"Aber was bedeuten diese Worte: Schuld und Unschuld. Jeder handelt nach dem Gesetz, das Gott in ihn gesenkt hat. Jeder tut, was er tun muss."
Perutz zum Anfang seiner Erzählung 'Herr erbarme dich meiner'.
Über das Buch - direkt zum vierten Absatz.
Leo Perutz, Romancier und Erzähler, Dichter und Schriftsteller, als einiges - und doch: Wer war dieser Mann? Trotz einer guten Biographie vom unermüdlichen Heinz-Harald Müller, dem unendlicher Dank für die Erhaltung und Rezeption von Perutz Werken gilt (auch in diesem Buch ist ein Kommentar und ein umfangreicher, hervorragender biographischer Essay enthalten), bleibt am Ende wenig über den Mann übrig.
Und immer wieder die Frage: Was ist sein Geheimnis, dass Geheimnis seiner Prosa, das Geheimnis seiner Romane?
Hans Reimann gab den Versuch, das -Geheimnis- von Perutz Romanen auf die Spur zu kommen, mit dem Satz auf: "Perutz deckt ein Geheimnis mit dem anderen zu."
Eine der zahlreichen Zeitschriften, die Perutz in den zwanziger Jahren um Angaben zu seiner Biographie und -inneren Entwicklung- baten, druckte sein lakonische Antwort ab: "Ich befürchte, mit einer Darstellung meines Lebensweges weder bei den Lesern meiner Bücher noch bei den Lesern ihrer Zeitschrift Interesse vorzufinden. Meine innere Entwicklung ergibt sich für jeden, nur nicht für mich, aus der Lektüre meiner Romane."
Für mich ist Perutz einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Das hat er in diesem Erzählband wieder einmal unter Beweis gestellt. Die 9 hier versammelte Erzählungen - von denen eine eigentlich ein kleiner Roman ist ( Geburt Des Antichrist ) - sind nicht nur spannend, sie sind auch stilistisch immer auf Punkt und Puls des Leser geeicht und tragen einfach so ganz und gar die Handschrift dieses genialen Autors, dass jede Geschichte Lesefreude bringt. Kennen sie das, wenn sie einen Autor und seine Erzählweise so sehr schätzen, dass sie beinahe jede Geschichte interessant finden, solange dieser Autor sie erzählt? So ein Autor ist Perutz für mich und ich denke er kann für fast jeden so einer werden. Egal ob er in einer leicht phantastischen Kurzgeschichte über eine Feindschaft mit dem Mond erzählt oder eine wirklich nach Erzählung schmeckende Geschichte um Liebe die Liebe spinnt oder eine großangelegte historische Novelle schreibt: immer ist er wunderbarer Maler & Erzähler in einem, einer, der seine Kunst versteht.
Allerdings sollte man nicht mit diesen Erzählungen beginnen, sondern am Besten mit Zwischen neun und neun oder mit Der Judas des Leonardo . Diese Romane lassen einen einsteigen in das kurzweilige, doch blühende Perutzuniversum.
Leo Perutz
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Leo Perutz
Der Meister des Jüngsten Tages
Nachts unter der steinernen Brücke
Der schwedische Reiter
Zwischen neun und neun
Wohin rollst du, Äpfelchen ...
St. Petri-Schnee
Der Judas des Leonardo
Turlupin
Neue Rezensionen zu Leo Perutz
"Aber der Herr mag wissen, dass der Hase nirgends flinker ist als dort, wo man ihn jagt."
Viele Stimmen haben hier schon Lob gespendet für das kleine und wunderbare Gemälde, dass Perutz mit diesem Buch geschaffen hat; denn so wie ein einziges Bild steht mir dieser Roman nach dem Lesen vor Augen, ein herzergreifendes, klares Gemälde voller kleiner Aspekte und gelungener Motive, mit dem geheimnisvoll-schönepischen Titel: Der schwedische Reiter.
Ich will hier denn auch nur die wohlverdienten 5 Sterne abgeben und noch ein, zwei Sachen hinzufügen oder mit ihnen bekräftigen, was schon allenthalben hier bereits gut und richtig gesagt wurde.
Leo Perutz gehört für mich zu den faszinierendsten und besten Romanciers deutscher Sprache. Sehr trefflich finde ich daher, was Daniel Kehlmann auf der Rückseite dieser Edition schrieb: "Perutz ist der größte magische Realist unserer Sprache." Das fängt eigentlich genau das ein, was Perutz ist, von seinem ersten, furiosen Roman Die dritte Kugel an, bis zu seinem letzten Geniestückchen Der Judas des Leonardo , nämlich ein Autor, der nicht nur spannende Geschichten in die Umgebung großer, historischer Umfelder einzuweben weiß, sondern dies auch noch mit einer Leichtigkeit von Sprache und Stil verbindet, dass man immer weiter lesen will und sei es nur, weil es sich so angenehm anfühlt, ständig im Fluß der Geschichte zu sein.
