Larissa Boehning Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr

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Inhaltsangabe zu „Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr“ von Larissa Boehning

Was ist der Tauschwert der Liebe? Belauern sich zwei: ein junger Mann wittert die Chance, schnell zu erben; und eine todkranke, einsame Frau sieht die Gelegenheit, noch einmal jemanden an sich zu binden, der ihr jeden Wunsch von den Lippen abliest. Matthias gibt den Frauen nur, was sie wollen; er ist kein schlechter Mensch. Dass er seiner Mutter erzählt, er werde wahrscheinlich bald in den diplomatischen Dienst aufgenommen, ist eine Art Notlüge zur Rettung des Selbstbewusstseins.Er kann ja schlecht zugeben, dass er von der Versicherung, bei der er Vertreter war (in ihren Augen ohnehin ein unwürdiger Job), gerade gefeuert wurde. Seiner Nachbarin erzählt er, er suche seine entlaufene Katze (obwohl es die eines anderen ist) - wie sonst hätte er mit ihr in Kontakt kommen und eine Affäre anfangen können? Und die verschiedenen Profile in den Dating-Börsen des Internets braucht er nur zum Geldverdienen; sein Herz hängt da nicht dran.Als er Annemarie Funk, eine todkranke, einsame Frau kennenlernt, drängt er sich nicht auf. Sie ist es, die ihm verrät, dass sie so gern einen Sohn gehabt hätte. Und sie kommt auf die Idee, sein Name 'Matthias' heiße schließlich 'Geschenk Gottes', er könne doch bei ihr einziehen.Doch seine Hoffnung, schnell und einfach zu einem Erbe zu kommen, wird auf eine harte Probe gestellt: Unvermutet blüht Annemarie in seiner Gegenwart auf, scheint sich auf wundersame Art zu verjüngen.Und das Ringen beginnt - um die kurze Zukunft von Annemarie, um das, was sie zu erzählen hat, um das, was sie hinterlassen wird, und darum, was einem Menschen, der nicht mehr lange zu leben hat, wirklich wichtig ist: die Wahrheit oder eine schöne Illusion.

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    Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr

    michael_lehmann-pape

    16. April 2014 um 14:04

    Identität Es sind drei bereits in sich merkwürdige Personen ( von denen die Älteste aus ihrer Biographie heraus noch den meisten Anlass zu ihrer „Merkwürdigkeit“ hat), die in diesem Buch aufeinandertreffen und in fast noch merkwürdigere Verhältnisse zueinander eintreten. Da ist die Ich-Erzählerin, Juliane. Die eine Katze bei sich behält, die ihr nicht gehört, die auf den ersten Blick dem vermeintlichen Besitzer, als er an ihrer Tür klingelt, verfällt. Die erst später feststellen wird, dass auch dieser Mann die nur benutzt – um sie kennenzulernen. Und die ein „weder mit noch ohne ihn“ dann erlebt. Einer, der öfter einfach verschwindet, der sich alle naselang nur meldet, dann aber eruptiv, der ihr eine Geschichte von sich erzählt, die nicht stimmt, bei näherem Hinsehen. Und da ist die „alte Dame“, todkrank, Annemarie, Jene, von der Boehning in längeren Rückblicken (teils einfach zu ausführlich) biographisch zu erzählen weiß. Die in „ihm“ (demselben Mann, der auch Jule becircte) zunächst nur einen gewissen Halt sich zu versprechen scheint… dann aber aufblitzen lässt, dass da noch mehr und anderes an Sehnsucht in ihr schwingt. Und das ist „er“. Matthias. Mit der umfassenden Gabe, sich empathisch einzufühlen, intuitiv zu ahnen, was sein Gegenüber als anregend, angenehme empfinden würde, was sein Gegenüber ihm wohlgeneigt werden lässt. Einer, der nicht galant Lügengeschichten erzählt, sondern der sich, und insofern ist dann wirklich „alles wahr“, tief in diese Rollen hineinbegibt. Vom Führerschein (den er nicht besitzt) zur Verführung der attraktiven Jule (es ist nicht seine Katze) hin zum (erfundenen“ Tod seiner Mutter, um in Annemarie eine „Sugarmamy“ zu finden. Der sich selbst intensiv fast bis zur Realität mit seinen Rollen identifiziert und daher dann ebenso jedes seiner zig-Profile auf der Partnersuchseite im Internet spielend ausfüllt. Alles in allem, irgendwoher muss er ja nun auch sein Geld bekommen, wo ihn seine neue Chefin wohl im Wesen durchschaut und deswegen freigesetzt hat. Jule wird Matthias nicht so leicht aufgeben und folgt Matthias in dessen Welt mit Annemarie hinein. Matthias wird für die Millionen von Annemarie ziemlich feste auf die Zähne beißen, ahnt aber nicht, dass Jule die Schleier langsam lüftet. Und Annemarie? Weiß sie es? Ist ihr das egal? Vor allem möchte sie, dass ihre Geschichte nicht verloren geht, aufgeschrieben wird. Und Jule soll dies für sie erledigen. „Das Leben ist schrecklich, es so voll Realität“. Spannend nachzuvollziehen ist es in diesem Roman, wie die Realität sich einerseits untrüglich ihren Weg in diese Leben hinein bahnen und suchen wird, wie noch die geschickteste Ausflucht und Rolle nicht davor bewahren, im Innersten immer wieder Spiegel seiner selbst zu entdecken. Und wie andererseits immer wieder alles entgleitet, jeder jeden und jede jede im Buch für ihre Zwecke einnehmen will. Wie nicht nur im „schönen Schein“, sondern vor auch auf der emotionalen Ebene Welten erfunden werden (und vergehen). Was aber ist genau die Realität? Was ist die Identität, der Kern der Personen? Das verwischt immer wieder, entgleitet dem Leser und kommt doch von anderer Seite wieder als Ahnung in den Raum. „Du flutscht einem immer so durch die Finger wenn ich gerade das Gefühl hatte, ich hab dich zu fassen gekriegt, bist du wieder weg“. So hält es der alte Freund Jule vor, so könnte Jule es Matthias vorhalten und letztlich jeder jedem im Buch. In klarer, sehr bildkräftigen Sprache macht sich Larissa Boehning auf die Suche nach der Identität in der modernen Welt, in der jede Rolle möglich scheint und fast überzeugender daherkommt, als das „echte Leben“. Mit einigen Längen gerade in den Rückblicken der „alten Dame“, aber mit wunderbaren, sehr interessanten, psychologisch intensiv dargestellten Figuren und der begleitenden Frage, wie das alles so ausgehen mag. Was der Leser dann selber nachlesen sollte. In dieser Welt einerseits der Oberfläche und der „Selbstvermarktung“ und andererseits der intensiven Suche nach einem Ort für sich, nach Liebe und Glück.

