Kurt Palm Die Besucher

(6)

Lovelybooks Bewertung

  • 6 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 3 Rezensionen
(1)
(2)
(2)
(1)
(0)

Inhaltsangabe zu „Die Besucher“ von Kurt Palm

Der Klappentext hat ganz andere Erwartungen in mir geweckt, ich bin mehr als Enttäuscht.

— thenight
thenight
  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Lost in confusion

    Die Besucher
    J-B-Wind

    J-B-Wind

    15. April 2013 um 15:26

    »1 Scheibe Leberkäse 1 Erdäpfelpüree 1 Bummerlsalat 1 Joghurtdressing 614 Kcal. Er drehte den Zettel um und schrieb auf die Rückseite: 10. November: Mein neues Leben: Nie wieder Stille. Eine Horrorvorstellung. Gefangen im Labyrinth der Angst und des Erdäpfelpürees. Scheiße, Amen!« Martin Koller, der Protagonist in Kurt Palms neuem Buch liegt nach einem Hörsturz im Krankenhaus. Als Auslöser der Krankheit vermuten die Ärzte ein Burn-Out". Durch die quälenden Ohrgeräusche, die scheinbar durch nichts beheilt werden können, fällt Martin in eine tiefe Depression. Noch im Spital verschreibt man ihm deshalb zusätzlich zu anderen Tabletten Antidepressiva und Tranquilizer. Die lange Liste der Nebenwirkungen scheint Martin Koller nicht zu beunruhigen: »Impotent kann ich nicht mehr werden, weil ich es schon bin, dachte Martin niedergeschlagen und er überlegte, ob er sich diese Medikamente überhaupt besorgen sollte.>Ach, scheiß drauf, ist ohnehin alles egal<, murmelte er, bevor er die Wohnung verließ.« Im Internet versucht er Klarheit über seine Beschwerden zu erlangen, doch die Einträge in diversen Selbsthilfeforen lassen machen ihn noch ängstlicher, denn sie lassen den Schluss zu, hilfe gäbe es für ihn nicht. Nach der Lektüre hat Martin vielmehr das Gefühl in einer dunklen Sackgasse gelandet zu sein. Aber nicht nur sein Gesundheitszustand bereitet ihm Sorgen, auch alles andere in seinem Leben scheint auseinanderzubröckeln, alles, was er sich aufgebaut hatte, in sich zusammen zu fallen. Seine Frau Paula (die sich in einem anderen Leben Dora nennt) überfordert ihn mit ihrem plötzlichen Kinderwunsch. Gerade jetzt, wo sein bestes Stück sich weigert, seinen Dienst zu tun, auch wenn er an seine Geliebte Sandra denkt. Sein verschrumpelter Pimmel unter der Bettdecke steht stellvertretden für alle unerledigten Angelgenheiten in seinem Leben, das ihm immer mehr entgleitet. Chefredakteur Katzinger scheint geheime Pläne gegen ihn zu schmieden. Gerüchte über Martins angeblicher Entlassung machen in der Redaktion die Runde. Und da ist noch Walter Kelp, ein ehemaliger Schulfreund, der in die Naziszene abgerutscht ist und mit einem Brandanschlag auf ein Asylantenheim im achten Wiener Gemeindebezirk in Verbindung gebracht wird und Martin per Mail kontaktiert. Und just während all dies passiert, bekommt seine Schwester eine Kur bewilligt. Martin soll für wenige Tage ihre Stelle einnehmen und die schwerkranke Mutter pflegen und betreuen. Widerwillig fährt Martin nach Schwarzmoos, der Stätte seiner Kindheit. Das Leiden seiner Mutter, gepaart mit seiner eigenen Hilflosigkeit, führt zu noch mehr diffusen Ängsten. Aus Befürchtung seine Mutter würde zuviele Medikamente nehmen, trifft er sich mit Manuela, einer Ärztin in der Nachbarschaft, die vor Jahren durch einen Unfall ihren Sohn verloren hat und seitdem wie ein blasses Abziehbild ihrer selbst durch das Leben geht. Martin, der sich vorsorglich ein potenzsteigerndes Mittel bei einem ungarischen Urologen besorgt hat, schläft mit ihr, was für beide Seiten in einen unbefriedigenden Akt mündet. Ein zweiter Versuch unterstreicht Martins Dilemma noch. Als er nach dieser Schmach nach Hause kommt sind >sie< plötzlich da. Diese stummen Menschen in grauen Kitteln, Männer wie Frauen, die barfuss aus dem Nirgendwo, in seinen Garten und sein Haus eindringen. Alle tragen graue Decken unter dem Arm. Die, nach nassen Hunden, stinkenden Leute nehmen das Haus in Beschlag, wandeln herum, sehen sich um und schlafen auf ihren grauen Decken am Boden. Sei lassen sich nicht weg stossen, sie reden