Cover des Buches Ashford Park (ISBN: 9783499247019)C
Rezension zu Ashford Park von Lauren Willig

Lauren Willig auf willkommenen Abwegen !

von Cridilla vor 7 Jahren

Review

C
Cridillavor 7 Jahren

Zuerst kurz über die Autorin: Lauren Willig, geboren in New York, schreibt Liebesromane seit sie sechs Jahre alt ist. Sie hat einen Abschluss in Englischer Geschichte und einen Doktor in Rechtswissenschaften. Nach einem Jahr in einer New Yorker Anwaltskanzlei entschied sie sich ganz für die Schriftstellerei. In den USA ist sie mit ihrer „Pink Carnation“ Liebesromanserie – über napoleonische Spione – bekannt geworden.

Zum Inhalt: Eine Angelegenheit des Herzens

Als ihre Großmutter Addie sie hartnäckig «Bea» nennt, schiebt ihre Enkelin Clementine die Verwirrtheit zunächst auf das Alter. Schließlich ist Addie gerade 99 Jahre alt geworden. Doch Clementines Neugier ist geweckt: Wer ist Bea? Die junge Frau begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Sie erfährt von Addies großer Liebe Frederick und entdeckt ein Geheimnis, das 1906 in England auf dem Landsitz Ashford Park seinen Anfang nahm. Ein Geheimnis, das auch ihr eigenes Schicksal bestimmen wird…

Ich gebe gerne zu, daß das deutsche Cover etwas verwirrend in Bezug auf die Geschichte ist. Ein Oldtimer, der auf das Torhaus eines englischen hochherrschaftlichen Landsitzes zufährt, aber diese Momentaufnahme ist nur ein winziger Teil der Familiengeschichte von Clementine, die 1906 ihren Lauf in England nimmt, als ein Waisenkind zu Verwandten kommt. Das Cover der amerikanischen Originalausgabe hingegen, scheint direkt Bea zu zeigen - in einer zeitlos schönen Aufnahme, verwegen rauchend, geheimnisvoll blickend, wie den „roaring twenties“ entsprungen.

Der geneigte Leser wird gemerkt haben, es gibt einiges zu erzählen. Ich selbst habe die Autorin schon durch ihre „Pink Carnation“ Reihe kennen und lieben gelernt. Auch bei ihrem Genrewechsel scheint sie nicht von der Praxis der zwei unterschiedlichen Zeitschienen wegzukommen, was aber keinesfalls stört. Wir lernen die junge stetig gehetzt wirkende Anwältin Clementine „Clemmie“ Evans am 99.Geburtstag ihrer liebevoll als „Granny Addie“ genannten Großmutter kennen, die ihre Enkelin plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen scheint und sie „Bea“ nennt. Anfangs wird die Verwechslung mit der Einnahme eines neuen Medikamentes erklärt, aber irgendwie scheint doch mehr dahinterzustecken und Clemmies Suche nimmt ihren Lauf. Dabei deckt sie Geheimnisse auf, die nicht nur das mitunter recht frostige Verhältnis ihrer Mutter und ihrer Tante Anna erklären, sondern auch die scheinbare Verwechslung mit Bea.

Im Prolog wird die junge etwas verbittert wirkende Addie, auf ihrer Fahrt nach Kenia 1926 vorgestellt, um ihre Freundin Bea mit deren Mann Frederick auf der Kaffeeplantage zu besuchen, der sich später als Großvater von Clemmie entpuppen wird. Schon hier zeichnen sich Ereignisse ab, die noch 70 Jahre später ihre schicksalshaften Schatten werfen werden. Zu Beginn hatte ich etwas Probleme die ewig gehetzt wirkende Clemmie sympatisch zu finden, genauso kam ich nicht an die etwas negativ scheinende junge Addie heran. Aber bei beiden Charakteren schwankte die Sympathieskala auf und ab. Mal fand ich mich auf Clemmies Seite, dann wieder auf Addies, sogar einmal auf Beas (was wohl etwas heißen will, da sie hier eine Art antagonistische Position einnimmt) wieder. Was aber auch am langsamen Aufdecken sämtlicher Geheimnisse und weitreichender Mißverständnisse lag. Zu guter Letzt war mir zwar kein Charakter ans Herz gewachsen (selbst der Mann in Clemmies Leben – Jonathan – hatte Geheimnisse), aber ich konnte ihre Handlungsweisen nachvollziehen und verstehen. Die Unfähigkeit von Clemmie ihrem Leben einen wirklichen Sinn zu geben und immer nur der Kanzlei dienlich zu sein, in der sie Partner werden will – koste es was es wolle – auf privater Ebene in Sachen Beziehungen aber gänzlich zu versagen, machten für mich einen Großteil der Antipathie aus. Trotz ihrer späteren Heilung oder Wandlung durch ihre Jugendliebe Jonathan, blieb für mich Clementine etwas auf der Strecke. Addies Charakter schien viel interessanter (durch ihre Lebensumstände war sie früh gezwungen quasi für sich selbst zu sorgen, was sie natürlich anpassungsfähiger und robuster, zupackender werden ließ), obwohl Beatrice definitiv die schillerndste Figur von allen zu sein schien.

