Lina Wolff

 4.3 Sterne bei 4 Bewertungen

Lebenslauf von Lina Wolff

Liebe und andere Machtspiele: Die schwedische Autorin wurde 1973 geboren und hat einige Jahre im Ausland verbracht. Ihr erstes Buch entstand auch in Madrid und Valencia. Mit ihrem Debütroman "Bret Easton Ellis und die anderen Hunde" erhielt sie den bekannten Literaturpreis der Zeitschrift Vi. Für ihren zweiten Roman "Die polyglotten Liebhaber" wurde sie auch mit angesehenen Preisen, wie den Augustpreis, versehen. Lina Wolff lebt in Schonen, Südschweden.

Neue Bücher

Die polyglotten Liebhaber

 (1)
Neu erschienen am 04.10.2018 als Hardcover bei Hoffmann und Campe.

Alle Bücher von Lina Wolff

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde

Bret Easton Ellis und die anderen Hunde

 (3)
Erschienen am 18.07.2017
Die polyglotten Liebhaber

Die polyglotten Liebhaber

 (1)
Erschienen am 04.10.2018

Neue Rezensionen zu Lina Wolff

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Rezension zu "Die polyglotten Liebhaber" von Lina Wolff

Ein Roman, der seine eigene Geschichte erzählt
blaustrumpfinevor einem Monat

Der neue Roman von Lina Wolff macht etwas ganz Erstaunliches: Er erzählt sich im Grunde selbst. Aus der Sicht dreier Figuren und in verschiedenen Konstellationen von Liebe und Abneigung wird die Geschichte eines Manuskripts namens „Die polyglotten Liebhaber“ erzählt – seiner Entstehung, aber auch der unvorhersehbaren Wendungen, die es im Laufe der Zeit erlebt. Die Personen, die darin vorkommen, lernen wir aus ihrer jeweiligen Perspektive kennen: die 40-jährige südschwedische Hobbykämpferin Ellinor, den Mittfünfziger Max, einen polyglotten Autor auf der Suche nach einer Frau, die mit seinem Kosmopolitismus mithalten kann, und die unscheinbare Lucrezia, mittellose Nachfahrin einer italienischen Adelsfamilie. Dazu gesellen sich noch so schräge Charaktere wie ein übergewichtiger Literaturkritiker, ein blindes Medium und eine suizidale Rezeptionistin.

Der teilweise sehr poetische, teilweise recht derbe Stil enthält sowohl zahlreiche literarische Bezüge als auch üble Beschimpfungen, wobei ein Ausdruck, der eigentlich wie eine ordinäre Beleidigung klingt, sich unerwarteterweise auch mal als italienische Liebeserklärung entpuppt. In der zirkulären Geschichte geht es um Beziehungen zwischen Männern, die Frauen gelegentlich auf houellebecqsche Art heruntermachen (O-Ton einer Figur über eine Mitarbeiterin: „alter, gestrandeter Pottwal“), und Frauen, die sich auf ihre ganz eigene Weise zu wehren wissen. Die Unterschiedlichkeit der aufeinandertreffenden Figuren führt mitunter zu recht robusten Zusammenstößen zwischen ihnen, aber auch zu manch komischer Situation. Die dritte Hauptrolle spielt die Sprache selbst: So wimmelt es nur so von herrlichen Sätzen wie „Das Gedicht war überragend mies“, „Er saß still in seinem Sessel wie ein punktiertes Soufflé“ oder „Die innere Ruhe, die im Idealfall so kerzengerade wie ein Schnurlot in einem hinabbaumelt, war in meinem Fall ein verheddertes Knäuel“, aber auch von englischen, französischen, italienischen und spanischen Zitaten.

Mich hat das Buch wirklich in seinen Bann gezogen. Es hat sowohl etwas Urschwedisches, da es teilweise in Schonen und bei Stockholm spielt, als auch etwas sehr Internationales - mehrere Passagen sind in Rom und in den Marken angesiedelt, worin sich sicherlich auch die Lebensgeschichte der Autorin widerspiegelt, die selbst zweieinhalb Jahre in Italien gelebt hat. Die nuancierte Übersetzung von Stefan Pluschkat, die mit so hübschen Wörtern wie plemplem, futsch oder schnieke aufwartet, liest sich wunderbar flüssig. Ein anspruchsvolles, mitreißendes Buch, das Lust aufs Lesen macht – nicht zuletzt, weil eine passionierte Leserin darin vorkommt – und das einem trotz allem zwischenmenschlichen Konfliktpotential Hoffnung schenkt!

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Rezension zu "Bret Easton Ellis und die anderen Hunde" von Lina Wolff

Ein Bilderbogen moderner Beziehungen in Barcelona
blaustrumpfinevor einem Jahr

Die schwedische Schriftstellerin Lina Wolff hat einen katalanischen Roman geschrieben, in dem es um die Irrungen und Wirrungen der Liebe heute geht. Araceli lebt mit ihrer Mutter in Barcelona und studiert an der Schule für Übersetzer und Dolmetscher in der Nähe des Park Güell. Sie verbringt ihre Zeit damit, die wechselnden Liebhaber ihrer Mutter zu typisieren – da gibt es den Jogginghosenmann, den Tatarmann und den Kanarienmann – und die unter ihnen wohnende exzentrische Schrifstellerin Alba Cambó mitsamt ihrer Haushälterin Blosom zu beobachten. Obwohl sie selbst außer dem Studium nicht viel erlebt, selbst ihren Sommerurlaub verbringt sie nur als Anhängsel ihrer Studienfreundin Muriel und deren Freunds, hat sie eine hervorragende Beobachtungsgabe und kann Personen scharfzüngig charakterisieren. 


 Als Alba Cambó, die an Krebs leidet, mit ihrem Freund zusammenzieht, sucht sie eine neue Bleibe für Blosom. Diese wird Aracelis Mutter als unersetzliche Haushaltsperle quasi aufgedrängt, obwohl sie sie gar nicht bezahlen kann, und verdrängt dann ihrerseits mit einer entschiedenen Ansage Araceli aus ihrem Zimmer. Blosoms Weg aus einer guatemaltekischen Kleinstadt nach Spanien, der Verfall der Ehe eines Bekannten von Alba Cambó und eine schräg-romantische Begegnung von Araceli mit einem „Candyman“ am Strand von Perpignan, der ihr einen ganzen Eiswagen organisiert, als es sie danach gelüstet, stellen weitere Episoden dar, die sich um die Leben von Araceli und Alba ranken. Wunderbar beschrieben sind außerdem die Übersetzungslehrerin Elaine Moreau und ihr Widersacher, der Schulwirt mit dem schönen Namen Camillo Pochintesta, die sich in Aracelis Schulalltag einen unterhaltsamen Kleinkrieg liefern. Madame Moreau biedert sich schließlich Alba Cambó als Freundin an und erklärt sich nach deren Tod zu ihrer Vermächtnisverwalterin.
 

Am Ende rundet sich alles zu einem großen Bogen, der das Leben von Alba Cambó aus verschiedenen Perspektiven wiedergibt. Auf den letzten Seiten erfahren wir, dass Araceli nach einem erfolglosen Versuch, bei einer Escortagentur tätig zu werden, von Albas Geliebtem damit beauftragt wurde, einen Nachruf auf seine verstorbene Freundin zu verfassen – das Buch war also ein Versuch, deren Leben durch das Zusammensetzen vieler verschiedener Mosaiksteinchen zu beschreiben, in denen sich das Leben der Erzählerin gleichsam spiegelt. Ein lässiger, kunstvoll verschlungener Roman mit allerlei Bukowski-Zitaten, der sich auch auf Deutsch ausgezeichnet liest!

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J

Rezension zu "Bret Easton Ellis und die anderen Hunde" von Lina Wolff

Die Befreiung der Sprache
jamal_tuschickvor einem Jahr

Der Park Güell in Barcelona dient einer verdämmernden Moderne als weltberühmtes Beispiel für urbanen Freiraum. Ein Magnat des 19. Jahrhunderts gab dem Park seinen Namen. Gestaltet wurde er von dem Architekten Antoni Gaudí. Markant sind großflächige Mosaike – ein keramisches Feuerschluckerkunstgewese zwischen Tierkreiszeichen und Fabelwesen. Salvador Dalí fand die Arrangements präsurrealistisch. Im Wirkungsschatten des Spektakels besucht Araceli Villalobos eine Schule für Übersetzer und Dolmetscher. Zu denken gibt ihr die Klugheit Muriels, die als alttestamentarisch-drakonische Freundin der Erzählerin im Roman auftaucht. Ihre Analyse einer Lehrerin namens Elaine Moreau ist so geistreich, dass sich an ihr alles aufhängen lässt, was sonst bemerkenswert erscheint im Leben einer an der Armutsgrenze kreuzenden, in einem Kosmos extravaganter Schicksalswendungen und psychologischer Unwahrscheinlichkeiten Heranwachsenden und schließlich erwachsen vor sich hin Trudelnden. Eine illegal eingewanderte Guatemaltekin übernimmt Aracelis Kinderzimmer und platziert die Tochter der Hausherrin mir nichts, dir nichts auf dem Sofa. Blosom kapert die Wohnung samt der Belegschaft. Ihre Unverfrorenheit ist nicht von dieser Welt. Lina Wolff schildert einen vitalen Zombie. Sie erkennt eine frei fluktuierende Zerstörungskraft im Wesenskern der lebenden Toten. Ihre Heldin spürt an den Rändern merkwürdiger Ereignisse kompakte Realität wie Seltene Erden auf. Als Kind ließ sie sich mit einem Eisberg beschenken, die Absichten des Spendablen durchschauend. Der Candyman warnte vor sich selbst. Als ein anderer Humbert Humbert wollte er nicht das Schwein sein, das ein verbotenes Begehren mit einer strafbaren Handlung verbindet. Trotzdem rührte er den Brei des Verderbens an. Araceli spielte nach Art der Blinden Kuh mit, bis ihr aufging, worin sich das Verhältnis in der Legalität erschöpfen musste – in einer Mesalliance der Erwartungen und der Vermögen.
„Was, wenn ich bei ihm klingele, und wenn die Tür aufgeht, steht da ein klappriger Casanova … und vielleicht packt er dann mein Handgelenk und flüstert: Endlich, Araceli, endlich!”, so dass der volljährigen Lolita nur die Zuflucht eines abrupten Abschieds bliebe.
Die Erzählerin denkt über die Gründe seelischer Spannweitenverluste im Lebenslauf ihrer Nächsten nach. Die Autorin isoliert Kristallisationen äußerster Souveränität. Sie schildert Prozesse im Geleit der Hochpunkte, das Nachlassen und Absinken und die Verirrungen. Araceli lebt lange in einer Hausgemeinschaft mit der Schriftstellerin Alba Cambó, die den männlichen Körper als Missbrauchsdomäne literarisch besetzt und so allen antwortet, die den weiblichen Körper als Gegenstand männlicher Sensationen in einer Endlosschleife der Redundanz halten. Vermutlich wird sich jede Gesellschaft bis zu ihrem Ende über die Verwendung des Weiblichen definieren und entgegengeschlechtlichen Gleichungen den Vorschub der Plausibilität verweigern. Das begreift man im Begreifen der Erzählerin. Sie legt sich einen Hund zu, der nach einer Nachttischlektüre Bret Easton Ellis heißt. Die Namensfindung entspricht einer Lektion in der feministischen Grundschule. Andere Hunde hören auf die Schriftstellernamen Chaucer und Dante. Sie kriegen verdorbenes Fleisch vorgesetzt, wenn ihre Herrinnen das Vergnügen der Zufriedenheit entbehren. Wolff verhandelt die Ungerechtigkeit auf einer Schaukel der Ambivalenz. Eindeutig fallen die Charakterisierungen der Lehrerin Moreau aus, laut Muriel „der größte Witz, den das weibliche Geschlecht je hervorgebracht hatte. Eine Laune, eine Parenthese, ein punktiertes Soufflé, etwas, das man zurück in den Kühlschrank stellt, um es schleunigst zu vergessen.“

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