nicht mit Martin und er schafft es auch nicht ein Foto von ihnen zu machen. Martin ertappt eine der weiblichen Gestalten dabei, wie sie seine Mutter umarmt und streichelt. Eine der Frauen trägt ein Tatoo auf ihrem Bauch und Martin erinnert sich daran, was Manuela ihm am Abend erzählt hat: Das Grauen hat gerade erst begonnen... Kurt Palm hat 2011 mit seiner grotesken Krimisatire >Bad Fucking< einen Geniestreich hingelegt und den Fiedrich-Glauserpreis dafür erhalten. Die Latte für den zweiten Roman lag also sehr hoch. Der Autor hat sich somit für das einzig Richtige entschieden, nämlich keinen zweiten Krimi nach zu legen, sondern sich in einem ganz anderen Genre zu versuchen. >Die Besucher< ist eine Art Sci-Fi - Horrorthriller, bei dem die Grenzen verschwimmen. Wer, wie ich, ein großer Fan von David Lynch ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Erzählstränge werden begonnen und lose miteinander verknüpft. Offene Enden und Erzähllöcher, die den Leser zum Reflektieren und Nachdenken zwingen, sind ebenso vorhanden. Im Roman ist die Stimmung durchwegs dunkel und düster, was dadurch verstärkt wird, dass es die ganze Zeit regnet und sich seltsame Dinge ereignen, die scheinbar in keinem Zusammenhang zueinander stehen: Krähen fallen tot vom Himmel auf den Asphalt; aus der Pathologie im Krankenhaus verschwindet die Leiche einer Frau, der nicht nur die Reproduktionsorgane fehlen, sondern auch die beiden Amygdalae; in einer Schachtel auf dem Dachboden findet Martin mysteriöse Fotos und Babykleidung. Später taucht noch ein (Kinder)knochen als Fundstück auf. Und dazwischen immer wieder das Zischen und Brausen in Martins Ohr, das ihm den Verstand und den Schlaf raubt und ihn sogar an Selbstmord denken lässt. Der Roman beschäftigt sich vorrangig mit dem Tod und dem Leben in all seinen Facetten. Denn während Martins Mutter stirbt, entsteht in der Ärztin neues Leben, von Martin gezeugt. Der Kreislauf des Lebens wird hier genauso beschrieben, wie auch die Angst vor Krankheit und Tod, die einen derart einnehmen können, dass man in den Wahnsinn abgleitet und nur eine Sehnsucht hat, -- die nach Stille und Frieden. Die Angst Martins ist allgegenwertig und deutlich zu spüren, nicht nur vor den Besuchern, vor dem Tod der Mutter, der Krankheit und den Geräuschen in seinem Ohr, sondern auch die Angst vor Impotenz, beruflichem Versagen und dem Verlassen werden. Martin Koller vermeidet es allerdings über seine Ängste zu sprechen, vielleicht weil er sich ohnehin schon entmannt genug fühlt. Wer sind die Besucher? Sind es Außerirdische? Geister? Wahnsinnige, die aus einer Anstalt geflohen sind? Mir persönlich kommen die grauen Gestalten wie bizarre Todesengel vor, da sie verschwinden als Martins Mutter endgültig ihren letzten Atemzug macht. Die Interpretation überlässt Palm den Lesern, einer endgültigen Antwort entzieht sich der Autor und hinterlässt sicher manchen Leser ratlos. Genauso wie auch das Ende verschiedene Betrachtungsweisen und Interpretationen erlaubt. Die Besucher" ist ein flüssig zu lesender Roman der noch lange nachhallt. Er zeigt menschliche Grenzen auf und thematisiert die Verbindung zwischen dem Körper und der Psyche. Kurt Palm schreibt in einer klaren schnörkellosen, zeitweise derben Sprache, -- diesmal frei von jeglichem Humor. Geschehnisse gleiten manchmal ins Banale ab, was vom Autor sicher gewollt ist, da der Protagnonist sich gerade durch die Banalitäten des Alltags, wie die Zusammensetzung von Staubflusen, von seinem Leiden abzulenken versucht. Auch mit diesem Buch wird Kurt Palm die Leserschaft, sowie die Kritiker spalten. Trotzdem lässt sich nicht daran rütteln, dass Palm es versteht Spannung aufzubauen und hier einen Roman vorlegt, der darauf abzielt den Leser genauso um den Schlaf zu bringen, wie seinen Protagonisten. Fazit: Sehr lesenswerter Roman, für alle Liebhaber von Mystery, Horror, Sci-Fi-Romanen und Fans von experimentellen Filmen. Leser und Kritiker dürfen gespannt sein, womit Kurt Palm sie als nächstes überrascht.

