GLUT ist ein Episodenroman. Das heißt, jedes Kapitel ist im Grunde eine eigenständige und abgeschlossene Erzählung. Nur in zwei oder drei Fällen erstreckt sich eine Geschichte, genau genommen die Erzählung über einen Protagonisten oder seine Familie, über zwei Kapitel.
Es geht um den Glauben. Oder Religiosität. Oder einfach Spiritualität. Alles davon ist vorhanden und in gewisser Weise miteinander verwoben. Um daran keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Es geht um Toleranz, um Akzeptanz, um ein Miteinander aller Glaubensrichtungen, und darin sind sogar Atheismus und "Nicht-Glaube" enthalten. Das Positive, das all diesen Richtungen zugrunde liegt, zieht sich durch alles durch und leuchtet in unterschiedlichen Facetten auf.
Aber es geht nicht nur um Religion. Schrift und Buch bieten gewissermaßen einen roten Faden durch fast alle Kapitel. Viele Kapitel behandeln biblische Stoffe, die allerdings nicht in traditioneller Weise, sondern sehr pragmatisch und historisch fundiert, gewissermaßen "realistisch" erzählt werden; wobei dieser "Realismus" natürlich nur eine von vielen Möglichkeiten sein kann – das ist eben der Vorteil eines fiktionalen Textes. Der Autor untersucht die Frage, wie es denn ohne den starken religiös verbrämten Hintergrund hätte sein können.
Der erste Text, natürlich noch ganz ohne Verschriftlichung, spielt in grauer Vorzeit und bietet uns eine grandiose Idee: Zwar gibt es in dieser Clan-Gesellschaft eine Art spirituellen Naturschamanismus, doch die Hauptperson, Mewon, "erfindet" quasi die Idee eines personifizierten Gottes. Dieser Mewon missbraucht diese Idee aber sofort, um Macht auszuüben und die Herrschaft über seinen Clan an sich zu reißen. Der Protagonist, der Leser*innen am Anfang durchaus ans Herz wächst, wandelt sich im Laufe des Kapitels in eine immer dunklere Gestalt – womöglich eine Metapher für die historische Entwicklung vieler Religionen. Gleichzeitig deutet dieses Kapitel einen Wechsel von einer matriarchalischen Gesellschaft in eine patriarchalische an. Und wer weiß, vielleicht sind unsere Weltreligionen ja tätsächlich mit dem (leider im negativen Sinn gemeinten) Patriarchat verflochten.
Das mögliche Entstehen der Noah-Geschichte greift auf wissenschaftliche Erkenntnisse – bzw. Vermutungen – zurück, und ihr Wandel vom sumerischen Ziusudra-Mythos hin zum biblischen Noah wird in ansprechender Weise nachgezeichnet. Die biblischen Kapitel erzählen von Moses und dem Exodus ebenso wie von der Zeit Jesu und den jüdischen Aufständen gegen die Allmacht Roms.
Bereits diese Themen machen deutlich, dass der Roman GLUT aus mehreren Elementen besteht: Glaube, Religionsgeschichte, Religionswissenschaft, Altertumsgeschichte, Weltgeschichte, archäologische Erkenntnisse und natürlich Fiktion. Was wo beginnt, kann sich jeder selbst überlegen. Hinsichtlich des Glaubens ist ein hoher Respekt vor allen Glaubensrichtungen und Religionen bemerkbar; dem Autor scheint es darum zu gehen, dass sich alle "vertragen" und einander achten, sogar dann, wenn bestimmte Details in Glaubensfragen einander aus logischer Sicht widersprechen.
Das letzte Kapitel führt in die Zukunft, wo eine Gruppe Menschen in einem Raumschiff zu einem Treffpunkt mit einer außerirdischen Kultur unterwegs ist. Die Gruppe ist von den Nationen und auch Religionen her bunt durcheinandergewürfelt, und eine große Frage steht im Raum: Wie soll mit den verschiedenen Glaubensrichtungen umgegangen werden, wenn man auf fremdes intelligentes Leben im Universum trifft? Ist es überhaupt angebracht, dieses Thema anzusprechen? Oder riskieren wir mit der ganzen Begegnung eine ähnliche Katastrophe wie jene, die sich etwa bei der Entdeckung Amerikas abgespielt hat? Es sind geradezu philosophische Fragen, die hier aufgeworfen werden.
Als letzten Punkt möchte ich noch erwähnen, dass sich Klaus Ebner wohl eingehend mit Sprachen beschäftigt hat. In den "antiken" Kapiteln werden oft Ortsnamen in den jeweiligen Originalsprachen verwendet, also sumerisch, ägyptisch, akkadisch, aramäisch. Analog dazu kommen im Zukunftskapitel Neologismen vor. Die aus dem Englischen stammenden sind Leser*innen klar, die russischen vielleicht etwas weniger, und dann gibt es Neologismen, die aus dem Chinesischen schöpfen. Alle sind jedoch so klug in den Text eingefügt, dass stets völlig klar ist, was damit gemeint ist.
Der Kern von zwanzig Kapiteln wird von zwei kurzen Kapiteln in Kursivschrift umfasst. Diese beiden sind als einzige in Ichform geschrieben. Sie sind durchgehend rhythmisiert, und auch inhaltlich wirken sie überaus poetisch. Dadurch nicht gerade einfach zu verstehen, aber die Idee, die diesen beiden Kapiteln zugrunde liegt, hat es in sich. Da ich in diesem Punkt frei interpretiere, möchte ich sie nicht verraten. Hier sollen sich Leser*innen ein eigenes Bild machen.
Am Ende des Buches ist eine "Geschichtliche Zeitlinie" abgedruckt. Sie enthält in kleiner Schrift eine Menge historische Informationen. Anhand dieser Aufstellung ist es möglich, die Kapitel zeitlich zuzuordnen. Wobei insbesondere bei den religionsgeschichtlichen und antiken Ereignissen offen klar wird, dass vieles gar nicht gesichert eingeordnet werden kann, sondern unter Historikern unterschiedliche Annahmen existieren bzw., etwa bei der Sintflut-Erzählung, verschiedene archäologisch nachgewiesene Ereignisse als Quelle in Frage kommen.
Das Buch hat fünfhundert Seiten, in einer eher kleinen, aber dennoch gut lesbaren Schrift. Der Autor, von dem ich auch mehrere Verlagsbücher kenne, hat diesen Roman mit BoD veröffentlicht; für mich ist dieses Buch ein angenehmer Beweis dafür, dass auch bei BoD perfekt gesetzte und lektorierte Bücher in hoher Qualität (buchbinderisch ebenso wie literarisch) erscheinen. Ich halte dieses Werk für äußerst vielschichtig, unterhaltsam, lehrreich, sprachlich exzellent und absolut empfehlenswert.












