Kiran Nagarkar

 4.2 Sterne bei 44 Bewertungen
Autor von Gottes kleiner Krieger, Ravan & Eddie und weiteren Büchern.

Neue Bücher

Ravan & Eddie

 (3)
Erscheint am 28.11.2018 als Taschenbuch bei FISCHER Taschenbuch.

Alle Bücher von Kiran Nagarkar

Gottes kleiner Krieger

Gottes kleiner Krieger

 (32)
Erschienen am 01.03.2008
Sieben mal sechs ist dreiundvierzig

Sieben mal sechs ist dreiundvierzig

 (3)
Erschienen am 01.07.2010
Ravan & Eddie

Ravan & Eddie

 (3)
Erschienen am 28.11.2018
Die Statisten

Die Statisten

 (2)
Erschienen am 22.08.2012
Die Statisten: Roman

Die Statisten: Roman

 (2)
Erschienen am 31.10.2012
Krishnas Schatten

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 (2)
Erschienen am 14.12.2017
Die Traumbilder des Schreibens

Die Traumbilder des Schreibens

 (0)
Erschienen am 03.11.2009
Seven Sixes Are Forty-Three

Seven Sixes Are Forty-Three

 (0)
Erschienen am 01.05.1995

Neue Rezensionen zu Kiran Nagarkar

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Rezension zu "Gottes kleiner Krieger" von Kiran Nagarkar

Die Geschichte eines Fanatikers
Wortmagievor 4 Jahren

Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie ein Mensch zu einem religiösen Extremisten werden kann? Spätestens seit dem 11. September 2001 ist religiös motivierter Terrorismus und der radikale Glaubenskrieg tief und schmerzhaft im öffentlichen Bewusstsein verankert. Wir erleben die Konsequenzen tagtäglich: verschärfte Sicherheitskontrollen an Flughäfen, Überwachung und Kriege in weiten Teilen der Welt. Tatsächlich ist die Anzahl der Kriege auf der Welt aktuell so hoch wie schon seit 1945 nicht mehr. Al-Qaida, die radikal-islamische Hamas, Boko Haram. In regelmäßigen Abständen werden uns die Namen dieser Gruppierungen um die Ohren gehauen. Doch was für Menschen engagieren sich in solchen Netzwerken? Wie ticken sie? Und wie betätigen sich die scheinbar friedlichen Glaubenskämpfer, die eben nicht in den Nachrichten landen?

Kiran Nagarkars Roman „Gottes Kleiner Krieger“ beantwortet diese Fragen mit der Lebensgeschichte des Inders Zia Khan. Von Kindesbeinen an ist er überzeugt, der nächste Erlöser und Prophet des Islam zu sein. Als Sohn eines erfolgreichen Architekten wächst er behütet auf, steht jedoch in ständiger Konkurrenz zu seinem älteren Bruder Amanat. Als die Firma seines Vaters Konkurs anmelden muss und Zafar Khan die Lizenz entzogen wird, muss die Familie in ein ärmeres Viertel in Bombay umziehen. Dank einer besonderen mathematischen Begabung wird Zia allerdings auf ein englisches Internat geschickt. Dort beginnt die abenteuerliche Geschichte seines Lebens. Zia studiert in Cambridge Wirtschaftswissenschaften, jagt Salman Rushdie, wird in den Bergen Afghanistans zum Terroristen, lechzt nach Vergebung und schließt sich einem christlichen Trappistenorden an. Während all der Zeit hält er Kontakt zu seinem Bruder, doch auch dieser kann ihn nicht von seinen Kreuzzügen abbringen. Denn Zia ist überzeugt, Gottes kleiner Krieger zu sein.

Zia Khan ist das beste Negativbeispiel für einen religiös überzeugten Menschen, das man sich nur vorstellen kann. Schon als Kind ist er aggressiv und extrem; das Konzept des Fanatismus zieht sich durch sein gesamtes Leben. Kiran Nagarkars Roman hat mich schockiert und aufgewühlt, er gewährte mir einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt eines überzeugten Gläubigen. Nagarkars Erzählstil steht dabei in krassem Gegensatz zu seinem Protagonisten: ruhig und ausgeglichen schildert er die heiß brennende Überzeugung, die Zia sein ganzes Leben begleitet.
Zia ist ein Einzelgänger, meist wird er respektiert und bewundert, aber nie wahrhaft geliebt, von seiner Familie einmal abgesehen. Alle Menschen, die versuchen, eine echte Bindung zu ihm aufzubauen, hält er auf Abstand; er bleibt innerlich stets für sich selbst und lässt niemanden rein. Im Nachhinein betrachtet überrascht es mich daher nicht, dass auch ich mich nie mit Zia identifizieren konnte. Er ist ein so sturer, verstockter, intoleranter und idealistischer Charakter, dass ich nie die Chance erhalten habe, mich ihm wahrhaft anzunähern. Umso wichtiger ist die Rolle, die Zias Bruder Amanat einnimmt: er erdet die Geschichte, setzt sie in ein realistisches Verhältnis. Amanat macht den LeserInnen erst deutlich, wie abstrakt und surreal Zias Ziele und Pläne sind. Während Zia immer etwas ober- oder außerhalb der Realität zu schweben scheint und seine Entscheidungen oft so weit hergeholt wirken, rackert sich Amanat sein Leben lang mühsam ab; ein Kampf gegen Windmühlen. All sein Tun ist trotz dessen dem Erschaffen gewidmet, wohingegen man Zia kurz als Zerstörer betiteln kann. Ich bin davon überzeugt, einige soziopathische Züge (dissoziale Persönlichkeitsstörung) an ihm entdeckt zu haben. Er ist von allumfassendem Egoismus geleitet, obwohl er beharrlich behauptet, seine Motivation läge darin, andere zu retten und zu bekehren. Das ist schlicht nicht wahr, Zia belügt sich selbst. Es geht ihm nie um das große Ganze, zeitlebens ist sein einziges Anliegen sein eigenes Seelenheil. Dabei schreckt er vor nichts zurück; er ist ein Terrorist, ein Mörder, ein Folterer, Extremist und Radikaler. Auch in diesem Punkt beeindruckte mich Kiran Nagarkar, denn er widerstand der Versuchung all diese Eigenschaften auszuschlachten. „Gottes Kleiner Krieger“ ist vieles, aber niemals voyeuristisch.

