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Louisdor

vor 2 Jahren

(5)

Das Furchterregende am Leben in einer Diktatur ist: Wie sehr sie mit Intoleranz, Angst und Unfreiheit den Alltag durchtränkt. Schleichend, unterbewusst, manchmal mit eigentlich absurden, unlogischen Argumenten und Regeln, die zum Lachen wären - wären sie nicht bitterer Ernst.

Lea Krambeck hat dieses Gefühl in ihrem Buch wie in einem Kaleidoskop des Alltags eingefangen, von der Absurdität der Ideologie bis zum Schrecken des Banalen. Ihr Schauplatz ist die Schule, ihre Protagonistin eine Schülerin, die am Anfang des Buches noch nicht ahnt, was es bedeutet "Halbjüdin" zu sein, und die außerdem viel zu wissbegierig ist und viel zu wissenschaftlich denkt und handelt für die neue Gegenwart des Dritten Reiches, in der "deutsche Wissenschaft" offenbar die Naturgesetze außer Kraft setzen darf.

Jede Schulstunde stößt eine Wissenstür auf

Dabei geht es von Anfang an nicht nur um die Hauptfigur Marion, auch wenn sie der Fixpunkt der Geschichte bleibt. Gleichzeitig mit ihr tritt ein ganzes Orchester an Nebenfiguren auf, ein voller Satz Familienmitglieder, ein vollständiger Satz Mitschülerinnen und ein kompletter Satz an Lehrern. Das bewirkt einen Detailreichtum, der erschlagen kann, zumal die Schulzeit anfangs mit jeder einzelnen Unterrichtsstunde durchexerziert wird. (Fast) jedes Fach bringt eine neue Lehrerin mit sich, jede Lehrerin wird sich später als sehr eigenständiger Charakter, der nuanciert unterschiedlich auf die Situation in der Diktatur reagiert, herausstellen.

Jedes Fach birgt seine eignen Lehren, die entweder durch den Nationalsozialismus verbogen werden, oder, umgekehrt, einem wissbegierigen, kritischen Geist dazu dienen, Lehrinhalte in anderen Fächern in Frage zu stellen. Die Geschichte hangelt sich anfangs von Schulstunde zu Schulstunde entlang, stößt immer wieder neue Türen auf. Das lässt eine sehr reale, sehr plastische, allerdings eben auch sehr umfangreiche Welt entstehen, die zum Teil eher an ein Tagebuch erinnert. Oder manchmal auch an ein Buch wie "Sophie's Welt", bei dem vor lauter Wissenstüren und Meta-Überlegungen der Plot nicht richtig voranzuschreiten scheint, und man mit dem Bleistift am Buch sitzen möchte, um sich Notizen über dieses oder jenes zu machen.

"Wie hättest du dich in einer Diktatur verhalten?"

Wer sich darauf einlässt, wird allerdings mit einem Fundus an Kleinoden belohnt: Filme, Alltagsgegenstände, Musik, Personen, scheinbar antiquierte Denkweisen, alles ist minutiös recherchiert, und blinkt und blitzt an etlichen Ecken und Kanten auf. Das Buch ist offenbar als Jugendbuch gedacht, bräuchte aber wohl, um angemessen gewürdigt werden zu können, mindestens einen erwachsenen Mitleser als Sparringspartner, der anschließend noch über dieses und jenes eine Diskussion anstößt oder auf dies oder das Detail hinweist.

Auch die Personen bilden alle einzeln eine Gruppe an Archetypen vor der gewaltigen Frage: Wie hättest du dich in einer Diktatur verhalten? Denn jede verhält sich anders, von Opportunismus über Fanatismus bis hin zu heimlicher Opposition. Die offene, kritische Opposition allerdings wagt eigentlich nur Marion selbst (und auch das nicht einmal bewusst, sondern vielmehr, weil sie nicht versteht, warum es ein Fehler sein soll, logische und scheinbar harmlose Fragen zu stellen). Krambeck versteht es sehr gut, den völlig banalen Alltagsschrecken der Diktatur zu zeichnen: Ein Alltag, der allen die Luft zum atmen und gleichzeitig zum Widerstand nimmt, obwohl doch nur wenige wirklich fanatische Nationalsozialisten auftauchen. Der Rest sind Mitläufer. Gleichzeitig seziert die Autorin ausführlich die Lehren, Dogmen und Ideen, auf denen die Diktatur aufbaute: Von der Rassenlehre in Biologie bis hin zur gemeinsamen Lektüre von "Mein Kampf" im Deutschunterricht.

Der Grusel liegt im Schulalltag

Tatsächlich werden teilweise sehr ausführliche (für meinen Geschmack teils zu ausführliche) Passagen von "Mein Kampf" zitiert, von der Protagonistin (und der Autorin) hinterfragt, auseinandergenommen, weggeworfen. Die Rezepte gegen krude Vorurteile und verblendete Ideologien liefert das Buch gleich mit: Kritisches Denken und Freundschaft. Allerdings kann es auch nichts daran ändern, dass selbst diese Rezepte und Eigenschaften nicht verhindern konnten, was anschließend passieren wird. Ohnehin zieht "Nachtigallentrauer" zum Teil seinen tiefsitzenden Schrecken daraus, dass die handelnden Personen noch gar nicht ahnen, wo die Geschichte sie hinführen wird: In Konzentrationslager, industrielle Massenvernichtung und Krieg. Der Plot spielt 1934, noch ganz am Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft (und es ist gleichwohl fast etwas schockierend, wie etabliert diese Herrschaft bereits zu diesem Zeitpunkt schien).

Das Buch ist keine leichte Kost, weder thematisch noch in der wie erwähnt teils überbordenden Detailfülle der Informationen, obwohl es gleichzeitig, und das ist das faszinierende Paradox dabei, im Grunde komplett ohne echte Gewalt, ohne drastische Szenen und mit sehr viel Schülerwissen hantiert. Als objektiv betrachtet eigentlich gar keiner "harten Kost". Der Grusel liegt im Schulalltag. Die Lehren, die man daraus ziehen sollte, ebenfalls. Denn selbstverständlich ist das Buch genau das: Ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn...

Die Antwort auf diese Frage lässt einen nach der Lektüre sehr nachdenklich zurück.

PS: Ein Wort zum Schriftbild, das aktuell sehr klein geraten ist und eher Mühe beim Lesen macht, zumal (für gedruckte Bücher eher ungewöhnlich) eine serifenlose Schrift verwendet wurde. Die Autorin hat in der Leserunde bereits angekündigt, das in der nächsten Ausgabe ändern zu wollen. Ebenso wie anklang, dass möglicherweise sogar noch ganze Passagen umgeschrieben werden könnten. Das ist deswegen möglich, weil das Buch im "e-publishing", also quasi im Eigenverlag erscheint. Die Rezension bezieht sich deswegen auf die Ausgabe vom Januar 2016.

Autor: Lea C. Krambeck
Buch: Nachtigallentrauer - Hamburg 1934.
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