Kseniya Melnik

 4,3 Sterne bei 4 Bewertungen
Autor*in von Schnee im Mai und Snow in May.

Lebenslauf

Kseniya Melnik wurde 1983 in Magadan geboren und emigrierte 1998 nach Alaska. Sie schloss 2010 die New York University mit dem Master of Fine Arts ab. Kseniya Melnik arbeitet derzeit an einem Roman.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Kseniya Melnik

Cover des Buches Schnee im Mai (ISBN: 9783755600060)

Schnee im Mai

 (3)
Erschienen am 11.04.2022
Cover des Buches Snow in May (ISBN: 9780007548729)

Snow in May

 (1)
Erschienen am 09.04.2015

Neue Rezensionen zu Kseniya Melnik

Cover des Buches Schnee im Mai (ISBN: 9783755600060)
mimitati_555s avatar

Rezension zu "Schnee im Mai" von Kseniya Melnik

Die Hoffnung ist in uns
mimitati_555vor 2 Jahren

Es handelt sich hier um ein Buch mit neun Kurzgeschichten, die sich fast alle um die Stadt Magadan drehen, die im äußersten Nordosten Russlands liegt. Die Wege der Menschen in diesen Geschichten kreuzen sich, das aber nicht immer offensichtlich, sodass es mir irgendwann ein großes Anliegen war, herauszufinden, in welcher Verbindung sie zueinander stehen. Es erzählt ein Mann seine Lebensgeschichte und erst später passt ein Ereignis im Leben seiner Tochter dazu. Ein anderes Mal erfahre ich die Geschichte einer Frau, deren Enkelin mich viele Seiten später mit einer eigenen Episode entzückt. Da ein Onkel, da eine Oma, immer wieder ordne ich Personen ihrer Familie zu. Gar nicht so einfach, wenn die tatsächlichen Namen den Kosenamen weichen, nur der Verwandtschaftsgrad genannt wird oder ein russischer Ausdruck. Da kann das angehängte Glossar nur bedingt helfen, wenn ich es auch bei vielen Begriffen sehr hilfreich fand. Dennoch war ich nicht verwirrt, das meiste ergab sich von selbst.

Die Stories fand ich dabei sehr interessant, ganz besonders, weil diese in verschiedenen Jahrzehnten spielten. Daraus resultiert, dass ich sehr viel über die jeweiligen Umstände, die zu dieser Zeit in Russland herrschten, erfahren habe. Das war äußerst faszinierend, wenn auch manchmal sehr befremdlich, wenn zum Beispiel die sogenannte Kommunalka erwähnt wurde, bei der es sich um eine Gemeinschaftswohnung handelt, in der jede Familie ein Zimmer bewohnt und sich ansonsten Küche und Bad teilen muss. Feste Koch- und Waschzeiten natürlich inklusive. Eine Wohngemeinschaft, in der jede Person ein Zimmer bewohnt, kann ich mir vorstellen, aber dass ganze Familien so wohnen, ist für mich undenkbar.

Viele dieser Stories haben mich sehr berührt. Diese Menschen, die oft ohne viele Privilegien aufgewachsen sind, manche gänzlich ohne, die uns hier gar nicht mehr auffallen; ob warmes Wasser oder eine Toilette, dieser Luxus ist nicht jedem vergönnt, nicht einmal die eigenen vier Wände. Und trotzdem sind manche Träume und Hoffnungen so alltäglich, so schrecklich normal, dass es wehtut und das soll es wohl auch. Eine wunderbare Sammlung von Kurzgeschichten, die mir Lust darauf macht, mehr von dieser Autorin lesen zu wollen. Von mir gibt es vier Sterne und eine Leseempfehlung.

