Kristine von Soden "Und draußen weht ein fremder Wind ...": Über die Meere ins Exil

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Inhaltsangabe zu „"Und draußen weht ein fremder Wind ...": Über die Meere ins Exil“ von Kristine von Soden

Liebevoll bebildertes Buch über die Auswanderung der Juden während der Nationalsozialisten

— rallus
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    "Und draußen weht ein fremder Wind ...": Über die Meere ins Exil
    rallus

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    28. November 2016 um 16:17

    Es gibt Tage, an die man sich sein ganzes Leben erinnert. Neben den ganz privaten Schicksals- oder Freudentagen gibt es weltpolitische Umwälzungen, die das ganze Leben verändern können. Wer weiß bis heute nicht noch ganz genau was er am 11.9.2001 getan hat, als der Terror über die westliche Welt hereinbrach? Es gibt noch ein anderes Datum an dem etwas historisch vergleichbares passierte. Das Grauen brach über die Welt herein. Am 30.Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Das Weimarer Reich und die Demokratie endeten in Deutschland. 15 Jahre später wurde an diesem Tag Mahatma Gandhi in Neu-Delhi erschossen, doch 1933 erlebte ganz Europa den Beginn einer Schreckensherrschaft. Mit persönlichen Gedanken und Empfindungen von Juden zu diesem Tag, beginnt das chronologisch ab 1933 bis 1945 aufgebaute Buch "Und draußen weht ein fremder Wind ..." - Eine Geschichte der jüdischen Auswanderung aus Deutschland, zusammengefasst von Kristine von Soden und liebevoll lektoriert von Britta Jürgs. Es ist besonders hervorzuheben, wie gut man sich in die damalige Zeit hineinversetzen kann, dank der eingestreuten Bilder und Plakatdrucken. Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, umrahmt eher die geschichtlichen Ereignisse durch die ganz persönlichen Berichte der jüdischen Betroffenen. Viele Juden erkennen schon früh, dass ihre Zukunft außer Landes liegt, doch viele glauben auch, dass Hitler nur ein flüchtiger Schreck ist. Für viele ist dieser Irrglaube ein tödlicher Fehler. Anfangs gestaltet sich die Ausreise noch problemlos. Obwohl die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt ist, werden in Übersee oder Palästina geschulte Arbeitskräfte benötigt. Die Ausreise geschieht meist über das Meer, die europäischen Ziele sind zu unsicher, selbst die Schweiz nimmt zwar Juden auf, aber eine Arbeitserlaubnis erhalten nur sehr wenige. Viele Einzelschicksale werden beschrieben, Geschichten von Familien, Tragödien. Die Rechte der Ausreisenden werden Monat für Monat beschnitten, jüdische Institutionen nur noch geduldet, wenn diese mithelfen, die unerwünschten Nicht-Arier aus dem Land zu führen. Juden werden zwar genötigt außer Landes zu reisen, doch ihr Hab und Gut müssen sie im Reich lassen. Was mitgenommen werden kann, beschränkt sich meist auf wenige Habseligkeiten. Die Umstände verschärfen sich von Jahr zu Jahr und jede Bestimmung ist genauestens deutsch-akribisch aufgelistet: "[...] sonstige Silbersachen bis zum Gewicht von 40g je Stück bis zu einem Gesamtgewicht von 200g je Person. Die Kosten für die Prüfung des Umzugsgutes gehen zu Lasten der Geprüften. Quittiert mit Reichsadler und Hakenkreuz." Zu der materiellen Enteignung kommt die innere Enteignung. Jüdische Schriftsteller dürfen nicht mehr über Deutschland schreiben: "Dieses Nichtschreibendürfen, was man schreiben wollte, dieses Nichtsagendürfen, was es einen auszusprechen drängte, dieses Nichtdenkendürfen, weil aus dem Denken ein Sagen oder Schreiben hätte werden können." Doch es ist schwierig nach Amerika einzureisen. Neben Geld wird von den Einreisewilligen eine Bürgschaft verlangt. "Durch die schweren Unruhen seit April 1936 in Palästina rücken die USA auf den ersten Platz der angestrebten Exilländer. Die schwierigste Klippe ist im Unterschied zu anderen Zielen die Erlangung eines Affidavits, jener Bürgschaft von US-amerikanischen Verwandten, die garantiert, dass auf den Staat für die um Einlass Bittenden keine Kosten zukommt." Wie in Amerika, gibt es auch in vielen anderen Ländern eine Verschärfung der Einwanderung um den Zustrom einzudämmen. Auswanderer lernt Sprachen, heißt es im Korrespondenzblatt der jüdischen Auswanderung im Herbst 1937. Denn auch Sprachkenntnisse sind gefordert, um einfachen Zugang zu einem Land zu finden. Auch wird die Unterstützung der Auswanderung ohne Sprachkenntnisse verweigert. Anna Frank-Klein, die es nach Palästina geschafft hat beschreibt das Leiden der Juden während der Auswanderung so: "Wind und Wellen hatten im Laufe der Jahre Erde angeschwemmt, so dass es möglich geworden war, darauf zu sähen und zu ernten. Aber nun war die Zeit der Ruhe für das riesige Tier vorüber. Es schüttelte sich und schwamm in die Tiefe des Meeres, von der es gekommen war. Die meisten Menschen ertranken im Meer. Nur wenigen gelang es, sich auf Schiffe zu retten. Sie weinten um ihre Familien und Freunde. Sie schauten einander mit Tränen an und fragten: Was war das? Wir glaubten, wir hätten festen Boden unter den Füßen. Wir glaubten, wir hätten eine neue Heimat gefunden. Und wo war sie nun." Die Gründung des Staates Israel 1948 ist nur ein Schritt der Jüdischen Gemeinde, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, das Ziel Frieden zu finden ist immer noch in Arbeit. Ein unverzichtbares Buch, das die Grausamkeit an den Juden mit Bildern, Zitaten, Auszügen aus Tagebüchern und Gedichten der Betroffenen dokumentiert. Es sind die vielen Bilder und Abdrücke der Plakate und Zeitschriften, die diesen Geschichtsabschnitt so lebendig machen. Ich konnte mich sehr gut in die Zeit hineinversetzen und in welchem Zwiespalt die verfolgten deutschen Juden standen, ihr doch geliebtes Heimatland verlassen zu müssen.  

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