Lidia Ginsburg Aufzeichnungen eines Blockademenschen

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Inhaltsangabe zu „Aufzeichnungen eines Blockademenschen“ von Lidia Ginsburg

900 Tage war Leningrad von der deutschen Wehrmacht eingeschlossen, bevor die Rote Armee am 27. Januar 1944 den Belagerungsring sprengte. Mehr als eine Million Bürger kamen in der Stadt um – ein Kriegsverbrechen, das noch immer nicht Teil der deutschen Erinnerungskultur geworden ist.

Anders als viele Künstler und Intellektuelle, die sich evakuieren ließen, harrte Lidia Ginsburg in Hunger und Kälte aus, weil sie ihre alte Mutter nicht allein lassen wollte. Erst Jahrzehnte später veröffentlichte sie ihre Aufzeichnungen eines Blockademenschen − ein Bericht, der weniger an ein Tagebuch als an die Arbeitsskizzen eines Verhaltensforschers denken lässt.

Was ist ein Blockademensch? Es ist jemand, der langsam und in vollem Bewusstsein an Hunger und Kälte zugrunde geht: nicht im Lager, sondern in der Stadt, unter Arbeitskollegen, im Kreis der Familie, in den Wohnungen, wo »die Menschen wie erfrierende Polarforscher um ihr Leben kämpfen«.

Wie der verhungernde Mensch seinen fremd werdenden Körper als sterbende Materie erlebt, wie er im Kreis zu rennen beginnt, wie seine Gereiztheit in Grobheit gegen seine Nächsten umschlägt, wie ihn die eigene Niedertracht quält und reut − das alles beschreibt Ginsburg mit einer Scharfsicht, die an Simone Weils logische Untersuchungen des Schmerzes erinnert. 2006 tauchte im Nachlass − eine Sensation − die »Erzählung von Mitleid und Grausamkeit« auf. Ein Text, der als narrativer Kern der »Aufzeichnungen« gelten kann. Nach den Lektüre-Erfahrungen mit Schalamow und Agamben liest man das Buch heute als ein weiteres Lehrstück in negativer Anthropologie.

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    Aufzeichnungen eines Blockademenschen

    michael_lehmann-pape

    30. April 2014 um 14:15

    Bitterste Erinnerungen „Es gab zwei grundsätzliche Systeme: Die einen verteilten ihr Essen über den ganzen Tag, die anderen aßen sofort alles auf, was sie hatten“. Wenn man zu späteren Zeiten der Blockade Leningrads für die Eingeschlossenen überhaupt noch von Essen und den Haltungen zu diesem sprechen kann. 125 Gramm am Tag. Wenn überhaupt. In bitterster Kälte, wie im Mittelalter belagert von fremden Truppen, eingeschlossen in seiner Stadt. 872 Tage lang. „Je karger das Material war, desto mehr ähnelte die Sache einer Manie“. Und das nicht nur, was Lebensmittel anging. Linda Ginsburg war in der Stadt. Hatte auf eine Emigration oder Evakuierung verzichtet, Ihre Aufzeichnungen, ihr Nachlass ist es, der dem Leser der Gegenwart nun ein unmittelbares Bild „unter der Blockade“ vor Augen führt. Ein Bild, für das man streckenweise gute Nerven braucht, das einem die Grausamkeit des Lebens, die Brutalität des Krieges unmittelbar öffnet, das aber auch wie unter einem Brennglas betrachtet von menschlichem Verhalten und menschlichem Sein handelt. Denn dieses Verhalten ist es vornehmlich, von dem Ginsburg erzählt, das sie beobachtet. Sei, es, wie eine „Dilettant“ ein Feuer versucht zu entfachen oder wie es „intellektuellen Kochkünstlers“ ständig „gelingt“, das Essen zu verderben. Oder auch die Qual des vielen Anstehens, der Schlangen, des Mangels, der dahinter steckt. „Der Mensch wird absolut hysterisch, sobald jemand versucht, sich vorzudrängeln; später, wenn er seine Ration bekommen hat, kann derselbe Mensch eine halbe Stunde mit einem Bekannten (in aller Ruhe) verplaudern“. Kühe Beobachtungen fast, klare Sätze, eine sachlich zu nennende Sprache, in der aber das Bittere und das Grauen der Zeit umso nachhaltiger sich einprägen. Nicht nur, aber auch, was den Hungertod der Mutter angeht, wegen der Linda Ginsburg ja bewusst in Leningrad verblieben war. Ein Zeugnis von „Menschen im Ausnahmezustand“, das eine wichtige Lektüre darstellt und aus erster Hand in teils minutiöser Beschreibung erzählt, was Menschen einander antun können, wie Menschen „vor die Hunde gehen“, wie eine Millionenstadt „erlöscht“.

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