"Der Erzähler experimentiert mit Wirklichkeiten", so sagte es Kehlmann. Perutz hat dies schon 70 Jahre vor dieser Aussage zu seiner Technik und seinem Stil gemacht. Viele seiner Romane betten das Schicksal einer oder mehrerer historisch nicht verbürgter Personen (oder wenn sie doch verbürgt sind, dann begehen diese Personen neben verbürgten, auch nicht verbürgte, Taten) in historische Abläufe ein. In Die dritte Kugel sind es z.B. ein paar Deutsche, die unabhängig von den Spaniern zur selben Zeit in die neue Welt reisen und sich dann beim Krieg mit den Azteken auf die Seite der Azteken schlagen; in "Der schwedische Reiter" ist die Geschichte von Liebe, Verrat und Abenteuer an die Klippe des "Großen Nordischen Krieges" zwischen Schweden, Polen-Sachsen und Russland gebaut.
"Es ist die Geschichte zweier Männer. Sie trafen einander an einem bitterkalten Wintertag zu Beginn des Jahres 1701 in eines Bauern Scheune und schlossen Freundschaft miteinander."
Einmal sollte man Perutz lesen, weil es ein Vergnügen ist, wie schnörkellos, komprimiert und authentisch er erzählen kann - und zum anderen kann man ihn guten Gewissens allen empfehlen, die gute Geschichten lieben. Mag sein, dass man es ihm dann und wann übel nehmen könnt', dass er alte Sprichwörter, Gedichte und Lieder einflicht und allgemein die Sprache gern dem historischen Setting angleicht - oder dass praktisch keine einzige intensive Szene aus seinem Erzählfluss hinaus sticht. Jedoch den Sog seiner Geschichten, den kann man ihm nicht absprechen. Sie mögen sich bescheiden kleiden, wachsen aber jedes Mal auf wunderbare Weise als Ganzes über sich hinaus.
"-Warum kommst du den nicht wenn es Tag ist?-
-Weil mein Pferd bei Tag den Weg gar langsam trabt; bei Nacht aber, da fliegt es durch die Luft in Windeseil', in einer Stunde fünfhundert Meil'."
Wie jeder Roman von Leo Perutz ist auch dies Buch gleichsam komprimiert erzählt und doch voller Leben; es ist ein Roman, der niemals von der Handlung abschwenkt, der niemals Komplexität zu beschwören sucht und trotzdem (oder: gerade deswegen) ist er ein unglaublich intensives Literaturerlebnis.
Der Niedergang des Aztekenreiches, herbeigeführt durch Cortez, ist in groben Umrissen bekannt; doch wie bei vielen lange zurückliegenden historischen Ereignissen, kann man in das große, bekannte Räderwerk der Geschichte kleine phantastische Rädchen einsetzen, ohne das etwas kaputt geht. In diesem Fall besteht das Rädchen aus einer handvoll deutscher Auswanderer, die vor den Glaubenskriegen in ihrem Land in die neue Welt geflohen sind und sich dort sofort mit den spanischen Inquisitoren anlegen, ja sich sogar bald auf die Seite des Aztekenherrschers Montezuma II schlagen, der sie freundlich aufnimmt. Ihr Anführer ist ein entstellter ehemaliger deutscher Adeliger, der mit einem aus dem Heere des Cortez einst üble Händel hatte und eher den Teufel zur Hilfe nähme, als das Gold der Azteken dem römisch-katholischen Kaiser von Spanien und Österreich zu überlassen...
Wenn man Realität, also Historie, und Phantastisches mixt muss man sehr auf Kohärenz bedacht sein. Alles muss stimmig wirken. Nun ist Perutz ein Meister der Kohärenz; Sprache, Mythologie, Redensarten - es gibt kaum etwas, das er nicht in seinen Roman integriert hätte. So entsteht das Gefühl einer wahrhaften Geschichte beizuwohnen, die nicht allzu fern ist, weil sie historische Teilwurzeln hat, aber ganz fern ist, weil sie phantastische Elemente wie den Teufel als Person und ähnliches beinhaltet.
Ich kann nur jedem raten dieses köstliche Romänchen zu lesen. Es hat Spannung, es hat eine ganz eigene Art von Dramatik, es hat Kolorit und Geist, es weiß also bestens zu unterhalten. Sehr empfehlen kann ich auch Perutz Roman Der schwedische Reiter und Zwischen neun und neun .
Verpassen sie Perutz nicht - sie würden es bereu'n.
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Leo Perutz wurde am 02. November 1882 in Prag (Österreich) geboren.
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