Klaus von Dohnanyi

 4,4 Sterne bei 9 Bewertungen

Lebenslauf

Klaus von Dohnanyi geboren 1928, gehört seit 1957 der SPD an. Der in Deutschland und in den USA ausgebildete Jurist arbeitete viele Jahre in der Wirtschaft, hatte zahlreiche politische Ämter inne, u.a. als Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft, als Bundeswissenschaftsminister, Staatsminister im Auswärtigen Amt und Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Bis heute nimmt er zahlreiche ehrenamtliche Aufgaben wahr und greift mit seinen differenzierten Ansichten und Meinungen immer wieder in die intellektuellen Debatten Deutschlands ein. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Klaus von Dohnanyi

Neue Rezensionen zu Klaus von Dohnanyi

Gegen die Kriegshysterie in unserem Land

Sie sind sich einig – meistens jedenfalls. Und immer wenn man sich schon im Vorfeld einig ist, da man zum Beispiel ein gemeinsames Ziel verfolgt (hier: möglichst schneller Friedensschluss unter Berücksichtigung der Interessen der einen wie der anderen Seite), droht eine gewisse Verflachung des Dialogs. So auch hier. Dem hätte man zumindest etwas entgegenstellen können, wenn man den Test sauber redigiert hätte, um zumindest die gröbsten sprachlichen Schnitzer zu beheben. Sei’s drum. Auch so ist dieses Büchlein auf jeden Fall lesenswert, kommen doch hier die Dinge zur Sprache, die im derzeitigen allgemeinen Rüstungswahn drohen, unter die Räder zu kommen. So bleiben denn auch entsprechende Hinweise auf die aktuellen politischen Akteure nicht frei von einer gewissen Inkompetenzzuweisung: „Aber da frage ich Sie [Erich Vad], wie machen wir es denn mit einer Regierung, bei der ein Verteidigungsminister gegenwärtig am Werke ist, dessen Stolz darin besteht, das Wort ‚kriegstüchtig‘ erfunden zu haben?“ 

Die beiden Gesprächspartner werden von der „Moderatorin Westend“ (Westend Verlag) an der langen Leine laufengelassen, nur gelegentlich erfolgt eine Nachfrage oder steuernde Anmerkung. Und vieles von dem hier Niedergeschriebenen ist bereits aus den bislang erschienen Büchern der Beiden zu diesem Thema bekannt und so wird werbewirksam immer mal wieder auf das eine oder andere Buch verwiesen: „Das Problem ist – das habe ich ja auch in meinem Buch Nationale Interessen eingehend beschrieben …“ (Klaus von Dohnanyi) Ein übrigens äußerste lesenswertes Buch nicht nur zum Thema Ukraine-Krieg.

Um auch den zweiten Diskutanten berücksichtigen zu können, hier eine etwas ausführlichere Wiedergabe: „Unsere Stärke war, dass wir mit Russland in Kooperation waren: Wie bekamen die Rohstoffe von dort, die bekamen von und Technologie und so weiter. Horst Teltschik hat das ja wundervoll beschrieben, was für die Russen wichtig ist: Das Wichtigste ist, dass sie ihre Würde haben, dass sie respektiert werden auf einer Ebene wie die andere Seite auch. Das hat Teltschik ja wirklich sehr deutlich herausgearbeitet, steht übrigens auch in meinem schönen Buch.“

Dass beide sich stark in die „russische Seele“ (Denken, Wünsche, Handlungsoptionen) hineingearbeitet haben wird immer wieder deutlich. Die historischen Fakten sprechen eine recht eindeutige Sprache, die hier im Kontext der russischen Befindlichkeiten thematisiert werden. Ohne ein Verständnis der gegenseitigen Sicherheitsbedürfnisse (hier wird die Nato-Beitrittsfrage der Ukraine sachlich diskutiert) und einem gewissen Vertrauensvorschuss wird es mit einem Wiederaufleben der russisch-deutschen Freundschaft schwierig werden – und dabei hatte alles so gut angefangen: Gorbatschow, Putins Rede im Bundestag 2001, wirtschaftliche Verflechtungen etc. Es ist an der Zeit, dass dem Kriegsgeheul etwas mehr Diplomatie gegenübergestellt wird. Ohne miteinander zu sprechen, wird es nicht gehen … Hier bekommen wir plausible Erläuterungen wie es gehen könnte. 

