Kristín Steinsdóttir Im Schatten des Vogels

(12)

Lovelybooks Bewertung

  • 12 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 4 Rezensionen
(6)
(6)
(0)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Im Schatten des Vogels“ von Kristín Steinsdóttir

Pálina Jónsdóttir wächst in einer abgeschiedenen Gegend im Osten Islands auf, am Fuß eines Gletschers, mit Blick auf gewaltige Gebirgszüge und das bewegte Meer. Von klein auf sträubt sich Pálina gegen Konventionen und leidet unter seelischen Spannungen, die sich verschärfen, als sie selbst eine Familie gründet. Doch im Island des frühen 20. Jahrhunderts ist kein Platz für eigene Wege.

Stöbern in Romane

Das Haus ohne Männer

Anfangs war ich doch verwirrt &skeptisch, aber im Laufe der Geschichte war die Verbindung der Frauen sehr wichtig. Ich liebe es.

Glitterbooklisa

Acht Berge

Welch ein berührendes Buch, das alle Fragen des Lebens so eindringlich und schön gearbeitet verhandelt - ein ganz große Empfehlung!

hundertwasser

Und jetzt auch noch Liebe

Eine gute Geschichte, an manchen Stellen etwas unrealistisch.

Traubenbaer

Lügnerin

Ein tolles Buch, ein merkwürdiges Ende

naninka

Birthday Girl

3.5 Sterne

AlinchenBienchen

Underground Railroad

Eine grandios geschriebene Abrechnung!

RubyKairo

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Rezension zu "Im Schatten des Vogels" von Kristín Steinsdóttir

    Im Schatten des Vogels

    Wortklauber

    09. January 2012 um 22:13

    Pálina Jónsdóttir wächst Ende des 19. Jahrhunderts in Islands abgeschiedenem Osten auf. Als Tochter des Gemeindevorstehers lebt sie isoliert in dem kleinen Ort auf dem elterlichen Hof, der am Fuße eines mächtigen Gletschers liegt. Der Berg, das Meer, die Gletscherflüsse, über die keine Brücken führen, begrenzen ihre enge Welt. Sie ist das Lieblingskind ihres Vaters, den sie ihrerseits vergöttert. Allerdings bleibt ihr nicht verborgen, dass dieser Mann ihrer Mutter großen Kummer bereitet, denn er ist ihr oft untreu und hat Kinder mit vielen verschiedenen Frauen, die teilweise auch auf dem Hof aufwachsen. Als junge Frau verliebt sie sich in Sveinn und schmiedet mit ihm Zukunftspläne. Jedoch ist er an der Schwindsucht erkrankt und schon allein deshalb kein Mann, wie ihn sich ihr Vater für sie wünscht. Folglich hintertreibt er die Verbindung und schickt Pálina und eine ihrer Schwestern nach Reykjavík auf die Mädchenschule. Pálina ist dort sehr unglücklich und erfährt zum ersten Mal größere Auswirkungen einer Geisteskrankheit, die offenbar in ihr steckt. Wieder zurück im Osten gibt sie dem Werben des Tischlers Vigfús nach, heiratet ihn und bekommt mit den Jahren eine ganze Schar Kinder mit ihm. Das Leben auf dem – nun eigenen – Hof verläuft in vorgezeichneten Bahnen. Allein das Spiel auf einer Orgel, die ihr der Vater geschenkt hat, und das Schneidern von Kleidern reißt sie ein wenig aus dem alltäglichen Trott. Bald droht ihr die Arbeit jedoch über den Kopf zu wachsen, dennoch wehrt sie sich mit Händen und Füßen gegen Mägde auf dem Hof. Mit der Zeit ist ihre Krankheit nicht mehr zu übersehen. Die Nachbarn meiden sie, haben Angst vor ihr. Ihre Kinder werden gehänselt und ausgegrenzt. Ihre Familie ist besorgt um sie und bemüht sich, ihr alle nur irgend mögliche Hilfe angedeihen zu lassen, trotzdem sie die Krankheit Pálinas oft bis an den Rand der eigenen Kräfte führt. Zudem sind die Mittel und Wege, eine Geisteskrankheit zu behandeln, zu dieser Zeit noch besonders begrenzt. Der Roman ist in der Ich-Form und in der Gegenwart erzählt. Das wirft naturgemäß einige Schwierigkeiten auf: Eine geisteskranke Ich-Erzählerin – wie soll diese denn überhaupt in der Lage sein, ein klares Bild zu liefern?! Der Roman umfasst eine große Zeitspanne, beinahe ein ganzes Leben. Das bedingt Sprünge und Auslassungen, ist der Roman mit gut 250 Seiten doch recht überschaubar. Die Sprache der Ich-Erzählerin verändert sich, angefangen vom Kind über die junge Frau, hin zu der von der Krankheit schwer gezeichneten reifen Frau. Kristín Steinsdóttir greift mit diesem Roman auf Erfahrungen ihrer eigenen Familie, nämlich das Leben ihrer Großmutter väterlicherseits, zurück. Es handelt sich um einen Roman, keine Biographie, trotzdem ist ihr dieser Stoff sehr nahe gegangen und es hat – über einen Zeitraum von gut zwanzig Jahren – mehrere Anläufe/Versionen gebraucht, bis der Roman so geschrieben war, wie er nun vorliegt. Außerdem hat es, wie sie erzählt, den „richtigen Zeitpunkt“ gebraucht, um das Buch erscheinen zu lassen, denn während der Boom-Zeiten Islands hätte sich wohl niemand für die Geschichte einer „verrückten Frau“ in einem längst der Vergangenheit angehörigen, rückständigen Island, von dem niemand mehr etwas wissen wollte, interessiert. Das ist anders geworden, nachdem Island von der Wirtschaftskrise getroffen wurde. Plötzlich war der Boden für „solche Geschichten“ bereitet. Wie sich herausstellte, wurde der Roman einer der erfolgreichsten des Jahres in Island.

