Landesverband Lippe 2000 Jahre Varusschlacht - Imperium

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Inhaltsangabe zu „2000 Jahre Varusschlacht - Imperium“ von Landesverband Lippe

Unweit des 1875 eingeweihten imposanten Hermanndenkmals spürt die Ausstellung dem MYTHOS Varusschlacht nach. Wie sahen die Römer ihre Nachbarn im rechtsrheinischen »Barbaricum« und wie lebten die Germanen wirklich? Wie und warum haben sich Künstler, Dichter, Musiker, Historiker und Archäologen über Jahrhunderte mit diesem Ereignis beschäftigt? Das Begleitbuch spannt einen Bogen von der römischen Geschichtsschreibung bis zur modernen Forschung. Welche Auswirkungen der Mythos von der Schlacht auf die deutsche und europäische Geschichte hatte und wie aus dem mittlerweile zu »Hermann« eingedeutschten Cheruskerfürsten eine der wichtigsten Symbolfiguren der Deutschen wurde, dokumentieren hochkarätige Exponate aus 2000 Jahren deutscher und europäischer Kunst- und Kulturgeschichte.

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  • Rezension zu "2000 Jahre Varusschlacht - Imperium" von Landesverband Lippe

    2000 Jahre Varusschlacht - Imperium

    wolfschwerdt

    17. May 2010 um 17:56

    Der Begleitband zur Sonderausstellung MYTHOS, die 2009 in Detmold im Rahmen des Ausstellungsprojektes IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS zu sehen war, behandelt teilweise nahezu identische Themen, wie der Begleitband zur Sonderausstellung KONFLIKT in Kalkriese, und dennoch fehlt bei der Lektüre das Gefühl dass sich hier etwas wiederholt. Immerhin werden hier auf rund 120 Seiten die Germanen archäologisch noch einmal so richtig unter die Lupe genommen. Aber natürlich ist bei der Ausstellung MYTHOS die Zielsetzung eine andere. Es geht ja um den Mythos, der, wie wir wissen, aus dem römischen Offizier Arminius den urdeutschen Hermann der Cherusker gemacht hat. Aber gerade hier zeigt sich, wie wichtig die archäologisch-analytische Vorarbeit über die Germanen im Rahmen des Ausstellungsbandes ist und warum diese mit 120 Seiten fast die Hälfte des inhaltlichen Teils füllt. Über Arminius gibt es nämlich kaum belastbare historische Informationen. Dr. Peter Kehne beispielsweise stellt in seinem Aufsatz „Der historische Arminius“ fest, dass bereits die Schreibweise, Phonetik, Herkunft und Bedeutung seines Ruf- bzw. Beinamens unsicher sind. Und die Sache mit dem römischen Offizier ist wohl ebenso fraglich wie die zahlreichen häufig publizierten biographischen Daten und historischen Datierungen, von den unterstellten Motiven, gegen Rom ins Feld zu ziehen, ganz zu schweigen. Sicher ist aber wenigstens, dass es Arminius gab und dass er der oder ein Rädelsführer des Aufstandes gewesen war. In der Rezeption der historischen Ereignisse befassen sich die Autoren dann mit dem, was Arminius und die Varusschlacht so berühmt gemacht hat, „Die Erfindung der Deutschen Nation“. Und wieder eine Überraschung. Die Deutsche Nation haben die Römer, allen voran der Geschichtsschreiber Tacitus mit seiner Germania erfunden. Die wiederum war lange Zeit verschollen und tauchte erst Mitte des 15. Jahrhunderts wieder auf. Im 16. Jahrhundert diente die Germania als Grundlage für die Ausbildung eines germanischen statt eines bis dato geltenden römischen Selbstverständnisses der Führungseliten. Ausgerechnet der französiche Edelmann Georges de Scudéry brachte den germanischen Helden in seiner Tragikomödie „Arminius oder die feindlichen Brüder“ im 17. Jahrhundert auf die Bühne und weitere französische Kulturschaffende bedienten sich der Figur des Arminius für ihre politischen Werke im folgenden Jahrhundert. Erst im 19. Jahrhundert wurde Arminius so richtig von den Deutschen entdeckt, es war die Zeit der Entstehung der europäischen Nationalstaaten, des Deutschen Kaiserreichs und der politischen Mythologien. Das Buch MYTHOS vermittelt nicht nur die historischen Ereignisse, sondern viel mehr noch die politisch-ideologischen Hintergründe. So setzen sich die Autoren vor allem mit der Frage nach den Interessen und Intentionen von Geschichtsschreibung und mit der Definition, Vermittlung und Funktion von politischen Mythen auseinander, eine wesentliche Voraussetzung dafür, zu verstehen, warum die teilweise abenteuerlichen Gründungsmythen der europäischen Nationen im 19. Jahrhundert funktionieren konnten. Die Lektüre des Ausstellungsbandes macht auch deutlich, dass Deutschland mit seinen völkischen Nationalideologien im 19. Jahrhundert nicht alleine stand. So hatte etwa Frankreich seinen Vercingetorix, die Schweiz mit Wilhelm Tell ihren ideellen Gesamtschweizer, die Briten ihre keltische Kriegerkönigin Boudicea, die Holländer ihren Bataverkult und die Belgier den Ambiorix. Im 19. und 20. Jahrhundert feierte die Ideologisierung und Politisierung der Wissenschaften und damit auch der Archäologie ihre Höhepunkte. Auch dieser Geschichte der Geschichte nehmen sich Ausstellung und Begleitbuch ausführlich an. Und am Ende der Lektüre wundert es kaum noch, weshalb man vor dem Hintergrund unzähliger Publikationen zum Thema Römer, Germanen, Varusschlacht und Arminius trotzdem guten Gewissens sagen kann: mit der Forschung befindet man sich noch am Anfang. Vieles scheinbar gesicherte Wissen ist im Rahmen der Rezeption und der Interpretation archäologischer Funde vor dem Hintergrund ideologisch-politischer Mythenbildung entstanden. Und so ist an der Aufarbeitung des Themas „Rom – Germanien – Varus – Arminius“ anlässlich des 2000sten Jubiläums der Schlacht die Befreiung der Geschichtsschreibung vom ideologischen Schutt, das wirklich Spannende und sinnvolle. Gerade die Ausstellung MYTHOS und der dazugehörige Begleitband belegen anschaulich, was es bedeutet „aus der Geschichte zu Lernen“. Ein aktuelles Beispiel für die Mythologisierung einerseits und einen gelungenen Lernprozess andererseits ist sicherlich die Verortung der historischen Stätte der Varusschlacht. Wieviel Streit hatte es um die Frage gegeben, wo die Schlacht denn tatsächlich stattgefunden habe. Wissenschaftliche Argumente wurden ins Feld geführt, um den einen oder anderen Ort als historisches Schlachtfeld zu be- oder widerlegen. Und viele Laien und manche Wissenschaftler streiten sich immer noch. Aber im Grunde ist klar, wie Stephan Berke in seinem Beitrag „die Suche nach der Örtlichkeit der Varusschlacht“ herausarbeitet und sich dabei auf einen vom Münsteraner Althistoriker und Archäologen Friedrich Koepp 1908 gehaltenen Vortrag beruft: „Ob Varus bei Detmold oder bei Barenaue, bei Iburg oder sonst wo sich ins Schwert gestürzt hat, ist wirklich so wichtig nicht, dass man sich darum mit seinem Mitmenschen verzanken sollte.“

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