Liliana Kern

 3 Sterne bei 3 Bewertungen

Alle Bücher von Liliana Kern

Die Zarenmörderin

Die Zarenmörderin

 (3)
Erschienen am 26.02.2013
Der feurige Engel

Der feurige Engel

 (0)
Erschienen am 01.01.2006

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Bellis-Perenniss avatar

Rezension zu "Die Zarenmörderin" von Liliana Kern

Wann ist Tyrannenmord gerechtfertigt?
Bellis-Perennisvor 9 Monaten

Zunächst einmal zum historischen Hintergrund:

 

Seit 1855 herrscht Alexander II. (1818-1881) über Russland. Er gilt als Reformer. Seine Reformen umfassen u.a. die Modernisierung der Justiz, die Lockerung der Zensur, Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht und teilweise Autonomie an den Universitäten. Seine wichtigste Reform ist jedoch die Aufhebung der Leibeigenschaft für die Bauern 1861 und die Verteilung von landwirtschaftlichen Flächen an die Bauern. Die Zins- und Fronwirtschaft bleibt allerdings bestehen. Es gelingt nicht, die Landwirtschaft zu modernisieren. Allerdings erntet er dadurch erbitterten Widerstand der Großgrundbesitzer.

 

Vielen Theoretikern gehen die Reformen nicht weit genug. Deshalb erfolgt eine Radikalisierung der Opposition gegen das zaristische, imperiale Regime. Doch die Gegner sind sich nicht einig. Es gibt die Nihilisten und andere Gruppierungen. Besonders die Organisation „narodnja wolja“ (= Volkswille) ist zur Gewalt bereit. Ab 1878 werden Attentatspläne ausgearbeitet.

 

Zum Buch:

 

Sofja Perowskaja wird als Tochter einer reichen und einflussreichen Adelsfamilie in St. Petersburg geboren. Bereits als Kind spielt sie lieber mit Waffen als mit Puppen und lehnt die althergebrachte weibliche Rolle ab. Sofja ist überdurchschnittlich intelligent und will studieren. Vermutlich hat ihr despotischer Vater, der sowohl seine Ehefrau als auch seine Kinder misshandelt, einen großen Anteil daran, dass sie als 16-jährige ihr Elternhaus verlässt. In St. Petersburg lernt sie sie andere radikal eingestellte Jugendliche kennen. Zuerst schließt sie sich den Nihilisten an und identifiziert sich mit deren Ideen. Als die Nihilisten zerschlagen werden, findet sie Unterschlupf bei der radikalen Gruppe Volkswille. Zu Beginn ziehen die Mitglieder auch wirklich zu Bauern aufs Land, um ihren Willen zu erkunden bzw. zahlreiche Anhänger zu rekrutieren. Doch die meisten Bauern wollen weder schreiben noch lesen lernen und sind mit ihrem aktuellen Schicksal zwar nicht zufrieden, aber beschäftigt. Immer wieder dringt durch, dass man den Zaren als beinahe gottgleichen Imperator verehrt. Den radikalen Ideen der Gruppe können sich die Bauern nicht anschließen.

 

Es scheint, als arbeite die Organisation auf eigene Faust. Die Unterstützung von Millionen Bauern und Arbeitern bleibt aus.

Die Gruppe gerät in den Fokus der Geheimpolizei und immer wieder gelingt es Sofja noch rechtzeitig unterzutauchen.
In den Jahren 1879 und 1880 beteiligte sich Sofija Perowskaja aktiv an zwei Attentaten auf den Zaren, die jedoch misslingen. Nach und nach werden bedeutende Mitglieder des Volkswillen verhaftet, da die Gruppe unter ständiger Beobachtung steht.

 

Am 13. März 1881 gelingt es der Terrorgruppe, unter ihrer Leitung, den Zaren durch eine Bomben-Explosion zu töten.

Sofja Perowskaja, damals 27 Jahre alt, und die sechs anderen Attentäter werden verhaftet, vor Gericht gestellt und hingerichtet.

 

Meine Meinung:

 

Ich finde das Buch sehr interessant, vor allem aus Sicht der Gegner des Zaren. Bislang kannte ich zwar Alexander II. und seine Gemahlin Marija Alexandrowna, die gebürtige Prinzessin Marie von Hessen-Darmstadt (Die Hessin auf dem Zarenthron), sowie seine morganatische Ehefrau Jekaterina Dolgorukaja. („Katja, die ungekrönte Kaiserin“ aus dem Jahr 1959. In diesem kitschigen Film mit Curd Jürgens und Romy Schneider wird das Attentat dargestellt.).

 

Liliana Kern bringt uns den Lebensweg der Aristokratentochter, die sich so radikalisiert behutsam näher. Obwohl Sofja zu Beginn ihrer Agitationen gegen das Regime Terror ablehnt, findet sie sich mitten in der Spirale der Gewalt wieder. Als sie den „point of no return“ erreicht, gibt es keinen Weg zurück mehr. Selbst charismatisch, erliegt sie dem Einfluss von Scheljabow und wird der Kopf der Attentäter.

