Kurban Said

 3.7 Sterne bei 27 Bewertungen
Autor von Ali und Nino, Das Mädchen vom Goldenen Horn und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Kurban Said

Ali und Nino

Ali und Nino

 (24)
Erschienen am 18.11.2016
Das Mädchen vom Goldenen Horn

Das Mädchen vom Goldenen Horn

 (2)
Erschienen am 01.08.2009
Ali and Nino

Ali and Nino

 (1)
Erschienen am 05.10.2000

Neue Rezensionen zu Kurban Said

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Rezension zu "Ali und Nino" von Kurban Said

Keine leichte Kost
ElDragonvor 7 Monaten

Für mich als Mitteleuropäer war es sehr interessant - aber auch schwierig, mich auf die beiden höchst unterschiedlichen Denkweisen der beiden Hauptpersonen einzulassen. Die leider tragisch endende Geschichte bietet jedoch die Chance, zumindest etwas Verständnis für diese auf uns sicher fremdartig wirkenden Mentalitäten zu gewinnen.

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Rezension zu "Ali und Nino" von Kurban Said

Aserbaidschans Nationalroman: Märchen und Appell
Schmiesenvor 7 Monaten

"Möge der Zug gen Westen sausen. Ich bleibe zurück."

Am Vorabend der russischen Revolution verlieben sich die georgische Christin Nino und der aserbaidschanische Moslem Ali ineinander - mitten in Baku, einer Stadt, die auf der Grenze zwischen Orient und Okzident erbaut ist. Trotz der religiösen Differenz rückt die Hochzeit in greifbare Nähe - doch dann wird Nino entführt, und über Baku brechen Kriege herein, wodurch das Paar auf eine lange Odyssee gerät.

Auf der Grenze zwischen Orient und Okzident - das ist wohl das Haupttheme in Kurban Saids/Essad Beys/Lev Nussimbaums brillantem Meisterwerk. In "Ali und Nino" vereinen sich diese beiden Welten mal mit mehr, mal mit weniger Mühe zu einem wunderschönen Flickenteppich. Denn Baku kennt das Dasein als kosmopolitische Stadt. Schon immer lebten dort alle Nationalitäten und Religionen miteinander, und das sogar recht friedlich. Dennoch, ob Kurban Saids Blick nicht etwas von seiner Orientleidenschaft, seiner Idealisierung des friedlichen Islams getrübt ist, lässt sich aus unserer Perspektive schwer feststellen. Jedenfalls werden elementare Fragen gestellt, die die Verbindung dieser beiden Welten betreffen, und die uns gerade heute wieder stark beschäftigen.

Schlüsselfiguren in diesem konfliktreichen und doch erstaunlich harmonischen Roma n sind Ali und NIno. Es geht um ihre Liebe, aber vor allem geht es um ihre Annäherung, ihre Abstoßung, ihre Kompromisse. Ali ist Orientale durch und durch, so seine Ansicht. Er wächst als Sohn eines reichen Khans auf und ehrt Tradition und Religion. Nino lebt in der europäisch geprägten Außenstadt Bakus (außerhalb der alten Stadtmauern, die den muslimischen Teil der Stadt begrenzen) und wächst europäisch auf. Allein mit solchen räumlichen Verortungen malt Said Bilder in unsere Köpfe. Die beiden verlieben sich ineinander, und zwar so stark, dass sie keine Hindernisse kennen, um ihre Liebe offiziell zu machen. Ali wirft dafür alle Traditionen über Bord - seine Frau wird nicht den Schleier tragen, er wird keinen Harem haben, er lässt sich auf eine europäische Lebensweise ein. Nino erlernt das Handwerk der "guten orientalischen Frau", verliert aber niemals ihre Selbstbestimmtheit. Sie ist in meinen Augen eine außerordentlich kluge und starke Person, deren Seelenleben wir nur in den Gesprächen mit Ali entdecken, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Ich schätze Nino sehr - sie ist eine Frau, die man gerne einmal im echten Leben kennengelernt hätte.

