Lindsey Fitzharris

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Der Horror der frühen Medizin

Der Horror der frühen Medizin

 (87)
Erschienen am 09.07.2018

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Rezension zu "Der Horror der frühen Medizin" von Lindsey Fitzharris

Gruslig aber wahr
Gwhynwhyfarvor einem Monat

Der erste Satz: »Hunderte von Männern strömten am 21. Dezember 1846 in den Operationssaal des University Collage Hospital, wo sich der berühmteste Chirurg Londons anschickte, sein Publikum mit einer Oberschenkelamputation zu fesseln.«

Eigentlich ist dies Buch ein Sachbuch, eins über den Mediziner Joseph Lister, aber es liest sich wie ein spannender Roman. Und Man darf nicht zimperlich sein, die gute alte Zeit wird in ihren ganzen Facetten dargestellt. Das Wohnen im schicken London war nicht so attraktiv wie heute, wer es sich leisten konnte, zog aufs Land. Die hygienischen Zustände sind für uns kaum vorstellbar. Zu dieser Zeit wusch sich auch kein Arzt die Hände, blut- und eiterverkrustete Schürzen zeigten von OP-Ruhm, das OP-Besteck, Säge und Messer, trug man am in der Hosentasche. Ach ja, zu dieser Zeit waren die Chirurgen gerade mal in der Garde der Mediziner aufgenommen worden. Vorher waren sie schlicht Chirurgen, Zahnklempner, oft konnten sie weder lesen noch schreiben. Gerichtssäle, Operationssäle und Hinrichtungen waren öffentlich, hier versammelte sich das neugierige Volk, endlich war mal was los am Ort. Es gab ja weder Netflix noch Youtube.

»Die Clement’s Lane im Londoner Zentrum grenzte direkt an einen Friedhof, aus dessen Gräbern Faulschlamm sickerte. Der Verwesungsgeruch war so penetrant, dass die Anwohner das ganze Jahr über die Fenster geschlossen hielten.«

Joseph Lister fing 1844 an zu studieren, war aber schon als Kind fasziniert vom Mikroskopieren, hatte sozusagen schon hier sein späteres Interesse an der Erforschung von Bakterien festgelegt. Das Mikroskop wurde sein ständiger Begleiter, eine Form der Wissenschaft, die lange von Medizinern abgelehnt wurde. Zu dieser Zeit operierten Chirurgen gern auf dem Küchentisch der gutbetuchten Patienten, da die Sterblichkeit in Krankenhäusern extrem hoch war. Narkosemittel waren noch nicht erforscht, maximal wurden den Patienten Alkoholika verabreicht. Die Operation überstanden die meisten Patienten, die Chirurgen waren sehr fingerfertige Männer, die in Sekunden ein Bein amputieren konnten. Allerdings starben die meisten Operierten nach dem Eingriff an einer Sepsis. Wer ins Krankenhaus wollte, musste das Geld für die OP und die Beerdigung im Voraus hinterlegen.

»Listers Neugier war entfacht. Warum heilten die meisten Geschwüre ab, wenn man eine Wundtoilette durchführte und sie mit einer ätzenden Lösung reinigte?«

Lister fand heraus, dass Wunden heilten, wenn man sie nach der Operation abdeckte und die Wunde immer wieder behandelte, den Arbeitsbereich sauber hielt. Er benutzte Phenol, das damals als Karbolsäure bekannt war. Er kämpfte allerdings gegen die Arroganz seiner Professoren und Kollegen, die seine Untersuchungen und Erfolge für lächerlich hielten. Während des Bürgerkriegs in Amerika wurde das Chloroform erfunden. (1831 unabhängig voneinander von dem US-Amerikaner Samuel Guthrie, dem Deutschen Justus Liebig und dem Franzosen Eugène Soubeiran) Viele hielten den Stoff erst für Teufelszeug, doch nach und nach zog das Narkosemittel auch in Europa ein. Lister war inspiriert von den Untersuchungen von Louis Pasteur über Keime als Ursache von Fermentations- und Fäulnisprozessen und forschte in diese Richtung weiter. Er führte eine neue Methode ein, bei der der Operationsbereich und die Hände von Ärzten und Assistenten mit Karbolsäure abgewaschen wurden, ebenso führte er die Desinfektion von Instrumenten und Verbänden ein, wie die nachhaltige Wundpflege, später führte er Gummihandschuhe in den OP ein.