 

Einen interessanten Erklärungsversuch ihrer Motivation stellt die Autorin auf S. 232 auf: Der Mord am Zaren sei gleichzeitig der Mord an ihrem Vater und auch der Mord am Geliebten Scheljabow. Zar und Vater haben ihre Ehefrauen gedemütigt und betrogen, genauso wie Scheljabow seine zahlreichen Geliebten.

Der Mord am Zaren sei im Namen aller gedemütigten Frauen Russlands geschehen. Ein Zeichen, sich die Unterdrückung durch die Männer nicht mehr länger gefallen zu lassen.

 

 

Der Schreibstil ist sehr sachlich, beinahe schon trocken und sehr informativ. Eine interessante Biografie für die die Autorin in zahlreichen Archiven gestöbert hat (stöbern hat lassen).

 

Eine Frage hat sich für mich gestellt, die nicht beantwortet werden konnte: Wann ist Tyrannenmord gerechtfertigt?

 

Fazit:

 

Das Buch ist eine gute Ergänzung zur russischen Geschichte. Gerne gebe ich 4 Sterne und eine Leseempfehlung.

 

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ban-aislingeachs avatar

Rezension zu "Die Zarenmörderin" von Liliana Kern

von einer Gewaltgegnerin zur Zarenmörderin
ban-aislingeachvor 2 Jahren

Der Terror zieht den Menschen in seinen Strudel hinein, umhüllt ihn von allen Seiten wie ein Spinnennetz, verdammt ihn dadurch zum Handeln ausschließlich in eine Richtung.

(Zitat von Sofja Perowskaja)


„Die Zarenmörderin“ eine Biographie über die adlige Terroristin Sofja Perowskaja, welche von 1853 - 1881, lebte wurde von Liliana Kern geschrieben. Das Sachbuch ist am 26.02.2013 im Osburg Verlag erschienen und umfasst 352 Seiten.

Die Autorin hat in Frankfurt in Main Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Danach arbeitete sie für die deutsche Welle und mehrere Zeitungen als Journalistin, inzwischen lebt sie in Köln und arbeitet als freie Autorin.

Sofja Perowskaja ist eine sehr interessante Frau und schon seit der frühsten Kindheit eine Rebellin im Herzen. Zwar gehört sie zu einem der ältesten adligsten Geschlechter Russlands, aber schon als Kind hasst sie sowohl es tanzen zu lernen wie auch die Feste der Reichen. Am meisten liebt sie ihre Mutter, welche vom Land stammt und ihren ein wenig älteren Bruder Wassili, welcher sich einst auch für Politik interessierte, aber das Interesse mit der Zeit verlor. Um von ihrem Vater der seine Frau betrog und schlecht behandelte, frei zu werden, floh sie, bis er ihr die Unabhängigkeit gab. Dennoch konnte sie einiges nicht erreichen. Auch als freie, unabhängige Frau war es ihr nicht möglich Technik zu studieren. Durch ihre Ausbildung lernte sie Leute kennen de Russland verändern wollten und sie schloss sich diesen an. Sie wollte mehr Rechte für die Bauern, die Fabrikmitarbeiter und natürlich auch für die Frauen. So lebte sie unter den Bauern und arbeitete auch als Krankenschwester an der Krim, einen Beruf in dem sie Erfüllung fand. Hätte man sie von dort nicht weggeholt, dann wäre sie wohl kaum zur Zarenmörderin geworden. Denn sie hasste Gewalt und glaubte an eine andere Lösung. Doch ihre Partei zerfiel in zwei Teile. Die eine Hälfte wollte das Land ohne Gewalt ändern und die andere Hälfte war der Meinung, dass es nur besser werden konnte wenn der Zar Alexander II starb. Aus verschiedenen Gründen schloss sie sich wie der Buchtitel verrät den gewaltsamen Teil der Partei an. Mit Mut in den Knochen und erhobenen Hauptes starb sie dafür am Galgen. Es gibt auch einige Bilder von ihr und anderen wichtigen Leuten, welche geholfen haben sich diese interessante Frau und ihr Umfeld vorzustellen.

Ich muss dem Buch jedoch leider zwei Punkte abziehen. Zum einen liegt dies daran, dass ich Schwierigkeiten hatte ins Buch zu finden und mir der Schreibstil nicht sonderlich gefallen hat. Für mich war er zu trocken, wenn Sofja nicht so faszinierend wäre, dann hätte ich das Buch kaum zu Ende gelesen. Zum anderen hat es mich gestört das es manchmal seitenlang nichts über Sofja zu lesen gab, sondern über andere wichtige Leute und so habe ich den roten Faden manches Mal erst wieder suchen müsse. Manches Mal war ich mir deswegen auch nicht sicher ob ich nun eine Biografie oder doch eher ein Sachbuch über Russland zu dieser Zeit las.

Das Buch empfehle ich dennoch weiter, trotz dem Schreibstil, denn Sofja ist einfach eine faszinierende Frau und es ist interessant zu lesen wie sie von der Gewaltgegnerin zur Zarenmörderin wurde.

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