Kir Bulytschow

 4,7 Sterne bei 3 Bewertungen

Lebenslauf

Kir Bulytschow (Pseudonym von Igor Moschejko, 1934–2003) war einer der besten und beliebtesten sowjetischen und russischen Science-Fiction-Autoren. Bis zu seinem Tode sind von Bulytschow – Nachauflagen und Übersetzungen mitgerechnet – mehr als 550 belletristische Bücher in 24 Sprachen erschienen. Nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland haben die SF-Erzählungen Bulytschows Eingang in Schulbücher gefunden. Allein der an Kinder adressierte Zyklus um das Mädchen Alisa hat in Russland eine Gesamtauflage von mehr als 5 Millionen Exemplaren erreicht. Auf dem Gebiet der Science Fiction für Erwachsene hat sich Bulytschow als Verfasser humoristischer Erzählungen etabliert. Dafür steht insbesondere der umfangreiche Zyklus um die phantastischen Vorgänge in dem Provinzstädtchen Guslar.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Kir Bulytschow

Cover des Buches Oktoberrevolution 1967 (ISBN: 9783948616908)

Oktoberrevolution 1967

(2)
Erschienen am 18.03.2024

Neue Rezensionen zu Kir Bulytschow

Cover des Buches Oktoberrevolution 1967 (ISBN: 9783948616908)
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Rezension zu "Oktoberrevolution 1967" von Kir Bulytschow

SF-Freund
Ein vernichtetes Manuskript

Der Autor

Kir Bulytschow (eigentlich Igor Moshejko, 1934-2003) war ab den frühen 1970er Jahren einer der beliebtesten Science-Fiction-Autoren der Sowjetunion. Auch in deutscher Übersetzung sind neben diversen Erzählungen in Zeitschriften und Anthologien im Zeitraum von 1976 bis 1995 im SF-Bereich neun Bücher und ein Heft von ihm veröffentlicht worden, von denen einige unter dem Namen Kirill Bulytschow erschienen sind.


Die Textauswahl

Nach einer Pause hinsichtlich der deutschen Buchveröffentlichungen von einem Vierteljahrhundert ist der Memoranda-Verlag 2020 mit dem einen Roman und drei Erzählungen enthaltenden Band »Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes«
auf diesen wichtigen und noch immer sehr lesenswerten  Autor der sowjetischen und russischen SF zurückgekommen. Mit
»Oktoberrevolution 1967«
ist nun ein zweiter Band mit bisher nicht deutsch veröffentlicht gewesenen SF-Geschichten Kir Bulytschows bei Memoranda erschienen. Während »Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes«
sich auf von 1986 bis 1991 entstandene Texte konzentriert hatte, lässt sich das Auswahlprinzip von »Oktoberrevolution 1967«
so zusammenfassen: Die besten kürzeren Texte, die zu keinem Zyklus gehören, die noch nicht deutsch erschienen sind und die bis 1977 entstanden sind. Resultat dieser Auslese sind neben der Titelnovelle noch zwei Kürzestgeschichten und sechs Erzählungen. Die vier ältesten Texte, zu denen auch die Titelnovelle aus dem Jahr 1968 gehört, sind sämtlich ›vor der Zeit‹ verfasste, was heißen soll, dass sie bei ihrer Entstehung in der Breshnew-Zeit euphemistisch ausgedrückt, keine Chance auf Veröffentlichung gehabt hatten.


