Rezension zu "Schrei! Nur wenn ich laut bin, wird sich was ändern" von Laurie Halse Anderson
Trishen77
20 Jahre nach ihrem Jugendroman "Sprich", in dem sie ihre eigene Vergewaltigung als Jugendliche aufarbeitete, brachte Laurie Halse Anderson 2019 den Gedichtband "Schrei" heraus. Auch hier kommt die Tat vor, es geht aber vor allem um die Vorgeschichte und die Folgen der Niederschrift von "Sprich".
Der rote Faden ist die Gewalt gegen Frauen und wie sie überall verschwiegen und zensiert wird, oft unbenannt bleibt. Durch den Druck der Scham, die eng mit dem Strang der Gewalt verwoben ist, werden Frauen dazu angehalten, nicht zu reden, nicht zu schreien.
Alles beginnt mit Andersons eigenem Vater, der seine Frau zwar nur ein einziges Mal schlägt – für die Folgen muss dennoch der Klassiker, das Runterfallen auf der Treppe, als Erklärung herhalten. Auf der anderen Seite: auch nachdem "Sprich" zu einem großen Erfolg geworden ist, wird es in vielen Bibliotheken in den USA aussortiert und Vorträge von Anderson werden durch den Feueralarm unterbrochen – weil bspw. der Direktor der Schule meint: so etwas passiert hier nicht. Draußen wird sie dann von einer Gruppe Mädchen umringt, die ihr natürlich vom Gegenteil berichten.
Nur mittels und entlang ihre eigenen Biographie erzählt Anderson von der ganzen Brutalität und Ignoranz des Patriarchats. Durch die Momentaufnahmen und die Themenvielfalt, die die einzelnen Gedichte ermöglichen, entfalten die Schilderungen eine besondere Wucht, es geht quasi Schrei auf Schrei. Auch der Ton ist variabel, erzählerisch meist, aber auch Emotionen erschließend, formal mit Listen, Dialogen und Fremdmaterial arbeitend. Man wird mitgerissen.





