"Ali und Nino" ist nebst all den philosophischen und politschen Themen auch einfach eine grandios erzählte Geschichte. Jede Szene dauert genau so lange, bis sie die Handlung ein kleines Stückchen vorangetrieben hat, und alles ist mit einem feinen Humor gespickt. Kurze Sätze erzeugen ein angenehmes Tempo, immer angereichert mit passenden, sehr anschaulichen Metaphern. So beschreibt Ali beispielsweise die Ölbohrtürme Bakus als "bösen, dunklen Wald". Wer schon einmal Bilder davon gesehen hat, der wird sich dieser Beschreibung anschließen. Atemlos ritt ich mit Ali durch die nächtliche Wüste, als er den Entführer seiner Frau verfolgte. Gebannt lauschte ich den Dichtern auf dem karabaghischen Dorfplatz. Wütend litt ich mit Nino im persischen Harem. In diesem kleinen Buch stecken so viele Lebenswelten - vom mondänen Tiflis bis hin zum streng religiösen Persien -, dass sich allein für die kulturelle Bereicherung die Lektüre lohnt. Said ist hierbei niemals wertend, er erkennt keine Lebenswelt als höherwertig an. Er ist schlicht ein großartiger Beobachter, der sich für die Völker der Welt nichts mehr wünscht, als dass sie sich endlich vertragen. Er zeigt dies immer wieder durch Nebenfiguren, die interessante Ideen beisteuern: "

Und auch Politik und Krieg haben ihren Platz in "Ali und Nino", denn Ali sieht die höchste Tugend des Mannes noch immer im Krieg. Wir erleben Aserbaidschan als Teil des russischen Zarenreichs, als eigenständigen Staat und müssen letzten Endes mit ansehen, wie es von den Bolschewiken überrollt wird. Es wird geschossen, es wird gestorben - aber all das gehört schließlich zu einem guten Märchen dazu. Und das ist "Ali und Nino" sicherlich auch, denn Kurban Said begibt sich ganz in die träumerische Erzähltradition seiner orientalischen "Vorväter".

"Ali und Nino", heute der Nationalroman des unabhängigen Aserbaidschans, ist für mich ein Wunder von einem Roman. Dringliche Fragen, die sich immer stellen werden, solange es Orient und Okzident gibt, beantwortet Kurban Said mit Liebe und gegenseitigem Verständnis. Denn was auch die Figuren im Buch am meisten fürchten, ist das Unbekannte. Said gestattet ihnen aber nicht, sich abzuwenden und blind zu hassen, nein, er lässt sie hinschauen und Kompromisse schließen. Und das ist vielleicht der wichtigste Appell an unsere heutige Welt.

Wer noch mehr über den mysteriösen Autor Kurban Said und den Roman erfahren will, dem lege ich dringend die Lektüre von Tom Reiss' "Der Orientalist" ans Herz.

Kommentare: 1
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Rezension zu "Das Mädchen vom Goldenen Horn" von Kurban Said

Es gab keine Heimat für den Wanderer zwischen zwei Welten...
Schmiesenvor 2 Jahren

Inhalt:  
Nach dem Sturz der osmanischen Regierung sind etliche ehemalige Würdenträger gezwungen, ihre Heimat Türkei zu verlassen und vor dem neuen Regime zu fliehen. Unter ihnen auch Achmed- 
Pascha Anbari, einst 38. Ehrenmann im Gefolge des Königs, nun verarmter, teppichhandelnder "Wilder" in Berlin. Mit ihm wurde auch seine schöne Tochter Asiadeh, die einem osmanischen Prinzen versprochen war, ins Exil getrieben. Im Studium altturkischer Sprachen an der HU Berlin versucht sie, die Verbindung zu ihrer Heimat und zu ihren Ahnen zu halten. Eines Tages trifft sie dann den österreichischen Arzt Dr. Hassa und bald darauf heiraten die beiden. Doch auch der vetriebene osmanische Prinz erhebt Anspruch auf seine Versprochene, und so findet sich Asiadeh zwischen Orient und Okzident und der Liebe zu zwei Männern. 
 
Meine Meinung: 
Ein Buch aus den 30er Jahren, das aktueller nicht sein könnte. Und dann auch noch verfasst von einem Autor, dessen Identität bis heute nicht abschließend geklärt werden konnte. Allein schon diese Prämissen (und meine Liebe zu "Ali und Nino") ließen mich diesen Roman mit großer Freude angehen. 
 
Die großen Themen dieser Geschichte sind Heimat und Heimatlosigkeit. Vertriebene aller Art finden sich in Berlin wieder und versuchen auf unterschiedlichste Art, ihr heimatloses Leben zu meistern. Asiadeh sucht die Brücke vom Westen in den Osten im Studium der Sprachen ihrer Ahnen. Sie ist eine bemühte Philologiestudentin, die durch ihre blonden Haare und grauen Augen so gar nicht orientalisch wirkt. 
 
Als sie den Arzt Dr. Hassa ehelicht, der eigentlich Hassanovic heißt und aus dem muslimischen Sarajevo stammt, eröffnet sich für sie endgültig die Kluft zwischen ihrer orientalischen Heimat und der okzidentalen Fremde, in der sie versucht, sich heimisch zu fühlen. Nackte Schultern, Frauen, die immer wieder neue Männer haben, Männer, die die Ehre ihrer Frauen nicht verteidigen. All das ist ihr fremd, und auch ihr Ehemann muss ihr fremd bleiben. "Herr und Gebieter" oder "Hassa" nennt sie ihn. Sie nennt sich seine Sklavin, ewig ergeben solange er sie nicht verstößt. Ihre türkischen Haremsvorstellungen einer Ehe bringt sie in diese Beziehung mit, wird dadurch zur Vorzeigeehefrau und gleichzeitig als "Wilde" belächelt. 
 
Als dann eines Tages der verschollen geglaubte osmanische Prinz wieder in ihr Leben tritt, sieht sie sich mit der Heimat konfrontiert. Der Prinz hat zwar einen amerikanischen Namen und trinkt zu viel Alkohol, doch er ist ein Mann, der die Ehre der Frau auch mit Gewalt verteidigt und sie für sich einfordert. Diese Welt ist Asiadeh bekannt, sie sehnt sich nach ihr und will nicht länger mit einem "Fremden" leben. Doch sie ist zu stolz, zu ehrlich und zu treu um Hassa einfach den Rücken zu kehren. Und am Ende ist doch sie es, die allen Beteiligten zu ihrem ganz persönlichen Glück verhilft. 
 
Die beiden scheinbar unverträglichen Seiten Orient und Okzident werden in diesem Roman so differenziert und ungeschönt dargestellt, dass der Leser nicht wagt, auch nur im Geringsten über eine der Personen zu urteilen. Zwar werden fremde Gebräuche, vielleicht sogar barbarisch anmutende Traditionen geschildert, doch es prallen hier Welten aufeinander, die kein Urteil erlauben und in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren sind. Und so werden die heimatlosen, vertriebenen Türken zu wahrhaftigen Menschen, die uns vor Augen führen, dass keine Welt gut oder schlecht, richtig oder falsch sein kann: "Es war keine schlechte Welt, die sich hier ausbreitete, es gab vielleicht überhaupt keine guten und keine schlechten Welten. Jede Welt konnte ihre Menschen glücklich machen." Alles, wonach sich die Menschen in allen Welten sehnen, ist ein Gefühl der Heimat und Verbundenheit; das gilt für Hassa und Marion genauso wie für Asiadeh und den Prinzen. Und wahrscheinlich ebenso für jeden von uns. 

Fazit:
Ein überwältigendes Buch, das jeden Einzelnen die Dinge in seinem Leben überdenken lässt, die er für selbstverständlich hält. Ich wünsche dieser Geschichte viele Leser und vor allem viele Zuhörer, die erkennen, was sie uns geben kann.

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