Bildung als Provokation

von Konrad Paul Liessmann 
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Bildung als Provokation
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Eine wichtiges, ein provozierendes Buch.

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Inhaltsangabe zu "Bildung als Provokation"

Alle reden von Bildung. Sie wurde zu einer säkularen Heilslehre für die Lösung aller Probleme – von der Bekämpfung der Armut bis zur Integration von Migranten, vom Klimawandel bis zum Kampf gegen den Terror. Während aber „Bildung“ als Schlagwort in unserer Gesellschaft omnipräsent geworden ist, ist der Gebildete, ja jeder ernsthafte Bildungsanspruch zur Provokation geworden. Die Gründe dafür nennt Konrad Paul Liessmann in seinem neuen Buch. Dafür begibt er sich sowohl in die Niederungen der Parteienlandschaft als auch in die Untiefen der sozialen Netzwerke, er denkt über den moralischen Diskurs des Zeitgeists nach und darüber, warum es so unangenehm ist, gebildeten Menschen zu begegnen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783552058248
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:240 Seiten
Verlag:Zsolnay, Paul
Erscheinungsdatum:25.09.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    Christian_Mayers avatar
    Christian_Mayervor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Eine wichtiges, ein provozierendes Buch.
    Eine nötige Lektüre

    Und wieder stößt der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann jenen vor den Kopf, die Bildung vorwiegend als Handlungskompetenz verstehen, als etwas, das dazu dient, direkt im täglichen Leben angewendet zu werden und - das wäre dann ihre Heiligsprechung - auch das Wachstum befördert.
    Liessmann gehört zu jenen Apologeten, für die Bildung gerade nicht instrumentalisiert werden sollte und - sofern sie richtig verstanden wurde - auch nicht instrumentalisiert werden kann.
    Doch Liessmann gehört zu einer kleinen Schar von Kritikern, die gerne als die ewig Gestrigen abgestempelt werden, als jene, die Bildung durch eine sozialromantische Brille betrachten. Heutige Bildungsdebatten haben nur wenig gemein mit einem humanistischen oder einem humboldtianischen Bildungsverständnis. Daher wirkt Liessmanns Versuch leider auch wie ein Kampf gegen Windmühlen. Auch hier und da mag man in seinem Ton eine gewisse Resignation heraushören. Und dennoch: Es handelt sich um einen Kampf, der geführt werden muss und es ist Liessmann hoch anzurechnen, dass er die Fahne hochhält für eine andere Art der Bildung.
    Dies ist nicht Liessmanns erstes Buch zu diesem Thema. Nach der "Theorie der Unbildung" und "Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung" folgt nur sein drittes Werk "Bildung als Provokation". Wer seine anderen Bücher kennt, der weiß bereits vor dem Lesen, in welche Richtung die gedankliche Reise gehen wird. Dies schmälert aber keineswegs den Genuss sowie die Notwendigkeit der Lektüre selbst. Liessmann sprachliche Ästhetik, die Art und Weise wie er formuliert, macht das Lesen selbst zu einem Vergnügen. Da muss man nicht einmal immer seiner Meinung sein. Zum Beispiel dort, wo es ihm um einen Bildungskanon geht und er die griechischen Altvorderen für seinen Literaturkanon vorschlägt und anderen Literaturen, die die Persönlichkeitsentwicklung nicht voranbringen, eine Abfuhr erteilt. Liessmann vergisst nämlich, dass Lesesozialisation nicht wirklich mit Homer und Co beginnen kann, sondern bereits viel früher anfangen muss. Und das Lesen entdeckt man nur für sich, wenn man mit Spaß und Interesse bei der Sache ist. Da darf es auch der Groschenroman sein, der eine Begeisterung für das geschriebene Wort weckt. 
    Ebenso gilt für Liessmann nur jene Literatur als hochwertig, die im Menschen etwas zum Schwingen bringt, ihn also verändern kann und damit hat er wieder ganz besondere Werke der Literaturwelt im Blick. Während jedes Essen durch den Magen geht, vergisst er, dass jedes gelesen Werk "durch den Menschen geht". Genauer, durch seinen Kopf. Auch die schlechteste Schmonzette geht durch den Leser hindurch. Je intensiver dieses Lesen stattfindet, desto eher findet hier etwas statt. Und es sind Faktoren wie Alter, Lebenserfahrung und Interesse, die die Wirkungsmöglichkeit bestimmen. Da kann auch ein Harry Potter Reibungs- und Entwicklungsmöglichkeiten auslösen. Gerade das macht die Diskussion über einen Literaturkanon aber auch so schwierig. Aber vielleicht ist heute auch kaum noch jemand bereit - anders als Liessmann - sich konkret auf bestimmte Bücher einzuschwören. Womöglich ist die Beantwortung der Frage, welche Bücher hier eine Rolle spielen könnten, auch gar nicht mehr von so vielen zu beantworten.
    Während der Beginn seines Buches sich ganz konkret der Bildung mit ihren Facetten annimmt, verlässt er diesen Bereich mehr und mehr. Dies geht soweit, dass wir in diesem Buch sogar Kapitel finden, denen allenfalls noch ein Hauch von Bildungsthematik anhängt. So lesen wir einen wunderbaren Text über die Handarbeit und ihre Fingerfertigkeit, über den Wert des Abfalls, was es mit Revolutionen auf sich hat und ob gerade die Digitale Revolution überhaupt eine Revolution ist.
    Liessmann gehört mit zu den klarsten und spitzfindigsten Denker unserer Zeit. Die Lektüre lohnt sich, denn ihr gelingt es, verkrustete Denkstrukturen aufzubrechen und Platz zu machen für neue Idee. Deshalb fordert Liessmann auch abschließend, dass wir eine neue Aufklärung brauchen. Eine, die die Menschen endlich wachrüttelt und in die Lage versetzt, wieder eigenständig zu denken. Das mag auf den ersten Blick naiv klingen, wer sich aber auf den Gedankenspaziergang begibt, den dieses Buch bereithält, der erkennt schnell, dass dem nicht so ist. Der erkennt vielmehr, wie eingefahren sein eigenes Denken selbst ist. Und das ist erschreckend wie befreiend zugleich.