Dieser Roman vermittelte mir einen intensiven Eindruck einer Welt, die ich wohl nie völlig verstehen werde. Kiran Nagarkar hat mir viel über die Bedeutung des Glaubens für einige Menschen beigebracht und ganz nebenbei meine Kenntnisse in Weltgeschichte von unten aufgefrischt. In gewisser Weise war es für mich das Gegenbuch zu „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel.
Es ist schwer, für dieses Buch eine Empfehlung auszusprechen, da es thematisch äußerst speziell ist. In meinen Augen müssen interessierte LeserInnen den festen Vorsatz haben, sich auf Zias krasses Leben einzulassen und sich dabei nicht von seinem Fanatismus abschrecken zu lassen. Zia ist keine sympathische, austauschbare Figur, er ist ein höchst individueller, komplexer Charakter und seine Geschichte ist auf schockierende Weise außergewöhnlich. Überlegt euch gut, ob so ein Buch euren Geschmack trifft, bevor ihr zu „Gottes Kleiner Krieger“ greift.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Amanat, welches das Buch in meinen Augen punktgenau beschreibt:

„Auch Du bist […] Deiner Religion treu geblieben: der Religion des Extremismus.“
(„Gottes Kleiner Krieger“, S. 651)

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takabayashis avatar

Rezension zu "Die Statisten" von Kiran Nagarkar

Rezension zu "Die Statisten" von Kiran Nagarkar
takabayashivor 6 Jahren

Die titelgebenden "Statisten" in Kiran Nagarkars neuem Roman sind die uns schon wohlbekannten Figuren Ravan und Eddie. Die beiden sind jetzt etwa 18 Jahre alt und man schreibt das Jahr 1965.

Unsere beiden (Anti-) Helden sind musikalisch, Ravan spielt in einer Hochzeits-Brass-Band und Eddie in einer Rockgruppe, aber beiden schwebt vor allem eine große Filmkarriere vor. Bis dahin muss aber die Zeit mit einem anderen Broterwerb überbrückt werden, und so arbeitet Ravan als Taxifahrer und Eddie als Mädchen für alles in einer "Auntie-Bar" - dem indischen Gegenstück zur amerikanischen Flüsterkneipe in den Zeiten der Prohibition.

Ravan stammt aus einer Hindu-Familie. Eddies Eltern sind goanische Katholiken. Sie wohnen im selben Haus, in einem Chawl, einer heruntergekommenen Mietskaserne, nur wenig besser als ein Slum, aber in verschiedenen Stockwerken; denn auch im Chawl wohnt man nach Religionen getrennt. Beide haben starke Mütter; Ravan bewundert seine Mutter, auch wenn sie ihn häufig nervt, während Eddie seine Mutter zwar auch verehrt, jedoch große Probleme mit ihr hat, denn sie ist verschlossen und kann keine Gefühle zeigen - die beiden sprechen meistens überhaupt nicht mehr miteinander.

Ihre beiden Familien sind verfeindet, denn 1947, als Eddies Mutter mit ihm schwanger war und kurz vor der Entbindung stand, kam Eddies Vater zu Tode, weil seine Nachbarin Parvati ihr Baby Ravan versehentlich vom Balkon fallen ließ, als Victor zu ihr aufschaute. Er konnte das Baby auffangen, wurde aber dabei von ihm erschlagen. Als Kinder waren die beiden Jungen eine kurze Zeit befreundet, jetzt herrscht jedoch Funkstille zwischen ihnen.

Ravan ist hoffnungslos in Eddies - für ihn unerreichbare - Schwester Pieta verliebt, während Eddie eine komplizierte Beziehung mit Belle, der angloindischen Sängerin seiner Band hat.

Erst ungefähr in der Mitte des Romans sind die beiden dann tatsächlich als Statisten tätig, freunden sich wieder an und bilden mit der Muslima Asmaan ein Dreiergespann.

