Kristina Pfister

 3.6 Sterne bei 16 Bewertungen

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Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

 (13)
Erschienen am 11.02.2017

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Rezension zu "Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten" von Kristina Pfister

Bangemachen gilt nicht
Aspasiavor einem Jahr

Annika, die Ich-Erzählerin in Kristina Pfisters Debut „Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten„, Mitte 20, Kulturwissenschaftlerin, ist eine vor Erfurcht vor der richtigen Art zu leben, erstarrte Beobachterin des Lebens der Anderen.

Sie beobachtet täglich durch das Fenster ihres kleinen, genormten Apartments Marie- Louise. Das Mädchen von der anderen Seite, in dieser gesichtslosen Bungalowanlage, in einer unwichtigen, namenlosen Stadt, weil sie nur Heimat auf Zeit ist, für die nächsten drei Monate, für eine weitere Möglichkeit in unzähligen, unterbezahlte Stunden Arbeitspraxis für den Lebenslauf anzuhäufeln wie Kartoffeln.

Wie in einem dieser skandinavischen Avangardefilme mit nur einer Kameraeinstellung ist dieses rechteckige Fenster die Leinwand für den Film und im geöffneten Zustand ist der dann sogar mit einer Tonspur versehen. Annika lauscht so dem Lachen der zahlreichen Besucher, dem klirren der aneinander geschlagenen Bierflaschen, der bekannten, in die Nacht wabernde Musik, sie schnappt Abschiedsgrüße von der Straße nach oben ans andere Fenster auf, bestaunt in sternenloser Nacht glitzernde Ohrringe und bewundert perfekt oval geformte Rauchringe, die nur wenige Meter Luftlinie von ihr entfernt den fremden Frauenmund verlassen.

Während sie allein und einsam fühlt und ihr einziger Austausch die Telefonate mit ihrer Mutter sind, haben alle anderen ein Leben. Eins, das es wert ist, mit dem richtigen Filter versehen, in die Welt geschickt zu werden, um Belohnung in Herzchenform zu generieren, eines zu dem es sich lohnt Excerpte auf maximal 140 Zeichen eingestampft zu geben oder aber wenigstens die algorithmisch generierte Frage „Wo bist du?“ mit einer exotisch klingenden Ortsbezeichnung zu beantworten.

Da steht eines Abends Marie-Louise schon leicht betrunken vor ihrer Tür und nun kommt erstmals Bewegung in Annikas Leben. Marie-Louise ist die Antagonisten wie man sie nicht besser hätte erfinden können. Sie wartet nicht lange, sie klopft an Türen und wenn nicht gleich geöffnet wird, klopft sie auch mal heftiger. Sie folgt keinem Plan, weil man das so tut, sondern tut jetzt, was sie will und morgen will sie vielleicht schon wieder etwas Anderes.

Jetzt will sie erst einmal nach London sich einen Job suchen. Da Annika die Abschiedsparty verschläft, holt Marie-Louise sie höchst selbst zur Feier nach der Feier in ihr Apartment, der Sehnsuchtsort, wo das wahre Leben ist. Während dieser Nacht mit den kulinarischen Überbleibseln, viel Wodka, ein paar Salzstangen und löffelweise Schokopudding, in der Marie-Louise viel erzählt und Annika mehr schweigt, klettern die beiden einem spontanen Einfall folgend aufs Hausdach und ohne jede Vorwarnung übt Annika das Loslassen. Sie springt vom Dach in die nicht zu tiefe Tiefe. Was sie mit ein paar Abschürfungen und einem kaputten Knie erst einmal zurück auf Mamas Sofa bringt.

Dort leckt sie sich ihre Wunder, igelt sich ungeduscht, mit fettigem Haar und in olfaktorisch bedenklicher Jogginghose antriebslos auf dem Sofa, mit dessen Muster sie phantasiert zu verschmelzen, ein. In die Polster gedrückt von der Wackerstein schweren Last in ihrem Bauch. Der erste Elan dem ungeliebten Praktikum entkommen zu sein, reicht nur noch für den Griff zum Joystick, um den High-score der Ballerspiele ihres jüngeren Bruders zu knacken.

Eine der Stärken der Autorin ist, dass sie sich der bleiernden Lethargie wie auch dem Getriebensein der beiden Frauen mit der gleichen sprachlichen Hingabe widmet, und so die Emotionen spürbar zu machen.

