Klaus Pohl Die Kinder der Preußischen Wüste

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Inhaltsangabe zu „Die Kinder der Preußischen Wüste“ von Klaus Pohl

'Ihre kleinen Geschichten aus der DDR – das ist nicht das eigentlich Interessante.
Das eigentlich Interessante steht hier und ist genau zwölf Zeilen lang.'

Diese Worte sagt ein New Yorker Literaturagent zu Robert Papst, nachdem dieser 1976 die DDR verlassen hatte. Der Agent rät Robert, aus den zwölf Zeilen seiner Biografie auf dem Umschlag eines schmalen Erzählbandes einen Roman von 800 Seiten zu machen. Tatsächlich bietet das Leben von Robert einen ungeheuerlichen Stoff. Doch Papst schreibt das Buch nicht, sondern verliert sich in einem gigantischen, über zehntausendseitigen Manuskript über einen Mädchenmörder, verliert sich in Alkohol und Drogen.

Die Geschichte des Robert Papst ist die Geschichte des Schriftstellers Thomas Brasch. Das Buch, das Robert Papst nicht schreibt, das Thomas Brasch nie geschrieben hat – dieses Buch liegt jetzt vor. Die spannende Geschichte eines Sohnes, der stärker ist als sein Vater, der mit seinen Gedichten, Filmen, Theaterstücken weltberühmt wird, der auf den Filmfestspielen in Cannes gefeiert, als Lyriker zehntausendfach gelesen wird, von Liebesaffären umschwirrt – bis er an Drogen, Alkohol und Schulden viel zu früh stirbt. Zehn Jahre nach seinem Tod erzählt Braschs Freund und Weggefährte Klaus Pohl die berührende, aufregende, diese große Geschichte.

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    Die Kinder der Preußischen Wüste

