Lena Kornyeyeva Die sedierte Gesellschaft

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Inhaltsangabe zu „Die sedierte Gesellschaft“ von Lena Kornyeyeva

Damit die Leistung stimmt, schlucken Kinder Ritalin; Studenten betreiben Hirndoping, und wer im Job überfordert ist, nimmt Antidepressiva. Inzwischen sind in Deutschland mehr als achtmal so viele Menschen von verschreibungspflichtigen Medikamenten abhängig wie von illegalen Drogen. Lena Kornyeyeva erklärt, warum Wirtschaft und Politik gleichermaßen davon profitieren, und schildert erschreckende Fallbeispiele aus ihrem Alltag als Psychologin. Sind wir dabei, das Beste und Wertvollste aufzugeben, was wir besitzen: unseren Verstand?

Schockierend...

— Sommerregen

Die Hersteller selbst wissen nicht genau, wie Psychopharmaka wirken. Überaus vertrauenserweckend…

— bibliophilist1985

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  • Schöne neue Welt? Wohl eher nicht...

    Die sedierte Gesellschaft

    Sommerregen

    17. August 2016 um 14:52

    Schon längst ist es üblich geworden, jegliches von unserer Leistungsgesellschaft als unerwünscht aufgefasstes Verhalten unter Einsatz legaler Drogen einzudämmen, die Menschen zu „optimieren“. So sind inzwischen mehr als achtmal so viele Menschen von verschreibungspflichtigen Medikamenten abhängig wie von illegalen Drogen. Lena Kornyeyeva beschreibt in ihrem Buch erschreckende Zustände, die bereits bedrohlich viele Gemeinsamkeiten mit Huxleys „schöner neuer Welt“ aufweisen. Einziger Trost hierbei scheint, dass die bewusstseinsverändernden Substanzen noch nicht mit dem Trinkwasser verabreicht werden. Dabei wird an hinterlistigen Methoden, Aufputschmitteln gegenüber kritisch stehende Menschen auch auf den Geschmack zu bringen, nicht gespart. Zu den Medikamenten werden passende Krankheiten gefunden, diese werden mit einem guten Image versehen und schon klingelt die Kasse – und davon profitiert nicht nur die Industrie… Doch sind die kleinen Helferchen keineswegs so harmlos wie sie erscheinen: Nicht nur, dass häufig, russischem Roulette ähnelnd, Nebenwirkungen einfach in Kauf genommen werden, allmählich beginnen die „Normalen“ die „Kranken“ zu sein, jeder fällt in das Raster irgendeiner Erkrankung, unter dem Zwang der ewig fordenden, nie gebenden, Leistungsgesellschaft brechen die Menschen reihenweise zusammen. Die Ursachen zu behandeln nimmt zu viel Zeit in Anspruch, Arbeitsausfall wäre die Folge, also wird lieber die Symptombekämpfung – oder in diesem Fall -unterdrückung – vorgezogen. Die Wirtschaft freut es. Aber wenn Menschen ihren Verstand betäuben und somit entmachten, hat die Entwicklung fort von souveränen Individuen bereits begonnen und das Gefühl, zu einer fremden Welt zu gehören breitet sich aus. Dabei ist die Geschichte der Psychopharmaka keine der letzten Jahre: Beispielsweise im Zeiten Weltkrieg wurde Pervitin an Soldaten als „Panzerschokolade“ verabreicht, um sie länger leistungsfähig und angstbefreiter zu machen, um somit ihre Bereitschaft zu töten zu erhöhen. Dass zu dieser Zeit auch Politiker ihren Psychopharmaka-Cocktail einnahmen, verwundert da nicht… Zunehmend leiden aber auch Kinder unter der übereilten Vergabe von Medikamenten. Ritalin, in der Drogenszene wohl auch unter dem Namen „Kinder-Kokain“ bekannt, ist ein solches Beispiel: Schwammige Symptome werden zu einer Krankheit gefasst, obwohl sie keineswegs als krankhaft zu bescheiben wären: „Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, auffallend gutes Aufnahmevermögen und Gedächtnis für subjektiv Interessantes, bei Interesse extreme Konzentrationsfähigkeit (Hyperfokussierung), spontane Hilfsbereitschaft, Empathiefähigkeit, Fürsorglichkeit, Hypersensibilität, Kreativität, Phantasie, Experimentierfreudigkeit (…)“ (S. 156) – da mag man sich doch den „gesunden“ Menschen gar nicht vorstellen. „Etwas läuft falsch mit dieser Welt.