Léon Werth

 4 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von 33 Tage, Als die Zeit stillstand und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Léon Werth

33 Tage

33 Tage

 (2)
Erschienen am 25.02.2016
Als die Zeit stillstand

Als die Zeit stillstand

 (0)
Erschienen am 05.10.2017
Mein bester Freund

Mein bester Freund

 (0)
Erschienen am 23.07.2012

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Rezension zu "33 Tage" von Léon Werth

"Wir haben Muskelkater von den Deutschen" - Bewegender Augenzeugenbericht
Arbutusvor 2 Jahren

Ich habe dieses Buch während der Lektüre der "Nachtigall" von Kristin Hannah entdeckt, als ich auf der Suche nach etwas "Echtem" über die dort beschriebenen Ereignisse war. Es handelt sich dabei um ein ganz spannendes zeitgeschichtliches Dokument, aufschlussreich und gleichzeitig poetisch und pointiert. Léon Werth, nicht nur ein Freund, sondern der Freund Antoine de Saint-Exupérys, dem dieser seinen Kleinen Prinzen gewidmet hat, befindet sich mit seiner Frau Suzanne in Paris, als die deutsche Wehrmacht im Juni 1940 das verblüffte Frankreich überrennt (Werth spricht von Hypnose, und das scheint es genau zu treffen). Sie verlassen die Stadt mit dem Auto, um das sechzig Kilometer weiter südlich liegende Saint-Amour in einer Tagesetappe zu erreichen. Es kommt anders. Für diese Strecke werden sie 33 Tage brauchen. Gigantische Fahrzeugkolonnen wälzen sich im Schritttempo die Nationalstraßen entlang, werden umgeleitet, beschossen, kommen für mehrere Stunden zum Stillstand, so lange, bis allen allmählich das Benzin ausgeht und jeder irgendwann zu Fuß weitermuss oder versucht, in einem der umliegenden Bauernhöfe Asyl zu bekommen. Dabei erlebt das Ehepaar sowohl menschlich Anrührendes wie auch Skurriles.

Überall machen sich auf den Höfen die deutschen Besatzer breit und werden von den Franzosen skeptisch-ratlos beobachtet, oder auch, in ganz wenigen Ausnahmefällen, hofiert, wie zum Beispiel von "der Soutreux", bei der einige Flüchtlinge für ein paar Tage eher mürrisch geduldet als herzlich aufgenommen werden, bis die Werths es nicht mehr aushalten und das Weite suchen.

Ich würde mich am liebsten beim Leser dafür entschuldigen, diese Worte wiederzugeben. Aber ich schreibe keinen Roman und wähle mir meine Figuren nicht aus. Außerdem hatte die Dummheit dieser Frau durch den Kontrast in diesen Stunden etwas Pathetisches." (über "die Soutreux")

Es ist sehr erhellend, zu lesen, wie unsere besetzenden Vorväter auf die Franzosen gewirkt haben. Wir erfahren zum Beispiel, dass mancher deutsche Soldat mit einer merkwürdigen Verbissenheit verspielt ist - was französische Männer überhaupt nicht verstehen können. Außerdem erfahren wir, dass die Kunst des Pfeifens den Deutschen zu eigen ist. Da muss ich doch schmunzeln.

Manchmal ist es auch kaum erträglich. Als deutscher Leser lernt man hier Fremdschämen, wenn man dieses Wort bisher nur vom Hörensagen kannte. Die Franzosen sind zum Beispiel nicht so viel nackte Haut gewohnt, und die deutschen Soldaten laufen mit Vorliebe oberkörperfrei und mit kurzen Hosen auf den besetzten Anwesen und inmitten der Landbevölkerung herum. Dies in Kombination mit der strammen militärischen Organisation wirkt schon irgendwie derb. Bei Werth liest es sich so:

Sie tragen Badehosen und marschieren in Viererreihen singend im Gleichschritt. Aber ihr Gesang ist militärisch organisiert, vom Soldatenhandbuch bestimmt und wie Trommelschläge festgelegt. ...