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  • Voller erzählerischer Kraft

    Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr

    WinfriedStanzick

    12. March 2014 um 11:29

    Wie kann man erzählen von etwas, dass man erlebt hat? Und wie verändert die persönliche Erfahrung ihre Qualität, wenn sie in Sprache geformt wird? Geht das überhaupt?   „Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr“ ist die Antwort der Schriftstellerin Larissa Boehning, die in ihrem neuen, ihrem dritten Roman unter diesem Titel eine starke Geschichte erzählt von drei Menschen, die, jeder auf seine Art, sich auf der Suche befinden nach Anerkennung, nach Sinn und Glück im Leben und auch nach so etwas wie Liebe, was immer das sein mag.   Da ist zum einen Matthias, ein Mann, der nicht erwachsen werden will, und der sich selbst und seinen Mitmenschen gerne etwas vormacht, die Realitäten verdreht und sich selbst in einem Licht darstellt, das nur geliehen ist. Unsympathisch und völlig unauthentisch kommt er daher. Persönlich und beruflich auf dem absteigenden Ast, erzählt er seiner Familie und seiner Nachbarin Julia von steilen Karrieren, die er vor sich habe. In Kontakt mit Julia war Matthias auch nur gekommen, weil er ihr etwas von einer verlorenen Katze vorgeschwindelt hatte. Um eine wirkliche Beziehung geht es ihm nicht, was Julia verletzt, besonders als er sie bald nicht mehr beachtet. Eine Beziehung will er auch nicht mit der alten reichen Dame Annemarie Funk, die er eines Tages kennenlernt und die schwer krank  in ihrem Haus in Blankenese lebt. Mit seiner hochstaplerischen Art lullt er die alte Frau ein und gibt den sich kümmernden Sohn. In seinen Gedanken kalkuliert er schon mit dem Millionenerbe, das er bald auf sich zukommen sieht.   Doch es kommt alles anders, Annemarie Funk lebt regelrecht auf und sie hat viel zu erzählen und Rezepte zu kochen aus ihrer Kindheit im oberbayrischen Wirtshaus „Stanglwirt“, wo sie ihre Kindheit verbrachte. Zwangsläufig muss sich auch der lange so unsympathische Matthias darauf einlassen, und da ist ja auch noch Julia …   Selbst voller erzählerischer Kraft handelt der Roman genau davon und der Frage, was wichtig ist, wenn man spürt, dass das Leben zu Ende geht: die Wahrheit oder eine schöne Illusion.        

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