Nachdem ich Klaus Manns Bücher über seine Zeit in der Emigration als Teil einer hastig zusammengestellten Erbmasse meiner Großmutter bekommen hatte, war ich zunächst nicht begeistert. Viele Jahre zuvor im Abitur hatte ich Mephisto von ihm gelesen und fand den Roman ungefähr so gut, wie man gemeinhin sagte, dass er war. Insofern freute ich mich darauf, mehr von diesem Autor mit der leichtfüßigeren Stimme, als der seines Vaters, Thomas Manns, zu lesen.
Nachdem ich zunächst Flucht in den Norden gelesen hatte, in dem Klaus Mann ebenfalls zu Emigration schreibt und eigentlich ein wichtiges Thema unter dem Brennglas angeht (den Faschismus aktiv bekämpfen oder sich dem privaten Glück im friedlichen Exil hingeben), war meine anfängliche Begeisterung dahin, denn ich fand jenes Buch zäh und nicht sehr stark.
Deshalb schob ich den Vulkan zunächst auf, doch das war verkehrt. In Der Vulkan sieht bereits die Ausgangslage anders aus: wir haben es mit einem Figurenensemble zu tun, das groß ist, als wir 1933/34 in Paris zum ersten Mal darauf treffen und das noch weiter wächst und bald auch über Paris hinaus seine Kreise zieht.
Die Entscheidungen der einzelnen Charaktere für das Exil werden kursorisch abgehandelt; im Mittelpunkt steht ihr neues entwurzeltes Leben. Zum Kampf gegen das neue Regime, das sich Deutschland unterworfen hat, kommen die Figuren anfangs nur nebenbei. Einigen gelingt es, sich im Ausland Gehör zu verschaffen, andere sind mit ihrem Durchkommen vollauf ausgelastet. Nach und nach gräbt sich die Entwurzelung tiefer in die Identität der Personen; immer mehr suchen sie Heimat, Flucht und Sinn. Blockweise erzählt Klaus Mann bis ins Jahr 1938. In dieser Zeitspanne beginnt der Spanische Bürgerkrieg, der einige unserer Figuren anzieht. Deutschland führt sich unterdessen immer aggressiver auf, während sich Europa einrichtet mit der Diktatur in seiner Mitte. Das alles füge ich nicht hinzu, sondern es findet sich glaubhaft im Buch selbst.
Die Orte der Handlung sind von Klaus Mann erlebt und besucht und man spürt eine erstaunliche Einsicht in Orte und Personengruppen, die deutschen Autoren der Zeit sonst nicht zugänglich gewesen wären. Paris, New York, Zürich oder der amerikanische Mittelwesten werden zu lebendigen Schauplätzen mit glaubhaften Einheimischen, die unsere Exilanten begleiten.
Der Vulkan ist eine Sammlung von Geschichten entwurzelter, zumeist junger Menschen. Insofern nimmt es nicht wunder, dass auch ein paar Liebesgeschichten zwischen den Figuren vorkommen. Klaus Mann nimmt die Sache angenehm ernst und schreibt unprätentiös und ehrlich über Sex und komplizierte Gefühle. - Wohlgemerkt, das ist ein Buch aus den 1930er Jahren und ich glaube, für die Zeit war das alles schon ziemlich gewagt. Ebenso wie Martins Heroinsucht, die Klaus Mann zumindest in Teilen auch selbst ergründen konnte, weil er selber jahrelang ein enges Verhältnis zu harten Drogen gehabt hatte.
Seine Hellsichtigkeit, warum Menschen ins Exil gehen, warum andere es nicht tun und wie sich ihre Entscheidungen auf ihr Denken auswirken, zeigt Klaus Mann mit gelegentlichen Streiflichtern. So eröffnet er das Buch mit einem Brief eines Zuhause gebliebenen, namens Dieter, der kein Verständnis für die Emigranten aufbringen will. Die frührere Lebensgefährtin des Charakters Dr. Abel fährt später ganz gut damit, ihren halbjüdischen Partner ins Ausland los geworden zu sein. Das Denken dieser Deutschen war dann auch ein Punkt, der Klaus Mann schwer belastete, als der Krieg, viel später, schließlich vorbei war: „Ein Abgrund trennte mich von meinen früheren Landsleuten. Wo auch immer ich in Deutschland war, begleitete mich das […] nostalgische Leitmotiv: ‚Es gibt keine Rückkehr!‘"
Der Roman erschien bereits 1939 (in den Niederlanden) und seit 1999 gibt es die Rowohlt Neuausgabe. Der Vulkan ist ein sensationalles Buch über Emigration, Flucht, über das Leben unterwegs und in der Fremde.

























