Liane Dirks Vier Arten meinen Vater zu beerdigen

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Inhaltsangabe zu „Vier Arten meinen Vater zu beerdigen“ von Liane Dirks

Wie beschreibt eine Frau den sexuellen Missbrauch durch den eigenen Vater? Anklagend, mitleiderregend, als Betroffenheitsbericht? Man kann seinem Vater auch ein literarisches Begräbnis graben. Liane Dirks ist das in ihrem Roman "Vier Arten meinen Vater zu beerdigen" ohne Haß oder Schuldzuweisung gelungen. Über ihn zu erzählen, ihn sogar beim Namen zu nennen, das ist eine der vier Arten, diesen Vater endgültig zu beerdigen. Ihr gelingt es, Verständnis für die Tat des Vaters zu wecken, indem sie dessen Lebensgeschichte von Geburt an erzählt. Denn kein Kind käme mit einem Schild auf der Stirn zur Welt, auf dem stünde: "Ich werde Sexualstraftäter". Es sei einfach eine Entwicklung, so die Autorin in einem Interview.
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    Vier Arten meinen Vater zu beerdigen
    Wortklauber

    Wortklauber

    08. February 2016 um 07:58

    Günther, die titelgebende Figur, die es am Ende des Buches zu beerdigen gilt, wird 1922 als zweiter Sohn von Louise geboren, einer Hamburger Geschäftsfrau, deren Kosmetiksalon Anziehungspunkt für die Begüterten und Schönen ist, in dem man sich über Kunst und Kultur austauscht. Der Junge wird protestantisch getauft und, da die Mutter sich ihrer jüdischen Wurzeln besinnt, beschnitten; vom Mohel jedoch so halbherzig durchgeführt, dass man es vor Günthers Musterung als behandelte Phimose darstellen kann. Günther wächst zu einem Jungen heran, der gern Geschichten erfindet, wie der von den Lemmingen, pelzigen, rattenartigen Tieren, die sich ins Wasser stürzen, um sich zu ertränken. Günther lernt, sich durchzubeißen. Günther wird zum Spielzeug seines Vaters, Günther wird Page im Hotel Vier Jahreszeiten, bringt Robert Ley, dem Leiter der deutschen Arbeitsfront, Kondome in die Suite, Günther wird Koch, Günther wird Soldat, begegnet Ley ein zweites Mal, Günther entgeht einem Tod an der Front, Günther wird Displaced Person. Er gründet eine Familie und vergeht sich an den Töchtern, wird verurteilt, als er sich an einem Nachbarskind vergreift, lässt sich scheiden, geht nach Barbados, ins Paradies. Von dort erreicht die jüngste Tochter Alma ein Brief. Der Vater sei krank, sie solle kommen. Als sie in Barbados von Bord geht, ist der Vater tot. Was bleibt, ist ihn zu beerdigen. Nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes, sondern sich von ihm zu befreien. Die vierte Art, sich von einem Toten zu trennen, ist, so heißt es auf der Insel, die Geschichte des Verstorbenen zu erzählen. In der Hörversion liest die Autorin Liane Dirks ihren Roman selbst. Vermutlich lassen die weitaus meisten Schriftsteller, besser: deren Verlage, lesen, bedienen sich professioneller Sprecher. Bei Liane Dirks funktioniert es. Man kann sich höchstens fragen, warum es eine weibliche Stimme ist, die die Geschichte dieses Günthers erzählt, kann es doch beinahe passieren, dass man auf gut zwei Dritteln des Romans vergisst, dass der eine weibliche Ich-Erzählerin hat: Alma. Der Roman fächert, dicht erzählt, vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens ein Leben auf, das überreich ist an Ereignissen. So farbig wie bedrückend ist diese Biographie, monströs dieser Mann in seiner Rücksichtslosigkeit, bedrückend auch in der Nüchternheit, die der Sätze selbst, wie auch der Art des Vorlesens. Aus dem Jungen, der zum Opfer seines Vaters wird, wird der Täter, der sich an Kindern vergeht. Gleichzeitig ist jener Günther aber auch ein Mann, der durchaus gefallen, umschmeicheln kann, der Männer wie Frauen für sich einnimmt, auf sexueller wie romantischer Ebene, ein Getriebener ist das, einer, der den eigenen Trieb über alles stellt, der begehrt, nimmt, verführt und vernichtet. Bedrückend ist auch, dass dieser Günther im Roman denselben Nachnamen wie die Autorin hat. Über sexuellen Missbrauch hat Liane Dirks schon in ihrem ersten, in den Achtzigerjahren erschienenen Roman „Die liebe Angst“ geschrieben. „Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“, 2002 erschienen, ist aber kein Erfahrungsbericht, sondern eine gelungene, äußerst lesenswerte Umsetzung eigener Erfahrung in Literatur.

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