Die Autorin Kirsten Döbler legt hier einen historischen Roman vor, der das 17. Jahrhundert des zaristischen Moskau beleuchtet und Tradition, die politischen Wirren, das gesellschaftliche Leben und besonders zwei Frauenschicksale lebendig werden lässt, die eng miteinander verbunden sind.
Zar Alexei Michailowitsch Romanow sucht eine neue Zariza, indem er die schönsten Jungfrauen des Reiches zu einer Brautschau antreten lässt. Darja, die aus der Provinz und armen Verhältnissen stammt, rechnet sich - durch die Empfehlungen von einflussreichen Verwandten - große Chancen aus. Doch das Schicksal meint es anders mit ihr, während dagegen ihre Kindheitsfreundin Natalja zur Zariza auserwählt wird. Darja scheint dennoch ihren Weg zu finden, muss aber enorme Tiefschläge erdulden, die sie schließlich mit ihrem kleinen Sohn Waska in die Flucht treiben. Auch Zariza Natalja muss sich in ihrer Position als zweite Ehefrau des Zaren (später als Mutter von Peter dem Großen) gegen Anfeindungen , Macht- und Intrigenspiele behaupten. Die persönlichen Nöte der beiden Frauen und die politischen Wirren des Strelitzeraufstandes führen die Freundinnen immer wieder zusammen, bis sie einen Weg finden, der ihnen beiden gerecht wird.
Die Autorin verfasste diesen Roman auf fundiertem Hintergrundmaterial, wobei die gesellschaftlichen und politischen Fakten klar und detailgetreu zur Geltung kommen. Das Buch liest sich äußerst spannend, besonders unter dem Blickwinkel der frauenemanzipatorischen Ansätze in dieser Zeit.
In einem Gespräch mit dem "Lesering" betont die Autorin ihre Liebe zu Russland, zunächst mit Sprache und Literatur. Bei den Recherchen für diesen Roman wollte sie sich das "ursprüngliche" Russland erschließen und für ihre LeserInnen aufbereiten. Denn in Westeuropa beginne die Wahrnehmung des historischen Russlands eigentlich erst mit Peter dem Großen, der mit den überlieferten Traditionen brach und z.B. den Bojarenstand abschaffte. Sie behandelt aber die Generation von Peters Eltern.
Und zudem blickt sie mit großer Sorge auf die heutige Entwicklung, z. B. die Ukraine-Krise. Sie sagt:
"Leider ändert sich in Russland die Einstellung zum westlichen Europa auch gerade wieder; man fühlt sich bedroht, nicht ernst genommen, betrogen durch das Vorrücken der NATO bis an die Grenzen Russlands. Bei uns in den Medien wird Putin ja überwiegend negativ dargestellt. Man muss sich aber klarmachen, dass die Mehrheit der Russen, denen in erster Linie Stabilität und Sicherheit wichtig sind, umso fester hinter Putin steht, je mehr der Westen ihn ausgrenzt. Der Ausschluss Russlands bei den G7-Gesprächen hat ihn innenpolitisch insofern weiter gestärkt. Und ich finde es höchst problematisch, in einer so gefährlichen Situation wie derzeit in der Ukraine eine Chance zum Dialog nicht zu nutzen."
Und mit dieser Einschätzung und dem tiefgründigen Hintergrundwissen bekommt der Roman eine höchst bedeutsame Gewichtung und öffnet den Weg für ein breiteres Verständnis der russischen Kultur und Geschichte.
Eine absolute Leseempfehlung!