Cover des Buches Schnee im Mai (ISBN: 9783755600060)
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Rezension zu "Schnee im Mai" von Kseniya Melnik

Willkommen in Magadan, dem "Tor zur Hölle"
Lesebiene017vor 2 Jahren

Kseniya Melnik ist in Magadan geboren und immigrierte im Alter von 15 Jahren nach Alaska. Ihre Heimatstadt liegt im äußersten Nordosten Russlands, war bis 1991 militärisches Sperrgebiet und gelangte ab 1930 zu zweifelhafter Berühmtheit, weil dort das Verwaltungszentrum des Gulag-Lagerkomplexes angesiedelt war. Dadurch wurde Magadan als Tor zu den grausamsten stalinistischen Arbeits- und Straflagern bekannt. „Ungeachtet der abgeschiedenen Lage unserer Heimatstadt jagte die Erwähnung ihres Namens jedem Russen in einem gewissen Alter einen Schauer über den Rücken“ (S. 38). Die kleine Stadt liegt in unwirtlichem Gebiet, die Lebensbedingungen sind extrem bescheiden, der Traum von einem besseren Leben ist insbesondere unter den Frauen omnipräsent.

Neun Erzählungen hat Kseniya Melnik in diesem Buch versammelt, die im Zeitraum von 1975 bis 2012 angesiedelt sind. Meist stehen weibliche Figuren im Zentrum, deren Schicksale im Spannungsfeld zwischen Wünschen/Sehnsüchten/Träumen und gesellschaftlicher Realität stehen. Die Erwartungshaltungen an das eigene persönliche Glück sind ebenso klein wie die Möglichkeiten, vor Ort ein selbstbestimmtes, unbeschwertes Leben zu führen. Die Männer haben zumeist das Sagen, man ist schon zufrieden, wenn der Gatte nicht säuft, spielt oder schlägt. Junge Frauen wechseln oft aus der Dominanz der Herkunftsfamilie in die des Ehemannes. Amerika scheint ein verbreiteter Sehnsuchtsort zu sein: Die Frauen suchen sich dort eine Ehe, die Männer einen Arbeitsplatz. Doch die Verheißung übertrifft meist die Umsetzung. Bis zum Erlangen der ersehnten Papiere muss die Familie in der Heimat verharren. Konflikte sind vorprogrammiert. Wer zudem den Schritt in die Fremde wagt, vermisst seine Wurzeln, fühlt sich fremd und leidet an Heimweh – da empfinden die russischen Migranten nicht anders als die türkischen oder syrischen hierzulande. „Bei dir ist es anders, Katja. Du lebst in zwei Welten. Als würdest du mit jedem Fuß auf einem Wasserball stehen, solchen mit einer Weltkugel drauf“, sagt die Mutter zur Tochter beim Besuch in Amerika. Leichter gesagt als getan, und abrutschen kann man auch.

Kseniya Melnik gelingt es auf beeindruckende Weise, ganze Schicksale auf relativ wenigen Seiten authentisch und lebensnah zu beschreiben. Schnell hat man ein Bild dieser ländlich-kalten Einöde, von den existenziellen Nöten der Menschen, zu deren Alltag eine unzuverlässige Versorgungslage, Korruption und mangelnde Infrastruktur gehören. Die Lebensbedingungen sind uns vollkommen fremd, ein Glossar erklärt deshalb unbekannte Begriffe wie Kommunalka, Kolchose oder Chruschtschowka.

Wer zu jung ist, um dieser Welt durch Heirat zu entfliehen und besondere Talente hat, versucht durch sportliche oder künstlerische Höchstleistungen zu glänzen. Förderung ist mit hohem Druck verbunden. So versagt der 9-jährige Dima beim Klaviervorspiel, das für seine musikalische Zukunft so wichtig ist. Die pubertierende, frühreife Asik nimmt ihre Chance als Nachwuchstänzerin nicht ohne Berechnung wahr. Sehr bewegend auch das Schicksal des Star-Komponisten Makin, dessen Geburtstag im Jahr 1997 groß und öffentlichkeitswirksam gefeiert werden soll: Während er Jubilar der Veranstaltung fernbleibt, erfährt der Leser vieles aus seinem wechselhaften Leben, das 1942 eine tragische Wende nahm, als er wegen Homosexualität bei Stalin in Ungnade fiel und nach Magadan geschickt wurde. Ein Schicksal, das nicht nur beispielhaft für zahlreiche Künstler seiner Zeit steht, sondern an dem des Musikers Wadim Aleksejewitsch Kosin (1903-1994) orientiert ist – man bekommt Gänsehaut angesichts dieser Willkür.

