur dauerhaften Wunde erklärt, dann wird klar, dass alles mit allem zusammenhängt und jeder Lebensstil, jede Lebenshaltung, jeder Konflikt seine Spuren auf Dauer hinterlässt.

„Ich habe noch nie einen Indianer getroffen, der nicht tiefe Trauer und Zorn über das empfunden hätte, was seinem Volk widerfahren ist, und ich bin auch noch nie einem ehrlichen und sensiblen Amerikaner nicht-indigener Herkunft begegnet, der in seinem tiefsten Innern nicht ein schlechtes Gewissen gehabt hätte“.

Was sich vertieft nach der Lektüre des Werkes, in dem indianische Spiritualität, tiefe Lebensweisheiten und Glaubensüberzeugungen geballt vor Augen geführt werden und wieder daran erinnern, dass schon zu Zeiten der gewaltsamen Auseinandersetzungen Weisheit und Verbundenheit mit der Schöpfung gegen Expansionsdrang und Rücksichtslosigkeit nichts ausrichten konnten.

Hier übersteigt das Buch auch den engeren, thematischen Rahmen und verweist für jeden, der einigermaßen sensibel ist, auch auf die aktuelle Weltlage. In der es nicht mehr die Indianer sind, aber jede Menge andere Völker, die zumindest wirtschaftlich ausgenutzt oder, wenn zu viel Unruhe entsteht, kriegerisch „geschliffen“ werden sollen.

„Und mein Volk ist der Schatten, der euch in alle Ewigkeit an Euer Versagen erinnern wird“.

Ein Versagen „aus er Natur heraus“, fast. Denn die Analyse von Dan trifft ebenso klar zu:

„Ihr Weißen müsst lernen, Eure Arroganz abzulegen. Ihr seid nicht die einzigen auf dieser Erde, und Ihr müsst Euch damit abfinden, dass Euer Weg nicht der allein seligmachende ist. Die Völker haben dem Schöpfer auf verschiedenste Art und Weise gehuldigt, und Ihr müsst lernen, das zu respektieren“.

Müssen wohl, aber können? Schaut man sich den aktuellen Zustand Europas an gegenüber „fremden Huldigungen des Schöpfers“?

Ein bewegendes Buch, dem Robert Plant ein poetisches Vorwort voranstellt, welches eines der gewichtigsten Probleme menschlichen Zusammenlebens präzise formuliert.

„Den Triumph der Gier, des Rattenrennens nach mehr“.

Eine hervorragende, bewegende Lektüre.

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