Linda Polman

 4.3 Sterne bei 8 Bewertungen
Autor von Die Mitleidsindustrie, The Crisis Caravan und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Linda Polman

Die Mitleidsindustrie

Die Mitleidsindustrie

 (8)
Erschienen am 01.08.2010
The Crisis Caravan

The Crisis Caravan

 (0)
Erschienen am 30.08.2011
War Games

War Games

 (0)
Erschienen am 24.02.2011

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Rezension zu "Die Mitleidsindustrie" von Linda Polman

"Füttere die Mörder oder geh als Organisation selbst zugrunde."
R_Mantheyvor 4 Jahren

Wahrscheinlich wird so mancher zunächst gutgläubige Leser dieses aufschlussreichen Buches seine Spendenpraxis im Anschluss überprüfen. Und er wird nach dem Lesen des Textes die in den Konflikten dieser Welt agierenden Kräfte, zu denen auch eine riesige Zahl verschiedener selbsternannter Hilfsorganisationen gehört, mit anderen Augen betrachten als vielleicht vorher. Denn in diesem Buch bekommt man in drastischer Form mitgeteilt, dass Spendengelder nur in sehr bescheidenem Maße bei den Hilfsbedürftigen ankommen und stattdessen die das Elend auslösenden Kriege mitfinanzieren, Korruption und Misswirtschaft fördern, Selbsthilfe verhindern und die vorgeblichen Helfer miternähren.

Nun könnte man hoffen, dass die Autorin stark übertreibt oder gar böswillig verleumden will. Aber diese Hoffnung ist gegenstandslos, denn hier schreibt sich jemand das selbst Erlebte mit einer gehörigen Portion aus tiefem Frust geborenen Sarkasmus von der Seele. Das kann man nicht vortäuschen. Und darüber hinaus leuchten die von Frau Polman beschriebenen Vorgänge leider in ihrer bösen Logik mehr ein als die heile Welt, die man zwar schöner finden würde, die aber nun mal nicht das normale menschliche Verhalten widerspiegelt.

Allerdings gilt eine wesentliche Einschränkung: Die Autorin bezieht sich vor allem auf so genannte humanitäre Katastrophen, die aus gewaltsamen Konflikten resultieren, also aus aller Art von Kriegen, "ethnischen Säuberungen" oder "Umsiedlungen". Bei Naturkatastrophen werden die oft selbsternannten Helfer zwar nicht zum Spielball oder Ernährer von Konfliktparteien, doch auch hier versickert ein wesentlicher Teil der Hilfsgelder in dubiosen Kanälen.

Im Grunde beschreibt uns die Autorin an zahlreichen Beispielen immer wieder die zwei prinzipiellen Probleme der so genannten humanitären Hilfe: (1) die faktische Einbeziehung einer angeblich neutralen Hilfe in einen laufenden kriegerischen Konflikt und (2) die Kapitalisierung dieser Hilfe mit all ihren absonderlichen Folgen.

Mit dem ersten Problem wurden schon Florence Nightingale und Henri Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, im 19. Jahrhundert konfrontiert. Während die berühmte britische Krankenschwester jede einen Konflikt verlängernde humanitäre Hilfe ablehnte, weil sie nur zu noch mehr Opfern führen würde, sprach sich Dunant kategorisch für jeden Einsatz aus, der Leben rettet, unabhängig davon, welche Folgen dies hat. Inzwischen hat sich dieses Dilemma noch wesentlich verschärft, denn in afrikanischen Milizenkriegen ist es inzwischen üblich geworden, dass man humanitäre Hilfe nur zulässt, wenn dafür von den jeweiligen Organisationen auf vielfältige Weise bezahlt wird. Die Helfer sind also auch noch direkt an der Finanzierung des Konflikts beteiligt, deren Opfern sie helfen wollen. Eine völlig absurde Situation, die jedoch mittlerweile von den Kriegstreibern schon so geplant wird. Wenn sie sich auf etwas verlassen können, dann sind es die herbeieilenden humanitären Helfer und deren massenmedialer Vorausteams.

Und als ob dies nicht bereits genug wäre, schlägt dann auch noch die Kapitalisierung der Hilfe zu. Inzwischen gibt es so viele verschiedene nichtstaatliche und teilweise auch obskure, aber betriebswirtschaftlich aufgebaute und miteinander scharf konkurrierende Hilfsorganisationen, dass ethische Gesichtspunkte der Hilfeleistungen eigentlich völlig aus dem Gesichtsfeld verschwunden sind. Wenn eine Organisation es moralisch nicht mehr für tragbar hält, sich Mördern unterzuordnen, dann tritt an ihre Stelle eben eine andere. Schließlich muss man seine Daseinsberechtigung nachweisen.

Der Autorin gelingt es, diese strukturellen und moralischen Probleme der Hilfsorganisationen sehr eindringlich an verschiedenen Beispielen vorzuführen. Ihr Buch ist hervorragend geschrieben, aber es überträgt auch den Frust der Autorin auf den Leser. Denn obwohl sie am Ende ihres Werkes versucht, uns Auswege aufzuzeigen, so zeigen sich diese bei näherem Betrachten als wenig fruchtbar. Natürlich kann man fragen, was mit Spendengeldern passiert ist. Aber letztlich wird das kaum ein Kleinspender tun. Und selbst wenn er es nicht lassen kann, so wird er den Antworten vertrauen müssen, die ihm gegeben werden.