Es würde zu weit führen, hier die unterschiedlichen Abenteuer zu erzählen, die unseren Helden zustoßen und die vielen, teils sehr skurrilen Charaktere zu erwähnen, die sie dabei treffen: wie z. B. den Mafiaboss, der einmal in Ravans Taxi steigt und ihn zwingt, einige Aufträge für ihn auszuführen, dann aus Bombay verschwindet und von da an regelmäßig lange Briefe an Ravan schreibt und ihn zu seinem Glücksbringer erklärt. Die beiden Hauptfiguren erleben mehr Niederlagen als Erfolge, lassen sich aber nicht entmutigen und geben ihre Träume nicht auf. Es geht bei Nagarkar gewohnt humorig, satirisch und bissig zu, eingeschoben sind - wie im ersten Band - von Zeit zu Zeit interessante und witzige Exkurse über Themen wie "Die indische Brass Band", "Bildung", "Bombayer Taxis", "Prohibition", "Statisten und Rajini".

Das Ende des Romans ist ein wenig märchenhaft - fast wie in einem Bollywoodfilm, wenn auch mit einer gewissen ironischen Distanz geschildert. Tatsächlich ist es ihre Musikalität, die den beiden letzten Endes zum Erfolg verhilft.

Ein wesentlicher Protagonist des Romans ist die Stadt Bombay. "Die Statisten" ist eine Hymne auf Nagarkars Heimatstadt, die auf den Seiten des Buches eindrücklich zum Leben erwacht. Außerdem geht es auch um die Frage, ob wir alle Statisten oder Hauptdarsteller in unserem eigenen Leben sind.

Ich habe mit Ravan und Eddie gelitten, vor allem aber habe ich mich bei der Lektüre wieder königlich amüsiert. Nagarkars umgangsspachlicher Tonfall - von den Bandinis wieder kongenial übersetzt - liest sich flüssig und zieht einen mehr und mehr in seinen Bann.

P.S. Mich hat das erneute Auftreten von Ravan und Eddie völlig überrascht, denn als Kiran Nagarkar im letzten Jahr noch in Berlin weilte, hat er bei einer Lesung in der indischen Botschaft schon einige Seiten aus dem noch nicht erschienenen Buch vorgelesen, und da hatten die Protagonisten noch ganz andere Namen.

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Rezension zu "Sieben mal sechs ist dreiundvierzig" von Kiran Nagarkar

Rezension zu "Sieben mal sechs ist dreiundvierzig" von Kiran Nagarkar
Wolkenatlasvor 8 Jahren

Die Verwirrungen des jungen Kushank

Kiran Nagarkars Debütroman aus dem Jahre 1974 „Sieben mal sechs ist dreiundvierzig“ ist ein großartiges, wenngleich auch nicht ganz problemloses Buch.

Der Ich-Erzähler Kushank lässt den Leser an wichtigen Momenten in seinem noch sehr jungen Leben teilhaben. Er erzählt von der ersten Liebe, der wichtigsten Frau im Leben, von der Ehe, vom Tod, von der Mutter, erinnert an die Studienzeit, sieht die Armut und erzählt von postpubertären Männlichkeitsausritten mit dem Frauenheld Ragha.

Dabei springt die Erzählung unvorhersehbar und scheinbar systemlos zwischen den scheinbar zusammenhanglosen fragmentarisch erscheinenden Abschnitten hin und her, bis sich die Erzählung nach einiger Zeit einpendelt und das Lesen leichter und flüssiger wird.

Auf gewisse Art und Weise ist „Sieben mal sechs ist dreiundvierzig“ auch ein bewusst auf der Stelle tretender Entwicklungsroman, bei dem das Hintergrundpanorama ebensolchen Metamorphosen unterworfen wird, wie der sich als Hauptprotagonist entwickelnde Kushank. Kiran Nagarkars stupendes und schlafwandlerisch sicheres Gespür für die Dramatik seines Romans fesselt trotz der fragmentarischen Struktur und den immer wieder auftretenden kleinen Hürden zunehmend den Leser.

Kiran Nagarkars nie vordergründiger Humor hat so viele Schattierungen, wie Indien Facetten hat und reicht von dunkel-sarkastisch über trocken-ironisch bis wirklich heiter. Doch selbst in den heitersten Momenten, wie in einer Szene, in der Kushank als mit einer Steinschleuder bewaffneter Date-Sekundant vom durchdrehenden Bruder des Objekts der Begierde mit einer Schrotflinte im Allerwertesten erwischt wird, bleibt einem das Lachen meist im Halse stecken.

Großartig hat das Übersetzerehepaar Ditta und Giovanni Bandini die am Ende sehr dankbare Aufgabe bewältigt, diesen faktisch in drei Sprachen geschriebenen Roman ins Deutsche zu übersetzen. Die angehängte Erklärung ist sehr hilfreich. Ein anregender, großartiger Roman, der unprätentiös und nachhaltig wirkt und viele neue Einblicke in die vielschichtige Welt Indiens wirft.

Absolute Empfehlung, nicht nur für Fans von indischer Literatur oder von Indien.

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