Kurt Oesterle Martha und ihre Söhne

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Inhaltsangabe zu „Martha und ihre Söhne“ von Kurt Oesterle

Martha, eine junge Frau von zwanzig Jahren, erlebt den Zusammenbruch einer Diktatur, die sie voll und ganz bejaht hat. Aus Angst vor der Rache der Sieger beschließt sie, schnellstmöglich Kinder zur Welt zu bringen, in der Hoffnung, eine Mutter werde auf jeden Fall geschont. Sie gebiert rasch hintereinander zwei Jungen, denen sie zusammen mit Paule, ihrem Mann, im Niemandsland zwischen Diktatur und Demokratie allerdings nur wenig zu bieten haben: Martha, eine kraftvolle, aber gebrochene Person, die aufgrund der falschen Überzeugungen und Werte, die sie noch in sich trägt, ihre Kinder nicht für die Zukunft erziehen kann.

Die beiden Jungen, Fred und Hel, müssen gewissermaßen selbst groß werden, sich selber helfen – und tun dies auch, wenngleich auf unterschiedliche Art. Wie sie den Kampf um die eigene Zukunft in einer seelischen und bildungsmäßigen Ruinenlandschaft in mehreren, teils schweren Bewährungsproben bestehen, erzählt der Roman für die ersten zwölf Lebensjahre.

Erst gegen Ende lichtet sich der Nebel ein wenig. Und ein neues Leben zeichnet sich ab.

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  • Martha im Nachkriegsdeutschland

    Martha und ihre Söhne

    Buecherschmaus

    01. October 2016 um 18:49

    Literatur über die unmittelbare Nachkriegszeit erzählt meist aus männlicher oder kindlicher Sicht. Es sind die heimkehrenden Männer, die sich in der sogenannten „Trümmerliteratur“ ihren Platz ins Leben zurückschreiben wollen, es sind die Schriftsteller, die sich an ihre Kindheit in jenen Jahren erinnern. Zudem gibt es eine deutliche Überzahl derjenigen Romane, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus, besonders auch der Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen oder dem grausamen Kriegsgeschehen beschäftigen. Zumindest mir sind relativ wenige, zumal neuere literarische Werke bekannt, die sich intensiv mit der Zeit unmittelbar nach 1945 beschäftigen. Und dann noch die Perspektive einer jungen Frau, deren Sozialisation nahezu vollständig im Dritten Reich erfolgte, einnehmen.Martha war nicht nur Mitläuferin des NS-Regimes. Sie war eine der jungen Frauen, deren begeisterte Ausbrüche man in Dokumentarfilmen über diese Zeit staunend wahrnimmt und die denen junger Beatles-Fans in Nichts nachstanden. Hitler-Deutschland war ihr nicht nur räumlich, sondern vor allem emotional und ideell Heimat. Auch nach dem Zusammenbruch lässt sich eine solche tief empfundene Verbundenheit nicht einfach lösen. „Sie war nur der stets zweifelsfreien Ansicht gewesen, dass alles, was ringsum geschah, richtig und großartig sei. Und dass ihr Volk, wenn sie ehrlich mit sich war, andere Völker versklaven und ausrotten dürfe.“Nun kam im Mai 1945 „die Rache der Sieger, (…) die Strafe, ihr Richtspruch über die Besiegten: die Eingliederung ihres Volkes in die große Völkerherde.“Angst beherrscht Martha nun, aber pragmatisch wie sie ist, lässt sie sich zunächst einmal schwängern, im Glauben, als Mutter vor der Wut des Siegers besser geschützt zu sein. Doch bald muss Martha erkennen, dass auch die Sieger anders sind als von ihr gekannt.„Vor Siegern, die nicht zupacken und Zwang ausüben konnten, sondern nur appellieren, aufwecken und überzeugen wollten, empfand sie keinerlei Achtung und noch weniger Furcht.“So verläuft die sogenannte „Entnazifizierung“ durch die Amerikaner für Martha und etliche wie sie nahezu folgenlos. Aber es ist die bekannte Mär von der „Stunde Null“, dem Neuanfang, der aus Millionen treuer Nationalsozialisten plötzlich Demokraten machte. Kurt Oesterle schildert beeindruckend, dass und warum das nicht funktionieren konnte. Beschreibt aber auch auf eindrucksvolle Art und Weise die teils naiven, immer aber humanitären Bemühungen der Besatzer. Appelle wie „Nützt die kostbare Zeit, euch zu bilden, aber nicht allein, um im Beruf voranzukommen, sondern vor allem um euch zu schützen gegen politische Verdummung und Verführung.“ Und „Ihr, die kleinen Leute, seid nämlich die Hauptnutznießer der Demokratie. Keine andere Staatsform bietet euch so viele Vorteile. In Diktaturen seid ihr nur als Mittäter, Beifallspender…“ sind heute, gerade heute wieder, so aktuell wie damals. Wie schwer und langwierig die Erziehung zu demokratischem Denken ist, dürften wir Westdeutsche wissen und müssten auch die Vorgänge in anderen Landesteilen und überall auf der Welt verstehen, die erneut gemachten Versäumnisse erkennen. Demokratisches Verständnis kann nicht einfach „übergestülpt“, sondern muss mühsam erarbeitet und erfühlt werden. Kurt Oesterle schafft mit „Magda und ihre Söhne“ somit nicht nur ein beeindruckendes Porträt der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Sicht einer Durchschnittsfrau, sondern schafft auch frappierende Parallelen zum Heute. Ist Marthas Gefühl der „Behütetheit“ im alten Regime, der „Geborgenheit in wohliger Unmündigkeit“ und schließlich ihr „Heimweh nach der alten, Wut auf die neue Zeit“ durchaus auch ein heute in ähnlicher Form anzutreffendes Phänomen. Kurt Oesterles Bestreben, die geschilderten Dinge bis in tiefe Schichten zu durchleuchten und zu erklären, verhindert vielleicht die große emotionale Nähe zu seinen Personen, sein klarer, nüchterner, analytischer Stil geht in dieselbe Richtung. Fabulierlust ist das nicht. Dafür hat er ein sehr aufschlussreiches, nachdenklich machendes und wichtiges Stück Literatur geschaffen.

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