Das grundsätzliche Dilemma humanitärer Hilfe in kriegerischen Konflikten ist nicht lösbar, sonst wäre es keins. Und eine strukturierte und zentral organisierte und an den tatsächlichen Notwendigkeiten orientierte Hilfe, die auch die Konkurrenzsituation unter den Helfenden mindern würde, scheitert an einer fehlenden allgemein anerkannten politischen Autorität. Denn wenn es eine solche Kraft geben würde, gäbe es wohl auch die ursächlichen Konflikte nicht.

Fazit.
Ein sehr gut geschriebenes Buch, das seinen Lesern die Augen für die tatsächlichen Zustände hinter den Kulissen von Hilfsorganisationen öffnet, aber sie auch frustriert und ratlos zurück lässt, weil es keine Lösungen präsentieren kann. Doch dafür kann die Autorin wohl am wenigsten.

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K

Rezension zu "Die Mitleidsindustrie" von Linda Polman

Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen (Buchuntertitel).
kvelvor 4 Jahren

Inhalt (gemäß Buchrückseite):
Humanitäre Krisen durch Bürgerkriege oder Naturkatastrophen erschüttern die Menschen weltweit und lösen eine Flut von Spenden und Hilfsaktionen aus. Aber was passiert mit unseren Spendengeldern? Und kann die Nothilfe wirklich Leiden lindern - oder verlängert sie am Ende den Konflikt und die Gewalt? Ein schonungsloses Abrechnungswerk.


Einige Auszüge aus dem Buch:

"In jedem Krieg sind Soldaten die Letzten, die vor Hunger umkommen." (S. 145)


"Durchschnittlich sind 60 Prozent aller offiziellen Hilfe (ODA) von Geberländern Phantomhilfe. Darunter fällt beispielsweise Gebundene Hilfe - dann verlassen Budgets das Geberland nicht, sondern wandern direkt auf die Konten von allerhand Entwicklungshilfe-Kooperationsplattformen, ..., Interessen- und Lobbygruppen, Unternehmensberatern und Dritte-Welt-Fachleuten. Von einem anderen Teil der gebundenen Hilfe müssen NGOs im Geberland selbst Produkte und Dienste anschaffen, auch wenn die im Krisengebiet viel billiger gefunden werden könnten. So subventionieren viele große Geberländer mit ihren Hilfsfonds auch und vor allem die eigene Wirtschaft." (S. 227)


"Arme Länder stehen voll von leeren Gebäuden und unbenutzten Straßen. Geberstatistiken ebenfalls, die aber unter der Überschrift "fertiggestellte Objekte"." (S. 243)


Meine Meinung:

Das Buch ist gut verständlich geschrieben und flott zu lesen.


Jemand, der Gutes tun will, der kann doch nichts Böses vorhaben; den muss man lassen, oder?
Welche Falschannahme.
Am Liebsten würde man sagen: Sofort alle Spenden einstellen - sowohl privat als auch von Regierungen - und bitte erst einmal neu über Hilfe nachdenken.


Fazit: Zum Einstieg in das Thema und als Denkanstoß, finde ich diese Buch sehr gut.


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Rezension zu "Die Mitleidsindustrie" von Linda Polman

Rezension zu "Die Mitleidsindustrie" von Linda Polman
chiaravor 8 Jahren

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich immer noch nicht weiß, was ich von dem Buch halten soll. Das, was Linda Polman in „Die Mitleidsindustrie“ beschreibt, ist einfach nur erschütternd. Natürlich hat man schon oft gehört, dass die Spenden in Entwicklungsländern nicht da ankommen, wo sie eigentlich hin sollen. Aber wie schlimm die Situation wirklich ist, kann man in diesem Buch lesen. Wog man sich vorher in Sicherheit, dass das Geld bei bestimmten Organisationen wirklich den betroffenen Menschen zugute kommt, ist es damit nach dem Lesen dieses Buches auch vorbei. Die Wahrheit ist alles andere als einfach und lässt den Leser ziemlich erschütternd zurück.

Dieses Buch ist sehr gut recherchiert. Beim Lesen merkt man, dass sich Linda Polman schon seit Jahren mit dem Thema Spenden und ihre Auswirkungen in Entwicklungsländern beschäftigt. Sie kann die verschiedenen Entwicklungen und ihre Hintergründe anschaulich erklären, so dass ich nie den Eindruck hatte, dass sie sich die Dinge aus den Fingern zieht. Denn des Öfteren dachte ich wirklich: das kann doch nicht wahr sein. Wie kann dies passieren?

Auch vom Sprachlichen her kann ich an dem Buch nichts bemängeln. Da Linda Polman eine Journalistin ist, weiß sie wie man lange Texte schreiben muss, um den Leser bei der Stange zu halten. Obwohl ich mich so noch nie mit dem Thema beschäftigt habe, hatte ich aufgrund des Schreibstils keine Schwierigkeiten in die Problematik einzusteigen. Bei manchen Entwicklungen war ich doch ziemlich erstaunt, dass es einen Zusammenhang zwischen der politischen Lage eines Landes und den empfangenen Spendengelder gibt.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Doch der Inhalt ist alles andere als einfach. Mehr als einmal saß ich da und konnte nur mit dem Kopf schütteln, weil das Gelesene so unfassbar ist. Da Linda Polman nichts beschönigt sondern die Fakten so darlegt wie sie sind, muss sich der Leser mit einigen unbequemen Wahrheiten auseinandersetzen. So stellte sich mir am Ende, so hart es klingt, wirklich die Frage: soll ich überhaupt noch Spenden. Eine Antwort darauf gibt das Buch nicht. Aber Menschen, die regelmäßig Spenden, sollten sich dieses Buch auf jeden Fall einmal anschauen.

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