1906: Durch ein Busunglück der Eltern beraubt, muß die erst achtjährige Addie zu ihrem Onkel und ihrer Tante auf ein riesiges schloßartiges Anwesen „Ashford Park“ ziehen, um dort zu lernen, daß ihre Eltern von dem Rest der Familie abgelehnt, ja als „Heiden“ bezeichnet werden und sie fortab nur die „arme“ Cousine sein wird. In einer für sie völlig fremden Umgebung ist die mittlere Tochter des Hauses Beatrice, die einzige Feundin und Konstante, nach der sie ihr Leben auszurichten beginnt. Die enge Kinderfreundschaft, die später zu Rivalität wird, erhält durch Frederick den besonderen Kick. Dieser zuerst mit Addie befreundete junge Mann, der alle ihre Sinne anspricht, und auch all ihre Leidenschaften zu teilen scheint, macht die verhängnisvolle Bekanntschaft mit ihrer Cousine Bea und das Unheil nimmt seinen Lauf. Bea, unschicklich verheiratet – da sie diese Ehe aus Liebe eingegangen ist, zu dieser Zeit für die Upperclass schlichtweg unmöglich – hat den Kontakt zu ihrem Elternhaus abgebrochen und muß feststellen, daß sie für ihren Herzog nur eine Art Trophäe war, die er später herumzeigen kann, aber der das Interesse an ihr verloren hat. Da sie – wie zu der Zeit in der englischen Oberklasse üblich – nur „eine schöne Hülle aber ohne Inhalt“ (in der realen Welt, durch den aufkommenden Krieg bedroht, scheint sie nur repräsentativ zu sein, ihre Mutter hat sie – nach eigener Aussage – nicht auf das wahre Leben vorbereitet) ist, sieht sie ihr Heil in kleinen Liebes Rachefeldzügen gegen ihren Gatten, der inzwischen sogar eine – in ihren Augen mehr als unscheinbare – Geliebte hat und benutzt dazu eben auch Frederick, den sie ja nur für ihre Addie „prüfen“ will, ob seiner Tauglichkeit. Addie gibt nicht gerne zu, in ihn verliebt zu sein, sondern stellt ihn nur als Freund vor. Bei Beas Geschichte, sollte ihr klar sein, was dann passiert, aber sie fällt aus allen Wolken. Ebenso, das der aus dem Krieg versehrt zurückgekehrte Frederick nicht mehr derselbe zu sein scheint. Das Verhältnis der drei wird auf eine harte Zerreißprobe gestellt und scheitert vordergründig an ihren unterschiedlichen Lebensumständen, wobei das Unweigerliche seinen Lauf nimmt… und bis in die New Yorker Gegenwart hineinreicht, in der anscheinend jeder dazu verdammt ist unfähig in der Liebe zu sein…

Geheimnisumwitterte Romane sind wohl Willigs Spezialität, hat sie doch mit der „Pink Carnation“ Reihe eine junge angehende Geschichtsdoktorandin auf die Suche nach verschollenen napoleonischen Spionen geschickt, die bis in ihre persönliche Gegenwart hineinreicht. Auch in „Ashord Park“(The Ashford Affair im Original) läßt die Autorin wieder gekonnt die Gegenwart (1999-2001 und 1906-1976) mit der Vergangenheit verschmelzen und streut Anspielungen kultureller Art mit wohldosierten Prisen Humor in die Wortgefechte ihrer Protagonisten ein, was wie immer pures Lesevergnügen ist. Der flüssige Stil der Autorin und der Übersetzerin machen es wieder leicht in die unterschiedlichen Zeitzonen einzutauchen. Man fühlt sich wie der unsichtbare Beobachter im Elternhaus der kleinen Addie, der Wegbegleiter vom Debütball für eine der Schwestern Beas, dann später durch die Londoner Nachtclubs bis hin zur Kaffeeplantage in Kenia (hier hätte etwas mehr Kenia Feeling nicht geschadet, das Land blieb zu sehr fremdartig, fast plakativ; aber dies ist auch mein einziger Kritikpunkt). Dreh- und Angelpunkt sind Addie, Bea und Frederick in der Zeit vor und nach dem 1.Weltkrieg, und später Clemmie, ihre Mutter Marjorie, deren Schwester Anna und Annas Stiefsohn Jonathan, ein Geschichtsdozent, in Scheidung lebend.

Wer jetzt nicht neugierig geworden ist, dem kann ich auch nicht helfen. Aber wer ein Buch über Freundschaft, Verrat, Liebe, Eifersucht, Zerwürfnis, Familiengeheimnisse, und Tragödien, die über mehrere Generationen reichen, lesen möchte, ist hier bestens aufgehoben. Ein dickes Lob auch wieder an die Übersetzerin, diesmal: Mechthild Sandberg-Ciletti. Also, absolut empfehlenswert !

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