    Mehr
  • Rezension zu "Im Schatten des Vogels" von Kristín Steinsdóttir

    Im Schatten des Vogels

    savanna

    22. October 2011 um 20:04

    Ein großer Vogel sitzt auf ihrer Brust. An schlechten Tagen nimmt er ihr den Atem. An guten Tagen kann sie sich unter ihm verkriechen. Für Pálína geht das Auftauchen des Vogels mit innerer Unruhe über Tag und panischen Träumen in der Nacht einher. Was sie sich als Kind und Jugendliche nicht erklären kann, nimmt ihr als erwachsene Frau fast die Lebensenergie – sie lebt im Schatten des Vogels. Zwischen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts verbringt Pálína ihre Kindheit im Ostbezirk Islands. Die Weite um den heimatlichen Hof erlaubt fast täglich den Blick auf die Gletschermasse des Vatnajökull, einen nahen Wasserfall und einen Elfenstein. Von ihrem Vater dazu angehalten, sich immer gut mit dem Volk der Naturgeister zu stellen, bringt das Mädchen regelmäßig Milch zu Huldas Stein. Nicht nur deswegen gilt Pálína als die eigenwilligste unter den Geschwistern. Sie blüht jedoch regelrecht auf, als der junge Sveinn eine Zeitlang zur gesundheitlichen Genesung auf den Hof kommt. Diese erste Liebe wird allerdings vom Vater rigoros unterbunden, der Pálína prompt auf die Mädchenschule in das weit entfernte Reykjavík schickt. Das Verhältnis zu ihrem Vater gestaltet sich zunehmend schwierig, was für die junge Frau weitreichende Auswirkungen bis in ihre eigene Ehe hinein hat. Mangelndes Vertrauen und extreme Verlustängste machen Pálína in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter zu schaffen. Sie zieht Vergleiche mit dem Leben ihrer Mutter und kann doch selbst ihren eigenen Töchtern kein Vorbild sein. Dieser Roman über Familienstrukturen und Lebensentwürfe basiert auf autobiographischen Details, gibt jedoch gleichzeitig auch einen Eindruck generell über das Leben im ländlichen Island. Nicht abschrecken lassen darf sich der Leser von einer Reihe isländischer Namen, die die ersten Kapitel zu überfrachten scheinen, dann jedoch nach und nach wunderbar zuzuordnen sind. Selbstzweifel bis hin zum Kontrollverlust sind auch in der Literatur keine leichten Themen – diese Neuerscheinung scheint daher latent in einen düsteren Schleier gehüllt. Dennoch schafft es Steinsdóttir, die Geschichte um Pálína mit der leichten Sprache einer jungen Frau zu transportieren. Diese Diskrepanz zwischen sprachlicher Leichte und inhaltlicher Schwere ist schlichtweg faszinierend. „Im Schatten des Vogels“ ist Kristíns Steinsdóttirs dritter Roman für Erwachsene, der mittlerweile mit dem Isländischen Frauenliteraturpreis 2011 ausgezeichnet wurde. Die derzeitige Präsidentin des Isländischen Schriftstellerverbandes lebt nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland und Norwegen wieder in ihrem Heimatland Island.