Das vernichtete Manuskript

Tatsächlich hätte der Text der satirischen Titelnovelle in den falschen Händen im besten Falle wohl das vorzeitige Ende der gerade erst beginnenden Autorenkarriere bedeutet. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass Kir Bulytschow das Manuskript recht bald nach der Fertigstellung der Novelle wieder vernichtete, als er aus einem anderen Grund von einer bevorstehenden Durchsuchung seiner Wohnung ausgehen musste. Im Unterschied zum Beispiel zum verbrannten zweiten Teil von Gogols »Toten Seelen«
wusste später natürlich kaum jemand, dass es »Oktoberrevolution 1967«
überhaupt gegeben hatte, so dass sich das diesbezügliche Bedauern bei Bulytschows großer Leserschaft und der Literaturwissenschaft in Grenzen hielt. Während jedoch im Falle Gogols galt: »Fort ist fort«, war das bei »Oktoberrevolution 1967«
anders. Gut zwei Jahrzehnte nach der Vernichtung des Manuskripts, als schon keine Gefahr mehr von der Novelle ausging, tauchte plötzlich im Nachlass eines Freundes von Bulytschow ein Durchschlag bzw. eine Abschrift auf. Umgehend wurde auf der Basis der Novelle ein zweiteiliger Fernsehfilm produziert, der noch einige Jahre lang jeweils zum Jubiläum der Erstürmung des Winterpalais gezeigt wurde. Die Novelle bekam den SF- und Fantasy-Preis »Großer Drache« des Jahres 1996, mit dem ein russisches Werk ausgezeichnet wird, das bei seinem Erscheinen ein Ereignis war und auch Jahre später seinen Zauber nicht verloren hat. Und Kir Bulytschow schrieb eine Bühnenfassung von »Oktoberrevolution 1967«, die auch veröffentlicht wurde.


Worum geht es?

Die Titelnovelle geht von der Prämisse aus, die Partei hätte anlässlich des 50. Jahrestages die revolutionären Ereignisse von 1917 detailliert nachspielen und per Fernsehen in den Rest der UdSSR und ins daran interessierte Ausland übertragen lassen. Höhepunkt ist natürlich die Erstürmung des Winterpalais in Lenin- bzw. nun vorübergehend wieder Petrograd zum Zwecke der Absetzung der dort residierenden Provisorischen Regierung. Die Verteidiger des Winterpalais werden von den Mitarbeitern des in diesem Gebäudekomplex ansässigen Kunstmuseums Ermitage gespielt. Bulytschow zeigt, dass diese wie auch die vielen anderen Laienschauspieler in diesem riesigen Quasi-Rollenspiel nicht allein von der ihnen vorgeschriebenen Rolle geleitet werden, sondern auch von ihrem jeweiligen Charakter und von der Rolle, die sie im realen Leben spielen. Auf das Handeln der Museumsmitarbeiter zum Beispiel hat das professionelle Verantwortungsbewusstsein, die Sicherheit der ihnen anvertrauten Kunstschätze zu gewährleisten, großen Einfluss. Da auch an vielen anderen Stellen Sand ins Getriebe der riesigen Inszenierung gerät, tauchen beim Leser allmählich Zweifel daran auf, ob es der Generation der Enkel der – je nach Sichtweise – Revolutionäre oder Putschisten wohl noch gelingen wird, zumindest im Spiel das nachzuvollziehen, was einigen ihrer Großeltern im realen Leben gelungen war. Jedenfalls nimmt das Geschehen einen aberwitzigen Verlauf, und wem die Prämisse noch nicht ausreicht, um die Novelle zur SF zu zählen, der muss sie eben bis zum Schluss lesen.

In den anderen Geschichten werden durchaus etablierte SF-Elemente benutzt wie z. B. Zeitreise, Kommunikation über Zeiten hinweg oder Parallelwelten, den Wert der Erzählungen, von denen noch eine weitere preisgekrönt ist (für »Von der Angst«
erhielt Bulytschow die nach dem alleinigen Urteil von Boris Strugazki vergebene »Bronzene Schnecke«) macht jedoch anderes aus. Siehe Abschnitt Fazit.


Ausstattung

Das Buch ist mit, wie ich finde, sehr ansprechenden Textillustrationen, die von Dimitrij Makarow speziell für diese Zusammenstellung geschaffen wurden, ausgestattet und enthält ferner ein Nachwort des Herausgebers. Die reguläre Variante ist als Klappenbroschur ausgeführt. Nur direkt beim Memoranda-Verlag orderbar ist eine auf 100 Exemplare limitierte gebundene Ausgabe für Buchliebhaber (Pappband, Fadenbindung, Lesebändchen, farbiger Vor- und Nachsatz sowie ein Selbstporträt des Autors). Außer den gedruckten Büchern ist auch eine E-Book-Variante erhältlich.


