ALLERLEI SPRÜCHE...
Mit spitzer Feder brachte Kurt Tucholsky seine Aphorismen, Glossen und Satiren zu Papier. Wie einst Heinrich Heine schrieb der große Humanist, Moralist und ironische Polemiker gegen die Ungerechtigkeiten seiner Zeit an, machte sich Gedanken über Menschliches und Allzumenschliches. Eindrucksvoll zeigt diese Anthologie, dass seine Lebenseinsichten nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben, denn: »In jeder Zeit sitzt einer und hat sie bis zum Hals herauf satt.« (Verlagsbeschreibung)
"Denn wo käme man hin, wenn man in sich ginge."
Ich muss gestehen, mir ist etwas mulmig dabei zumute, für dieses Buch "nur" 3 Sterne zu vergeben - denn ich schätze den Autor sehr, über den einst Erich Kästner schrieb: "Kurt Tucholsky, ein kleiner dicker Berliner, wollte mit einer Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten." Und Tucholsky über sich selbst: "Ich schreibe, um eine Welt zu verändern." (S. 165) Der Autor (1890-1935) verstand sich lt. Wikipedia als linker Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten – vor allem in Politik, Militär und Justiz – und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Er war ein politisch engagierter Journalist, Gesellschaftskritiker, Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker u.a.m. Mit spitzer Feder und einer humanitären Grundhaltung schrieb er von allem und über alles, was ihm bedeutsam schien. 1929 emigrierte er nach Schweden. Die Nationalsozialisten bürgerten ihn nach der Machtergreifung 1933 offiziell aus, seine Bücher wurden öffentlich verbrannt. Tucholskys Leben endete 1935 (krank und depressiv) mit einem Suizid. Sein (missachteter) Vorschlag für den eigenen Grabspruch war übrigens - und das mag als typisch herhalten: "Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze. Gute Nacht!"
"Besser ein Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange."
Was nun dieses Buch anbelangt - ich finde es unglücklich angelegt. Oft sind nur kurze Sprüche abgedruckt, die aus dem Zusammenhang gerissen sind und so eher bedeutungslos wirken, teilweise beziehen sich die Sätze auch auf bestimmte (politisch-gesellschaftliche) Begebenheiten in der Vergangenheit (immerhin >100 Jahre vor unserer heutigen Zeit), was, wenn man nicht ahnt, was damit gemeint ist, auch eher zu einem Unverständnis führt. Natürlich gibt es auch Allgemeingültiges, jedoch weniger als ich erhofft hatte - und leider auch wieder Aktuelles, was Tucholsky auch heutzutage sicher wieder zu zahllosen Artikeln treiben würde. Ein Rufer in der Wüste?
"Der Zustand der gesamten menschlichen Moral läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: We ought to. But we don't."
Man mag geneigt sein, sich der Depression Tucholskys anzuschließen. Es liegt aber an jedem Einzelnen von uns, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Halten wir es wie der Autor, wie man im Nachwort lesen kann: "Humor, das kann man bei Tucholsky lernen, ist eine generelle Haltung dem Leben gegenüber, ein probates Mittel, sich von Problemen aller Art nicht unterkriegen zu lassen. (S. 166)
Mehr als drei Sterne kann ich der Zusammenstellung von Lebensweisheiten und Aphorismen aus den genannten Gründen leider nicht geben. Zu verkürzt, reduziert, zusammenhanglos, teilweise auch banal anmutend (böse interpretiert: die Seiten mussten gefüllt werden). Keinesfalls also die zahllosen geistreichen, prägnant formulierten Aperçus, die ich mir erhofft hatte. Das schmälert allerdings nicht meinen Respekt vor dem Leben und dem Werk Tucholskys.
© Parden
