    Mehr
  • Rezension zu "Im Schatten des Vogels" von Kristín Steinsdóttir

    Im Schatten des Vogels

    Klusi

    Pálina Jónsdóttirs Geschichte ist weitgehend in der Ich-Form erzählt. Geschildert werden die Träume und Erfahrungen einer heranwachsenden jungen Frau, die Ende des 19. JH am Fuße eines Gletschers in Island lebt, inmitten der wilden Landschaft, umgeben von ihrer großen Familie. Auf 252 Seiten wird fast ihr ganzes Leben abgehandelt, was unweigerlich zu großen Zeitsprüngen führt, die jedoch den Fluss der Geschichte nicht stören. Pálina verbringt ihre Kindheit, umgeben von Eltern und Geschwistern, dem Gesinde und den Tieren, die zum Hof gehören. Besonders den Vater liebt sie von ganzem Herzen, aber im Lauf der Zeit merkt sie, dass er auch eine andere Seite hat, die sie so gar nicht verstehen kann und mag. Als sie älter wird, stellt sie fest, dass sie mehr Geschwister hat, als ihr bisher bewusst war, denn ihr Vater ist ein wahrer Frauenheld. Seine Eskapaden sind weithin im Umkreis bekannt und liefern den Nachbarn viel Stoff für Klatsch und Tratsch. Die Mutter leidet sehr darunter und zerbricht fast daran. Pálina und ihre Geschwister bekommen viel Ablehnung von außerhalb zu spüren, und diese Erfahrungen bringen ihre heile Welt sehr bald ins Wanken. Der Vater ist nebenbei auch Gemeindevorsteher und versteht sich auf das Heilen mit homöopathischen Mitteln. Darum kommen oft Fremde auf den Hof, um sich von ihm behandeln zu lassen; einige bleiben für längere Zeit. Zu den Patienten gehört auch Sveinn, der an der Schwindsucht leidet und sich hier Heilung erhofft. Er ist ein sensibler junger Mann, und Pálina erlebt mit ihm die erste große Liebe. Aber der Vater stellt sich gegen diese Verbindung und schickt sie, zusammen mit ihrer Schwester, nach Reykavik auf eine Mädchenschule. Pálina leidet sehr unter ihrem Heimweh und unter gebrochenem Herzen. Zu diesem Zeitpunkt macht sich ihre Krankheit erstmals deutlicher bemerkbar. Sie spricht davon, als wäre ein Vogel in ihrem Inneren, der von Zeit zu Zeit aufgeregt flattert, ihr aber auch manchmal die Luft raubt, wenn er in ihrem Hals steckt und nach draußen will. Aber es gibt auch Zeiten, da kann sie sich unter seinem Gefieder vor der Welt verstecken. Eine Vernunftehe bringt der jungen Frau weder das große Glück noch genügend Zuneigung und Verständnis. Ihre Kinder liebt sie, kann ihnen aber nicht immer eine gute Mutter sein. Sie ist seelisch krank und in ihrer eigenen Welt gefangen. Eine Zeitlang findet sie Ruhe und Trost bei ihren Näharbeiten und dem geliebten Orgelspiel, aber auch das ist nicht von Dauer. -------------------- Man muss sich einlassen, auf die Mystik des Landes und den damit verbundenen, tief verwurzelten Aberglauben der Menschen in Island vor hundert Jahren, deren Denken und Handeln sehr von geheimnisvollen Sagen und düsteren Geschichten über Elfen und Ungeheuer bestimmt wird. In diesem Umfeld wächst Pálina auf. Das Verhältnis zum Vater ist zwiespältig, denn einerseits liebt sie ihn und hängt sehr an ihm (er nennt sie liebevoll „Engelchen“), aber sie muss erfahren, dass er nicht unfehlbar ist, sondern ein sehr dominanter Mensch, mit vielen Schwächen und einer großen Portion Egoismus, und sie verurteilt vieles, was er sagt oder tut. Ihre Lebensumstände und einige Erfahrungen tragen sicher dazu bei, dass sich Pálina immer mehr in ihre Ängste und Befürchtungen verstrickt. Langsam erwacht die Krankheit, welche ihre Seele befällt und wohl schon länger in ihr schlummert. Dass sie von einem Vogel spricht, der ihr die Luft zum Atmen raubt, lässt sich vermutlich auf die enge Bindung der Isländer an die wilde Natur und ihre Geheimnisse zurückführen und ist Pálinas persönliche Art, ihre Seelenqualen in Worte zu fassen. Wie die Landschaft Islands, von karger Schönheit, so wirkt auch der Schreibstil dieses Romans. Die klare, einfache und doch poetische Sprache ist von vielen Auslassungen geprägt, besonders fällt der häufige Verzicht auf Pronomen ins Auge. Pálinas Schilderungen wirken wie Tagebucheinträge. Gerade in ihrer Schlichtheit sind sie sehr eindrucksvoll und bewegend. Im letzten Drittel des Buches werden manche Kapitel aus der Sichtweise von Pálinas ältester Tochter Kathrin erzählt. Hier erinnert der Schreibstil an ein Selbstgespräch. Der permanente Versuch der Kinder, die Normalität im Alltag aufrecht zu erhalten und aus Liebe stets Verständnis für die Handlungen der kranken Mutter aufzubringen, hat etwas sehr Rührendes. Der Roman hat mich sehr nachdenklich gemacht, zeigt er doch, wie hilflos damals die Menschen einer Geisteskrankheit gegenüberstanden. Kristín Steinsdóttir hat mit diesem, zum Teil autobiographischen Roman, ihrer Großmutter ein eindrucksvolles und sehr berührendes Denkmal gesetzt.

