"Die Volkshochschule bestand aus einer unendlichen Serie von Verboten. Nimm die Hände aus den Hosentaschen, beeil dich, wenn du in der Badewanne sitzt, halt dich von schmutzigen Filmen fern. schmutzigen Magazinen, schmutzigen Büchern, schmutzigen Witzen und vor allem von Mädchen, die dich verführen wollen. Aber wo zum Teufel steckten die Mädchen bloß, die uns verführen wollten?"
Charles Simmons, geb. 1924, hat nur 5 Romane geschrieben, wobei dies hier sein erster ist: eine Neuauflage des 1964 erstmals erschienen Buches Eipulver . Obwohl jedes seiner Bücher einzigartig und stilistisch wie inhaltlich weit über der Norm liegt, hat es, mit Ausnahme einiger lobender Rezensionen zu Salzwasser , bis heute keine echte Auseinandersetzung mit seinem Werk gegeben; vielleicht weil die Zeitabstände zwischen seinen Romanen (1964, 1978 Lebensfalten , 1987 Belles Lettres , 1998 Salzwasser, 2002 Das Venus-Spiel ) meistens ungewöhnlich hoch sind. Aber Simmons besitzt eine ganz eigene Art von Subtilität und Erzählgeist, die eigentlich nicht ungewürdigt bleiben dürfte.
"Der Weg zum Herzen eines Mannes führt durch seine Genitalien, aber wer wusste denn damals schon, dass der Weg zu den Genitalien einer Frau durch ihr Herz führt?"
1964 löste dies Debüt einen kleinen Skandal aus. Selten zuvor hatte sich ein Schriftsteller in einem Roman so vulgär, heftig und konträr zu Amerika, Kirche und Sexualität geäußert; das dies etwas mit Authentizität und nichts mit der inneren Ausrichtung der Geschichte zu tun hatte, wurde aber Gott sei dank schon damals bemerkt.
Ebenfalls relativ neu für damalige amerikanische Verhältnisse war die Konzeption des Buches: Alles wird durch Briefe, die der Protagonist einem anderen schreibt, erzählt, wobei jeder Brief überlang ist (das Buch besteht aus ca. 25-30 dieser Brief). Gleichzeitig schreibt der Autor auch noch einen Roman, den er in den Briefen ausführt und mit dessen Figur er sich immer wieder identifiziert. Und durch die Briefform wird der Blickwinkel auf die Informationen der einzelnen Geschichten, die das Leben des Protagonisten umgeben, natürlich auch modifiziert.
"Unter Katholiken gibt es das geheime Einverständnis, das Nichtkatholiken zwar nicht gerade verdorben oder fehlgläubig oder böswillig sind, aber doch schrecklich irre geleitet. Besonders Protestanten. Und was die Heiden angeht, asiatische Babys und so: die sind alle nur Kanonenfutter. Ich glaube, in dieser Hinsicht sind die Katholiken wie Kommunisten, mal abgesehen davon, dass sie in letzter Zeit nicht ganz so erfolgreich sind."
Beinahe 50 Jahre haben diesem Roman sicher einiges an gesellschaftlicher und politischer Sprengkraft genommen, jedoch finde ich, dass Ton und Stil, also das, was jede Geschichte authentisch machen kann, kaum einen Tag gealtert sind; die Originalität und die leicht schräge Art mancher Stellen haben den Roman vor dem Verfall bewahrt.
Und Ebenso natürlich, fernab aller sprachlichen Qualitäten, seine wunderbar ehrlich gestaltete Hauptfigur, ein junger Mann, der (wie es in der Überschrift zitiert steht) mit 21 Jahren noch immer an der Startlinie des Lebens steht, der in Sachen Frauen und Beruf immer weniger durchzublicken glaubt und den Simmons mit erstaunlicher Sensibilität im Auf und Ab seiner Stimmungen gefangen hält, nur um ihn gleichzeitig ganz unmerklich zu sich selbst zu führen. Vielleicht wegen der Form, doch auch wegen dieser Ungetrübtheit der Beziehung zwischen Leser und Protagonist, ist man über die Dauer des Lesens sehr stark mit dem Buch verbunden - vielleicht danach nicht mehr. Aber währenddessen auf jeden Fall.
"Geflogen bin ich mit der Alitalia. Ich dachte, wenn ich schon in ein fremdes Land reise, ohne die Sprache zu verstehen, kann ich auch gleich bei Null anfangen, und als ich beim Einsteigen durchs Gate ging, wusste ich, dass nun in meinem Leben etwas wichtiges passierte. Seit meiner Kindheit verband mich ein unsichtbares Gummiband mit irgend etwas, mit meinem Bett, meiner Mutter, mit irgend etwas eben. Allzuviel Zug hielt das Gummiband aber nicht aus. Ich wollte immer dahin zurück, zu diesem Etwas, was auch immer es gewesen sein mochte. Aber als ich vorgestern das Flugzeug bestieg, gab es das Gummiband nicht mehr."
Klaus Modick

Lebenslauf
Neue Bücher
Räume zum Verschwinden
Alle Bücher von Klaus Modick
Konzert ohne Dichter
Klack
Sunset
Der kretische Gast
Vierundzwanzig Türen
Bestseller
Fahrtwind
Die Schatten der Ideen
Neue Rezensionen zu Klaus Modick
Was ich sagen kann, ist, dass es fachkundig aufgebaut ist und sehr spannend erzählt. Man ist in die Geschichte hinein gezogen und spürt die Emotionen. Sehr gut gemacht. War sehr angetan beim lesen, da es sehr realitätsnah aufgebaut ist und einen echt mitzieht. Hab es sogar zwei mal gelesen - auch weil er ein so großartiger Musiker war.
Lion Feuchtwanger lebt seit 1941 im amerikanischen Exil in Kalifornien, seit 1919 ist er mit Bertolt Brecht bekannt, den er stetig förderte und freundschaftlich verbunden ist. 1956 erreicht Feuchtwanger ein Telegramm, das ihm den Tod des Freundes mitteilt. Allein in seinem Haus in Pacific Palisades erinnert er sich an Begegnungen mit Brecht und läßt diese Revue passieren, nicht ohne auch über das eigene Leben zu sinnieren.
In wunderbarer Sprache belebt Modick die Freundschaft zwischen den beiden Autoren, die so unterschiedlich waren. Brecht, das große aber mittelloseTalent, entpuppt sich stellenweise als Schnorrer erster Klasse. Feuchtwanger - immer großzügig - sieht souverän darüber hinweg. Großartig auch die Schilderungen des künstlerischen (Exil-)Kreises, der sich in Kalifornien gebildet hat - Hollywood ist nicht weit. Dort trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Die Beziehung zu den Manns ist dagegen nur an der Oberfläche höflich korrekt: Erika ("spitzzüngige Giftspritze", S. 55) und Thomas bekommen ihr Fett weg und Klaus wird eher bedauert, als der "unglücklichste aller Söhne" (S. 69). Über diesen Rückblenden schwebt immer die Angst vor den McCarthy-Ausschüssen und der sich hinziehende Prozeß der Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft.
Mir hat dieser kleine - teilweise fiktive - Einblick in die Beziehung zwischen Brecht und Feuchtwanger sehr gefallen. Die Zusammentreffen der beiden sind lebendig, farbig, sprachlich kunstvoll und auch witzig geschildert.
Zwei Jahre nach Brecht stirbt Feuchtwanger an Magenkrebs, den Modick zu Beginn des Romans bei Feuchtwangers Morgengymnastik bereits "zwickend" in Erscheinung treten läßt.
Gespräche aus der Community
Aba und ich möchten gerne im September Sunset lesen. Wer sich angesprochen fühlt und gerne mitmachen möchte, der ist willkommen wir würden uns freuen.
Der Dichter-Dandy mit dem dunklen Geheimnis
Klaus Modicks Künstlerroman über einen großen deutschen Literaten
Keyserling liebt das Leben. Das Leben zeichnet Keyserling. Und Lovis Corinth malt ihn. Als von der Syphilis zerfurchter Mann bleibt er der Nachwelt erhalten. Doch wer war Keyserling wirklich? Den skandalumwitterten Literaten umgeben Mythen und Geheimnisse. Klaus Modick nähert sich voller Witz und Schwung der Vergangenheit des baltischen Grafen an.
Im Jahr 1901 weilt der Graf wie Corinth und andere Künstler zur Sommerfrische am Starnberger See. Darunter sind auch ihr Gastgeber Max Halbe und Frank Wedekind. Keyserling beauftragt Corinth, ein Porträt von ihm anzufertigen. Während der Sitzungen versucht der Maler hinter die Fassade seines Kunden zu blicken. Warum flog dieser aus seiner Studentenverbindung? Was war der Anlass dafür, dass seine Familie ihn verstieß? Doch nichts. Keyserling bleibt stumm. Später aber kommt Licht ins Dunkel. Dann nämlich, als Keyserling mit Frank Wedekind ein Konzert besucht. Kommt ihm die Sängerin nicht merkwürdig bekannt vor? Sollte Sie diejenige sein, welche damals …? Nein, es kann nicht … Oder doch? Ist sie der Grund für den Skandal, der ihn einst zur Flucht nach Wien zwang?
Modicks halbfiktive Künstlerbiografie ist eine lebendige Suche. Er ergründet die Spuren eines Dandys und Außenseiters, der zu einem brillanten Schriftsteller wurde. Das ungekürzte Hörbuch aus dem Audiobuch Verlag wird gelesen von Detlef Bierstedt. Bierstedt ist vielen als deutsche Synchronstimme von George Clooney bekannt. Sein angenehmes Timbre führt mit Charme durch den Roman.
Zu diesem großartigen Titel möchten wir mit euch eine neue Hörrunde starten! Wir stellen euch 15 Hörbuchexemplare zur Verfügung, auf die ihr euch bewerben könnt, indem ihr uns die folgende Frage beantwortet:
Mit welchem deutschen Schriftsteller (Keyserling ausgenommen) würdet ihr gerne mal ein Glas Wein trinken und warum?
Wir freuen uns auf zahlreiche Bewerbungen und eine neue Hörrunde mit euch! Allen viel Erfolg, wir drücken fest die Daumen.
Zusätzliche Informationen
Klaus Modick wurde am 02. Mai 1951 in Oldenburg (Deutschland) geboren.
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