Helle Gebhardt wächst in Berlin während des 1. Weltkrieges auf. Sein Vater ist an der Front, die Mutter arbeitet in der Fabrik. Er kümmert sich um seine Geschwister Martha und Hans. Es ist ein langer harter Winter, sie leiden Hunger und Not. Als eines Tages sein Vater vor der Tür steht, beginnt eine neue Zeit: Die Straßen füllen sich, man fordert das Ende des Krieges, das Ende von Armut und Hunger, das Ende von Kaiser Wilhelm und die Beteiligung an einer neuen Weltordnung. Angeführt wird der Kampf von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Und Helle, der ist mitten drin. Er beginnt Dinge anders zu sehen, beteiligt sich, lehnt sich auf und wird auf eine Art erwachsen, die man sich nicht vorstellen mag.
Klaus Kordon hat eine Geschichte geschrieben, die ich in dieser Form bisher nur selten gelesen habe. Die Ereignisse des 1. Weltkrieges, sein Ende, die Abschaffung der Monarchie und die Neugründung eines deutschen Staates ohne Kaiser. Alles kennen wir aus unseren Geschichtsbüchern und doch habe ich Geschichte selten so eindrücklich geschildert bekommen. Durch die fiktive Familie Gebhardt wird man als LeserInnen direkt in die Ereignisse des Winters 1918 hineingezogen und erhält aus der Perspektive von Helle eine zugegeben subjektive, aber spannende Schilderung der historischen Gegebenheiten jenes Winters.
Und was soll ich sagen, Kordons Buch ist wirkungsvoll: die Straßenschlachten werden real, man leidet mit der Familie Hunger und Not. Man haust im vierten Hinterhof einer Weddinger Mietskaserne, erlebt den Tod durch Hunger, Krankheit und durch die Hand der Soldaten. Politik wird von unten gezeigt, Flugblätter, Revolution und der Marsch auf die Straße. Und dann schafft Kordon etwas, dass uns heute beinahe verloren gegangen zu sein scheint: er lässt Menschen miteinander reden. Sie sind unterschiedlicher Ansichten, teilen nur einige Facetten der Revolution und stehen dennoch füreinander ein. Ja, Politik trennt die Menschen auch und das leugnet Kordon keinesfalls, aber er fokussiert sich eben nicht ausschließlich auf das Trennende, sondern zeigt, dass es trotz unterschiedlicher Auffassungen auch ein Miteinander geben kann und sollte.
Ehrlich gesagt, war ich verblüfft, das ich von Kordon noch nie etwas gelesen oder gehört hatte. Ein Zufallsfund, den ich ohne die Süddeutsche "Junge Bibliothek" wohl nie in die Hände bekommen hätte. Kordon hat etwas geschafft, dass nur wenige beherrschen: historische Gegebenheiten anschaulich zu erzählen... ich denke, ich werde die Revolution von 1918 sicher nie wieder wie vorher sehen.
Kurzum: Ein Autor, den ich sicher weiter lesen werden. Selten wurde Geschichte so anschaulich und nahbar vermittelt. Lesenswert!





