    Mehr
    • 2
  • Rezension zu "Im Schatten des Vogels" von Kristín Steinsdóttir

    Im Schatten des Vogels

    steffchen3010

    06. October 2011 um 11:53

    ~°..Ein Dorf im Osten Islands, Ende 19. Jahrhundert..°~ - Pálina Jónsdóttir wächst in einer vielköpfigen Familie in einem abgeschiedenen Dörfchen in Island auf. Der Hof der Familie Jónsdóttir, eingebettet von freier Natur, liegt am Fuß eines Gletschers. In direkter Nachbarschaft ragt ein markantes Gebirge in den Horizont und man hört das Tosen der stürmischen See. Doch die scheinbar ländliche Idylle trügt. Pálina und ihre Geschwister leben in sehr einfachen Verhältnissen. Die ständig wechselnden Mägde und Knechte der Familie sorgen für Unruhr und Enge im Haus. - Pálinas Vater, Gemeindevorsteher und Homöopath, bedeutet Pálina alles. Sie hegen ein sehr inniges und liebevolles Verhältnis. Doch sein ständiges Anbandeln mit den Mägden setzt nicht nur ihrer Mutter und dem Familienfrieden zu, sondern führt auch zu einer gespaltenen Beziehung zwischen Pálina und ihrem Vater. Neben der Verbundenheit zur Heimat sehnt sie sich plötzlich nach der Ferne, träumt von einer besseren Zukunft und von grenzenloser Freiheit. - Als ihr Vater ihr die Ehe zu Sveinn, einem Knecht mit Schwindsucht, verbietet, beginnt Pálinas Loyalität zu ihrem Vater endgültig zu bröckeln. Auch auf der Mädchenschule in Reykjavik erholt sie sich nur schwer davon. Ihre seelische Unausgeglichenheit, die sie von klein auf begleitet, verstärkt sich und der Vogel in ihrer Brust nimmt ihr die Luft zum Atmen… - ~°..Ein Schmetterling setzt sich auf meinen Handrücken, breitet die Flügel aus. Sie sind hellviolett und zittern leicht. Wunderschön in der Morgensonne. Ganz vorsichtig lege ich meine Hand über den Schmetterling und wünsche mir etwas. Es fühlt sich an, als hätte ich meine Lebensglück auf dem Handrücken. Bitte von ganzem Herzen. Puste den Schmetterling zart an und sehe ihm hinterher, wie er in die Freiheit fliegt.“ (Zitat, Seite 46)..°~ - Steinsdóttirs Geschichte ließ mich wanken – wanken zwischen Unsicherheit und Tatendrang, zwischen Neugier und Desinteresse. Noch nie habe ich mich bei einem Roman so hin- und hergerissen gefühlt. Pálina hatte bereits nach wenigen Zeilen mein Mitgefühl für ihre Situation. Die teils unzumutbaren Lebensbedingungen auf die sie während ihres Lebens immer wieder stoßen muss, schenken ihr kaum Freiraum. Sie muss sich stetig den Gesetzen des Vaters unterordnen, muss funktionieren; lernen, ihre Träume hintenan zu stellen und den für sie vorgesehenen Weg zu akzeptieren. Ihre Neigung, sich selbst und den Bezug zum realen Leben zu verlieren, macht sich dabei schon sehr früh bemerkbar. Die Entwicklung vom jungen Mädchen zur erwachsenen Frau mit eigenen Kindern und einem Mann an ihrer Seite, für den sie nicht die Liebe aufbringen kann, die notwendig wäre, ist teilweise schockierend. Manchmal raubte sie mir die Luft zum Atmen. Es schien, als hing ein Gefühl von Schwermütigkeit und Verzweiflung an Steinsdóttirs Zeilen. Wenig später widerum sprüht Pálina voller Lebensfreude und Energie und Steinsdóttirs Zeilen beginnen zu tanzen – voller Poesie und Leichtigkeit. - Pálinas ambivalente Beziehung zu ihrem Vater, die nicht nur einen großen Teil in der Geschichte einnimmt, sondern auch primär Einfluss auf Pálinas Leben und ihre Zukunft hat, ist sehr interessant mitanzusehen. An guten Tagen ist Pálina sein Engelchen und