Leta Semadeni Tamangur

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Inhaltsangabe zu „Tamangur“ von Leta Semadeni

Ein Dorf voller Schatten im Tal. Tief hat sich der Fluss in die Felsen eingegraben. Eine Kirche, ein Schulhaus, der Dorfplatz mit der Lügenbank. Hier lebt das Kind zusammen mit der Großmutter. Der dritte Stuhl am Tisch ist leer, der Großvater, der ein Jäger war, ist jetzt in Tamangur. „Das Dorf ist nicht mehr, als ein Fliegendreck auf der Landkarte“, sagt die Großmutter, und in der Küche hat sie Nadeln an die Weltkarte gesteckt: Venezia, Tumbaco, Havanna, Paris. Dorthin denkt sie sich gern zurück. Sie hat keine Lust, auf dem Bänkchen vor dem Haus Socken zu stricken. Socken hat sie genug gestrickt. Für den Großvater, der Füße hatte wie Seide. Für das Kind, das immer davon träumen muss, wie sich der Körper des kleinen Bruders auf dem Fluss Richtung Schwarzes Meer entfernt, ist die Großmutter ein Glück. Sie hat ein großes Herz. Auch für den kleinen Schornsteinfeger oder die Schneiderin, die Erinnerungen klaut, und vor allem für die wundervolle Elsa, die zu den Seltsamen gehört und manchmal Elvis Presley zum Abendessen mitbringt. Mit Feingespür, Wärme und Humor, in schnörkelloser aber bildreicher Sprache fängt Leta Semadeni die Welt der Großmutter und des Kindes ein und öffnet uns den Alltag zweier Menschen, die sich gegenseitig am Leben halten: Ein freundliches, manchmal absurdes Tagein Tagaus, unter dem, immer spürbar, das menschliche Drama lauert.

Obwohl ich sicher nicht jedes der Bilder verstanden habe, hat dieser so eindringlich erzählte Roman großen Eindruck bei mir hinterlassen.

— Barbara62
Barbara62

Ein wunderbares Buch, präzise, sprach- und bildgewaltig

— wernher
wernher

Knappe, präzise Sprache, wunderbar zu lesen

— Mira20
Mira20
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  • 73 Schlaglichter auf das Leben und den Tod

    Tamangur
    Barbara62

    Barbara62

    11. January 2016 um 19:27

    Die 70-jährige Unterengadiner Lyrikerin Leta Semadeni, deren Name selbst wie Lyrik klingt, hat mit Tamangur ihren ersten Roman geschrieben. Aber keinen im herkömmlichen Sinn, nein, vielmehr sind es 73 Schlaglichter in kurzen bis sehr kurzen Sequenzen über Großmutter und Enkelin, „das Kind“, das genauso namenlos bleibt wie das Unterengadiner Dorf, über skurrile Dorfbewohner und vor allem über Abwesende. Der dritte Stuhl im Haus bleibt leer, denn der Großvater, geliebt und schmerzlich vermisst von Großmutter und Kind, ist in Tamangur, jenem Ort, bei dessen Erwähnung die Großmutter jedes Mal gen Himmel schaut. Auch die Eltern sind fort. Vor den Augen des Kindes ist der kleine Bruder, der Augenstern der Mutter, im Fluss ertrunken, die Familie auseinandergebrochen. Hatte das Kind Schuld? Es hat die Hand des kleinen Bruders doch nur kurz losgelassen. So geben die Großmutter, die als junge Frau die Welt bereist hat, und das Kind, das kaum mehr kennt als das Dorf, sich gegenseitig Halt, schlafen im selben Bett. Manchmal bekommen sie Besuch, vor allem von Elsa, die im gelben Haus bei den Seltsamen wohnt und ihren stillen Freund Elvis Presley im Tarnanzug mitbringt. Und dann ist da noch die Schneiderin, die anderen ihre Geschichten stiehlt, und die Frau Doktor, die seit dem Tod ihres Kindes nicht mehr auf den Friedhof geht. Oder Kasimir, der homosexuelle Kaminkehrer, bester Freund des Großvater und dem Alkohol nicht abgeneigt. Eine sehr karge und zugleich bildgewaltige Erzählung. Obwohl ich sicher nicht jedes der Bilder verstanden habe, hat dieser so eindringlich erzählte kleine Roman großen Eindruck bei mir hinterlassen.

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  • Sequenzen eines Lebens

    Tamangur
    Jade

    Jade

    15. July 2015 um 17:35

    Der Grossvater hat sich aus dem Staub gemacht, nach Tamangur ist er verschwunden. Dabei schaut die Grossmutter immer an die Decke, wenn sie vom Grossvater und Tamangur erzählt. Das Kind schliesst daraus, dass Tamangur im Himmel ist. Die Grossmutter erzählt viel vom Grossvater mit den Seidenfüssen und welche Abenteuer sie zusammen erlebt haben. Paris hat sie gesehen, Dschungel und Wüsten und irgendwo in ihren liebenden Erinnerungen steckt auch die Wut einer herben Enttäuschung. Das Kind vermisst den Grossvater ebenso, denn er erzählte die schönen Geschichten und trank mit ihm den Kaffee mit Zucker und Käse, auch wenn es die Grossmutter verboten hatte. Die Grossmutter sah es und glühte vor Empörung und immer bekam sie dann einen Kuss vom Grossvater. Der Grossvater machte das Leben leichter, kämpft das Kind doch mit seinen eigenen Geistern: Der (verschuldete?) Verlust des Bruders, und wo sind eigentlich die Eltern? Zum Glück kommt Elsa häufig vorbei. Sie wohnt im gelben Haus bei den seltsamen Leuten. Meistens bringt sie Elvis mit, den sie im Restaurant Alpenrose kennengelernt hat. Elvis trägt einen Tarnanzug und verhält sich meistens still. Grossmutter mag Elsa sehr, sie ist nämlich für die Artenvielfalt und sie bringt mit ihren Ideen, Gesprächen und Fröhlichkeit viel Sternenstaub ins Haus. In 73 Kapiteln oder Blicken ins Leben erzählt „Tamangur“ eine Geschichte über den Tod, das Loslassen, Erinnern und Vermissen. Aber im Vordergrund steht das pralle Leben mit all seinen Facetten. Der Tod ist wie ein Klang im Hintergrund, der uns an die Endlichkeit erinnert, aber an die Freuden des Lebens appelliert. Leta Semadeni bezaubert mit feinfühligen Beschreibungen der Natur. Ebenso präzise charakterisiert sie ihre Protagonisten. Gerne schaut man als LeserIn durch die Augen Semadenis auf die Sequenzen eines erfüllten Lebens.

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