Mit "Alle meine Mütter" widmet sich Lena Gorelik einer der prägendsten Beziehungen unseres Lebens: der zwischen Müttern und Kindern. Der im März 2026 bei Rowohlt erschienene Roman verbindet persönliche Erinnerungen mit gesellschaftlichen Fragen und betrachtet Mutterschaft nicht als festgelegte Rolle, sondern als vielschichtige Erfahrung zwischen Nähe, Überforderung, Liebe und Verlust.
Gorelik schreibt über Mütter und Nicht-Mütter, über biologische und gewählte Familien, über Kinderwunsch, Abbrüche, Krankheit, Behinderung und die Erwartungen, die an Frauen gestellt werden. Dabei geht es weniger um eine klassische Handlung als um eine literarische Annäherung an die Frage, wie sehr unsere Mütter unsere Identität prägen. „Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.“ (S. 10)
Meine Meinung
Sehr angesprochen hat mich die feministischen Perspektiven des Romans. Gorelik zeigt, wie Mutterschaft gesellschaftlich idealisiert wird und wie wenig Raum oft für widersprüchliche Gefühle bleibt. Sie hinterfragt Vorstellungen von „richtiger“ Mutterschaft und macht sichtbar, dass Fürsorge nicht ausschließlich durch biologische Verbindung entsteht. Auch Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle: Begriffe wie „Frauendinge“ stehen für Themen, über die Frauen häufig lernen zu schweigen. „«Frauendinge» klingen groß, und weil sie groß und geheimnisvoll und auch nicht gut klingen, lernen wir Töchter, dass wir besser nicht fragen.“ (S. 20)
Sehr berührend sind die Passagen über Mütter, deren Kinder nicht gesellschaftlichen Normen entsprechen. Gorelik richtet den Blick auf Familien, die mit Diagnosen, Barrieren und bürokratischen Hürden leben, ohne die Kinder auf diese Herausforderungen zu reduzieren. Gleichzeitig zeigt sie, wie groß der Druck auf Mütter ist, immer selbstverständlich und bedingungslos zu lieben: „Es ist nicht vorgesehen, dass Mütter erst lernen müssen, ihre Kinder zu lieben.“ (S. 71)
Trotz dieser starken Themen hatte ich Schwierigkeiten mit dem Roman. Ich habe ihn einmal begonnen, wieder weggelegt und später neu gestartet. Erst nach etwa einem Drittel konnte ich einen besseren Zugang finden. Die fragmentarische, poetische Struktur erzeugt viele emotional berührende Momente, hat mich aber stellenweise auch etwas verloren, weil manche Gedanken eher wie einzelne Essaysplitter wirken als wie ein zusammenhängendes Erzählen. Besonders gegen Ende nahm die Wirkung für mich wieder etwas ab.
Gleichzeitig zeigt Gorelik große Stärke darin, persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Fragen zu verbinden. Der Versuch, über die eigene Mutter zu schreiben, wird auch zu einer Suche nach der eigenen Identität: „Ich suche nach Wörtern, um über sie, meine Mutter, zu schreiben, über uns, über Kinder und Mütter. Ich stecke meine Mutter mit Worten ab und vermutlich fest.“ (S. 136)
Fazit
"Alle meine Mütter" ist ein anspruchsvoller, stellenweise sehr poetischer Roman über Mutterschaft in all ihren Widersprüchen. Besonders Leser:innen, die sich für feministische Literatur, Familienbeziehungen und gesellschaftliche Rollenbilder interessieren, werden hier viele Denkanstöße finden. Die Stärke des Buches liegt für mich klar in der Offenheit des Themas und den klugen Beobachtungen zu Frauen, Körpern, Care-Arbeit und Generationen. Die sehr fragmentarische Erzählweise kann jedoch auch Distanz schaffen. Für mich war der Roman deshalb eine wechselhafte Lektüre: mit vielen starken Passagen, aber auch Momenten, in denen ich mich verloren fühlte. Am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis, dass die Beziehung zu unseren Müttern niemals vollständig abgeschlossen ist. Gorelik selbst bringt diese Unabgeschlossenheit auf den Punkt: „Ich denke schon, antworte ich, weil ich eingesehen habe, dass ich nie fertig bin.“ (S. 172). Danke an netgalley.de & den Rowohlt Verlag für das digitale Leseexemplar.
























