Nach „Ein Monat mit Dostojewskij: Seine Gedanken Tag für Tag“ hat der Publizist Klaus Hugler nun ein ähnliches Buch mit dem Titel „Worte - Leo Tolstoi: Seine Gedanken Tag für Tag“ herausgegeben.
Im Vorwort schreibt Hugler: „Leo Tolstoi (1828-1910) war der Meinung, dass seine Gedanken – und damit auch seine Werke – allen Menschen gehören und dass kein Einzelner sie als seinen Besitz betrachten und exklusiv darüber verfügen könne.“
Mit 75 Jahren habe er „eine Sammlung mit Gedanken von Schriftstellern verschiedener Nationalitäten aus der religiösen Weisheitsliteratur aus aller Welt“ angelegt, in die er auch seine eigenen integrierte.
„Der Herausgeber, hofft, wie einst Tolstoi selbst, dass sie es auch heute vermögen, ‚beim Leser, gute Gedanken und Gefühle zu wecken.‘“
Begleitet von kleinen Zeichnungen und Platz für eigene Notizen hat der Studierende im Folgenden die Gelegenheit, tief in die Gedankenwelt Tolstois und derjenigen, deren „Worte“ er aufgenommen hat, einzusteigen.
Unter „A“ ist das Wort „Augenblicke“ zu lesen. Darunter findet sich folgende Weisheit: „Zeit gibt es nicht. Es gibt nur eine unendlich kleine Gegenwart. In dieser vollzieht sich unser Leben. Deshalb muss der Mensch auf die Gegenwart alle seine geistigen Kräfte richten.“
Wie gesagt war Tolstoi 75-jährig, als er diese Gedanken zu Papier brachte. Wenn man dem Tod schon mehr in die Augen blickt, als das ein junger Mensch tut, wird die Gegenwart zum höchsten Gut.
Dabei hat das Wort Gegenwart sehr viele Komponenten. Häufig versteht man darunter einen Zeitabschnitt zwischen der Vergangenheit und Zukunft. Ganz wörtlich ist Gegenwart das Gegenteil vom Warten. In ihm steckt aber auch die Bedeutung von Präsenz, Anwesenheit. Da man nach Tolstoi seine geistigen Kräfte auf die Gegenwart ausrichten solle, steht das Wort in der Nähe von Konzentration und Kontemplation.
Unter dem Buchstaben „E“ befinden sich ähnliche „Worte“: “Erinnerungen: Wenn du es schwer hast, wenn du bei der Erinnerung an die Vergangenheit leidest oder die Zukunft dich ängstigt, bedenke, dass das Leben nur in der Gegenwart besteht, richte alle Kräfte darauf, so werden deine Leiden schwinden und du wirst Freiheit und Freude empfinden.“
Tolstoi litt sein Leben lang unter dem Konflikt, als Adliger geboren worden und als solcher den Regeln der aristokratischen Gesellschaft unterworfen zu sein, aber anderseits sich zu den einfachen Leuten hingezogen zu fühlen. In der Figur des Ljewin in Tolstois berühmten Roman „Anna Karenina“ kommt das besonders gut zum Ausdruck. Am Ende des Romans erkennt Ljewin durch die Begegnung mit (einem) Bauern, dass Nächstenliebe Gottesdienst ist, „Tag für Tag.“
„Freude“, heißt es weiter unter „F“. „Gutes tun ist Freude. Diese Freude wächst, wenn du weißt, dass niemand vom gatanen Guten Kenntnis hat.“
Die Kenntnis fällt auf die Person zurück, die Unkenntnis über den vermeintlichen Verursacher des Guten ist einfach nur Gotteswerk, wobei die Individualität in diesem verschwindet.
„Gottesglaube“, ist unter „G“ zu lesen. „Lebe in Gott, lebe mit Gott, indem du Ihn in dir erkennst und versuche nicht Ihn mit Worten zu definieren“
Während Fëdor Mihajlovič Dostoevskij (1821 - 1881) durch seine bevorstehende Hinrichtung, Begnadigung, Gefangenschaft, durch seine Epilepsie und vielleicht auch durch seine Spielsucht und die Treue seiner zweiten Frau zurück zum Glauben fand, sind es bei Tolstoi „Krieg und Frieden“, das Mitleid und die Sehnsucht, die ihn zu einer eigenen, tiefgründigen Spiritualität führten. Das Leben in Gott sah er bei den Bauern und versuchte es ihnen nachzutun, was aber nur eine Imitation bleiben konnte. Diese reichte jedoch zu seiner Exkommunikation im Jahr 1901.
