Eine persönliche Erfahrung

von Kenzaburô Ôe 
4,6 Sterne bei25 Bewertungen
Eine persönliche Erfahrung
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Eine wortgewandt erzählte Geschichte über Verantwortung und Selbstvertrauen.

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Inhaltsangabe zu "Eine persönliche Erfahrung"

Mit der Geburt seines ersten Sohnes verändert sich für den Lehrer Bird schlagartig das Leben: Das Baby leidet an einer Gehirnhernie, und der junge Vater sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet werden sollen. Wer soll diese Entscheidung über Leben und Tod fällen? 'Eine persönliche Erfahrung' erzählt das Schicksal von Kenzaburo Oes Sohn, über dessen Leben der Autor zu entscheiden hatte. Heute ist Oes Sohn ein erfolgreicher Komponist und Musiker.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518383421
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:239 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:16.05.2007

Rezensionen und Bewertungen

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    DeepThoughtvor 25 Tagen
    Wie leben in einer Extremsituation?

    Erstveröffentlichung: 1964 
    Rezension basiert auf der Übersetzung von Siegfried Schaarschmidt für den für den Suhrkamp Verlag, 1972

    Inhalt

    Mit der Behinderung seines neugeborenen Sohnes konfrontiert, erwartet und ersehnt die Hauptperson, ein 27-jähriger Mann mit dem Spitznamen Bird, den Tod des ungeliebten Säuglings. Während er seine im Krankenhaus liegende Frau über die tatsächliche Erkrankung des Kindes im Ungewissen lässt,  weist er im Einvernehmen mit der Schwiegermutter an, das von ihm selbst “Monster-Baby“ genannte Kind mit Zuckerwasser statt Milch zu füttern, um den Schwächetod herbeizuführen und es vor einer lediglich „pflanzenhaften Existenz“ zu bewahren. Die folgende Zeit, in der das Kind zwischen Leben und Tod steht und unklar ist, ob es eventuell mit einer Operation gerettet werden kann, verbringt er vorwiegend mit einer Studienfreundin. Bird übernachtet in ihrer Wohnung, geht mit ihr eine sexuelle Beziehung ein, und schließlich planen sie gemeinsam die von ihm langgewünschte Reise nach Afrika.

    Beschreibung

    Der Roman verdichtet sich auf wenige Tage nach der Geburt des behinderten Kindes und wird fast komplett aus der Sicht der Hauptperson beschrieben. Schilderungen zurückliegender Erlebnisse Birds sowie der Ereignisse und Dialoge in diesen Tagen werden stets verbunden mit seiner Wahrnehmung und Bewertung. So rücken die Leser ganz nah an den jungen Vater heran und bekommt einen sehr authentischen, ungeschönten Einblick in seine Persönlichkeit, die vor allem von Selbstzweifeln, Scham und Schuldgefühlen geprägt ist. Als Bird im Laufe des Romans mehrfach damit konfrontiert wird, dass er mit seinem Verhalten den Tod seines Kindes verschulde, reagiert er entweder abweisend, behauptet, im Interesse Aller – auch des Kindes selber – zu handeln oder stilisiert sich zum Opfer, das alleine die Bürde der Schuld auf sich nehme. Das Verhalten anderer Menschen deutet er zumeist als ausschließliches Resultat einer geringschätzigen Meinung über ihn, ohne sich gegen diese zum Teil lediglich vermeintlichen Herabsetzungen auflehnen zu können. Dass er durchaus Freunde hat, etwa von Schülern und Kollegen auch respektiert und in einer kuriosen Nebenhandlung – ein russischer Gesandter weigert sich, seine japanische Geliebte zu verlassen und in die Gesandtschaft zurückzukehren – ihm allein die Vermeidung eines möglichen internationalen Skandals zugetraut wird, vermag er nicht, sich positiv anzurechnen.

    Das alles schildert der Literaturnobelpreisträger Kenzaburō Ōe in einer sehr sachlichen Sprache, die die Unfähigkeit der meisten Beteiligten, Emotionen zuzulassen und zu äußern, meisterhaft Weise spiegelt. Indem der Roman die subjektiven Sichtweisen und Wahrnehmungen des überforderten jungen Mannes radikal übernimmt, entsteht zugleich der denkbar größte Kontrast zur konzentrierten Ausdrucksform des Romans, da Bird in seinen Neigung zu sprunghaften Assoziationen und Gedankenströmen genau zu dieser Aufmerksamkeit unfähig scheint.     

    Durch die wertungsfreie Übernahme der Empfindungen und Gedanken von Bird erhält der Roman einen nahezu dokumentarischen Charakter. Dass die Hauptfigur – auch aufgrund der Reaktion einiger Ärzte und der Schwiegermutter – ohne längeres Zögern bereit ist, sein Kind ohne Rücksprache mit der Mutter wegen der Behinderung und der damit verbundenen möglichen Belastung und „Schande“  sterben zu lassen, zwingt die Leser, sich hierzu zu positionieren. Birds Verhalten könnte als obszön und ungeheure Provokation des Autors angesehen werden. Zu beachten, dass die persönliche Erfahrung Ōes aufgrund der Geburt seines behinderten eigenes Kindes den Anlass zu dem Roman gab, die Hauptfigur, ihre Empfindungen und Handlungen aber fiktiv sind.   