Fazit

Da ich selbst der Herausgeber bin, habe ich naturgemäß eine durchaus positive Meinung von den vorgestellten Texten und verweise hinsichtlich der Beurteilung lediglich auf andere Personen. Maxim zum Beispiel schrieb am 23.03.2024 bei Amazon:

»Die hier vorliegenden Storys sind kein literarisches Fast Food, es sind Geschichten, über die man noch länger nachdenken kann. Sie sind unterhaltsam, phantastisch, manchmal satirisch, aber auch reich an Emotionen, und sie sind auch Geschichte … Weltraumabenteuer oder Außerirdische kommen im Buch ›Oktoberrevolution 1967‹ nicht vor. Daher auch bestens geeignet für Leser, die sonst Science Fiction eher meiden.
Ein interessantes, lesenswertes Buch ...«

Hinsichtlich weiterer Meinungsäußerungen und Informationen verweise ich auf die spezielle Seite zum Buch »Oktoberrevolution 1967«
auf meiner Homepage, und auch die spezielle Seite zum Buch »Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes«
könnte hilfreich sein, soweit es um die Einschätzung Bulytschows allgemein geht:

http://www.gloss-science-fiction.de/Kir_Bulytschow_Oktoberrevolution_1967_Memoranda.htm

http://www.gloss-science-fiction.de/Kir_Bulytschow_Der_einheitliche_Wille_des_gesamten_Sowjetvolkes_Memoranda.htm


Komisch und beklemmend

Der Autor

Der 2003 verstorbene Kir Bulytschow war ein in Russland sehr beliebter Autor von Science Fiction und Phantastik für Kinder und Erwachsene, von dem auch auf Deutsch einige Bücher und diverse verstreute Erzählungen veröffentlicht worden sind. Überwiegend war das in der DDR der Fall und teilweise als Kirill Bulytschow und bei zwei Sachbüchern unter seinem bürgerlichen Namen Igor Moshejko. Wer in den 1980er Jahren leseinteressiertes Kind in der DDR war, wird sich vielleicht an die Bücher mit den SF-Abenteuern des Mädchens Alissa erinnern. Damals schon erwachsen gewesene SF-Freunde mögen sich womöglich an den Erzählungsband »Ein Takan für die Kinder der Erde« (DDR 1976/BRD 1981), die zum umfänglichen Guslar-Zyklus gehörende Erzählung in Buchlänge »Das Mars-Elixier« (DDR 1980) oder den besonders empfehlenswerten Planetenroman »Überlebende« (dt. 1995) entsinnen.

Illustrierte Übersicht über die deutschen Bücher Bulytschows


Das Buch

Das Buch enthält einerseits einen realistisch erzählten beklemmenden Katastrophenroman und andererseits drei aberwitzige satirische SF-Geschichten von durchaus dunklem Humor. Der gemeinsame Nenner all dieser Texte aus den Jahren 1988 bis 1991 besteht darin, dass derartiges vor der von M. Gorbatschow eingeleiteten Politik der Offenheit in der Sowjetunion nicht hätte erscheinen können.


»Der einheitliche Wille des gesamten Sowjetvolkes« (1986/1991. Erzählung)
Die witzige Titelerzählung mit der respektlosen Darstellung des greisen Breshnew und seiner Umgebung ist bereits 1986 entstanden. 1982: Außerirdische rufen die Bevölkerung eines jeden Landes dazu auf, durch gedankliche Abstimmung zu entscheiden, welche verstorbene Person wieder gesund ins Leben zurückgeholt werden soll. Als damals in der sowjetischen Führungsriege darüber diskutiert wurde, auf wen das Sowjetvolk eingeschworen werden sollte, da wäre sicher mancher gern Mäuschen gewesen. Diese einmalige Möglichkeit bietet Kir Bulytschow nun nachträglich. Der Leser erfährt, was damals in der Sowjetunion wirklich geschah.