„H“, „Heiterkeit und Humor“: „Der wahre Weise ist immer heiter“, ist hier zu lesen.
Bei Arthut Schopenhauer (1788 - 1860), dem Tolstoi sich verbunden sah, ist zu lesen, dass selbst diejenigen, die durch Askese, dem Weltwillen zu entsagen suchen, trotzdem weiter gegen ihn ankämpfen müssen. Demzufolge sind die wahren Weisen rar und ihre Heiterkeit auch.
Vielleicht ist der Galgenhumor eine Vorstufe, jene Schwelle, in der das Ich schwindet, um dem Weisen Platz zu machen. Wie groß ist der Schritt zwischen „Der Steppenwolf“ und „Siddhartha“ (Hermann Hesse [1877 - 1962])?
Das „Leid“ ist unter dem Buchstaben „L“ zu finden. „Leiden sind die unumgänglichen Bedingungen des physischen wie auch des geistigen Gedeihens.“
Wer wüsste es nicht, dass das Tragen des Kreuzes die Auferstehung nach sich zieht. Aber zwischen Wissen und Gewissheit besteht ein großer Unterschied. Wissen ist nur ein Nachplappern des auf andere Weise Erkannten, eine Umformung einer Vorstellung, Gewissheit ist tiefste Erkenntnis aus dem Leiden heraus und nach vielen Theologen, Martin Luther (1483 - 1546) allen voran, eine Gnade.
In der Weisheit, wie in anderen auch, steckt aber auch viel von der buddhistischen Lehre, mit der sich Tolstoi intensiv auseinandergesetzt hatte und sie durch Gewaltlosigkeit und einen einfachen Lebensstil zu praktizieren suchte.
An Gandhi (1869 - 1948) schrieb der russische Dichter, dass „Liebe der einzige Weg ist, die Menschheit von allem Übel zu befreien.“
„Ruhe. Immerwährende Ruhe ist unmöglich und wahrscheinlich nicht nötig; wenn aber Zeiten der Ruhe kommen, muss man sie hoch schätzen und sie zu verlängern suchen. Das sind Zeiten in welchen Gedanken - Führer des Lebens - entstehen, sich klären und befestigen.“
Im Nachwort nach Walter von Molo ist zu lesen: „Durchführbar ist diese Wahrheit nur im Kunstwerk, über welches der Künstler als Schöpfer Herr ist. Der ‚lebendige Leichnam Tolstoi‘ suchte dazu Ruhe, weil er den Kampf hasste, und er kämpfte durchaus, weil ihm sein ‚Ruhe-System‘ unaufrichtig erschien.“
Wenn der wahre Weise immer heiter ist, wie es unter dem Buchstaben „H“ in Huglers Büchlein heißt, hat er immerwährende Ruhe. Da aber das weise Lächeln nur sehr wenigen Menschen zuteilwird, sind die Zeiten des Friedens zwischen den Kriegen ein besonderes Gut, deren langer Atem die geistigen Kräfte belebt. Der Odem aber kann einen auch in einem bloßen Waffenstillstand erreichen, das heißt, in der Atempause nach und vor einem hitzigen Gefecht. Siehe dazu auch, was Tolstoi zum Leid gesagt hatte.
„T“, wie „Tod und Sterben.“ „Der Tod zerstört den Leib, wie das Baugerüst zerstört wird, sobald das Gebäude errichtet ist. Wessen Gebäude errichtet ist, der freut sich auf die Niederreißung des Gerüstes und des Leibes.“
Im Nachwort steht: „Wie am Beispiel Christi deutlich wird, dass der Tod die Erlösung vom Übel sei, so hat auch Tolstoi, da er immer für das rechte Leben stritt, den Tod vor Augen gehabt. Dies gab seinem Werk den erzieherischen Ernst.
Deshalb konnte er sagen: ‚Die Menschen glauben, sie leben durch die Sorge für ihr Ich, sie leben aber einzig durch die Liebe.‘“
Der Nachtrag nach Walter von Molo (1880 – 1958) hat es sprachlich in sich: „Tolstois heißer Atem versengt alle Gewänder einer Zivilisation, die den Selbstbetrug verschleiern will. Seine Stimme mahnt die Kulturnationen, sich von der Veräußerlichung abzuwenden und den Kern des Seins in den Mittelpunkt der Bestrebungen zu stellen.“
Am Ende heißt es: „Tolstois beste Dichtungen sind Weltgesänge des Alls…“
Mein herzlicher Dank geht an Klaus Hugler für Leid und Heiterkeit.
V.S.