Die Themen dieses Erzählbandes sind zahlreich und werden komplett überzeugend vorgetragen. Es geht um bessere Lebensperspektiven, Sehnsüchte, Freundschaft, Familie, Partnerschaft, Herkunft, Staatsmacht, gesellschaftlichen/politischen Wandel und vieles mehr. Deutlich wird die immense Bedeutung von Großfamilie und Tradition in der russischen Kultur, die im Zeitablauf Veränderungen unterworfen ist. Aus räumlichen Trennungen entwickeln sich Scheidungen, die Patchwork-Familien nach sich ziehen. Die Alten werden allein in Magadan zurückgelassen, die Bewohnerzahl schrumpft. Immer wieder zeigt die Autorin ihre genaue Beobachtungsgabe. Sie hat einen versierten Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen, die sie in komplexen Charakteren und vielseitigen Perspektiven abbildet. Stilsicher geht sie mit Sprachbildern und Metaphern um. Melnik beweist großes Können in diesem ihrem Debüt, das von der Übersetzerin Hella Reese aus dem amerikanischen Englisch übersetzt wurde.

Man wird in eine unbekannte Welt geführt. Deutlich werden auch die starken Bande zwischen Russland und der Ukraine. Viele Familien haben ihre Wurzeln in beiden Nationalitäten, sie betrachteten sich bis vor Kurzem als befreundete Bruderstaaten. Wie tragisch ist daher dieser neuerliche Krieg!


Es ist selten, dass mich in einem Erzählband fast alle Geschichten restlos überzeugen. Hier ist das jedoch der Fall. Deshalb möchte ich ihn allen Menschen empfehlen, die sich gern kurzweilig und intensiv in andere Lebenswelten versetzen lassen. Die Autorin schreibt gerade an ihrem ersten Roman, ihren Namen sollte man sich unbedingt merken.

Cover des Buches Schnee im Mai (ISBN: 9783755600060)
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Rezension zu "Schnee im Mai" von Kseniya Melnik

Kurzgeschichten
KataRafvor 2 Jahren

#schneeimmai von #kseniyamelnik ⚫

vereint neun russische Erzählungen. Sie spielen in der Peripherie, in Magadan.

1929 noch ein Fischerdorf, wurde Magadan 1930 ein großes Zwangsarbeitslager. In den 1930ern wuchs es zum Verwaltungszentrum des Gulags im Norden an. Es blieb ein wichtiger Hafen, Militärstützpunkt und Sperrgebiet bis in die 90er Jahre. 150.000 Menschen lebten in Magadan, jetzt ist es in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht und hat mehr als ein Drittel seiner Menschen verloren.

Die schattige Geschichte von Magadan scheint durch die Erzählungen, das kalte Wetter, die Abgeschiedenheit, das harte Leben, dem seine Menschen mit Leidenschaften und Begehren trotzen.
In den 70er Jahren fahren wir auf Einkaufstour nach Moskau und verpassen ein Rendezvous mit einem italienischen Fussballer. Ende der 80er Jahre begleiten wir ein krebskrankes Kind zu einer Heilerin. In den 50er Jahren sehnen wir uns nach einem echten französischen Lippenstift, genießen ein jugoslawisches Kleid. Wir tauchen ein in die Welt eines Tanzlehrers und eines in Ungnade gefallenen Tenors. Auch die Emigration in die USA nach dem Ende der Sowjetzeit bekommt ihren Platz.

Melnik selbst ist in Magadan geboren und nach Alaska, später Los Angeles ausgewandert. Ihre changierende Liebe und Distanz zu der russischen Peripherie und eine wehmütige Melancholie wehen durch die Erzählungen. Ich habe die Geschichten gern gelesen und empfehle sie all jenen, die an Russland und dem Osten interessiert sind.

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