Wenn die Eltern weggestorben sind, halten deren erwachsene Kinder zuweilen Rückschau. So auch Kurt Palm. Durchsetzt mit Tagebucheintragungen und Selbstbefragungen, sinniert er über seine Herkunft, versucht Widersprüche aufzulösen zwischen dem, was ihm erzählt wurde, und dem, was in Dokumenten steht. Auch ein Besuch im slawonischen Suhopolje, dem Herkunftsort seiner Eltern, der übersetzt „Trockenes Feld“ bedeutet, wirft mehr Fragen auf, als er Antworten bringt. War der Vater als Mitglied einer SS-Polizeitruppe an dortigen Verbrechen beteiligt? Wo war er überhaupt, dieser Vater, während des Zweiten Weltkriegs? Frankreich ist gesichert, aber die Umstände vage.
Den Weg der Mutter mit einem Flüchtlingstreck aus der zu Suhopolje gehörenden Siedlung Kapan kann Palm etwas klarer nachzeichnen, die späteren Anfeindungen, denen die Eltern in der oberösterreichischen Provinz ausgesetzt waren, ebenso. „Generell hatte Österreich kein besonderes Interesse an einer Eingliederung der Flüchtlinge, wofür man in erster Linie wirtschaftliche und soziale Gründe anführte.“ Das kommt einem bekannt vor, wie auch die Tatsache, dass diese Flüchtlinge sich im Niedrigstlohnbereich (damals als Knechte, Waldarbeiter, Mädge etc.) verdingen mussten, weil andere – bessere – Arbeit ihnen nicht offenstand.
Schikanen ohne Ende. Wie sollte ein Vertriebener Nachweise darüber erbringen, dass dieses Stück Land oder jenes Haus im nur einige hundert Kilometer entfernten Suhopolje einmal ihm gehört hatte? Das kommunistische Jugoslawien hatte kein Interesse daran, und der österreichische Staat verlangte Kaufverträge, Schenkungsurkunden, Grundbuchsauszüge und Quittungen, die von den Vertriebenen natürlich nicht vorgelegt werden konnten. So war beiden Seiten, dem österreichischen und dem jugoslawischen Staat, gedient.
Trotz dieser Umstände fühlte sich Palm „allerdings nicht als Kind von Flüchtlingen, sondern als Kind ganz normaler Eltern“, der eine für die damalige Zeit (Palm ist Jahrgang 1955) auch recht normale Entwicklung nahm: ein bisschen langhaariger Protestler inklusive Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei, ein bisschen Weltenbummler, schließlich doch Studienabschluss und nach einigen Umwegen sogar mit einem Einkommen versehen, das die besorgten Eltern, die sich für ihren Sohn immer wieder geniert hatten, beruhigte.
Es ist ein sehr persönliches Buch, in dem auch der Selbstmord des Bruders nicht ausgespart wird, denn, so Kurt Palm, jede „Familie hat ihr Lebensthema. Bei der einen Familie ist es die Arbeit, bei der anderen der Alkohol, bei der dritten der Suizid, bei der vierten der Verlust. In meiner Familie war von allem etwas dabei.“