Zwei Wochen später treffen Annika und Marie-Louise im kleinstädtischen Krankenhaus ihrer Heimatstadt erneut aufeinander. Die eine lässt dort ihr Knie behandeln, die andere sitzt am Sterbebett der Urgroßmutter und faltet den Titel gebenden Origami Dinosaurier, denn für so ‚was Komplizertes gibt’s Anleitungen. Angesicht der Endlichkeit erstellen die beide eine Art bucket-list und beschließen all die Dinge, die sie schon immer mal, oder schon lange ncht mehr in den nächsten Tagen abzuarbeiten. Kitschig, ja, aber auch ein erster Schritt, um eigene Wünsche wertfrei zu formulieren. Auch wenn es Anika jetzt von der Couch schafft. Bewegung im Wortsinne in sie kommt, sie zu Fuß auf Konzerte geht, sie im nahen Baggersee schwimmt, Stifter tut nicht so, als sei jetzt endlich alles wieder gut.

Annika erkennt, dass auch die bewunderte, umtriebige Freundin, die einer Schlange gleich, sich ein ums andere Mal häutet, eine Methapher, die Pfister wirklich etwas überstrapaziert, sich immer wieder neu erfindet, die selben Fragen ans Leben hat.

Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo ist mein Platz im Leben?

Mir gefällt, dass die Autorin darauf keine Antworten gibt, sie keine Bauanleitung für das eine richtige Leben anreicht. Es gibt unendliche viele Möglichkeiten, das kann auch beängstigend sein, doch Bangemachen gilt nicht.

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K

Rezension zu "Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten" von Kristina Pfister

Keine Chance zum Wachrütteln
Klabauterclarensvor einem Jahr

In dem Buch "Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten" sehe ich weniger einen Spiegel der Generation, sondern viel mehr den Versuch zu erklären, wie es sich anfühlt in eine Antriebsstörung zu rutschen und wieder herauszufinden. Die Protagonistin Annika ist in meinen Augen eine junge Frau, die sich mit dem Druck etwas zu erleben, ihre Jugend zu genießen und auszunutzen, überfordert fühlt. Durch ihre Umgebung wird sie immer wieder mit Leuten konfrontiert, die es "richtig machen", ins Ausland gehen, das Leben genießen. So anscheinend auch Marie Luise, ihre Nachbarin, die Annika durch ihr Fenster beim Party machen beobachtet. Doch beim Kennenlernen offenbart sich, das ihre neue Freundin keinesfalls so lebenslustig ist, wie sie aus der Ferne wirkt. Auch sie trägt eine Leere in sich, die teilweise durch eine dunklere Färbung ihrer Stimme zum Ausdruck kommt, dann jedoch schnell wieder durch idealisierte Vorstellungen des Lebens überdeckt wird, die Marie Luise aus Büchern und Filmen bezieht und immer wieder versucht zu erreichen. Annika hingegen versucht es nicht mal und als sie gegen Ende des Romans tatsächlich in "buchwürdige" Situationen gerät, wahrt sie stets eine ungläubige Distanz. Wie die Protagonistin aus Sylvia Plaths "Die Glasglocke" kann sie keine der unzähligen Möglichkeiten, die vor ihr liegen, ergreifen und versinkt in einem inneren Sumpf. Erst Marie Luise gelingt es, sie abzufangen und zu animieren, wieder am Leben teilzunehmen.
Die Leere, Langweile und Antriebslosigkeit, die in anderen Rezensionen kritisiert wurden, machen dieses Buch in meinen Augen zu einem wunderbaren Ausdruck für eine Depression ohne direkten Auslöser, ohne das die Erkrankung jemals explizit genannt wird. Besonders fasziniert hat mich, wie bereits erwähnt, gegen Ende des Romans die Beschreibung der bunteren Szenen, die an eine Sommeridylle erinnern, von Annika aber dennoch nicht als solche wahrgenommen werden können. Obwohl sie sich stabilisiert, bleibt die Leere in ihr bestehen.

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Buchgeborenes avatar

Rezension zu "Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten" von Kristina Pfister

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten.
Buchgeborenevor einem Jahr

Das Debüt "Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten" von Kristina Pfister ähnelt dem Sandstrand in einem reicheren Viertel. Jeder kennt diese Leute, die mit einem großen Metalldetektor größere Sandgebiete abgehen, um im Sand Schätze zu finden. Manchmal sind sie enttäuscht, ob der Banalität der gefundenen Schätze. Und dann wieder ist etwas besonderes dabei. 