“ (S. 217) Ein Satz der meine Gedanken während und auch nach der Lektüre auf den Punkt bringt… Gerade einmal fünf Jahre alte Kinder, die glauben, ohne Medikamente nicht mehr unter die Leute gehen zu können, sind mehr als alamierend… Das ständige Pathologisieren und Verschreiben bewusstseinsverändernder Medikamtente nur um des Funktionierens wegen, sind definitiv der falsche Weg. Allerdings scheinen wir uns bereits in einer sedierten Gesellschaft zu befinden, in der legale Drogen dem Menschen helfen, so zu denken wie gewünscht – nämlich unkritisch und nicht reflektiert -, nur das zu tun, was gewünscht ist, nicht quer zu denken, kein Individuum zu werden. Arbeit vor Selbstfindung. Wie selbstverständlich es ist, Mittel einzuwerfen, um „besser“ zu sein, ist erschreckend: Kinderbücher, in denen kleine Känguru-Kinder, noch bevor es zu irgendeinem tröstenden Gespräch kommt, gegen ihre durch den Umzug eines Freundes verursachte Trauer vom Spezialisten, dem starken Bären, ein Medikament gegeben bekommen, sodass es ihnen durch die tägliche Einnahme schon bald wieder blendend geht, sind leider genauso leicht zu finden wie Fernsehsendungen, in denen ein Obdachloser, nachdem er Aufputschmittel im Abfall gefunden hat, schon nach kurzer Zeit im Anzug auf sein Vorstellungsgespräch wartet. Wie frei sind wir da noch? „Die sedierte Gesellschaft: Wie Ritalin, Antidepressiva und Aufputschmittel uns zu Sklaven der Leistungsgesellschaft machen“ ist ein erschreckendes und erschütterndes Buch, das ungeschönt zeigt, was wir uns mit dem ständigen Leistungsdruck und dem Wunsch nach „Optimierung“ eigentlich antun. Ich bin von diesem Werk schwer beeindruckt und denke, dass es zu diesen Büchern gehört, die – am besten von jedem – gelesen gehören, damit sich doch noch etwas ändern kann. Kornyeyeva behandelt das Thema in einer derart umfassenden Art, dass man sich der Dringlichkeit und Fatalität unseres Verhaltens nur zu bewusst wird. Dadurch dass die Psychologin regelmäßig Fallbeispiele einstreut, geht das Gelesene erschreckend nah und man möchte sich am liebsten die Hände vor den Kopf schlagen… Sehr berrührend wird es darüber hinaus, wenn das Schicksal von Kindern, die einfach ruhig gestellt werden damit sie nicht so viel Arbeit machen, beschrieben wird, oder wenn gezeigt wird, wie schnell man an die legalen Drogen gelangt: In der Regel reicht ein Arztbesuch. So verwundert es auch nicht dass diese Mittel dreistellige Zuwachsraten im Jahr erzielen und Menschen jeden Alters und Hintergrundes betreffen. Das Buch hinterlässt bei mir ein Gefühl der Wut – darüber dass wir – die wir doch offensichtlich betroffen sind – so wenig über das Thema informiert werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich bald etwas ändert, denn so geht es sicherlich nicht (gut) weiter. So möchte ich keine Leseempfehlung aussprechen, sondern vielmehr dazu aufrufen, dieses Buch zu lesen und vergebe 5/5 Sternen.

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    • 8
  • Rezension zu " Die sedierte Gesellschaft" von Lena Kornyeyeva

    Die sedierte Gesellschaft

    bibliophilist1985

    13. November 2014 um 21:35

    Grundsätzlich stellt sich die Frage nach dem Sinn der Gabe starker Psychopharmaka, der sich bei schwer kranken Patienten und in traumatischen Ausnahmesituationen durchaus als bestes Mittel der Wahl erweist. Nur bei sämtlichen, durch weniger starke Nebenwirkungen verursachende Medikamente ebenfalls behandelbaren, psychischen Problemen rechtfertigt den Einsatz nur ein gut geknüpftes Vermarktungsnetz und der Kostenfaktor. Denn mit Psychotherapie, Naturheilmitteln und Änderung des Lebenswandels ließen sich der Großteil aller Depressionen (Burn-outs) und Folgeerscheinungen von Vernachlässigung (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) nachhaltig behandeln und heilen. Allerdings wäre das für das Gesundheitssystem wesentlich teurer als die Verschreibung von Medikamenten und würde die Umsätze der Pharmaindustrie beträchtlich mindern. Darüber hinaus stellen diese Medikamente nur eine Möglichkeit des Aufschubs der eigentlichen Probleme dar, da der Patient, anstatt sich mit den Leiden verursachenden Auslösern zu beschäftigen, die Probleme mit Hilfe der chemischen Keule unterdrückt und die belastenden Emotionen scheinbar abtötet. Und als Draufgabe gesellen sich zu den nur inaktiven, aber in keinster Weise gelösten Problemen, noch die Nebenwirkungen der Medikamente. Als Gipfel der Armseligkeit kann die Gabe des auch gern als Kinderkokain bezeichneten Ritalins an Heranwachsende ab dem Alter von 6 Jahren betrachtet werden. Der Spitzname Kinderkokain leitet sich von der chemischen Ähnlichkeit mit dem synthetisierten Stoff der Kokapflanze ab. Die so geförderten Kleinen werden zu fokussierten und eifrigen Lernern, stören den Unterricht nicht mehr und bleiben auch länger putzig und kindlich, weil sich als eine der umfangreichen Nebenwirkungen von Psychopharmaka die Entwicklung verzögern kann. Experimente mit Kindergartenkindern ab 3 Jahren sind in Amerika schon angelaufen. Morde und Amokläufe unter dem Gesichtpunkt der medikamentösen Vorgeschichte der Täter zu betrachten böte eine neue Perspektive. So sind Wahnsinnstaten begehende Menschen meist schon lange vor der Tragödie auffällig und häufig auch in psychiatrischer Behandlung und mit Tabletten eingedeckt, zu deren Nebenwirkungen unter anderem Aggressionen, Verfolgungswahn, Halluzinationen, abnormes Denken und Verwirrtheit gehören. Aber genauso wenig wie die Produzenten der Mordwerkzeuge irgendeine Verantwortung trifft sind auch die Hersteller der Arzneimittel erhaben, denn wie der allseits bekannte mediale Konsens besagt, sind Computerspiele und Fernsehen Schuld an den Blutbädern. Und vielleicht noch Gottlosigkeit und Marihuana. Mittlerweile gibt es das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom auch für Erwachsene und die Kreuzchentests zur Ermittlung des eigenen Gefährdungspotentials sind gleich wie bei Kindern darauf ausgelegt, möglichst viele der Teilnehmer als krank zu definieren. Ergänzt wird das mit Broschüren für Kinder, in denen ein trauriges Tier zum Arzt geht und Pillen für Fröhlichkeit verschrieben bekommt. Wie subtil. Im Gegensatz zu ADHS als etablierte Kunstkrankheit hat sich das Sisi-Syndrom nicht durchgesetzt. Darunter verstand man eine wie ADHS frei erfundene Krankheit, die alle Eigenschaften emanzipierter Frauen in sich vereinte, als Krankheitsbild darstellte und in dieser Zielgruppe auf wenig Gegenliebe stieß. Ein interessantes Gedankenspiel ist die hypothetische Entwicklung eines Medikaments, das eine chronische Krankheit wirklich heilt und nicht nur die Symptome mindert. Sollte es ein solches geben, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass es streng unter Verschluss gehalten und nie in Umlauf gebracht wird, da eine Heilung eines sonst jahrzehntelang mit Medikamenten zu behandelnden Leidens keine Gewinnoptimierung darstellt. Gesunde nehmen keine Pillen. Was man immer zur Veranschaulichung im Hinterkopf behalten sollte, ist wie sich die Akzeptanz und Legalität eines Stoffes im Laufe der Zeit zu wandeln vermag. So waren Heroin, Kokain und Methamphetamin(Pervitin) lange Zeit intensiv beworbene und als Wundermittel gegen diverse körperliche und psychische Leiden empfohlene, zugelassene Medikamente, wobei die Hersteller wie heute genau über die Gefährlichkeit und das Suchtpotential der Substanzen Bescheid wussten, aus skrupelloser Gier jedoch trotzdem eifrig Handel damit trieben. Als weiteres anschauliches Beispiel für die Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, wiederholt sich das Trauerspiel wie bei den harten, körperlich süchtig machenden Drogen nun stattdessen mit diversen psychoaktiven Substanzen, über deren genaue Wirkungsweise, Langzeitfolgen und Nebenwirkungen man nur Mutmaßungen anstellen kann, da ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung die Versuchskaninchen der ersten Generation stellt. Aber es gibt immerhin das Novum, die pharmazeutische Evolution, wenn man so will, dass nun auch Kinder in den Genuss der Substanzen kommen können, was in der rückständigen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht so häufig der Fall war.  

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