Kurzes Buch, eher Aufsatz

Das vorliegende Buch habe ich vor allem gelesen, um meine Sicht auf die aktuellen Miseren etwas zu vertiefen. Die Autoren kennen sich zweifellos sehr gut aus mit Außen- und Geopolitik samt Militärgeschichte und manchen Ansichten stimme ich zu, wie z.B. die Fehler, welche bei der NATO-Osterweiterung gemacht wurden. Aber naiv finde ich, wieviel sich von Dohnanyi & Vad von Donald Trump bei der Lösung der Ukraine-Krise erhoffen: "Da gibt es einen amerikanischen Präsidenten, der würde gerne mit den Russen zu einer Lösung kommen. Wir aber wollen diese Lösung offenbar nicht haben, denn wir unterstützen bedingungslos den Zelensky.." (S.55).

Trump hat leider gerade keine Strategie im Umgang mit diesem Krieg, er wechselt immer wieder von einer Haltung in die andere. Beide Autoren betonen jedoch mehrmals in dem Buch das diplomatische Bemühen Trumps. Erich Vad befürwortet deswegen sogar den Friedensnobelpreis für ihn.(S.60). Ein nur zum Teil empfehlenswertes Buch mit einigen Abstrichen. Es hätte mehr Seiten dazu gebraucht, um die Leserschaft zufriedenstellen zu können.

Cover des Buches Nationale Interessen (ISBN: 9783827501547)
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Rezension zu "Nationale Interessen" von Klaus von Dohnanyi

alasca
Bedenkenswert

Ein augenöffnendes Buch, das tatsächlich meine Haltung zum Ukraine-Krieg und dazu, wie mit ihm umzugehen ist, verändert hat.

Das Buch widmet sich drei Themen: Unser Umgang mit und unser Stellenwert bei den USA, unsere Rolle in der EU und das Erkennen und die diplomatische Durchsetzung unserer nationalen Interessen, mit einem klugen Abstecher in das Thema der nationalen Identität. Dohnanyi beweist umfassende historische und politische Bildung und verfügt aus seiner Zeit als Politiker über einschlägige Erfahrung.

Das Buch kam vor dem Ausbruch des Ukrainekrieges heraus. Was für mich sehr für Dohnanyis Standpunkt spricht, ist, dass er den Ausbruch des Krieges vorhersagt, wenn bestimmte politische Aktionen nicht unterlassen und bestimmte Verhaltensweisen nicht verändert werden. Das geschah nicht - und nun haben wir den Salat. Mich macht das ganz beklommen - wie kriegen wir denn nun die Kuh vom Eis? Gehen wir derzeit in die falsche Richtung? Wenn D. recht hat, machen wir damit alles nur noch schlimmer.

Dohnanyi ist der Verfechter der geduldigen, unpädagogischen Diplomatie in der Annäherung an Russland. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite mahnt er zu mutigem Handeln - den Amerikanern gegenüber. Er kann glaubwürdig belegen, dass wir schlecht beraten wären, uns weiterhin zum Instrument der amerikanischen geopolitischen Interessen machen zu lassen. Vor allem auch warnt er davor, sich dem Antagonismus der USA gegenüber China anzuschließen.

Er kann auch belegen, dass nicht Putins grundsätzliche Machtgier, sondern historische Gründe und schwerwiegende diplomatische Fehler, vor allem seitens der Amerikaner, den Angriff auf die Ukraine ausgelöst haben. Das diplomatische Versagen der USA, zur Zeit des Mauerfalls geschlagen mit ihrem bislang dümmsten Präsidenten George. W. Bush, hat Russland an die Seite Chinas und von Europa weg getrieben. D. zitiert hierzu, wie für alle seine Behauptungen, viele Quellen aus Politik und Diplomatie.

Dohnanyis Ansatz in Sachen Europapolitik hat mich ebenfalls überzeugt: Gnadenlos pragmatisch und ergebnisorientiert plädiert er für den Verzicht auf Sanktionen, juristischen Zwang und pädagogischen Anspruch und setzt auf Vorbild und - siehe oben - geduldige Diplomatie.

Nicht oder ungenügend berücksichtigt wurde aus meiner Sicht die Angst der baltischen Staaten vor einer russischen Übernahme und das historische Verhalten Russlands ggü. Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei. Hier sehe ich Widersprüche und hätte mir eine explizite Einordnung Dohnanyis gewünscht.

Stilistisch ist das Buch recht trocken geraten, wenn auch sprachlich souverän. Das hat zu tun mit D.s völligem Verzicht auf propagandistische oder dramatisierende Sprache - was ich sehr positiv bewerte. Es gibt die für Sachliteratur übliche Redundanz, aber das hält sich in Grenzen und ist auch, aufgrund der Komplexität der Themen, nicht ohne Nutzen. Am Schluss fasst D. seine Standpunkte noch einmal zusammen und spricht konkrete Handlungsempfehlungen aus.

Insgesamt: Ein substantielles Buch mit sehr bedenkenswerter Sichtweise.

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