“Nichts ist künstlicher als ein historischer Bericht mit Dialogen, die anhand von Zeugenberichten aus mehr oder weniger erster Hand rekonstruiert wurden, unter dem Vorwand, der toten Vergangenheit auf dem Papier Leben einhauchen zu wollen.” S. 33
“HHhH” steht für “Himmlers Hirn heißt Heydrich”. Laurent Binet erzählt darin – oder man sollte eher sagen versucht zu erzählen - die Geschichte vom Attentat auf Reinhard Heydrich im Jahr 1942 durch tschechoslowakische Widerstandskämpfer. Dabei reflektiert er aber die ganze Zeit dieses Vorhaben, hadert damit und lässt den Leser an seinen Zweifeln teilhaben.
Dabei ist er ein sehr unzuverlässiger Erzähler und für mich hat das den Reiz des Romans ausgemacht. So begründet er ausführlich, warum er keine kitschigen Szenen in seinem Roman haben will, um dann zwei Absätze weiter genau diese kitschige Szene zu beschreiben. Oder er berichtet von einer Begebenheit im Brustton der Überzeugung und erklärt dauernd, wie wichtig es ihm ist, nur historische Fakten zu liefern, um dann zehn Seiten später zuzugeben, dass die Begebenheit so nicht stattgefunden hat.
Zur Unzuverlässigkeit gehört auch, dass er sagt, er möchte einen Roman über die Attentäter schreiben. Das tut er auch, aber noch viel mehr geht es um Heydrich, der ja schon im Titel auftaucht und auch das Cover ziert.
Wenn man also Fakten will, sollte man lieber zu einem Sachbuch greifen. Auch wenn man natürlich trotzdem viel sowohl über Heydrich als auch über den tschechoslowakischen Widerstand lernt. Mir hat der Roman als solcher aber gerade wegen dieser Unsicherheiten sehr gefallen.
Nur zwei Dinge haben mich gestört: Zum einen teilweise die Übersetzung. An einigen Stellen werden die tschechischen Ortsbezeichnungen genutzt, wo es gut etablierte deutsche Ortsangaben gibt. Ich hatte den Eindruck, dass es darum geht, sich quasi von den Nationalsozialisten abzusetzen. Aber die deutsche Sprache war weit vor den Nazis in Prag präsent und die deutschen Ortsangaben haben meiner Meinung nach nichts Anrüchiges. Und es stört doch den Lesefluss, wenn man von die Vaclávské namestí liest, statt der Wenzelsplatz.
Das andere waren die Beschreibungen von Frauen, bei denen immer unnötigerweise auf deren Aussehen eingegangen wird. Sowohl bei den Partnerinnen des Erzählers als auch bei anderen Frauen. Ich bin der Meinung, dieses Buch wäre prima ohne die Erwähnung von Brüsten ausgekommen, aber der Autor sieht das offensichtlich anders. Ich habe überlegt, deswegen mehr als einen Stern abzuziehen, weil es mich wirklich genervt hat. Aber glücklicherweise (in diesem Fall) ist es ein eher männerlastiges Buch, sodass das nicht zu oft vorkommt. Daher insgesamt 4 von 5 Sternen.
















