Luftaufnahmen hätten gezeigt, dass die Geschichte Thailands ganz neu geschrieben werden müsse, sagte der Mann in der Lobby „meines“ Hotels in Prachuap Khiri Khan. Ob er das etwas ausführen könne?, fragte ich ihn, der sich als Geografie-Professor an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok entpuppte. Was man seit alters her für Landstrassen gehalten habe, seien in Wirklichkeit Flüsse gewesen, erklärte er und fügte hinzu: Die Luftaufnahmen machten es möglich, dass man die Muster erkennen könne. Und genau darauf komme es an: Die Muster zu erkennen.
Dieses Zusammentreffen ging mir durch den Kopf als ich Weltgeschichte der Flüsse zur Hand nahm, das sich einreiht in die gut geschriebenen und mit anregenden Gedanken aufwartenden Bücher von an renommierten Universitäten lehrenden Dozenten, die sich im intellektuellen Wettbewerb zu behaupten haben. Der Autor unterrichtet an der Brown University, erhielt mehrere Preise, beriet die US-Regierung in Fragen des Klimawandels usw. ... Kurz und gut: Ich erwartete eine konventionell-gescheite Fleissarbeit (die Dankesliste an die Mitarbeitenden ist eindrücklich) – und genau die kriegte ich auch.
„Mit den ersten Regenfällen hat sich die Welt für immer verändert“, lautet der erste Satz. Originell, zugegeben, obwohl man das von so ziemlich allem anderen auch hätte sagen können. Vom Käse zum Beispiel. Oder vom ersten PC. Oder von McDonalds. Flüsse, so der Autor, bringen uns fünf grundlegende Vorteile: „Zugang, natürliches Kapital, Land, Wohlbefinden und ein Mittel zur Machtausübung.“ Dazu kommt: Man kann sie nicht besitzen. Ein Rechtsgrundsatz, der nicht selbstverständlich ist, denn „es ist äusserst verbreitet, dass Land, Bäume, Mineralien und Wasser aus anderen natürlichen Ressourcen (z.B. Quellen, Teichen, Grundwasser) als Privateigentum gelten."
Weltgeschichte der Flüsse ist reich an überaus aufschlussreichen Geschichten. Etwa über Nelson Mandela, den Quasi-Heiligen der Weltpolitik, der vier Jahre nach seinem Amtsantritt seinem Untergebenen Buthelezi den Auftrag gab, den Katse-Staudamm in Lesotho einzunehmen. Das passt nicht so recht ins Bild, ist jedoch wahr: Nobelpreisträger Mandela lässt ein Nachbarland überfallen. Wegen der Wassersicherheit Südafrikas. „Möglicherweise sagt das weniger über ihn aus als über die gewaltige Bedeutung von Flüssen.“ An Laurence C. Smith ist ein Diplomat verloren gegangen.
Auch „Das geteilte Amerika“ wird abgehandelt. Nicht das von Heute, sondern das, welches den blutigsten Krieg in der Geschichte des Landes zur Folge hatte. Vier Jahre dauerte der Bürgerkrieg, bei dem der Mississippi grosse strategische Bedeutung besass. Und es wird darüber spekuliert, dass der Zweite Weltkrieg hätte vermieden werden können, wenn der deutsche Junge Johann Kühberger aus Passau Adolf Hitler nicht aus dem Inn gezogen und ihn vor dem Ertrinken gerettet hätte ...
Es gehört zu den faszinierendsten Erfahrungen überhaupt, zu erleben wie sich die eigene Sicht auf die Welt ändert, wenn man sie durch einen ganz speziellen Winkel betrachtet. Legt man sein Augenmerk aufs Wasser bzw. auf die Flüsse, werden bisherige Gewissheiten erschüttert und man sieht alles in einem sehr anderen Licht. In diesem Sinne ist dieses Werk eine ganz wunderbare und hoch willkommene Horizonterweiterung.
„... bis in die jüngste Vergangenheit war den Flüssen zu folgen die hauptsächliche Methode, wie Menschen reisten und das Innere von Kontinenten erforschten.“ Schade, denkt es so in mir, dass immer mehr Flüsse zubetoniert werden und Strassen weichen müssen – wir scheinen nicht genug schnell durchs Leben kommen zu können.
„In dem Masse, in dem die Nachfrage nach Wasserressourcen steigt und sich geopolitische Machtkonstellationen verändern, wird sich auch das Wesen kooperativer multinationaler Vereinbarungen zur gemeinsamen Kooperation von Flüssen ändern.“ Am Beispiel des Mekong zeigt Laurence C. Smith eindrücklich auf, was das praktisch bedeutet.
Auf den Vietnamkrieg geht er ein (und die berührende Geschichte des heutigen Kriegsveteranen Richard Lorman) und davon was für eine Verwüstung Hurrikans in Texas und Lousiana anrichteten – bevor der Mississippi in die Stadt New Orleans strömte, lag die Gesamtbevölkerung um ein Viertel höher. Von Trends berichtet er, die Auskunft geben über unser sich wandelndes Verhältnis zu Flüssen – so führte etwa die Abwanderung von Schwerindustrie, Schiffsbau und verarbeitender Industrie zur Schliessung und zum Verfall vieler am Wasser gelegener Industriegelände.
Weltgeschichte der Flüsse offeriert uns nicht zuletzt eine ungewöhnliche und ungemein anregende Sicht auf unsere Welt der „Megacities“, die fast alle einen Fluss haben, mit dem sie interagieren. Vor allem hilfreich fand ich, wie der Autor seine eigenen Erfahrungen mit Flüssen beschreibt: „Sie lehrten mich Konzentration und Zufriedenheit, während ich allein war, und die Wahrnehmung von Schönheit in einfachen Dingen.“