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    buchwanderers avatar
    buchwanderervor 6 Monaten
    Herausfordernd

    „Wie immer man es aber dreht und wendet: Ob Bildung ein Selbstveränderungspotential in Hinblick auf Individuen oder Gesellschaften zugesprochen werden kann, hängt letztendlich vom Mut ab, Bildung inhaltlich und normativ zu bestimmen. Solange Bildung formal als Durchlaufen von Zertifizierungsstellen oder Sammeln von Leistungspunkten definiert und auf den Erwerb von Kompetenzen und zeitgemäßen Kulturtechniken reduziert wird, erwächst aus diesen Bestimmungen weder eine notwendige noch eine mögliche Kraft zur Veränderung.“ (S.79)

    Zum Inhalt:


    Provokation, ethymologisch ‘herausfordern, reizen, zu einer […] Handlung veranlassen’1), wohnt dem Text in allen Abschnitten, resp. Thematiken, mit denen sich Konrad Paul Liessmann auseinandersetzt inne. Ob es nun die wechselhafte Historie bzw. Begrifflichkeit und Deutung des Begriffes, oder der immer wieder neu gefassten Idee eines Ideals ist, der Versuch, wachzurütteln, spitz zu argumentieren, dort zu treffen, wo der Nerv einer humanistischen Lebensweise vom Einschlafen bedroht ist, gelingt mit jedem Argumentationsstrang in sich kohärent.

    Aus verschiedensten Blickwinkeln wird Bildung in einem, zum einen beinahe in sich selbst verständlichen / geläufigen Sinne beleuchtet, wobei nicht in die zwar sich anbietende, aber nicht minder unnütze Kerbe des sermonartigen Bejammerns der mangelnden (Allgemein-)Bildung geschlagen wird. Eben diese Allgemeinposten findet man bei Liessmann nicht. Zu profund und von irisierender Vielfältigkeit sind die Herangehensweisen, nicht verleugnend, dass es sehr wohl einen roten Faden in der anzustrebenden holistischen Bildung des Individuums gibt.

    Es sind dabei Themen wie Kunst, Religion und Literatur, als essentielle Bestandteile der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Geschichte, seiner Gegenwart und daraus extrapolierend seiner potentiellen Zukunft, ebenso wie Themen der Wirtschaft und Politik, die ein zoon politikon prägen, von Belang und Liessmann bringt diese in ein kontextuelles Geflecht rund um den schillernden Begriff »Bildung«.

    Dass Bildung dabei ein sicherlich zum einen in höchstem Maße individueller Begriff, zum anderen aber auch eine gesamtgesellschaftliche Idee ist – reps. sein kann / sollte –, verdeutlicht der Autor an unterschiedlichsten Beispielen. Ebenso, dass es sich dabei um keinen dereinst erreichbaren, monolithisch festmachbaren Zustand handelt, denn „Bildung ist untrennbar mit der Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit verbunden, mit dem Wissen des Nichtwissens.“ (S.9) Und stets geht es um eine wichtige Grenzziehung, sähe man sich versucht den Bildungsbegriff jenem der (wirtschaftlichen) Effizienz unterzuordnen. „Der Gebildete verkörpert all das, was der aktuelle Bildungsdiskurs gerade nicht mehr unter Bildung verstehen will. Dazu gehört ein fundiertes Wissen, das es erlaubt, auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen zu trennen, ästhetische und literarische Kenntnisse und Erfahrungen, ein differenziertes historisches und sprachliches Bewusstsein, ein kritisches Verhältnis zu sich selbst, eine auf all dem gründende abwägende Urteilskraft und eine gesteigerte Sensibilität gegenüber Lügen, Übertreibungen, Hypes, Phrasen, Moralisierungen und Platitüden der Gegenwart. Allerdings ließe sich nichts von dem vorschnell der Forderung nach Nützlichkeit, Anwendbarkeit und schneller Verwertbarkeit unterordnen.“ (S.8)

    Fazit:


    Konrad Paul Liessmann liefert einen Text – oder vielmehr eine Auswahl an Texten / Gedanken –, der im wahrsten und besten Sinne philosophischen Diskurses herausfordert. Auf hohem gedanklichen und sprachlichem Niveau bringt er pointiert einen teils zerfransten und unscharfen Begriff, wie ihn der der Bildung teils im öffentlichen Sprachgebrauch darstellt, zu einem Schnittpunkt, einer konzisen inhaltlichen Schnittfläche, eine Auseinandersetzung auch mit dem eigenen Bildungs- und Werteziel im Leben anregend. Ein ausgesprochen lesens- / empfehlenswertes Buch.2)

    Zum Buch:


    Schlicht! Das wäre das erste Adjektiv, welches mir zur äußeren Gestaltung des Bandes einfiele. In dieser Schlichtheit liegt dabei eine beinahe ebensolche Eleganz, welche sich in Bindung, Typografie, sowie drucktechnischer Realisierung fortsetzt. Den vorbildlich übersichtlichen Satz des Textes gestaltete Eva Kaltenbrunner-Dorfinger. Der Text wird heruntergebrochen auf 4 große Themenkomplexe, die wiederum in angenehm überschaubare Unterkapitel, das Kernthema als inhaltliche Klammer umschließen. Dies ist v.a. hilfreich, da die Kapitel „auf Texte zurückgehen, die aus unterschiedlichen Motiven in den letzten Jahren entstanden“ (S.236) und so eine „Auswahl dieser Vorträge und Arbeiten“ (S.236) darstellen. Die typografische Wertlegung auf Klarheit in Struktur und Schriftbild macht die Lektüre des Textes, unterstützend zu dem inhaltlich gehobenen Anspruch an Konzentration und Reflexion, zu einem angenehmen, fluiden Leseerlebnis.


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    M
    michael_lehmann-papevor einem Jahr
    Bildung hat es nicht einfach……ist aber wichtig.

    Bildung hat es nicht einfach……ist aber wichtig.

    „Bildung kann mittlerweile als wohlfeiler Joker überall dort eingesetzt werden, wo andere Informationen oder Praktiken versagen. Wer Bildung sagt, hat immer recht“.

    Wie aber immer, wenn ein Begriff zum „Sammelbecken“ wird, wenn Pädagogik, Erziehung und Unterricht, „Beschallung im Mutterleib“ oder die Integration von Migranten allesamt subsumiert werden unter den Begriff „Bildung“, dann wird alles unscharf und der Begriff nurmehr eine (zumindest leicht) „Hohle Phrase“.

    Und, das zum Zweiten von Liessmann pointiert eingeführt, wo in der gesamten Diskussion um die Bildung bleibt eigentlich der (klassische) „Gebildete“?

    „Nicht einmal am Horizont der Bildungsplanung und der Bildungsbiografien, die nun untersucht und beschrieben werden, taucht der Gebildete auf, und wir wüssten auch nicht, an welcher Stelle der offiziellen Bildungskarrieren er in Erscheinung treten sollte“.

    Was, unter Umständen, ein Problem des „Systems“ an sich sein könnte. Das den klassischen, humanistischen Begriff des „gebildeten Menschen“ nahezu lautlos, aber effizient ersetzt hat durch den „funktionierenden“ Menschen, den „Fach-Arbeiter“, dass nahtlos sich einpassende und strikt auf die Bedürfnisse vor allem der Wirtschaft hin zugeschnitten „Produzenten und Konsumenten“. Da könnte es gut sein, dass der „Gebildete“ stört. Denn im traditionellen Sinne verstanden macht Bildung auch zum „Störenfried“, zu einem „Hinterfrager“ bestehender Umstände. Oder zu einem eher „stillen“ Menschen, der oder die in einer Welt der „Selbst-Vermarkter“ wenig in „laute“ Erscheinung tritt.

    Insofern ist das Buch von Liessmann eine überaus interessante Spurensuche und (Wieder-) Schärfung des Begriffes „Bildung“, der einerseits in aller Munde (und damit sehr wichtig zu sein scheint), andererseits mehr und mehr eher nebulös im Raume schwebt.

    „Weder sollen sich Menschen bilden noch sollen sie gebildet werden. Erfordert ist heute der Erwerb von „Kompetenzen““.

    Wie konkret sich das niederschlägt, vermag Liessmann am einfachen Beispiel der „Fake-News“ bereits prägnant vor Augen zu führen.

    „Dazu gehört ein fundiertes Wissen, dass es erlaubt, auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen zu trennen“.

    Und so stellt Liessmann die steil klingende These auf:
    „Bildung, ernst gemeint, wäre heute eine Provokation“.

    Was er nicht einfach im Raume stehen lässt, sondern fundiert argumentiert begründet, bevor er den konstruktiven Schwenk vollzieht, gerade in der Schnelligkeit, Funktionalität und Oberflächlichkeit der Zeit die „Sehnsucht nach fundiertem Wissen kritischer Reflexion…..und nach einer geschärften Urteilskraft“ wieder als Sehnsucht wachsen zu sehen.

    Ein informatives, sehr zum Nachdenken anregendes Buch, das einen Teil gesellschaftlicher Kritik am Primat der „effektiven Funktion Mensch“ ebenso enthält, wie es die Sehnsucht nach Bildung im breiten Sinne und mehr Gelassenheit durch ebendiese Bildung bestärkt.

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    Pressestimmen

    Warum wird Bildung als Provokation angesehen? Konrad Paul Liessmanns treffende Diagnose über das Dilemma unseres Bildungssystems

    „Eine Brandrede gegen Kompetenzen und für klassische Bildung." Kirstin Breitenfellner, Falter, 11.10.17
    „Liessmanns kurzweiliges und brillant formuliertes Buch ist ein Plädoyer für sperriges Denken und gegen 'rigide Reinheitsgebote'.“ Marc Tribelhorn, Neue Zürcher Zeitung, 19.10.17
    „Liessmann formuliert mit messerschafter Klarheit." Rolf App, St. Galler Tagblatt, 20.10.17

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