So ist das mit dem Buch. Manchmal findet man wirkliche Schätze hier. Poetische, wunderschöne Sätze oder solche, die einen zum Nachdenken anregen. Und dann ist man wieder unglaublich gelangweilt. Ich muss leider sagen, dass die langweiligen Sätze überwiegen. Das schreibe ich nicht gerne, weil ich die Poesie großartig fand. Aber es nützt nichts, weil ich mich größtenteils einfach gelangweilt habe. Schuld daran ist auch der Aufbau. 

Es fängt damit an, dass sich Annika langweilt. Das Leben findet neben ihr statt. Und sie fühlt sich sooo wohl in dieser Langweile. Sie ist Generation Praktikum. Keine Ahnung, was sie machen will, aber sie muss ja. 

Aber dann taucht Marie- Louise auf. Partymaus. Kann nicht eine Minute stillsitzen. Also das komplette Gegenteil von Annika. Und sie macht es sich zur Aufgabe Annika zu motivieren. Vielleicht sieht sie es als aufregendes Sozialprojekt. 

Aber Annika zu motivieren scheint eine Mammutaufgabe zu sein und deswegen reist Marie- Louise am Schluss nach Frankreich. Wenn Annika endlich aufhört die lebende Tote zu spielen wird sie ihr schon nachreisen. Natürlich formuliert Marie- Louise das anders. Sie schreibt einfach eine Adresse in Frankreich auf ihren selbstgefalteten Origamidino.

Jetzt wirst du vielleicht sagen: Spoiler! Du hast das Ende verraten. Nö, kein Spoiler. Das Buch hat nämlich durch seinen schlechten Aufbau keine Geschichte. Ohne Geschichte keine Spoiler. 

Ein guter Aufbau wäre meiner Ansicht nach gewesen: Annika macht sich auf den Weg nach Frankreich und auf dem Weg dahin erinnert sie sich daran, was es alles gekostet hat, sie von ihren Zombietagen wieder auferstehen zu lassen. 

Das wäre ein Ziel. So aber fließt die Langweile wie ein Fluß dahin und nimmt auf ihrem Weg ein paar poetische Perlen mit. Nein, selbst ein Fluß hat ein Ziel. Es tut mir leid das schreiben zu müssen. Aber es gibt hier kein Ziel. 

Ich würde es ja mit dem Leben vergleichen, aber auch, wenn ich mich schon furchtbar gelangweilt habe, hat es doch nie so lange angehalten. Irgendwann sucht man sich doch etwas mit dem man sich ablenken kann, oder? 

Ich finde das Leben ist eher ein Bahnhof und manchmal muss man eben aussteigen und einen anderen Zug nehmen. Annika bleibt aber in ihrem Zug sitzen, denn da war sie ja schon immer drin. Sie traut sich einfach nicht auszusteigen. Ja, der Gedanke versetzt sie regelrecht in Panik. Ab und zu klopft mal eine ihrer früheren Freundinnen oder Marie- Louise gegen die Scheibe: Du wolltest doch früher vor einer Haltestelle aussteigen! Aber Annika bleibt hartnäckig sitzen in der Angst, dass beim Aussteigen der Zug sie unter sich begräbt. 

Erst am Schluss ist sie vielleicht in der Lage mal auszusteigen. 

Vielleicht. 


Fazit: Empfehlen kann ich das Buch nur wegen mancher schöner Stellen. Mir reicht das nicht, um das Buch gut zu finden. Aber man kann es lesen und es hat ein extrem schönes Cover. Und die Rezension ist meine Meinung. Bitte, lest es und bildet euch eure eigene Meinung. 


Mich erinnert das an Kunst. Kennt ihr diese Bilder die Farbverläufe, Schlieren oder Kästchen in verschiedenen Farben zeigen? Manche Leute finden sie großartig. Sie fragen sich: Was will der Künstler mir sagen und suchen den Sinn in sich selbst, weil das Werk eine Seite von ihnen zum Schwingen bringt. Andere hingegen fragen sich: Was will ich damit? Das Bild zeigt nicht mal künstlerische Raffinesse. Die einen verlangen von sich selbst, dass sie etwas in das Werk hinein interpretieren können und finden die universelle Anwendbarkeit großartig. Die anderen möchten, dass das Bild sie auf ein bestimmtes spezielles Thema anspricht.