    Weiterhin sei darauf hingewiesen, dass der Roman aus dem Roman 1964 stammt und in Japan angesiedelt ist. Der Roman erweist deshalb auch als Zeugnis seiner Zeit und der Gesellschaft, in der er spielt.  

    Fazit

    „Eine persönliche Erfahrung“ besitzt eine Allgemeingültigkeit, die Lesern mit großer Wucht elementare Fragen des Lebens stellt und sie herausfordert, unbequeme Überlegungen zu einer Extremsituation anzustellen. Das Werk setzt aber auch die Bereitschaft der Leser voraus, für eine ganz eigene persönliche Erfahrung offen zu sein. 


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    dzaushangvor 8 Jahren
    Rezension zu "Eine persönliche Erfahrung" von Kenzaburo Oe

    Bird, 27 Jahre 4 Monate alt, erwartet die Geburt seines ersten Kindes. Nicht an der Seite seiner Frau sondern im Alltagstrubel der Großstadt und gefangen in seiner sehr Ich-bezogenen Gedankenwelt.
    So recht erfreuen kann er sich nämlich von Anfang an nicht an den Gedanken, dass er nun bald Vater werden soll. Vor allem sein größter Wunsch, eine Afrikareise, scheint ihm mit der Geburt in unerreichbare Ferne zu entgleiten. Denn ist das Kind erst einmal auf der Welt, bin ich endgültig eingesperrt in den Käfig der Familie, so seine Gedankengänge.
    Mehr pflichtbewusst denn überzeugt ruft er jeweils zur vollen Stunde im Krankenhaus an, um sich auf den neuesten Stand des Geburtsgeschehens zu bringen. Im letzten dieser Anrufe wird Bird mitgeteilt, dass mit seinem nun geborenen Kind irgendetwas nicht stimme. Er eilt ins Krankenhaus und wird dort von den Ärzten mit den Worten: "Wollen sie das Ding sehen?", empfangen.
    Das Kind wird mit einer Vorwölbung von Hirnhäuten, sehr wahrscheinlich mit Hirnanteil, am Hinterkopf geboren, die Ärzte wünschen dem frisch gebackenen Vater, seiner Frau und natürlich dem Kind, das es rasch stürbe, das wäre für alle das beste.
    Das Kind wird dennoch erst mal in eine Spezialklinik gefahren, es läuft der übliche medizinische Apparat an und Bird, der in dem ganzen anlaufendem Trubel nur einen flüchtigen, schreckerfüllten Blick auf sein Kind, das Monster, erhaschen kann, verbleibt in der Erwartung, dass es wohl bald sterben werde.
    Mit seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seiner Wut bleibt er allein, denn die Schwiegereltern schirmen seine Frau, noch ans Krankenbett gebunden, von ihm und der Wahrheit völlig ab. Nach Hause will er nicht, kann er nicht, wie sollte er den Anblick der Wiege ertragen.
    So flüchtet er zu seiner Freundin Himiko aus Studentenzeiten und vergräbt sich in ihrer dunklen Wohnung.
    In dieser Höhle, in der ein Sonnenstrahl nur selten den dicken Zigaretten -und Alkoholdunst durchdringen kann verbringt Bird, in sexueller Obsession verhaftet, die nächsten Tage und findet dennoch in Himiko ein kongeniales Gegenüber. Gemeinsam loten sie ihre gedanklichen Untiefen aus, beschließen gemeinsam dem Leben des Kindes müsse ein Ende gesetzt werden und stehen dann doch am Scheideweg als Bird sich seiner persönlichen Verantwortung bewusst wird.

    Bis in Birds letzte Gehirnwindungen hinein nimmt uns Oe mit auf eine gedankliche Reise die haarsträubender, skurriler und abstruser nicht sein kann.
    Ist Birds Denken und Handeln ein einziger großer Selbstbetrug? Warum schließt er sich so tatenlos der Einschätzung der Ärzte an und warum kämpft er nicht entschieden für das Leben des Kindes? Was hat das mit seinen egoistischen Wünschen zu tun, was mit dem Wunsch seiner Frau, er möge das Baby nicht im Stich lassen, andernfalls würde sie sich von ihm trennen? Was geschieht eigentlich, wenn das Kind nicht von alleine stirbt, sich im Gegenteil kräftig weiterentwickelt?
    Sein Zustand wächst sich zu einer massiven Identitätskrise aus, er versucht zu verstehen, warum ausgerechnet ihm so etwas passiert, bis er schließlich nicht mehr weiß, ist er Opfer oder ist er Täter.

    Kenzaburo Oe hat einen äußerst packenden, ja mitreißenden, leicht lesbaren Roman über die inneren Abgründe des Menschen und die alles entscheidende Frage nach dem, was lebenswertes Leben denn nun ausmacht, geschrieben. Dem Leser wächst, so erstaunlich dies vielleicht so manchem klingen mag, der Protagonist Bird, trotz aller Irrungen, Wirrungen und Obsessionen, in seiner größten Not doch sehr ans eigene Herz. Und wie einfach und doch wahr und klar diese Frage nach dem Leben sich letztlich selbst erklärt, das habe ich so schon lange nirgendwo sonst mehr gelesen.
    "Eine persönliche Erfahrung" ist ein Lehrstück an Menschenfreundlichkeit und eine Liebeserklärung an das Leben.

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    SgtPeppervor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Eine wortgewandt erzählte Geschichte über Verantwortung und Selbstvertrauen.
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