»Die Widerstände gegen Lister waren groß, aber es gab auch Mediziner, die den revolutionären Ansatz seiner Arbeit erkannten. Beifall für sein antiseptisches System kam zunächst vor allem vom Kontinent. ... Der deutsche Chirurg Richard von Volkmann wurde zum glühenden Anhänger Listers, nachdem er die antiseptische Behandlung in Halle eingeführt hatte und die Sterberate kurz darauf massiv gesunken war.«

Lindsey Fitzharris schreibt in lässigem Ton, teils süffisant und mit einer Spur von Voyeurismus zu lesen. Fasziniert und leicht angeekelt liest man über die Wohn- und Lebensverhältnisse der Menschen vor fast zweihundert Jahren. Man schüttelt den Kopf vor Erstaunen, mit welcher Vehemenz man Listers Methoden seitens der Ärzteschaft ablehnte, wie wenig Interesse es an Ursachenforschung gab.

Und wenn wir noch einen Schritt weiter zurückgehen, dann fragt man sich, welchen Einfluss die katholische Kirche auf das Teufelszeug der Medizin hatte. Die jüdischen und muslimischen Ärzte im 11. Jahrhundert benutzten bereits Betäubungsmittel aus Opiaten, kannten sich mit antiseptischen Methoden aus, operierten bereits am Gehirn und besaßen feines kunstvolles OP-Besteck, und kannten sich mit vielen Krankheiten gut aus. Sämtliche Bücher in arabischer Schrift und Bücher von Juden wurden in der Zeit der Reconquista von den Christen als Teufelswerk verbrannt, die Ärzte verließen das Land oder wurden umgebracht. Man kann noch heute in Museen Arztbestecke und Bücher bewundern die aus dieser Zeit gerettet werden konnten. Viel Wissen ging verloren. So mussten wir ein paar Jahrhunderte warten, bis wieder alles neu erfunden wurde ...

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Rezension zu "Der Horror der frühen Medizin" von Lindsey Fitzharris

Eine Biografie der etwas anderen Art
readingFabivor einem Monat

Der Debütroman von Lindsey Fitzharris beschäftigt sich nicht nur mit einem ungewöhnlichen Thema (Medizingeschichte), sondern beweist auch das umfassende Hintergrundwissen der Autorin, und ist deshalb alles andere als ein gewöhnlicher Debütroman.


Der Roman ist gewissermaßen eine Biografie des britischen Chirurgen Joseph Lister, der einen beachtlichen Beitrag zum medizinischen Fortschritt zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Anfang des 20. Jahrhunderts geleistet hat. Dabei wird die Medizin aus der Zeit herausgehoben, in der der chirurgische Beruf ein Handwerk, ähnlich wie Tischler oder Klempner, war. Und darin liegt auch eine der größten Stärken des Buches. Die Autorin schafft es auf großartige Art und Weise dem Leser die medizinische Situation in England während der Industrialisierung darzulegen. Sie beginnt hier mit der Vorstellung des jungen Joseph Lister und schafft es über das ganze Buch, ein sehr genaues Bild dieser Persönlichkeit zu kreieren, ohne Ihn als fehlerlose Person in den Himmel zu loben (was in einer schlechten/unausgeglichenen Biografie durchaus vorkommen kann).

Stilistisch schreibt die Autorin durchweg gut, nicht zu simpel und durchgehend verständlich. Sie zeigt dabei Talent historische/medizinische Themen auf eine überzeugende, aber auch nahbare Art und Weise zu vermitteln.

Ein Buch, ohne große Schwächen, eine absolute Leseempfehlung.