    Mehr
  • Rezension zu "Die Besucher" von Kurt Palm

    Die Besucher
    marion_gallus

    marion_gallus

    Martin Koller, ein Journalist von 42 Jahren, liegt mit einem schweren Hörsturz im Krankenhaus. Auf Stress führen die Ärzte dies zurück, doch davon hat Martin Koller eigentlich nicht mehr, wie jeder andere Mensch auch. Er sitzt abends auf der Couch und plötzlich hat er das Gefühl sein linkes Ohr sei mit Watte gefüllt. Als er dann in seinem Kopf lautes Rauschen, dafür seine eigene Stimme nicht mehr richtig hört, bekommt er Angst und fährt in die Klinik. Dort wird er dann einige Tage stationär behandelt und mit Medikamenten voll gepumpt, die allerdings keine Wirkung zeigen. Zumindest keine positiven. Nebenwirkungen verspürt er eine Menge, z.B. dass sein ganzer Körper nach den Ausdünstungen des Kortison riecht und er impotent ist. Das trostlose Ding zwischen seinen Beinen reagiert überhaupt nicht mehr, nicht einmal mehr auf Vorstellungen die ihn früher immer gereizt haben. So langsam aber sicher hat Martin das Gefühl durchzudrehen, die Geräusche in seinem Kopf machen ihn wahnsinnig. Sie lassen ihn nicht schlafen, er kann nicht denken und er wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich wieder Stille in seinem Kopf. Nach gut einer Woche wird er entlassen und Martin bekommt jede Menge Medikamente mit, die ihm helfen sollen. Er ist einige Tage zu Hause, wo er seiner Frau das Leben mit seinem Leiden und der daraus entstandenen schlechten Laune nicht gerade leicht macht. Dann fährt er hinaus nach Schwarzmoor, seinem Heimatdorf. Dort soll er für eine Woche auf seine sterbenskranke Mutter sorgen. Seine Schwester Babsi hat eine 1-wöchige Kur bewilligt bekommen, die sie auch dringend nötig hat. Bereits auf dem Weg nach Schwarzmoor geschehen seltsamen Dinge. Es regnet in Strömen und auf der Autobahn fällt im plötzlich eine schwarze Krähe in die Windschutzscheibe. Als er daraufhin am Straßenrand anhält, sieht er, dass Unmengen von diesen Tieren am Boden liegen. In Schwarzmoor angekommen macht seiner Schwester mit ihm die „Patientenübergabe“, erklärt ihm was er zu tun hat, welche Medikamente er wann der Mutter zu geben hat und gibt ihm Rufnummern für den Notfall. Mit der Mutter alleine im Haus beginnen dann die unheimlichen Vorkommnisse. Martin findet auf dem Dachboden eine Schuhschachtel mit einem alten Foto und Babysachen darin. Es scheint, als hätte es einen Bruder gegeben, der als Säugling verstorben ist und von dem niemand der Familie je etwas erfuhr. Dann tauchen auf einmal unheimliche Fremde auf, Menschen die nicht sprechen und diese Ereignisse, vermischt mit dem nach wie vor quälenden Hörsturz, bringen Martin so langsam aber sicher um den Verstand …. Wer den Rest lesen mag ... http://buchwelten.wordpress.com/2012/03/26/die-besucher-von-kurt-palm-35/ © Buchwelten 2012

    Mehr
    • 3
  • Rezension zu "Die Besucher" von Kurt Palm

    Die Besucher
    Karin1970

    Karin1970

    29. March 2012 um 09:50

    „Er drehte den Zettel um und schrieb auf die Rückseite: 10. November: Mein neues Leben: Nie wieder Stille. Eine Horrorvorstellung. Gefangen im Labyrinth und der Angst und des Erdapfelpürees. Scheiße. Armen!“ Martin Koller, an einem Hörsturz erkrankt, liegt im Krankenhaus auf der HNO Station. Der Auslöser ist für die Ärzte schnell gefunden – „Stress“, nur Martin zweifelt daran und fühlt sich falsch verstanden und behandelt von den Ärzten. Als keine Besserung bei den quälenden Ohrgeräuschen eintritt und er trotzdem entlassen wird, fällt er in eine tiefe Depression. Erschwerend hinzukommt, dass seine Frau unbedingt ein Kind will, seine Mutter im Sterben liegt und ihm ein Praktikant bei der Zeitung seinen Job streitig macht. Er fährt für eine Woche zu seiner Mutter, dort tauchen die Besucher das erste Mal in seinem Elternhaus auf. Die Idee zu dieser Geschichte ist toll. Im Vordergrund geht es um die Angst des Verlustes und dem damit verbundenen Tod. Angst ist das, was Martin Koller am meisten beschäftigt. Die Furcht, dem Vater-Sein nicht gerecht zu werden, seine Mutter zu verlieren - ohne ihr jemals die Liebe entgegen gebracht zu haben, die sie verdient hätte - die Lähmung, nicht mehr seinen Mann stehen zu können. Wobei letzteres wirklich vorrangig im Buch beschrieben wird - leider. Das Krankheitsbild „Burn-Out“ mit einhergehenden Depressionen wird hier sehr gut beschrieben. Der literarisch hochwertige Text wird mir persönlich aber viel zu oft von diversen Kraftausdrücken unterbrochen. Das passt nicht zusammen und hat mich mehr als einmal aus dem Lesefluss gebracht. Die ständige Angst um seine Libido halte ich für komplett übertrieben. Bei den Problemen, die diesen Mann plagen, ist das wohl das Letzte an was man denkt. Die Besucher tauchen wirklich erst sehr spät auf, es ist nicht wirklich dramatisch – aber hierzu hätte ich mir wirklich mehr „Geschichte“ gewünscht. Anstatt ständig über die Frauen zu schreiben mit denen Martin Koller seine Frau betrogen hat, hätte man hier tiefer darauf eingehen können. Ich vermute, dass ich weiß wer diese Besucher sind und deshalb wäre hier noch einiges möglich gewesen, besonders auf den Hinblick auf seinen mysteriösen Dachbodenfund. Alles in allem eine wunderbare Geschichte um Angst, Verlust und dem Tod, der es aber leider an durchgehender Qualität fehlt.

    Mehr