Konrad Lorenz Rohrkrepierer

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Inhaltsangabe zu „Rohrkrepierer“ von Konrad Lorenz

Jeder erhält das Geschenk seiner Jugend, wenn man es denn ein Geschenk nennen kann. Eine Jugend "auf St Pauli" in der Nachkriegszeit ist etwas Besonderes, besonders dreckig, hungrig, spießig und jenseits aller üblichen bürgerlichen Moralvorstellungen. 1940 bis 1962: vom Schwarzmarkt Ecke Reeperbahn und Talstraße, über die Mutprobe, nach der Schule durch die Herbertstraße zu rennen, bis zu Tante Hermine, St. Paulis erster Szenekneipe in der Hafenstraße. Es fehlen die Väter. Und die, die wieder auftauchen, sind kriegsbeschädigt, vor allem im Kopf. Die Mütter sind es, die den Kampf ums Überleben organisieren. Den Söhnen geht es ums Kino, um Jazz, um die Neugier auf Sexualität in einer Welt von Spießbürgern, Prostituierten, Zuhältern und Seeleuten. Kalle schildert sehr genau aus seinem Leben in diesem Milieu, er erzählt von seinen Erfolgen und Niederlagen und von seiner ersten, großen Liebe, die mit der Seefahrt nur schwer zu vereinbaren ist. Mit "Rohrkrepierer" ist Konrad Lorenz ein fesselnder, authentischer Roman gelungen, der nicht nur die Hamburger begeistern wird.

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  • Rezension zu "Rohrkrepierer" von Konrad Lorenz

    Rohrkrepierer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    21. February 2011 um 07:34

    »Ich lasse mich langsam an der Wand runterrutschen, denn genau das ist mein Zustand: Ein Zeitlupensturz in das Nichts, die Verdammnis, in der es keinen Heiligen Abend gibt, in der der Weihnachtsmann ein Russland-Heimkehrer und der Christbaum Brennholz ist.« Das Buch »Rohrkrepierer« erzählt auf außergewöhnliche Weise von einer außergewöhnlichen Kindheit und Jugend. Für das Außergewöhnliche und die Dramatik sorgen vor allem der Schauplatz und der Zeitrahmen. Autor Konrad Lorenz (Jahrgang 1942) ist im St. Pauli der Nachkriegszeit aufgewachsen, in den weniger im Rampenlicht stehenden Jahren zwischen Hans Albers und den Beatles, zwischen Große Freiheit Nr. 7 und dem Star-Club. Es fehlt an Vätern, gänzlich oder zumindest an körperlich und seelisch unversehrten. Die Mütter halten sich und den Rest der Familie mit Kohlenklau und illegalem Tauschhandel über Wasser, und die Kinder spielen in den Ruinen, die der Bombenkrieg zurückgelassen hat. So auch Kalle, von seiner Kindheit und Jugend erzählt das Buch, von seiner Familie, seinen Freunden, seiner ersten Liebe und seinen Erlebnissen in einer Welt von Säufern, Prostituierten, Zuhältern, Seeleuten und durchreisenden Künstlern. Kalle lebt mit seiner Mutter und Großmutter zusammen. Seinen Vater lernt er erst nach dessen Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft näher kennen. Aber auch nur kurz, weil Vater Ludwig gleich wieder zur See fährt, um seinen Teil zum Überleben der Familie beizutragen und wohl auch, um den zerrütteten Verhältnissen daheim und anderen sozialen Folgeerscheinungen des Krieges zu entfliehen. Das einleitende Zitat und die bisherige Buchbeschreibung mögen den Eindruck erwecken, dass es ein brutales, herzloses Umfeld ist, in dem Kalle sich bewegt. Tatsächlich gibt es in Lorenz’ Erinnerungen Figuren, denen man nicht einmal tot begegnen möchte, wie zum Beispiel Murksi, der Ratten fängt, sie mit einem Ofenrohr zu Tode quält und sich später seines cholerischen Vaters auf ähnliche Weise entledigt. Andererseits fehlt es dem Buch nicht an maritimer Romantik und liebenswerten Persönlichkeiten, wie beispielsweise Kalles Vater, seine Großmutter Bertha oder echte Originale wie Tante Hermine, die Wirtin von Kalles Stammkneipe »Zur Kuhwerder Fähre« in der berühmt-berüchtigten Hafenstraße. Sie starb Anfang der Siebziger. Noch 37 Jahre später erinnerten sich ein paar alte Fahrensleute an sie und verewigten ihren Namen auf einer Gedenktafel. »Tante Hermine geht ein paar Monate in Schwarz. Sie ähnelt einem sizilianischen Klageweib, aber sie klagt nicht. Wir haben Grund zur Klage, denn ihre Abrechnungen werden immer undurchschaubarer. Sonst ändert sich kaum etwas, bis auf die Begrüßungsformel, die sich nun umkehrt. Wir sind es, die fragen: ›Wo geiht, Tante Hermine?‹ Und sie antwortet: ›Mut jo.‹ Dabei bleibt es. Ihr Ehrgeiz, über alles und jeden an der Küste Bescheid zu wissen, eingebettet in ihr ›chinesisches Lächeln‹, liegt auf Eis.« Nicht ganz so anrührend, dafür umso unterhaltsamer ist Kalles Begegnung mit dem Catcher Lupus Schneider alias »Der Würger«, der eines Tages in Hamburg gastiert und dem Kalle trickreich, aber erfolglos ein Autogramm abzuluchsen versucht. Kalle wird ihn in späteren Jahren wiedersehen, im Fernsehen, in zweitklassigen Gangsterfilmen, in denen die Visage eines »Gorillas« gefragt ist. So sind es schließlich nicht nur Ort und Zeit, weshalb die Lektüre dieses Buches zu empfehlen ist, sondern auch die zahlreichen, mitunter recht kuriosen Charaktere, die darin vorkommen, und die Art und Weise wie Lorenz sie beschreibt: authentisch, einfühlsam und oft mit einem wunderbar feinen ironischen Unterton. Ich habe mir genau überlegt, was ich zu dem Würger sagen würde, aber nun steht da eine Frau in einem viel zu großen Morgenmantel mit japanischen Motiven. Ihre superoxyd-blonde Dauerwelle hat die Dauer aufgegeben, sie pustet sich die Korkenzieherlocken aus dem Gesicht: ›Was willst du denn?‹ Ich sehe es ihr an: Sie friert und hat schlechte Laune. ›Ich – ich hab ein Geschenk für’n Würger.‹« Spannend bleibt es bis zum Schluss, wenn Konrad Lorenz nach und nach auflöst, was aus vielen seiner Weggefährten geworden ist und er erzählt, wie ihm ein prominenter deutscher Unterhaltungskünstler seine Freundin Anna ausspannt. Wer das ist, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

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