Lioba Werrelmann

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Autor von Stellen Sie sich nicht so an., Hinterhaus und weiteren Büchern.

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Stellen Sie sich nicht so an.

Stellen Sie sich nicht so an.

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Erschienen am 03.03.2014
Hinterhaus

Hinterhaus

 (0)
Erschienen am 31.05.2019

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Rezension zu "Stellen Sie sich nicht so an." von Lioba Werrelmann

Ernüchternd und erschreckend
michael_lehmann-papevor 5 Jahren

Ernüchternd und erschreckend

„Am Anfang hatte hatte ich nur Vorhofflattern. Das hätte man mit einer Ablation heilen können. Aber weil soviel schief lief, bekam ich in der Zwischenzeit einen Thrombus und später Vorhofflimmern. Ich bin in einem System, das auf Menschen wie mich nicht vorbereitet ist, immer kränker geworden“.

Lioba Werrelmann gehört zu den Menschen mit einem angeborenen Herzfehler, der bei ihr als Kleinkind korrigiert wurde, nun aber mit knapp über 40 Lebensjahren in anderer Form sich ernst wieder bemerkbar macht. Wofür es nur wenige, ausgebildete Ärzte in Deutschland gibt. Und ie muss man erst mal finden, wenn einem die Ärztin aufgrund des medialen Rummels um „Burnout“ erst mal Antidepressiva verschreibt. Und sich im übrigen bald lieber gar nicht mehr um die teure Dauerpatientin zu kümmern gedenkt. Hier wird diese Ärztin übrigens nicht die letzte sein.

Eine Odyssee ist es, die Werrelmann schildert und die sie, als gelernte und gute Journalistin, nachfühlbar und dicht in Worte fasst. Nach und nach erfährt der Leser nicht nur von helfenden und, viel häufiger, weniger helfenden Ärzten, sondern auch von der Ohnmacht des Patienten, dem Ausgeliefert sein vieler inkompetenter oder schlichtweg unfreundlicher und demotivierter Mitarbeiter/innen im medizinischen Bereich.

Zudem versteht es Werrelmann, ihre eigene Geschichte auch ganz privat mit einfließen zu lassen. Von dem „Traumtyp“, der sich dann lieber mal nicht mehr meldet über Freundinnen, die kommen und gehen, über Geschwister, die in ihrer Kindheit durch die kranke Schwester stets zu kurz kamen, von feuchten und klammen Berliner Wohnungen und von Werrelmann selbst.
Von ihrem Ergehen und ihrer bedrängten „Not-Emanzipation“ auf so manchen Kinderstationen (wo sie oft aufgrund des angeborenen Herzfehlers landete) und gegenüber Ärzten mit viel Meinung, wenig Beratung und noch weniger Ahnung.

Wie nach einer dann endlich erfolgten Ablation das nachts vorhandene Personal in der Klinik weder darin geübt war, ein EEG anzulegen, noch als Stationsarzt ein solches dann gar auswerten zu können. Wie ein lapidarer Rat: „Führen sie ein smoothes Leben“, zwar schick klingt, aber weder möglich ist noch irgendetwas bewirken würde.

Sicher, Werrelmann ist eine besondere Patientin mit einem besonderen Problem unter vielleicht ungünstigen ärztlichen Umständen (wobei die Charite doch einen Ruf zu verlieren hätte, könnte man meinen).

Dies dahingestellt aber sind es die einfachen Kleinigkeiten der Erlebnisse, die gar nicht einmal viel mit Ärzten oder Apparaten zu tun haben, die den Leser nachhaltig aufrütteln.

Die Verwandtschaft, die auf der Kinderstation ungerührt zu viert ihr Mittagessen im Patientenzimmer einnehmen können und dabei die notdürftig bekleidete Journalistin vielleicht noch als Unterhaltungsprogramm betrachten.

Oder bei einem Muskelfaserriss in der Notaufnahme erkennbar zu kleine Krücken zu erhalten mit den Worten „passt schon“. Vom „sich drängeln“ auf manchen Liegen beim Ultraschall gar nicht erst anzufangen und bei „Ausmusterung“ bei manchen Ärzten ob der geringen „Gewinnmarge“ noch lange nicht aufzuhören.

Es ist ein erschreckendes Bild von Unwillen, Eigensinn, schlichter Inkompetenz oder mangelndem Willen, der sich beileibe nicht nur „auf ein paar“ Erfahrungen bezieht und auch jene heilpraktische „Session“ mit einbezieht, die Werrelmann zwischendurch ebenso wortgewandt und präzise schildert, wie ihre Erfahrungen mit der „klassischen“ Medizin.

Da kann man nur hoffen, nie ernsthaft zu erkranken, oder, wenn das eintritt, auf jene Pfleger, Schwestern und Ärzte zu treffen, die zumindest eine Ahnung davon haben, wie es einem Patienten geht und wie ein völlig verdrecktes Badezimmer den Rest Lebenswillen einem noch nehmen kann.

Eine intensive und aufrüttelnde Lektüre.

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