Liao Yiwu Für ein Lied und hundert Lieder

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Inhaltsangabe zu „Für ein Lied und hundert Lieder“ von Liao Yiwu

Ein großes literarisches Zeugnis über das Menschsein in widrigsten Umständen Bis zum Vorabend des 4. Juni 1989 führt Liao Yiwu das Leben eines so unbekannten wie unpolitischen Hippie-Poeten. Doch mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ist schlagartig alles anders. Nachdem Liao ein kritisches Gedicht verfasst hat, wird er zu vier Jahren Haft im Gefängnis und in einem Arbeitslager verurteilt. In seinem großen Buch schildert Liao auf literarisch höchst eindringliche Weise die brutale Realität seiner Inhaftierung. Dabei ist er schonungslos, auch sich selbst gegenüber: Er beschreibt, wie er und seine Mithäftlinge zu Halbmenschen degradiert werden und dabei manchmal selbst vergessen, was es bedeutet, Mensch und Mitmensch zu sein. Liao Yiwu zeigt sich in diesem eindrucksvollen Buch abermals als einer der ganz großen Autoren Chinas, als einer der sprach- und bildmächtigsten Schriftsteller unserer Zeit.

Der Schreibstil ist mir zu konfus.

— Einserl
Einserl

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  • Rezension zu "Für ein Lied und hundert Lieder" von Yiwu Liao

    Für ein Lied und hundert Lieder
    Kaivai

    Kaivai

    29. January 2012 um 10:40

    " 8. Mühlentofu (unterschieden in "kleine Portion" und "große Portion"): Bei der sogenannten großen Portion wird dem zu Bestrafenden ununterbrochen mit einem Stäbchen heftig gegen die Schädeldecke geklopft; dabei kommt es zu einem mit einer blutfarbenen Granulation verbundenen Perlkopfband, das dann mit Seife eingerieben wird. Kochsalz stoppt die Blutung. Wenn nach ein paar Tagen das Band zu einem kreisrunden Geschwür verfault, wird das faulige Fleisch herausgeschnitten, und Blut und Eiter werden herausgedrückt, so bildet sich der "Fluch des goldenen Bandes", hält ewig. Bei der sogenannten kleinen Portion werden die Enden der Bambusstäbchen langsam gegen Schneidezähne, Eckzähne und Backenzähne geschlagen, von innen, von außen, das kann schon gut zwei Stunden gehen. Das Blut aus dem Zahnfleisch ist erst blass, dann wird es dunkel, dann geht von ihm ein beißender Gestank aus. Nach so einer Bestrafung dauert es keine zwei Tage und die Schneidezähne werden locker, wenn man einmal an ihnen wackelt, fallen sie aus, Eck- und Backenzähne folgen. Bis alle Zähne ausgefallen sind, ist es ein langwieriger Prozeß, der begleitet wird von latenten Schmerzen und Blutungen." Dies ist das Gericht Nr. 8 (von 45 zur Auswahl), das sich auf der Speisekarte des Untersuchungsgefängnises von Chongquing in China, im Jahr 1990, befand (allerdings nur die Tagekarte, die gehobene Karte hat noch größere Köstlichkeiten zu bieten). Liao Yiwu, geboren 1958, war im Alter von 31 Jahren, ohne politisch interessiert zu sein, in den demokratischen Frühling auf dem Tiananmenplatz in Peking, im Jahr 1989, hineingezogen worden. Dies erzählt er auf den ersten hundert Seiten. Schwer zu lesen. Innenweltkaskaden. Er ist ein anerkannter Dichter und sieht sich nun mitten hineingestellt in diesen Weckruf, spürt sich aufgerufen, spürt seine persönliche Situation mit Frau und kommendem Kind und Ambivalenz dazu durch und durch und schreibt dann das Gedicht "Massaker". Bringt es in Umlauf. Und will noch einen Film dazu drehen: "Requiem". Natürlich kann die chinesische Obrigkeit solch eine Frechheit nicht dulden. Er wird verhaftet und landet im Untersuchungsgefängnis von Chongquing. Die nächsten 400 Seiten handeln von vier Jahren in vier Gefängnissen. Liao Yiwu, vorher noch ein schwer faßbarer Charakter, ganz unklar ob nun wirklich symphatisch, wird für mich ganz deutlich. Seine Leidenschaft und sein Gespür für Würde begeistern mich. Die Verhältnisse, in denen er sich befindet, erschüttern mich. Was für eine Welt. Folter der Gefangenen untereinander (siehe Speisekarte) und der Vollzugsbeamten an den Gefangenen, ist gang und gäbe. Liao Yiwu, aufgrund seiner Renitenz aus dem Gefühl seiner Würde heraus, gerät immer wieder in die Bredouille. Allerdings eher selten in die Fänge seiner Mitgefangenen. Die Achtung vor ihm ist groß. Wie alle politischen Gefangenen wird er Konterrevolutionär genannt. Zum Tode verurteilte heißen Tote. So wie der Tote Chen. Viele von diesen Toten trifft Liao Yiwu. Er erzählt von ihnen und sie werden lebendig, obwohl sie schon lange hingerichtet sind. Hab fast einen Monat für dies Buch gebraucht, wirklich schwere Kost, gut verdaut ist sie aber nachhaltige Nahrung für die Seele. Liao Yiwu hat es noch bis 2010 in China ausgehalten. Dann durfte er ausreisen. Und ihm blieb eine weitere Tortur erspart, die ihm mit der Veröffentlichung dieses Buches drohte. Nun lebt er in Berlin. Für alle Feinschmecker noch ein Gericht von der gehobenen Karte: "27. Das Erdbeben: Der zu Bestrafende kriecht auf allen vieren herum wie ein Hund, einer der Killer springt an das Gitterfenster, das oben in Zweimannshöhe angebracht ist, er zieht den Bauch ein und Fäuste und Beine an und lässt sich plötzlich auf den "Hunderücken" fallen (diese Strafe ist heimtückisch, in einem berühmten Untersuchungsgefängnis von Chongquing sind auf diese Weise eine Reihe von Gefangenen ums Leben gekommen; in schweren Fällen war das Rückgrat gebrochen und die Leute spuckten gleich scheffelweise Blut)."

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  • Rezension zu "Für ein Lied und hundert Lieder" von Yiwu Liao

    Für ein Lied und hundert Lieder
    immediator

    immediator

    29. August 2011 um 18:25

    “Konterrevolution” ist der Spitzname des Dichters bei seinen Zellengenossen, die Gefängniswärter heißen “Regierung Liu” oder “Regierung Tong”. Diese amtlich ermächtigten Sadisten mit ihren Elektroknüppeln lassen den wegen seiner Proteste gegen das Massaker auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” eingesperrten Liao Yiwu deutlich spüren, dass ihnen ein politischer Gefangener gerade so wenig bedeutet wie ein Krimineller, wenn sie ihre Lust an der Demütigung Gefangener ausleben. Tagelang werden die Hände von Inhaftierten auf den Rücken gebunden, so dass sie beim Essen und Stuhlgang auf andere angewiesen sind, zwei Zellengenossen werden aneinander gefesselt, gegenseitigem Hass und Drangsalen des Überlebens in einer Rotte von Todeskandidaten, Mördern, Dieben, Vergewaltigern ausgeliefert. Zwischen Körperdünsten, Exkrementen, Schmutz, Läusen wird jede Privatheit zerstört, eine Hierarchie der Verbrecher bildet sich und nimmt den Wärtern die Arbeit ab. Nur wenn die Prügel- und Foltergeräusche im staatlichen Vollzug allzu auffällig werden, greifen sie mit dem Elektroknüppel ein. Es gibt eine “Speisekarte” der Folterpraxis von Häftlingen untereinander, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: “Bärentatzen-Tofu” und “beidseitig in Öl bräunen” etwa, also heftige und anhaltende Schläge mit der flachen Hand auf Brust und Rücken können tödlich sein; “Rachengeschnetzeltes, weich” bedeutet das Einschlagen des Kehlkopfs mit der Handkante. Liao Yiwu überlebt, weil er sich nach Kräften wehrt, prügelt, seinen Starrsinn mit wochenlangen Fesselungen büßt, er ist dem Selbstmord nah, aber er gewinnt auch den Respekt der anderen Strafgefangenen, und selbst in dieser Hölle gibt es Momente der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft. Es gibt sogar eine eigene Art von Humor in Todesnähe, auf dem Höhepunkt inszenieren die Häftlinge eine Totenfeier für einen der Ihren als Staatsakt nach dem Vorbild der Bestattung von Mao Zedong. Schlimmer noch als die Brutalitäten im Knast sind sadistische Schreibtischtäter. Der Politkommissar Huang brüstet sich im Vollgefühl seiner von Staat und Partei übertragenen Macht über einen Häftling in der Isolation: “Die ersten beiden Jahre bin ich noch zu ihm in seine Höhle hinabgestiegen, er war bockig und hat keinen Ton gesagt, aber als der dritte Frühling vor der Tür stand, ist er auf allen vieren herumgekrochen, hat Kotau gemacht und um Vergebung gefleht. Der Kerl war fünf Jahre und sieben Monate in diesem Loch, er war ein lebendiges Gespenst und auf beiden Augen blind. Am Ende ergriff er die Gelegenheit, klammerte sich durch das Gitter an meine Beine und hat nicht mehr losgelassen. Aus humanitären Gründen habe ich ihm dann erlaubt, von den Toten aufzuerstehen und in das Licht der Sonne zurückzukehren.” Die Lust daran, den Stolz, die Selbständigkeit, die Fähigkeit zum Widerstand zu brechen geht mit der Macht in hierarchischen Systemen einher – wer sich davon überzeugen möchte, muss auch hierzulande nicht lange suchen. Aber es gehört leider zum perfekt funktionierenden Verdrängungsgeschehen des Einzelnen wie der Gesellschaft, Opfern gewaltsamer Übergriffe eine Mitschuld zuzurechnen. Deshalb war Liao Yiwu im wirtschaftlich hemmungslos wachsenden China sehr einsam. Und deshalb wird auch hierzulande die Rettung der deutschen Wirtschaftsinteressen für Politik, Medien und eine selbstgefällig über deutsche Probleme schwadronierende Tischgesellschaft im Chinarestaurant wichtiger sein, als was den Deutschen eigentlich jeden Tag in den Ohren klingen müsste: Die Würde des Menschen ist unteilbar. Demokratie wird hierzulande nicht dauern, wenn wir den Preis ignorieren, der anderenorts auf dieser Welt für unseren Wohlstand gezahlt wird. Liao Yiwu “Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen” Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, S.Fischer Verlag, Hardcover 580 Seiten, 24,95 €

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