Manchmal ist es hinreißend komisch. Abel Delaveau, dieser wunderbare Bauer von Chapelon, bei dem Werth mit seiner Frau schließlich Asyl gefunden hat, versucht, den deutsche Besatzern Krieg und Frieden zu erklären:

Im Wesentlichen sagte er: "Daladier, Chamberlain, Göring, Hitler, alles Dreckskerle..." Was er auch für Anstrengungen unternommen hat, einfach zu sprechen, die Soldaten haben ihn nicht verstanden, und vielleicht war das auch besser für ihn. Aber der Tonfall von Abel Delaveau ist von solcher Überzeugungskraft, dass die Soldaten zustimmend mit den Köpfen nicken.


Nicht alle deutschen Soldaten sind so unsensibel, dass ihnen ihre Siegerrolle gegenüber der Bevölkerung nicht unangenehm wäre:

An der Tür des Bürgermeisterei-und Schulgebäudes lässt ein deutscher Offizier meiner Frau höflich den Vortritt. Er zögert, und dann, in recht gutem Französisch: "Haben Sie Angst vor uns, Madame?" - "Angst? Nein, Monsieuer. Aber solange Sie bei uns diese Kleidung tragen (sie zeigt mit dem Finger auf seine Uniform), solange werden Sie mein Feind sein." - "Aber unser Führer hat den Krieg nicht gewollt. Frankreich hat ihn erklärt." - "Ich habe Mein Kampf gelesen ..." Der Offizier scheint betreten und antwortet: "Man verändert sich ... man kann sich verändern, und die Schuld liegt bei den Engländern, die verdammt nochmal, die Welt beherrschen wollen."


Allgemein hat man den Eindruck, dass viele der Besiegten über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen. Stark, wie die wackere Delaveau-Bäuerin einen der einquartierten deutschen Soldaten beim Stehlen eines Eis erwischt. Sie hat Autorität. Der Deutsche gibt das Ei wieder heraus ... Man hat keine Nachrichten, außer den einseitigen Propagandameldungen der Besatzer. Oder irgendjemand erzählt, irgendjemand habe im Radio gehört, dass irgendetwas ... Verlässliche Schlüsse können die im eigenen Land Gefangenen nur aus dem unmittelbar Sichtbaren ziehen, wie Léon Werth aus dem Verhalten des Eierdiebes:

Ich bin darüber erstaunt, dass der Soldat nachgegeben hat, und zwar nicht sofort, wie ein beschämter Dieb, sondern nachdem er gedroht und geschrien hat. Ich sehe darin das Ergebnis einer Entscheidung von oben, eines Befehls des Oberkommandos. Das Deutschland Hitlers will vorerst nicht nur durch den Schrecken herrschen.

 Viele Tage hängen Léon Werth und seine Frau auf dem Hof von Abel Delaveau fest, was nicht die schlechteste Unterkunft ist. Aber sie sorgen sich mehr und mehr um ihren Sohn und wollen weiter, um sich in die "Freie Zone" durchzuschlagen. Das Wunder vollbringt dann der von ihm "Koloss" genannte deutsche Soldat, der für Werth 30 Liter Benzin stiehlt und sich kaputtlacht, weil dieser es ihm bezahlen will. Das Eis zwischen Sieger und Besiegten ist hier aufgebrochen. "Ich habe ihn nach seiner Adresse in Deutschland gefragt. Ich habe mir vorgenommen, ihm nach dem Krieg ein Fass Beaujolais zu schicken. Werde ich es jemals können?" Es sind solche Stellen, die mir einen Schauer über den Rücken jagen.

Hin und wieder hält der Autor für eine philosophische Betrachtung das Geschehen an. Nicht alles ist leicht zu lesen. Nicht jede feine Anspielung kann man als deutscher Leser des 21. Jahrhunderts verstehen. Es macht nichts. Ich finde dieses zeitgeschichtliche Dokument dennoch sehr spannend, großartig in Sprache und Aussage. Vielleicht gerade, weil es so nüchtern geschrieben ist, sind bestimmte Stellen so bewegend.


Neben der aussagekräftigen Einleitung von Saint-Exupéry findet sich im hinteren Teil des Büchleins noch eine lesenswerte Kurzbiographie über Léon Werth aus der Feder Peter Stamms.

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