Ich habe immer zu der zweiten Kategorie gehört. Das sind die Leute, die erwarten, dass die Künstler etwas ausdrücken wollen und dem Betrachter damit einen anderen Zugang zur Realität ermöglichen. Das liegt nicht daran, dass meine Fantasie nicht groß genug ist. Sondern, dass ich erwarte, dass jeder Mensch eigene Gedanken hat und diese deutlich ausdrücken kann. Damit ich in einen gedanklichen Dialog eintreten kann. Ich möchte mich mit einem Thema ausgehend von der Meinung des anderen auseinander setzen. Ich mag lieber einen René Magritte als einen Jackson Pollock. Wobei das Buch eher ein Mark Rothko ist. 

Deswegen ist das Buch leider nichts für mich. Das bedeutet nicht, dass es keine Seinsberechtigung hat oder dass es dir nicht gefallen wird, sondern einfach, dass ich nicht zur Kategorie Leser gehöre, die mit dem Buch etwas anfangen können. 


Ich schließe diese Rezension mit einer Stelle ab, die das Buch für mich gut zusammenfasst: 

Sie sprach von Weizenfeldern und einem Soundtrack, der aus Radioliedern bestand oder aus den alten Platten, die sie drinnen irgendwo gesehen hatte. Sie sprach von lachenden Gesichtern mit Kriegsbemalung, um prasselnde Feuer herumtanzend, und von Füßen ohne Schuhe, die durch Bäche wateten, Fische fingen, von einem Lachen, das in den Himmel stieg wie unser Schrei, damals im Wohnheim. (…) 
Ich sagte: „ Lass uns doch einfach mal kurz hier liegen bleiben. Es ist so angenehm.“ 
S. 159

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Gespräche aus der Community

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Klett-Cotta_Verlags avatar
»Hi«, sagte sie, »ich bin Marie-Louise. Ich wohne gegenüber, Du siehst aus, als könntest du ein Geschirrset gebrauchen.«

Andere sammeln Briefmarken, Annika sammelt Praktikumsbescheinigungen. Dabei driftet sie von Stadt zu Stadt ohne zu wissen, was sie mit sich anfangen soll – »Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten« von Kristina Pfister ist ein nahezu poetischer Roman über die Leere am Ende der Jugend.

>> Hier geht's zur Leseprobe

Inhalt:

»Und wo zieht es dich danach hin? Hast du Pläne?«, fragte sie, als wüsste sie nicht längst, dass ich hier gestrandet war wie einer dieser fetten Blauwale, die überall in Neuseeland an den Stränden lagen und langsam verreckten.

Jeden Abend betrachtet Annika durch das Fenster ihres Apartments die junge Frau gegenüber. Marie-Louise scheint all das zuzufliegen, wonach Annika sich sehnt: Freunde, Liebhaber, Geselligkeit. Sie lebt aus vollen Zügen, während Annika von Praktikum zu Praktikum driftet und nichts mit sich anzufangen weiß. Doch eines Nachts klingelt Marie-Louise an Annikas Tür. Aus einer Zufallsbekanntschaft wird enge Freundschaft, als Annika nach Hause zurückkehrt, um endlich herauszufinden, was sie eigentlich mit sich anfangen will. Und unversehens ihre alte Nachbarin wiedertrifft. Bald stellt sich jenes Gefühl von Schwerelosigkeit ein, das Phasen des Umbruchs begleitet, und für die beiden Frauen beginnt ein Sommer in der Provinz, wo Humor und Verzweiflung nah beieinander liegen.


Autorin:

Kristina Pfister, geboren 1987 in Bamberg, war Teilnehmerin der Bayrischen Akademie des Schreibens und der on3-Lesereihe. Sie lebt in München und Wiesbaden. »Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten« ist ihr erster Roman.

Tropen | 253 Seiten | gebunden mit Schutzumschlag | ISBN: 978-3-608-50159-9
Thaliomees avatar
Letzter Beitrag von  Thaliomeevor einem Jahr
Ich habe ganz vergessen, meine Rezi zu verlinken. Hier also: https://www.lovelybooks.de/autor/Kristina-Pfister/Die-Kunst-einen-Dinosaurier-zu-falten-1358233126-w/rezension/1471273327/ Auch ich fand es extrem schwer zu bewerten, weil nicht viel passiert. Und weil ich nicht glauben möchte, dass die Generation Praktikum so tickt. Einfach einen (wenn auch blöden) Job hinschmeißen um danach nur noch in den Tag hinein zu leben... dafür ist man dann doch zu alt nach dem Studium. Irgendwann muss einfach die Einsicht kommen, dass Selbstständigkeit etwas tolles ist und man nicht ewig in einem Jugendzimmer bei Mama wohnen möchte.
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