genießt seine ungeteilte Liebe und Aufmerksamkeit. An schlechten Tagen wiederum verletzt er sie mit Ignoranz und Härte. Sein stetiges Anbandeln mit den wechselnden Mägden am Hof der Familie Jónsdóttir bricht Pálina und ihrer Mutter fast das Herz. Seine ablehnende Haltung gegenüber ihrer Beziehung zu Sveinn hinterlässt wohl die größte Wunde in ihrem Herzen. Eine Wunde, die niemals vollständig zu heilen scheint. Pálinas Ehe zu Vigfús, einem gutaussehenden und fleißigen Tischler, der genau wie Sveinn den Anforderungen des Vaters nicht gerecht zu werden scheint, steht unter keinem guten Stern. Vigfús Wut auf Pálinas Vater wirkt sich negativ auf seine Gefühle für Pálina und ihrem Umgang miteinander aus. Bald schon lässt sie Vigfús genauso hart wirken wie Pálinas Vater und hinterlässt unausweichliche Spuren in ihrer Ehe. Pálinas Kampf mit dem Leben kommt zu keinem Ende. - Anfangs fiel es mir sehr schwer, Steinsdóttirs Schreibstil zu folgen. Er erschien mir abgehakt und unausgewogen. Sie warf mir kleine Bröckchen zu mit denen ich nicht umzugehen wusste. Vielleicht sollen sie Pálinas anfangs kindliches und naives Wesen widerspiegeln, vielleicht gehören sie aber auch zu Steindóttirs Stil. Da die Geschichte aus Pálinas Augen erzählt wird, könnte die Vorgehensweise beabsichtigt sein. Denn mit der Zeit veränderte sich nicht nur Steindóttirs Stil sondern auch die miteinhergehenden Gefühle meinerseits. Meine anfängliche Unsicherheit und fast schon beginnendes Desinteresse entwickelte sich zu Neugierde. Die Geschichte ließ mich plötzlich nicht mehr los, verfolgte mich in meinem Kopf, ließ meine Gedanken Achterbahn fahren. - „Ich war noch klein, als er sich zum ersten Mal bemerkbar machte. Der Vogel, der ein untrennbarer Teil meines Lebens werden sollte. Er breitete die Flügel aus, sang und erfüllte meine ganze Brust. Ich dachte, dass das so sein müsste, ahnte nichts. Warum fing er an, sich in meinen Hals zu zwängen? Zu versuchen, mich zu ersticken. Mir nachts den Schlaf zu rauben. Sich auf mich zu legen und zu zerquetschen. Die Realität und mich durcheinanderzubringen. Ich fand keine Antwort, doch die Frühlingstage waren sonnig, und der Vogel flog ohne Unterlass.“ (Zitat, Seite 7) - Steindóttir lässt Pálinas seelische Disharmonie zum Leben erwecken. Sie gibt ihr dabei die Gestalt eines Vogels, der in Pálina festsitzt. Er nimmt ihr die Luft zum Atmen, breitet sich in ihr aus, erdrosselt sie schier. Manchmal versteckt sie sich auch unter ihm oder er liegt auf ihr, erdrückt sie förmlich. Die Assoziation mit dem Vogel sorgte bei mir anfangs für Verwirrung. Mit der Zeit habe ich jedoch festgestellt, wie treffend der Vogel die Emotionen von Pálina darstellen kann. Man bekommt ein Gefühl für ihn und ein Gefühl für Pálina. Er fügt sich in die Geschichte ein, ist plötzlich ein Teil von ihr, undenkbar, dass er nicht da ist. - Neben Pálinas Lebensgeschichte lässt Steindóttir uns auch am Leben der einzelnen Geschwister teilhaben. Zeigt, wie dicht die persönlichen Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie wichtig die Geschwister füreinander werden, welche Rolle sie füreinander spielen. Das alles lässt diesen Roman zu einem einzigartigen Familiendrama werden, das sich vor einer lebendig beschriebenen Kulisse Islands abspielt. Aus diesem Grund schenke ich Steindóttir 4 von 5 verzweifelten Flügelschlägen!

    Mehr
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks