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Rezension zu "Tod dem Helfer (DuMont True Tales)" von Kilian Kleinschmidt

‚Ich möchte erzählen, wie es angefangen hat.'
sabatayn76vor einem Jahr

‚Ich möchte erzählen, wie es angefangen hat. Wie der Horror in mein Leben kam, die Geister, die Toten und warum ich ihnen die Tür immer wieder weit aufgemacht, sie willkommen geheißen habe, wie alte Bekannte.‘ (Seite 9)

Ich habe die Angewohnheit, kurz vor dem Schlafen noch die erste Seite eines neuen Buches anzulesen. Gestern Nacht habe ich genau dies mit ‚Tod dem Helfer‘ vorgehabt, aber 1 Stunde später - es war bereits 1:30 - war ich immer noch wach, das Büchlein ausgelesen und ich so aufgewühlt, dass ich nicht schlafen konnte.

Kilian Kleinschmidt, der mir schon durch sein großartiges Buch ‚Beyond Survival‘ ein Begriff war, hat mich von der ersten Seite an beeindruckt. Mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit, mit der er von seinem emotionalen Erleben spricht, entblößt sich der Autor regelrecht vor dem Leser, macht sich dadurch angreifbar und verwundbar.

So weckt er sofort Interesse, denn man möchte wissen, was diesem Menschen widerfahren ist, welches Ereignis sein Leben auf eine andere Bahn gebracht hat, was ihn so gebrochen hat. Mich haben seine Beschreibungen sehr betroffen gemacht - und mir auch das Fürchten gelehrt.

Kleinschmidt erzählt in ‚Tod dem Helfer‘ von dem Ereignis, das alles veränderte: von den Männern, die in Uganda im Morgengrauen in sein Haus eingebrochen sind, 30.000 Dollar verlangten und drohten, ihn, seine Frau Martine und seine einjährige Tochter Annalou umzubringen.

Die Stimmung im Buch ist vor allem in dieser Passage gespenstisch: Kleinschmidt gelingt eine so detaillierte Schilderung des Hauses, des Gartens, der Eindringlinge, der Angst und der Verzweiflung, dass man sich beim Lesen vor Ort wähnt und die Situation viel zu genau vor Augen hat.

Einen großen Teil des Buches nimmt aber auch sein Leben vor und - vor allem - nach diesem Tag X ein. Kleinschmidt erzählt von seiner Posttraumatischen Belastungsstörung, von seinen Bewältigungsversuchen, von Kriegen, Elend, Gewalt, Tod, Situationen, die er nach dem Überfall immer wieder aufsuchte.

Kleinschmidt beschwört in seinem schmalen Buch ein tiefschwarzes, gewalttätiges, verzweifeltes Bild von Afrika herauf, das den Leser zurückschrecken lässt, das jeden Plan einer Reise im Keim erstickt, das unangenehm und unbequem ist, von dem man Abstand sucht und das man am liebsten sich selbst überlässt. Kleinschmidt hat dies nicht getan, und sein Buch zeigt klar, warum er sich mit Afrika auseinandersetzen wollte und musste.

Ich bin nach der Lektüre beeindruckt von Kleinschmidt, der so offen von sich erzählt, berührt von den Schilderungen dieses bemerkenswerten Menschen und entsetzt ob der Gewalt, die er erlebt und immer wieder aufgesucht hat.

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Bücherwurms avatar

Kann ich eine bessere Werbung machen als es der Buchtitel "Weil es um die Menschen geht" schon unverblümt ausdrückt?
Ich vermute eher nicht, möchte aber hier kurz meine Eindrücke schildern, die ich nach Lesen des Buches zurückbehalten habe.
Kilian Kleinschmidt ist ein Mann, der auf sehr unkonventionelle Art und Weise sein Leben verbringt. Als "Aussteiger" nach dem Abitur blieb er unverhofft auf dem Weg nach Südamerika in Südfrankreich hängen. Statt Lehre oder Studium zog es ihn nach der schule ins pragmatische Leben. Ob Ziegenkäsebauer oder Dachdecker, egal, man schlägt sich durch. Und so treibt es ihn weiter. Richtung Nordafrika durch die Sahara per Motorad und schliesslich auch rein zweckmäßig in die ersten Jobs als Entwicklungshelfer. Immer an erster Front, immer da, wo andere nicht weiterkommen, mit diesem Buch führt der Autor den Leser in die extremen Krisenherde, egal, ob Orient, Osteuropa oder Afrika.
Gestaunt habe ich oft von der Meinung aus erster Hand, der Sichtweise aus Perspektive eines Nicht-Politikers vor Ort. Bei mir hier in Europa kommen viele Informationen ganz anders an, abgesehen davon, dass mir keine Nachrichtensendung, keine Zeitung, keine sachliche Berichterstattung in Sendern wie Phönix, SAT 3 oder Arte und ähnlichen eine so dramatische, detaillierte und unverblümt deutliche Information über den Stand der Entwicklungshilfe heute, der Situation in Flüchtlingslagern und der Problematik der Krisengebiete nahebrachte.
Mir gefällt die humorvolle und ruhige Art in der der Autor über seine Arbeit und der damit verbundenen Mühen spricht. Diese scheinbar nie endende Gewalt, Brutalität und Aussichtslosigkeit, diese Sisyphusarbeit, die andere Menschen sicher frustrieren oder verzweifeln lassen würde.
Vermutlich ist es einfach die Lage, die ein Nachdenken im Fall einer Notfallsituation nicht zulässt, man handelt im Sinne des Helfens.
Ich wünsche mir für dieses Buch sehr viele Leser. Es ist flüssig und gut lesbar geschrieben, wirft nicht mit politischen oder wissenschaftlichen Begriffen um sich, und auch mit nur wenig geschichtlichem Wissen, konnte ich immer dem Thema folgen.
Herr Kleinschmidt macht deutlich, wo die eigentlichen Probleme derzeit liegen, dass auch eine Entwicklungshilfe oder eine Erstversorgung einer Anpassung an heutige Begebenheiten bedarf. Es braucht dringend ausgebildete und psychsch reife Helfer, die zuhören, sich einlassen, obsolet sind westliche Arroganz und ein Aufzwingen von üblichen Schemen.
Für diese deutliche Aussprache danke ich dem Autor!

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