»Der Tod im Stockwerk tiefer« (1989. Katastrophenroman)

Eine Momentaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse des Jahres 1987, in dem die bislang uneingeschränkte Macht der Partei bereits etwas zu wanken begonnen hatte. Es geht um die Ignoranz der Verantwortlichen gegenüber den Warnungen der Wissenschaft vor einer sich abzeichnenden hausgemachten Katastrophe, die über eine große, aber fernab von Moskau liegende Stadt hereinzubrechen droht. Es geht um die Überlebens- und Rettungsbemühungen während der Katastrophe und darum, dass sich unter den Überlebenden recht bald durchaus unterschiedliche Ansichten darüber offenbaren, was unter „Schadensbegrenzung“ und „Aufräumarbeiten“ zu verstehen ist. Der einleitende Romanteil, in dem der Leser mit den handelnden Personen und den verschiedenen Interessengruppen bekannt gemacht wird, ist naturgemäß weniger dramatisch als das Geschehen ab dem Eintritt der Katastrophe. Spätestens dann jedoch nimmt die Handlung Fahrt auf und dank der glaubhaften und realistischen Erzählweise mit Blick für Details gelingt dem Autor die Schaffung einer beklemmenden Atmosphäre.


»Der freie Tyrann« (1988. Erzählung)
Eine Geschichte aus dem Zyklus um die Einwohner des Provinzstädtchens Guslar und deren phantastische Erlebnisse. Allerdings hat Kir Bulytschow seinem Guslarer Korneli Udalow Reisefreiheit gewährt. Der kommt mit seinem Raumschiff nicht so ganz zurecht, muss auf einem Planeten einen ungeplanten Zwischenstopp einlegen und landet ausgerechnet in einem Gefangenenlager, wo er alsbald neu eingekleidet wird. Er bekommt jedoch auch die Möglichkeit, den Herrscher des Planeten zu treffen und sich so ein Bild von den verblüffenden Verhältnissen auf dieser Welt zu machen. Eine Geschichte, die das Zeug zum Lesebuchtext hat.


»Der alte Iwanow« (1989. Erzählung)
Ein Mann im Hintergrund. Ein Problemlöser, der auch vor radikalen Ansätzen nicht zurückschreckte. Man sollte ihn kennen, denn die Spur seines Wirkens zieht sich durch die gesamte Sowjet-Ära bis in die - vom Zeitpunkt des Verfassens der Geschichte aus - nahe Zukunft. Und letztlich beeinflusste er unser aller Schicksal. Eine Erzählung, die man mit nicht nachlassendem Vergnügen durchaus mehrmals lesen kann, weil einfach jeder Satz sitzt.


Ausstattung

Der Band ist mit Textillustrationen versehen sowie mit einem informativen Nachwort und einer detaillierten deutschen Bulytschow-Bibliographie. Hervorhebenswert ist ferner die besondere Buchgestaltung (Titelseite, Inhaltsverzeichnis, Textanfänge etc.). Neben der regulären Ausgabe als Klappenbroschur und der eBook-Variante kann direkt auf der Homepage des Memoranda-Verlages auch eine gebundene Vorzugsausgabe (Fadenheftung, Lesebändchen, farbiger Vorsatz) begutachtet und geordert werden.


Fazit

Ein nicht durch diese Zeilen vorbereiteter Leser wird nach der vergnüglichen Lektüre dieser heiteren Erzählungen über ernste Dinge und nach dem Umblättern der letzten Seite des im Band enthaltenen fesselnden Katastrophenromans vielleicht verblüfft feststellen, dass es in diesen mehrere Jahrzehnte alten Texten überwiegend um Probleme geht, die nicht gemeinsam mit der Sowjetunion verschwanden, sondern die heute sogar akuter denn je sind. Science-Fiction-Freunde wie auch Leser, die mit SF eigentlich nichts am Hut haben, will ich gleichermaßen darauf hinweisen, dass die SF-Elemente in den Erzählungen nur Mittel zum Zweck sind. Zu dem Zweck, ein satirisches Feuerwerk abbrennen zu können. Der Roman ist ohnehin - so man nicht gewollt etwas hineininterpretiert - keine SF. Somit dürfte dieses Buch des namhaften russischen SF-Autors, das mehr in der sowjetischen Vergangenheit als in der Zukunft spielt, wahrscheinlich nicht den Geschmack eines jeden SF-Interessierten treffen, dafür andererseits aber auch so manchen Leser von außerhalb des SF-Ghettos köstlich und spannend unterhalten können, sofern er sich auf diese Reisen in die fremde, untergegangene Sowjetwelt einlässt.

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