Li Yü Jou Pu Tuan

(3)

Lovelybooks Bewertung

  • 2 Bibliotheken
  • 1 Follower
  • 0 Leser
  • 1 Rezensionen
(2)
(0)
(1)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Jou Pu Tuan“ von Li Yü

Das berühmte, in der Schweiz 1961 wegen Unzüchtigkeit verbrannte Meisterwerk buddhistischer Meditationsentfaltung im Spiegel einer äusserst originellen Gesellschaftssatire verdient zweifellos besonderes Interesse. Li Yü stellt mit der Verfolgung des ganzen Lebensweges eines fein gebildeten jungen Schürzenjägers die erotische Frage unter den Menschen zur Diskussion. Dass er das unter den Voraussetzungen seiner Zeit, des 16. Jh. und seiner geistigen Umwelt - China zur Ming-Zeit - tut, macht den besonderen Reiz und Wert seines Buches aus. (Quelle:'Fester Einband/01.01.1995')
  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • 1959 in der Schweiz wegen Unzüchtigkeit verbrannt

    Jou Pu Tuan
    sabisteb

    sabisteb

    19. July 2013 um 21:52

    Ein buddhistischer Mönch sagt einem junge Mann, der sich selber Vormitternachtsscholar nennt, voraus, dass er das Potential zu einem weisen Mann hat. Der Vormitternachtsscholar hat aber andere Pläne als nach geistiger Vervollkommnung zu suchen geschweige denn diese auch nur anzustreben, er sucht nach der schönsten der Schönen, um diese zu heiraten und sehr viel Spaß im Bett zu haben. Schon bald jedoch, geht ihm sein Schwiegervater gehörig auf die Nerven, auch seine Frau ist ihm nicht mehr genug, er geht auf Reise um seine Suche nach der schönsten der Schönen fortzusetzen und eine heiße Affäre mit ihr zu haben.   Jou Pu tuan, die Gebetsmatte aus Fleisch ist eine chinesische erotische Novellle aus dem Jahr 1657 und wird dem bekannten Autor Li Yu zugeschrieben. Schon zu Zeit ihrer Veröffentlichung spaltete diese Novelle die Zeitgenossen. Man stritt sich, ob es sich einfach nur um einen pornographischen Roman handelt oder ob es sich hierbei um eine moralische Lektion handelt. Der Autor behauptet jedenfalls, dass nur, wer gesündigt hat, auch ein Heiliger werden kann und dass man den Leser halt irgendwie bei der Stange halten muss, und nicht langweilen darf, wenn man ihn belehren will. Nach seiner Übersetzung ins Deutsche ging der Streit von vorne los. Die Schweizer Behörden verboten das Buch und  verbrannten 1959 nicht verkaufte Exemplare. Später musste man einen Wisch unterschreiben, dass man Volljährig ist, das Buch nur aus literarischem Interesse liest und es Jugendlichen nicht zugänglich macht. Die Bücher wurden mit einem Warnhinweis versehen, ähnlich unserer heutigen FSK 18 Kennzeichnung. Auch in Deutschland war das Buch mehrfach vom Zoll beschlagnahmt worden. Aus heutiger Sicht eher lächerlich. Klar, es gibt ein paar Bettszenen, es gibt diverse Stellungen, die durchexerziert werden, vom Sex unter Männern über flotten Dreier und Vierer über Analverkehr und Trinkspielchen ist alles dabei. Die Übersetzung jedoch beschreibt diese Praktiken eher blumig, exotisierend und sehr stilvoll. Nie wird es platt, peinlich oder plump und der Roman wirkt auch heute noch frisch und zeitgemäß. Hier könnten viele moderne Schriftsteller noch sehr viel lernen, deren erotische Passagen meist eher lächerlich bis peinlich wirken. Man tut dem Buch unrecht, wenn man es nur auf seine erotischen Aspekte reduziert, die keinen größeren Raum einnehmen wie bei jedem anderen heutigen historischen Roman. Selbst Fantasyromane und Nackenbeißer dürften deutlich mehr dieser Episoden aufweisen als dieses Buch, von Shades of Grey schweigen wir mal. Die Novelle hat viele andere Stärken, die von den Kritikern oft einfach ignoriert wurden, bzw. vor dem erotischen Hintergrund verblassten. Die Geschichte ist glaubwürdig und gut konstruiert. Anders als bei Victor Hugo, bei dem viele Konstellationen und Begegnungen erzwungen und gewollt wirken oder bei Charles Dicken, wo sich die Zufälle in unglaubwürdigem Maße häufen, ist die Verkettung unglücklicher Umstände in diesem Buch, die zur letztendlich Bekehrung und Läuterung der Missetäter führen glaubwürdig und äußerst gelungen. Zudem ist dieser Roman ein Zeitdokument des China des 17. Jahrhunderts, das in seinen Ansichten fast modern wirkt. Die Geschichte könnte so nahezu 1:1 heute in NY oder einer anderen modernen Großstadt spielen. Die Dialoge sind witzig und treffend, die Figuren mit genauem, sparsamem Strich gezeichnet. Mit einem Minimum an Beschreibung wird ein Maximum herausgeholt, wie bei einer chinesischen Tuschezeichnung. Erstaunlich sind auch Passagen, die darauf hinweisen, dass man damals in China schon Lokalanesthetika kannte, die in Europa erst Anfang des 20. Jhdt. wirklich zum Einsatz kamen. Witzig sind Parallelen zu heutigen SPAM Mails über Verlängerungen und Aufbesserung seines besten Stücks, da hat sich in den letzten Jahrhunderten nur das Verbreitungsmedium geändert, scheint es. Aus Sicht eines Atheisten machen es sich die Protagonisten am Schluss ein wenig einfach, das mutet schon fast katholisch an, auch die Aspekte der kollektiven Schuld und Mitsühne der Frauen sind aus europäischer Sicht fragwürdig, dennoch fallen vor allem die vielen Parallelen des Buddhistentums zum Christentum auf. Der Verlag hat im Gegensatz zum chinesischen Original bzw. der englischen Übersetzung das erste Kapitel an den Schluss gestellt, was ich jedoch durchaus vom Lesefluss begrüßt habe. Man hätte es am Anfang nicht verstanden, am Schluss wirkt es besser. Fazit: Eine vielschichtige Erzählung. Auf den ersten Blick eine erotische Geschichte in Kombination mit einer coming off Age Geschichte, auf den zweiten Blick ein historisches Sittengemälde, auf den dritten Blick eine Reise zur Erleuchtung und Einsicht.   Es gibt verschiedene Ausgaben des Buches. Die deutsche Übersetzung basiert hauptsächlich auf einer japanischen Übersetzung, während die englischen Übersetzungen sich eher am chinesischen Original orientieren. Im Deutschen gibt es auch unterschiedlich bebilderte Ausgaben. Die frühen weisen meist nur 14 Bilder auf, da die erotischen Holzschnitte zensiert wurden. Vollständig bebildert ist nur die neueste Auflage der Waage aus dem Jahr 1995 und möglicherweise die Erstauflage aus dem Jahr 1959.

    Mehr