"Nachts sind das Tiere" heißt ein Essayband von Juli Zeh – eine Behauptung, die ich schon immer spannend fand. Nicht nur, weil mit "Nacht[s]" nicht die wortwörtliche Nacht gemeint sein muss, sondern vor allem, weil mich diese Wendung daran erinnert, wie eng unsere Mythen um Ungeheuer wie Werwölfe und Vampire, Ghule und Zombies (sowie Gespenster) mit der Nacht verknüpft sind.
Vielen dieser Kreaturen ist das Animalische gemein; sie haben einen nahezu unstillbaren Hunger, einen ungebremsten Wunsch sich etwas einzuverleiben, sich (meist durch Bisse) fortzupflanzen. Ich würde behaupten, dass es in diesen Geschichten auch ein Stück weit darum geht, wie unheimlich (und anziehend) wir (als Tiere mit Gelüsten und Willen) für einander sind – und um das Paradoxon des menschlichen Geistes: dass er in sich selbst mehr den Menschen und im anderen Menschen mehr das Tier sieht; in sich selbst das Rationale, beim anderen das Irrationale.
Was hat das alles mit Barbara Koruns Gedichten zu tun? Nun, ich finde sie verhandeln das oben angesprochene Befremden; und in einigen Texten sogar jene besondere Fremdheit, der die Ekstase entspringt, jene Mischung aus Vorsicht und Lust, wenn wir uns für jemanden interessieren, intim werden wollen und uns (gefühlt: plötzlich) in einer gemeinsamen Körperlichkeit wiederfinden, die durchzogen ist von Strängen aus Verlangen, Phantasien, Hoffnungen und Ängsten.
Könnten wir nur den Wolf in uns und die Wunde im anderen sehen... Meist ist es umgekehrt. Wohl auch aus Gründen, die diese Gedichte (n. A.) erforschen.
Lyristix