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marialeins avatar

Rezension zu "Der Horror der frühen Medizin" von Lindsey Fitzharris

Spannender Einstieg in die Medizingeschichte
marialeinvor 2 Monaten

"Der Horror der frühen Medizin" beschreibt, wie sich die Medizin ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gewandelt hat: Da wäre zum einen die Entdeckung der Äther-Narkose, die zum ersten Mal eine schmerzfreie Behandlung ermöglichte. Die zweite Revolution der Medizingeschichte war Joseph Listers Kampf gegen Infektionskrankheiten.

Dass die hygienischen Zustände damals katastrophal waren, ist allgemein bekannt, allerdings stellt Lindsey Fitzharris diese sehr detailliert und anschaulich dar und lässt dabei auch Zeitzeugen zu Wort kommen. Dabei beschreibt sie nicht nur die katastrophale Lage aus medizinischer Sicht, sondern malt auch ein sehr anschauliches Bild von der Gesellschaft sowie den Schauplätzen, an denen das Geschehen jeweils spielt: hauptsächlich London, Glasgow und Edinburgh. So kann man sich gut in die damalige Zeit hineinversetzen und erfährt dabei sehr viel Wissenswertes über die Geschichte der Medizin.

Tatsächlich ist die ganze Geschichte, wie Joseph Lister an den Ursachen für die Infektionskrankheiten forscht, die die Krankenhäuser der damaligen Zeit zu regelrechten Todeshäusern machten, unheimlich faszinierend. Man ist beeindruckt, wie überzeugt Lister an seinen Auffassungen festhält, obwohl er sich immer wieder gegen Anfeindungen von anderen Medizinern zur Wehr setzen muss. Wie froh wir doch sein können, dass er seine Sache trotz aller Hindernisse durchgezogen hat!

Andererseits ist es auch deprimierend zu denken, wie viele qualvolle Tode hätten verhindert werden können, wenn die Ärzteschaft im Allgemeinen damals nicht so entschieden die Augen vor dem verschlossen hätte, was doch aus heutiger Sicht so nachvollziehbar und eindeutig erscheint. So ist auch die Geschichte von Ignaz Semmelweis, der ob der fehlenden Einsicht seiner Arztkollegen den Verstand verlor und sie – nicht ganz zu Unrecht – als Mörder bezeichnete, ein trauriges Beispiel für die Ignoranz, die in der damaligen Zeit herrschte.

Dennoch hält sich die Autorin mit Urteilen weitestgehend zurück und gibt immer wieder zu bedenken, wie schwer es Listers Zeitgenossen fiel, anhand des damaligen Kenntnisstandes derartige neue Vorstellungen hinzunehmen. Abgesehen davon, dass sie dann natürlich auch einen Fehler in ihrer bisherigen Vorgehensweise hätten eingestehen müssen.

Überhaupt muss man sagen, dass Lindsey Fitzharris der Spagat zwischen den Extremen, in die so ein Buch allzu leicht verfallen könnte, sehr gut gelingt: Das Beschriebene ist äußerst unterhaltsam und bildhaft ohne jemals ins Makabre abzuschweifen. Es spart weder an Details noch an anschaulichen Beschreibungen, ist aber zugleich sehr kurzweilig und mit gerade mal 276 Seiten aufs Wesentliche reduziert. Auf Fußnoten wird verzichtet und medizinische Begriffe werden nur kurz erläutert, dennoch kann man das Gelesene auch als Laie sehr gut nachvollziehen.

Das Werk lässt einen mit dem Gefühl zurück, dass wir uns wirklich glücklich schätzen können, in der heutigen Zeit zu leben. Nicht nur die medizinische Versorgung, sondern die Lebensverhältnisse allgemein sind meilenweit von Listers Zeiten entfernt. Unsere Welt ist sauberer, gerechter und gesünder geworden. Und hoffentlich wird es noch andere Menschen wie Lister geben, die auch an den heutigen Zuständen noch etwas ändern. Trotz all der Schrecken, die Fitzharris beschreibt, stimmt einen das Buch doch irgendwie optimistisch.

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