Lia Tilon

 5 Sterne bei 2 Bewertungen

Lebenslauf von Lia Tilon

Lia Tilon, geboren 1965 in Broek in Waterland, stieß im Zuge einer Recherche zu Albert Kahn auf die Tagebücher seines Chauffeurs Alfred Dutertre, und die Idee zu ihrem Roman ›Der Archivar der Welt‹ war geboren. Lia Tilon lebt in Spanien.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Lia Tilon

Cover des Buches Der Archivar der Welt, Roman (ISBN: 9783423281966)

Der Archivar der Welt, Roman

 (2)
Erschienen am 20.09.2019

Neue Rezensionen zu Lia Tilon

Neu

Rezension zu "Der Archivar der Welt, Roman" von Lia Tilon

Beeindruckend!
kingofmusicvor einem Jahr

Ein Mann, eine Vision – so in etwa könnte man den Inhalt von „Der Archivar der Welt“ von Lia Tilon (erschienen im September 2019 bei DTV) „runterbrechen“.


Jedoch würde das dem (zum Teil) auf Tatsachen beruhenden Roman (O-Ton Lia Tilon: „[…], ich habe die Fakten benutzt, um Fiktion schreiben zu können.“ (S. 252)) in keinster Weise gerecht werden – ist er doch so viel mehr.


Es ist auf der einen Seite die Geschichte einer „ungewöhnlichen“ Freundschaft zwischen dem französischen Bankier Albert Kahn und seinem Chauffeur Alfred Dutertre


„Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Mann wie ich mehr tut als nur fahren; ein wirklich guter Chauffeur führt seinen Dienstherrn in die richtige Richtung. […] Es ist meine Aufgabe, ihn sicher an sein Ziel zu bringen.“ (S. 9)


und auf der anderen Seite die Geschichte des „Archivs des Planeten“ – einer Idee Albert Kahns. Damit wollte er „[…] dauerhaft Aspekte, Praktiken und Ausprägungen menschlicher Aktivität […] dokumentieren, deren endgültiges Verschwinden nur noch eine Frage der Zeit ist.“ Albert Kahn, Januar 1912 (S. 270)


Die in der Zeit von 1909 bis 1931 entsandten Fotografen (durch Stipendien von Kahn finanziert) haben weltweit insgesamt über 70.000 Fotografien erstellt und so ein einzigartiges Gedächtnis der Welt hinterlassen, die es spätestens nach den zwei Weltkriegen in der Form nicht mehr gab.


Der Roman besteht aus Tagebucheinträgen Dutertre´s, durch welche die Leserschaft unmittelbar mit „auf Reise“ genommen wird; sie vermitteln trotz teilweise kurzer Sätze, aber auch ausführlicheren Beschreibungen wie der japanischen Teezeremonie (eine meiner Lieblingspassagen im Buch! *g*) ein authentisches Bild von Reisebedingungen und den Aufenthalten in u. a. Japan und China, lassen Dutertre´s Selbstzweifel an seiner Kompetenz als Fotograf, aber auch an dem Projekt selbst erkennen. Trotzdem lässt er seinen Chef nicht im Stich – was zum nächsten Handlungsstrang führt: hier geht es um die letzten Tage von Albert Kahn mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Dutertre bleibt bis zum Schluss bei ihm, kümmert sich aufopferungsvoll um Kahn und seine Vision – großartig geschrieben in zum Teil äußerst bildhafter Sprache!


Darüber hinaus ist der Roman eine Hommage an die künstlerisch wertvolle Fotografie mit einer „echten“ Kamera – in Zeiten, in denen täglich mehrere Milliarden Fotos aufgenommen, verbreitet, geteilt, geliked und gelöscht werden, bedarf es ab und an solch eines Blickes auf die Vergangenheit *g* - wie gut, dass es Archive gibt, in denen die Zeugnisse dieser Zeit verwahrt werden!


Im Anhang lässt die Autorin das Gelesene mithilfe von Farbtafeln authentisch werden und liefert gleich noch ein umfangreiches Quellenverzeichnis mit – ein zusätzlicher Pluspunkt!


Lia Tilon hat mit „Der Archivar der Welt“ einen wunderbaren, zum Nachdenken anregenden und lehrreichen Roman veröffentlicht, der mich veranlasst, das Wirken von Albert Kahn (1860 bis 1940) weiter zu verfolgen und der Sammlung Albert Kahns einmal einen Besuch abzustatten.


Klare Leseempfehlung und somit 5* wert!