    jamal_tuschick

    21. September 2014 um 09:32

    Ein Ton, der sofort einleuchtet. Kein Satz verunglückt vor lauter Ästhetik. Klaus Pohl schreibt über Thomas Brasch, er schreibt den Roman eines Lebens, das im Feuilleton als verunglückt dargestellt wurde. Ich kann das Unglück nicht erkennen. Brasch ist auf der Höhe seiner Begabung wahrgenommen worden. Die letzte Wohnung am Schiffbauerdamm lokalisierte Brasch im Zentrum seiner Biografie. Bei Pohl heißt Thomas Brasch Robert Papst. Robert sagt: „Von hier bis zur Oranienburger Straße ist weder Ost noch West. Hier ist O-Weh-Berlin. Meine Schizophrenie hat endlich ihren Ort gefunden.“ Jeden Tag kommt Martina Hanf von der Akademie der Künste, um Sturm und Drang zu sichten - „Wind ist eine Bewegung der Luft“, sagt der Künstler in seiner Knabenblüte. Als arrivierter Autor schreit Robert manchmal aus dem Fenster, man hört ihn im Berliner Ensemble. Das ist das nächste Haus. Pohl macht keine lyrischen Klimmzüge, um an den Dichter heranzukommen. Er erzählt wie ein Boulevardjournalist in den besten Stern-Zeiten. Er treibt die Pointen zusammen. Er motiviert den Titel. Friedrich I. habe den Oderbruch, „eine natürliche Auenlandschaft, die zweimal im Jahr überschwemmt wurde, meine preußische Wüste“ genannt. Der Soldatenkönig führte keine Kriege, er begann mit der Trockenlegung, sein Sohn führte Kriege und setzte außerdem Ehrgeiz in die brandenburgischen Sümpfe. „Ländereien urbar zu machen, beschäftigt mich mehr als Menschenmorden“, soll Friedrich II. gesagt haben. Auch Robert treibt im sozialistischen Froneinsatz „Wiesenentwässerung“. Da hat er schon vier Jahre Kadettenanstalt, Kartoffeleinsätze, Fluchtphantasien, poetische Anläufe und eine Relegation hinter sich. Sein Vater kam nach dem Krieg als Emigrant aus England und machte in einer Seilschaft mit Honecker Karriere. Pohl schildert einen harten Knochen, einen Familiendespoten, den das schrecklich macht: dass er sich vor allen im Recht wähnt. Er betrachtet die DDR als Familienbetrieb, in dem seine Söhne Verantwortung zu übernehmen haben. Der alte Papst will im Ganzen ein Volk erziehen, das sich ihm und seinen Genossen massenhaft entzieht, bis Ulbricht sagt: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen.“ Die Pabst´sche Familiengeschichte verästelt sich in der Überdurchschnittlichkeit, Pohl schöpft aus dem Vollen. Roberts Bruder James will Schauspieler werden und Marlon Brando übertreffen. Er verehrt die halbrumänische Tochter eines Neurolinguisten, der mit Helene Weigel verwandt ist. Jeden Morgen wartet James vor der Jannowitzbrücke auf eine Sängerin, die noch zur Schule geht. „Immer hat er (für Nora) ein kleines Geschenk dabei.“ Und sei es „eine Handvoll Wind“. Da ist er wieder, der Wind auf dem Boulevard der scheckigen Narration. Pohl füllt Seiten. Der alte Papst erreicht seinen Zenit als stellvertretender Kultusminister. Robert lebt mit offenem Kopf, in seiner Phantasie schließt sich die Fontanelle nicht. Er gelangt an die Hochschule für Filmkunst in Babelsberg, dafür wird er sich bedanken. https://www.youtube.com/watch?v=bYX-tY_pnu0 Nora verliebt sich in ihn, erst wohnt Robert illegal in der Hauptstadt. Dann angelt er eine Bude im Boxhagener Kiez. Nora singt „Der Abend ist gekommen“. Das Paar verteilt handgeschriebene Flugblätter in antifaschistischer Tradition gegen den Frost im Prager Frühling von Achtundsechzig. Am Ende vom Lied sind Robert und Nora gefangen. Nach ihrer Freilassung darf Nora nicht mehr auftreten, sie verlässt die DDR und heiratet schließlich Klaus Pohl. Robert kommt erst in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit nach Hohenschönhausen. Dann geht er zur Bewährung in die Produktion. „Schreib Gedichte“, wird ihm geraten: „Lyrik ist in unserer Zeit am wenigsten korrumpierbar“. Einen Stoff serviert man ihm auf dem Silbertablett. Gewirkt ist er aus den Emanationen eines „eiskalten Engels“. Der „Engel aus Eisen“ stirbt unter dem Fallbeil. Er hat kaum gelebt, vielleicht erklärt das den Engel. Robert kriegt sein Poesiealbum XXX , er verliebt sich in Sophie, die schwanger ist von Noras Bruder. Wer rät Robert? Im Roman heißt er Günter Edmund und ist alt und wüst. Ein Zyniker in seinem Material. Er hält Hof in Mahlsdorf, ein Dildo hängt als Mahnung über der Couch. Drei DDR-Dichter leihen ihm eine Legende. Zwei fallen zurück wie bei einem Spurt in Zeitlupe, der dritte hat ein verbotenes Stück geschrieben. Seine Empfehlungen gelten im Westen. Ein Lektor aus dem kapitalistischen Deutschland, verwirrt von den losen Sitten der Hauptstadtboheme, nimmt Robert unter Vertrag. Bald beklagt er die Treulosigkeit des Debütanten. Langsam löst sich der eiserne Griff, der Robert in der DDR hält. Robert denkt an Freiheit, er wird aber nur fallengelassen. „Die Kleine“ aus dem VEB Transformatorenwerk Oberschöneweide, die für einen intimen Vormittag mit dem gemaßregelten Dichter fürsorglich eine Flasche Korn in ihrem Spind gebunkert hat, wird als lyrischer Gegenstand gelegentlich nur noch erreichbar für eine Sehnsucht sein. Diese Sehnsucht würgt Robert, sobald er mit Sophie und ihrer Tochter von einem Jahr ins nächste das Land wechselt. Erfolg stellt sich sofort ein „im bunten Wahnsinn“. Nun ändert sich die Perspektive des Romans. Nora empfindet Not, sie kriegt kein Bein auf den Boden von Westberlin. Sie wohnt bei Robert und Sophie und kümmert sich um Sophies Tochter. Der gedopte Dichter dreht Filme, die Assistentinnen sind extrem hübsch. Nora betrachtet das Leben wie durch einen Türspalt. Sie ist seelisch unter Wasser. Jetzt gefällt mir die Geschichte wieder, da sie wieder einen Grund hat. Sie löst sich vom ersten Anlass so wie ein Artist loslässt im Vertrauen auf die Luft. „Die Freiheit war ohne Geld und ohne große Liebe wie ein totes Telefon.“ Nora irrlichtet durch die Stadt, eine verirrte Person, in der sich alles verwirrt. Das hat seine Zeit, es kommt eine andere. Nora gründet ihre Familie mit einem Mann, der sich auf Robert fixiert. Der Autor porträtiert sich selbst als avancierten Mitläufer bei Roberts finalem Amoklauf. Robert engagiert einen Weltstar für einen Kassenflop, der Film geht trotzdem in die Geschichte seines Genres ein. Sophie verlässt ihn, an ihre Stelle treten die Heißhungrigen. Der Roman beginnt im Bordell und bewegt sich darauf zu. Roberts Frankfurter Verleger fordert einen Roman so groß wie Deutschland. Die Forderung entspricht einer schmeichelhaften Offerte, die Offerte führt Robert an seine persönliche Grenze. Diesen Roman kann er nicht schreiben. Einem Dreitausendseitenkonvolut zum Trotz. Robert hat sich verrannt auf der Lebensbahn eines Massenmörders. Pohl bleibt fasziniertes Publikum, er camoufliert sich als Louis. Papst nennt ihn Prinz. Ein Prinz ist jemand, der nicht König geworden ist. Die innerdeutsche Grenze knickt ein, die Weltgeschichte scheint einen Knicks zu machen, in Wahrheit verschärft sich die Lage. Klaus Pohl, „Kinder der Preußischen Wüste“, Roman, Arche, 495 Seiten, 24,90 Euro

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  • Rezension zu "Die Kinder der Preußischen Wüste" von Klaus Pohl

    Die Kinder der Preußischen Wüste

    michael_lehmann-pape

    23. October 2011 um 12:43

    Dichterrebell Es ist schon eine ganz besondere Lebensgeschichte, jene des 2001 gestorbenen Dichters und Dramatikers (auch Drehbuchautors und Regisseurs) Thomas Brasch, welche Klaus Pohl seinem Roman zu Grunde legt. Ein Roman nach tatsächlichen Begebenheiten und doch mit literarischer Prägung, die ihn weit mehr sein lässt als eine reine Biographie. Jener „Robert Papst“, den Klaus Pohl als Protagonisten zum Dreh- und Angelpunkt der Lebensgeschichte von Thomas Brasch im Buch gestaltet, wird späterhin eingeladen, gebeten, seine Autobiographie zu verfassen. Ein Projekt, das er zwar annimmt, aber nicht umsetzt, sondern sich stattdessen der Lebensgeschichte eines Mörders verschreibt, eines Mädchenmörders (die von Brasch tatsächlich als Buch später veröffentlicht wurde, nachdem von fast 10.000 Seiten Manuskript gut 220 nur nach Bearbeitung durch den Verleger übrig blieben) und verliert sich quasi in sich selbst in dieser Zeit. Thomas Brasch war ein literarischer Rebell, der auch im Lebens einen ganz eigenen Weg zu gehen gedachte. Einen Weg, der ihn in direkte Konfrontation mit seinem Vater brachte und damit, schlimmer, in direkte Konfrontation mit dem System der ehemaligen DDR, welchem der Vater als Kulturminister voller Überzeugung angehörte. Da, wo seine Mutter freudig erregt „Endlich! Endlich!“ ruft. „Endlich haben sie zugemacht! Endlich haben wir jetzt die Tür zugeschlagen“, angesichts des Mauerbaus, da ist der Robert Papst des Buches schockiert, der Kopf will fliehen, doch die Beine gehen nicht die entscheidenden Schritte. Eine Zurückhaltung aus welchen Gründen auch immer, die durchaus Folgen für Robert Papst haben wird. Er, der Volksversammlungen hasst, dessen Vater an vorderster Front mit dabei ist, er, der in innerer Spannung lebt (die ihn zeitlebens kaum wirklich verlassen wird). Er, der sagen kann: „Ich muss meinen Vater töten. Aussichtslos. Ich liebe ihn doch mehr, als ich ihn hasse“. (ein späteres Buch des Thomas Brasch trug sinnigerweise den Titel: „Vor den Vätern sterben die Söhne“). Die äußeren Stationen des weiteren Ergehens mögen nüchtern benannt werden können. Wie Brasch im wahren Leben wendet sich Probst im Buch gegen das Zentralkomitee, wird zur Zwangsarbeit verurteilt (in der „preußischen Wüste“ nahe der polnischen Grenze, Straßenbau), gab nicht auf, war weiterhin politisch aktiv, lebte zusammen mit einer der führenden Sängerinnen der damaligen DDR, wurde wiederum verhaftet und zu Gefängnis verurteilt, schrieb erste Dramen (meist gar nicht erst aufgeführt, ansonsten schnell wieder om Spielplan genommen) und reiste 1976 nach Westdeutschland aus (bzw. wurde abgeschoben, das trifft es sicherlich eher im Umfeld der Ausbürgerung Wolf Biermanns). Äußere Stationen, die nun durch Klaus Pohl mit Leben gefüllt werden. Welche die Persönlichkeit eines Mannes Seite für Seite aufblitzen lassen, der sich „in keinem Leben einrichten kann, zu allem stellt er sich in Widerspruch. Er nimmt keine Rücksicht, auf keinen“. Eine Rücksichtslosigkeit, die im Buch verdeutlicht, dass sie auch vor dem eigenen Leben keinen Halt macht. Alkohol, Schwierigkeiten in Beziehungen fast jeder Art, eine Persönlichkeit, die sich auch in seinen oft sperrigen Stücken und Texten niederschlagen. So ist dieser Roman von Klaus Probst tatsächlich jenes Buch, das Thomas Barsch selber nicht verfasste, eine „quasi Autobiographie“ anhand der Kunstfigur Robert Papst. Ein Stück Zeitgeschichte sicherlich der DDR im Blick auf staatstragende und staatskritische Personen, auf Verhältnisse, Bedrängung und Verurteilung, aber auch ein Stück kultureller Zeitgeschichte natürlich der Bundesrepublik („Ein Taumel durch das Höllenfeuer der Eitelkeiten“). Mehr noch aber ein Einblick in ein lebensbestimmendes Sohn-Vater Verhältnis und in eine unruhige Seele, die letztlich Zeit ihres Lebens nie wirklich Frieden gefunden hat. Ein biographischer Roman, der seine Qualität vor allem dadurch erhält, dass Pohl eben von außen auf Brasch blickt und es versteht, die Brüche der Person literarisch umzusetzen und herauszuarbeiten. Klaus Pohl schreibt mit klarer, teils kantiger Sprache, benutzt an manchen Stellen nur mehr Schlagworte, um das Werk und den (durchaus) Erfolg des Literaten Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre zu beschreiben. Einer, der weniger aus rationaler Überzeugung (das auch), mehr aber noch aus innerem Zwang stur seinen Weg ging, geschildert in einer Sprache, die ebenso kantig literarisch umsetzt, was die Person des zu Grunde liegenden Thomas Barsch ausmachte.

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