„Denn solange die Menschen die gleiche Sprache sprechen, haben wir die Möglichkeit, Ideen auszutauschen, auch wenn sie sich vollkommen von unseren Vorstellungen unterscheiden.“ (S. 245)


©kingofmusic

Kommentieren0
4
Teilen

Rezension zu "Der Archivar der Welt, Roman" von Lia Tilon

Les Archives de la Planète
ElisabethBulittavor einem Jahr

Wir schreiben das Jahr 1940. Albert Kahn (1860 bis 1940), verarmter französischer Bankier und einst einer der reichsten Männer Europas, liegt im Sterben. An seiner Seite: sein Freund und Chauffeur Alfred Dutertre. Gemeinsam lassen die beiden Männer anhand von Fotografien und Tagebucheinträgen ihr Leben Revue passieren. Erschienen ist Lia Tilons 272-seitiger Roman „Der Archivar der Welt“ über eine ungewöhnliche Männerfreundschaft und gewaltige Mission im September 2019 bei dtv.

Albert Kahn ist ein vielseitig interessierter Mensch. Mit Verbreitung der Fotografie und Entwicklung des Autochromverfahrens, also der farbigen Fotografie, entwickelt sich in ihm eine Vision: Anhand dieser technischen Neuerungen möchte er ein „Archiv des Planeten“ erstellen, eine Sammlung von Bilddokumenten mit dem Ziel, traditionelle Lebensweisen zu bewahren, die Welt den Menschen näher zu bringen und so einen Beitrag für den Frieden zu leisten. Die Aufgabe des Fotografierens überlässt er vor allem seinem Chauffeur, Dutertre, mit dem er gemeinsam die Welt bereist, um am Ende auf eine beachtliche Sammlung von über 72.000 Aufnahmen zurückschauen zu können, die auch heute noch im „Musée départemental Albert-Kahn“ nahe Paris zugänglich ist. Die Bildtafeln am Ende des Buches vermitteln ein beeindruckendes Bild von der Arbeit dieser beiden Männer und lassen das Gelesene lebendig werden.

Die Geschichte dieser beiden Männer wird auf zwei Ebenen erzählt: Die Rahmenhandlung bilden die letzten Lebenstage Albert Kahns zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Alfred Dutertre kümmert sich uneigennützig um den Sterbenden, gräbt immer wieder im Archiv und somit in gemeinsamen Erinnerungen. Hierbei blicken Leserinnen und Leser zurück auf die Geschichte dieser beiden Männer sowie die der Fotografie, unternehmen mit dem Chauffeur zusammen eine Reise in glanzvollere Zeiten und erfahren Wissenswertes über Kahns Motivation, seine Lebenswerk in Angriff zu nehmen.

Unterbrochen wird diese Rahmenhandlung immer wieder durch Dutertres Tagebucheinträge aus den Jahren 1908/09. Gemeinsam mit den Protagonisten reisen die Leser/innen in die USA, nach Japan und China. Neben Einblicken in den Reisealltag zur damaligen Zeit enthalten diese Abschnitte auch teils wunderschöne Beschreibungen von Land und Leuten.

Gut gewählt und gleichzeitig bedrückend ist, dass das "Archiv des Planeten" eine friedensstiftende Aktion sein sollte, und gerade jetzt vor dem Hintergrund des wohl grausamsten Krieges, den Europa und die Welt durchleben mussten, resümiert wird. Dieses bietet reichlich Stoff zum Nachdenken – für mich persönlich auch der Umstand, dass wir heute in einer Zeit leben, in der die Welt nicht nur dank der medialen Entwicklung näher zusammengerückt ist, wir aber von einem friedlichen Miteinander und Verständnis füreinander nach wie vor weit entfernt sind.

Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich unterscheiden sich die beiden Handlungsstränge voneinander: Sprachlich ist die Szenerie rund um Kahns Tod ansprechend, einzelne Szenen werden sehr ausführlich, bildhaft beschrieben, sodass man beim Lesen förmlich Bilder vor Augen hat. Auf der anderen Seite steht Dutertres Tagebuch: Zwar gibt es auch hier plastische Beschreibungen, aber die  oft kürzeren Sätze, die wie Notizen "hingeworfen" sind, lassen den Text authentisch werden. Insgesamt lässt sich das Buch flüssig und atmosphärisch dicht lesen.

Alles in allem präsentiert Lia Tilon mit „Der Archivar der Welt“ ein gut lesbares und beeindruckendes zeitgeschichtliches Dokument von ungebrochener Aktualität, aus dem ich viel lernen konnte und das ich gerne zur Lektüre weiterempfehle.

Kommentieren0
2
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu
Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks