Eine amerikanische Familie

von Lionel Shriver 
3,6 Sterne bei10 Bewertungen
Eine amerikanische Familie
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TanyBees avatar

Eine Familiengeschichte, die in der nahen Zukunft spielt. Interessante Gedankenspiele. Lesenswert!

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Eigentlich ein gutes Buch, man braucht nur viel Geduld oder großes Interesse an finanzpolitischen Finessen um es gänzlich zu genießen.

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Inhaltsangabe zu "Eine amerikanische Familie"

USA im Jahr 2029. Der Dollar ist kollabiert und durch eine Reservewährung ersetzt. Wasser ist kostbar geworden. Und Florence Mandible und ihr dreizehnjähriger Sohn Willing essen seit viel zu langer Zeit nur Kohl. Dass es Florence trotz guter Ausbildung so schwer haben würde, ihr Leben zu meistern, hätte niemand aus der Familie gedacht. Doch als die Mandibles alles verlieren und in einem Park Unterschlupf suchen müssen, sind es nicht die Erwachsenen, sondern Willing, der mit Pragmatismus, Weitsicht und notfalls auch krimineller Entschlossenheit dem Mandible-Clan wieder auf die Beine hilft …
Scharfsinnig und ironisch erzählt Lionel Shriver von den Konsequenzen von Globalisierung und Nationalismus – eine beängstigende Zukunftsvision und ein komischer, liebevoller, fesselnder Familienroman.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783492058216
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:496 Seiten
Verlag:Piper
Erscheinungsdatum:12.01.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    dominonas avatar
    dominonavor 3 Monaten
    abgebrochen - zu sprunghaft, zu viel Finanzielles

    Die Grundidee an sich klang nett und hat sich zuerst auch so gelesen, aber ich hatte kurz zuvor schon einen recht sprunghaften Roman gelesen und hier ging mir das sehr auf die Nerven. Man hat einfach überhaupt keinen roten Faden und alles fließt lose, obwohl wir von einer Familie lesen. 

    Außerdem sollte man finanzielle Entwicklungen und ihre Analysen mögen, wenn man zu dieser Utopie greift.

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    Curins avatar
    Curinvor 6 Monaten
    Realistische Dystopie in der nahen Zukunft

    Die USA 2029: Eine schwere Finanzkrise hat das Land erschüttert und den Dollar als Zahlungsmittel unfähig gemacht. Wie viele andere Menschen leidet die Mehrgenerationenfamilie Mandible unter der Situation und muss ihre Bedürfnisse stark einschränken, um überhaupt über die Runden zu kommen. Während es Florence Mandible einigermaßen gelingt, mit dem Wenigen zu überleben, fällt es ihren Verwandten, die sonst in besseren Verhältnissen gelebt haben, deutlich schwerer... .
    Lionel Shriver hat hier eine besondere Dystopie geschrieben, die in unser Welt in der nahen Zukunft spielt. Die Handlung ist dabei gut durchdacht, aber manchmal etwas langatmig und zu verworren. Gerade am Anfang des Buches fiel es mir schwer, mit den vielen Figuren aus der Familie Mandible warm zu werden und den Überblick über die Verwandschaftsverhältnisse zu behalten. So muss man sich beim lesen schon etwas durchkämpfen.
    Meistens steht Florence im Mittelpunkt der Handlung. Sie lebt mit ihrem mexikanischen Mann und ihrem Sohn zusammen und kommt erstaunlich schnell mit den Einschränkungen zurecht. Mir war sie zwar nicht immer sympathisch und manchmal hielt ich sie auch für etwas naiv, aber nachher hat mich doch beeindruckt, wie sie sich durch das schwere Leben kämpft und dabei nicht den leichtesten Weg wählt.
    Bei diesem Roman war für mich das Besondere, dass Lionel Shriver ihre Dystopie in so naher Zukunft platziert hat. Gewissermaßen hält sie uns den Spiegel vor und zeigt, in welches Chaos und in welche Schwierigkeiten unsere Gesellschaft stürzen kann, wenn politische und finanzielle Fehlentscheidungen getroffen werden. 
    Allerdings fand ich, dass dem Buch für eine Gesellschaftssatire der Unterhaltungswert zu sehr gefehlt hat. Shriver schreibt mit einem bissigen Humor und manchmal muss man auch beim lesen schmunzeln, aber irgendwie fehlt der Geschichte die Spannung und das gewisse Etwas. 
    Insgesamt ist ,,Eine amerikanische Familie" eine skurille, aber sehr realistische Dystopie, die sich jedoch nicht so einfach lesen lässt. Dennoch empfehle ich das Buch hier gerne weiter.

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    TanyBees avatar
    TanyBeevor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Eine Familiengeschichte, die in der nahen Zukunft spielt. Interessante Gedankenspiele. Lesenswert!
    Ist das die Zukunft?

    Der Roman „Eine amerikanische Familie“ entführt uns ins Jahr 2029. Die USA stecken in einer wirtschaftlichen Krise, von einer Weltmacht sind sie inzwischen weit entfernt. Diese Rolle haben die asiatischen Staaten übernommen, die auch die neue Währung „Bancor“ gegründet haben. Der Leser erlebt die Ereignisse zusammen mit 4 Generationen der Familie Mandible. In der Familie sind die unterschiedlichsten Ausgangssituationen vorhanden. Der älteste Mandible, Douglas, ist 97 und schwerreich. Er wohnt in einem Luxus Seniorenheim mit seiner Frau Luella, die wesentlich jünger ist als er, aber dement und komplett hilflos. Die ganze Familie Mandible lebt in Erwartung der Erbschaft, die sie eines Tages machen werden, wenn Douglas stirbt. Sein Sohn Carter ist selbst schon 69 und mittelmäßig erfolgloser Journalist.  Douglas Tochter Enola, genannt Nollie, ist Schriftstellerin und lebt in Frankreich.  Carter hat drei Kinder: Avery, Florence und Jarred. Florence hat einen Sohn, Willing, und Avery hat drei Kinder, Savannah, Goog und Bing.

    Und damit sind wir auch schon bei einem der Probleme angekommen, die ich mit dem Buch hatte: Am Anfang ist es furchtbar schwer, sich in der Familie zurecht zu finden. Die ganzen Namen (es kommen ja auch noch die jeweiligen Ehepartner dazu) und wer gehört jetzt nochmal zu welcher Generation? Ich glaube, ein Stammbaum wäre ganz hilfreich gewesen.

    Aber zurück zum Inhalt. Florence repräsentiert eher die Unterschicht in der Familie. Trotz Ausbildung konnte sie keinen guten Job bekommen und arbeitet in einem Obdachlosenheim. Sie kommt gerade so über die Runden, aber da Wasser so teuer geworden ist, kann jeder in der Familie nur einmal die Woche duschen. Ihre Schwester Avery ist mit einem Wirtschaftswissenschaftler verheiratet und kennt solche Sorgen nicht. Der Bruder Jarred dagegen wendet sich von allem ab und lebt als Aussteiger auf einer Farm.

    Warum ich das so ausführlich erzähle? Es ist ganz wichtig im Buch, dass die Situationen der Familienmitglieder am Anfang so unterschiedlich sind. Natürlich denken die meisten: „Das ist nur eine kleine Krise, in ein paar Jahren geht es dem Land wieder besser.“. Kleiner Spoiler: es geht nicht bergauf, sondern ziemlich schnell bergab. Und wer von der Familie ist dann wohl am besten gerüstet? Wie reagieren die Einzelnen, wenn immer mehr Komfort wegbricht? Am Anfang regt man sich vielleicht auf, wenn man abends kein Glas Wein mehr trinken kann, aber was ist, wenn es kein Toilettenpapier mehr gibt?

    Ich finde es faszinierend Bücher zu lesen, die in der nahen Zukunft spielen. 2029 hört sich weit weg an, aber es ist in 11 Jahren! Und ich bin dann nicht mal 50. (Die Situation in Europa wird im Buch nur am Rande erwähnt, aber sie scheint nicht rosig zu sein). Es werden viele Themen angesprochen, die interessant sind: die Weiterentwicklung der Smartphones, die Knappheit von Ressourcen, die Überalterung der Gesellschaft und die Folgen für das Sozialsystem, die Digitalisierung der Geldmittel. Solche Gedankenspiele sind sehr interessant und erlauben einen anderen Blickwinkel auf die Gegenwart.

    Ich muss sagen, dass ich mir auf den ersten 100 Seiten ein bisschen schwer getan habe mit dem Lesen. Das lag einerseits an den vielen Figuren, anderseits aber auch daran, dass es sehr viel um wirtschaftliche und geldpolitische Themen geht. Da bin ich oft nicht richtig mitgekommen. Aber ich bin sehr froh, dass ich durchgehalten habe, denn umso weiter es bergab geht mit der Welt, umso spannender wird das Buch. Das letzte Viertel spielt sogar im Jahr 2047 und ich kann nur sagen, hoffentlich entwickelt sich die Welt nicht wirklich in diese Richtung!

    Mein Fazit: das Buch ist nicht ohne Schwächen, weshalb ich vier Sterne gebe. Es lohnt sich aber, am Anfang durchzuhalten und ich bin sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe. Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Bücher gelesen, die in der nahen Zukunft spielen und natürlich sieht die Zukunft in jedem dieser Romane anders aus. Bei diesem finde ich besonders den Blick auf das alltägliche Leben der Familie interessant, ohne dass es eine große Naturkatastrophe oder Epidemie gegeben hat.

    Eine große Empfehlung an alle, die sich auch für diese Themen interessieren.

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 8 Monaten
    Unschöne neue Welt

    Mit Zukunftsromanen verhält es sich in der Regel so, dass sie entweder in einer fernen Zukunft spielen und sich der Leser auf ein mehr oder weniger fantastisches Land einlassen muss, mit gänzlich anderen Lebensbedingungen, unterschiedlichen Wertvorstellungen und Konflikten, einem fremden Alltag und ungewohnten Umgebungen. Der Leser muss loslassen können vom Bezugsrahmen der Realität, und sei es nur der angenommenen. Mir fällt das zugegebenermaßen immer schwer, weswegen ich in der Regel mit Science-Fiction und Konsorten meist nicht warm werde.
    Oder aber der Roman spielt in naher Zukunft (und das muss nicht mal unbedingt zeitlich nah sein) und extrapoliert unsere Gegenwart nur ein wenig, überspitzt vielleicht ein bisschen, bleibt aber dabei, das, was heute ist, nur weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Letzteres finde ich weitaus schwieriger. Riskiert der Autor doch die hochgezogene Braue des Lesers, wenn da etwas unplausibel erscheint, Entwicklungen nicht überzeugen, Recherchen nicht gründlich genug betrieben wurden. Ganz davon abgesehen, dass sich solche Literatur naturgegeben schnell überholt. Außerdem neigen solche Romane gerne zu ausufernden Erklärungen und theoretischen Erörterungen, die eben den Weg von unserem Heute zu jenem Morgen nachvollziehbar machen sollen. Meist haben diese Bücher eine Botschaft, meist mahnender Natur: „Seht her, was geschehen kann. Handelt dementsprechend!“
    Lionel Shriver ist da ganz deutlich. Einmal heißt es in „Eine amerikanische Familie“:
    „Geschichten, die in der Zukunft spielen, handeln von den Ängsten der Leute heute. Um die Zukunft selbst geht es gar nicht.“
    Und solche Ängste hat die US-amerikanische Schriftstellerin, die die FAZ einmal „Spezialistin für ungeschminkte Wahrheiten“ genannt hat, in ihrem neuesten Roman reichlich versammelt. Im Grunde geht es in „Eine amerikanisch Familie“ um ein Gedankenexperiment.
    Was passiert, wenn die restliche Weltgemeinschaft, namentlich Russland und China, der zunehmenden Staatsverschuldung der USA nicht länger tatenlos zuschaut, sondern eine internationale Ersatzwährung zum Dollar einführt, den Bancor. Wir schreiben das Jahr 2029 und die USA haben bereits eine existentielle Krise hinter sich. Die sogenannte „Steinzeit“ im Jahre 2024, auch „Steini“ genannt, eine der Albernheiten, die sich das Buch (oder die Übersetzung?) erlaubt. Damals brach die komplette Energie- und Wasserversorgung nach einem Hackerangriff (eine der dramatischten der oben erwähnten Ängste) zusammen. Mit allen denkbaren Folgen, wie Plünderungen, Massenunfällen, Zug- und Flugzeugkatastrophen, Ausfall der nationalen Verteidigungssysteme und – schlimmste aller denkbaren Katastrophen – dem nicht mehr funktionierenden Internet. Eine schlimme Zeit, aus der sich die USA gerade wieder einigermaßen erholt haben. Zwar gibt es immer noch bei einigen Ressourcen Engpässe, weswegen sich zum Beispiel Trinkwasser, Toilettenpapier und Kaffee (die Arabica-Pflanzen sind nahezu ausgestorben) enorm verteuert hat, aber die Menschen kommen wieder ganz gut zurecht. So auch Florence, die in einer Obdachlosenunterkunft arbeitet, ihr aus Mexiko stammender Lebensgefährte Esteban, der sich auf Abenteuertouren, vor allem für ältere Menschen spezialisiert hat, und der Teenagersohn Willing, der sich im Laufe der Geschichte immer mehr zum Hauptprotagonisten entwickelt. Zunächst einmal lernen wir aber auch die anderen Familienmitglieder kennen, zum Beispiel den stinkreichen Patriarchen des Mandible-Clans, Douglas, der einst seine Frau verlassen hat, um mit der jungen, bildschönen Sekretärin zu leben, die nun aber in ihren späten Fünfzigern hochgradig dement und ein absoluter Pflegefall ist. Beide leben in einer luxuriösen Pflegeresidenz. Dann sind da noch Großvater Carter, der erfolglose Journalist und seine Frau Jayne, deren Buchhandlung Pleite ging, weil keiner mehr Bücher liest und seitdem jeder nur noch mit seinem ultramobilen fleX hantiert auch immer weniger Menschen noch schreiben können und Tante Avery und Onkel Lowell, seines Zeichens Professor für Wirtschaftswissenschaften und ihre drei Kinder. Später kommt noch Großtante Nollie aus Frankreich zurück, als dort die Animositäten gegenüber Amerikanern zunehmen.
    Nun also verliert der Dollar gegenüber der neuen Währung, in der zukünftig alle internationalen Verbindlichkeiten beglichen werden müssen, dramatisch an Wert. Es kommt zur Hyperflation und zum vollständigen Zusammenbruch des Wirtschafts- und Finanzsystems in den USA. Nicht zufällig spielt die Handlung im Jahr 2029, genau 100 Jahre nach Beginn der „Great Depression“. Die asiatischen Märkte, vor allem China und Indien frohlocken. Aber auch Mexiko macht bald seine Grenzen für US-Amerikaner dicht. Der amerikanische Präsident, ein Latino, sucht die Rettung in einer kompletten Abschottung der USA. Kein Bürger darf mehr als 100 Dollar ausführen, der Bancor wird verboten und sämtliche Goldvorkommen in der Bevölkerung vom Staat konfisziert – regelrechte Razzien werden durchgeführt. Importwaren werden unerschwinglich, ebenso Mieten und Hypothekenzinsen, die Arbeitslosenzahlen wachsen gigantisch. Diese Entwicklungen führen erwartungsgemäß zum vollständigen Zusammenbruch auch aller gesellschaftlichen Ordnung. Chaos, Zustände „schlimmer als in Lagos“. Auch die Mandibles bekommen die Entwicklungen in voller Härte zu spüren.
    Dann ein Sprung ins Jahr 2047. Die USA haben sich in der Krise irgendwie eingerichtet, aber zu welchem Preis? Eine regelrechte Diktatur und ein Überwachungsstaat haben sich etabliert, jeder Bürger unter 68 ist mit einem Chip versehen, der nicht nur lückenlose Bewegungsprofile aufzeichnet, sondern auch sämtliche Ausgaben und Einnahmen managt. Die Steuern betragen 90% jeden Einkommens. Dafür gibt es soziale Absicherung. Sogar die „Runzeln“ bzw. „Langleber“ werden versorgt, auch wenn sich die junge Bevölkerung zunehmend gegen diese „unnötigen“ Ausgaben wehrt. Für Willing und Nollie sind diese Lebensbedingungen unerträglich. Sie erwägen die illegale Flucht in den „Freistaat“ Nevada, eine isolierte Insel der „Wildnis“.
    Man sieht, Lionel Shriver hat sich einiges einfallen lassen für ihre Zukunftsvision. Vieles davon ist klug entwickelt, lässt innehalten und auch erschrecken. Fehlende Plausibilität ist gewiss nicht das Problem dieses Romans. Manches wirkt ein wenig albern, wie das schon erwähnte „Steini“ oder die „Runzeln“ oder auch die erwähnte (und schon vergangene) Chelsea-Clinton-Präsidentschaft. Auch ist das Buch spannend und durch seinen zeitweilig ironisch bis zynischen Ton und seine spritzigen Dialoge sehr unterhaltsam. Selbst sein streckenweise arg dozierender Charakter und die ausgedehnten ökonomischen Gespräche der Familie sind nicht der Grund, warum das Buch bei mir trotz allem einen weniger schönen Nachgeschmack hinterlässt.
    Es ist vielmehr das politische Statement, das die Autorin untergründig, aber nicht untergründig genug, in ihren Roman einfließen lässt. Die Ängste, die sie hier plausibel schürt, und die auch den Leser erreichen, sind tatsächlich die Ängste, die auch große Teile der amerikanischen Rechten umtreibt. Es ist die Angst vor der Inflation, vor Staatsschulden, vor zunehmenden Sozialabgaben, vor der Übernahme der Weltmacht durch China und die sogenannten Schwellenländer. Es sind die Reichen (und der gehobene Mittelstand), die bei Lionel Shriver am meisten zu leiden haben. Diejenigen, die unten auf der sozialen Leiter stehen, bekommen am wenigsten davon ab. Es ist die Abneigung gegen jede Form von Wohlfahrtsstaat, die hier zum Ausdruck kommt und im Horrorbild eines Staates, der seinen Bürger mit Chips versieht, um ihn besser kontrollieren zu können, gipfelt. Nicht umsonst ist schließlich die Steuerbehörde der große Feind, der fast wie eine geheime Staatspolizei operiert. Der unabhängige Staat Nevada bietet seinen Bürgern keinerlei Sicherheiten, keine Krankenversicherung, keine Pharmaindustrie, keine Rente, aber die Menschen müssen keine Steuern zahlen und dürfen sogar endlich wieder Waffen besitzen. „Nevada ist kein Utopia“. Aber so wie ich die Autorin verstehe, ziemlich nahe dran.
    Noch zwei Zitate, die mein Unbehagen ein wenig verdeutlichen sollen.
    „Dieser Staat ist ein faszinierendes soziales Experiment, und vielleicht steht die Abstimmung noch aus. (…) Alle westlichen Demokratien sind einen ähnlichen Weg gegangen und haben gesittet, ruhig und in gewisser Weise auch sorglos angefangen. Aber am Ende stößt ihnen die eigene Tugendhaftigkeit auf. Ihre Vernarrtheit in Fairness und Gerechtigkeit. Natürlich würden wir in einer idealen, fairen Welt alle bös große Häuser und Berge zu essen haben. Mit unbeschränktem Zugang zu den neuesten Heilmethoden, freier Kinderbetreuung, brutalen Bildungschancen und aufgeschüttelten Kissen für die Langleber…(…) und alles, klar, ohne sich dafür querlegen zu müssen. (…) Die untere Hälfte kriegt keine Blumen, und die obere fühlt sich beraubt. (…) Die Regierung wird ein teurer, schwerfälliger, ineffizienter Mechanismus, um den Wohlstand von Leuten, die etwas tun, zu Leuten, die nichts tun, zu schaufeln und von den Jungen zu den Alten, wo´s doch andersrum sein sollte.“
    Das ist vielleicht zynisch, aber nicht ironisch gemeint. Als Rettung erscheint den Mandibles das in Nevada herrschende „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“, was mir sehr nach Trumpismus klingt. Ebenso wie die letzte Bastion, auf die man am Ende noch zählen kann, die Familie. So ist für mich auch das Ende des Buches ziemlich unerträglich.
    Wer von diesen ideologischen Einflüsterungen absehen oder diese ironisch lesen kann, erhält ein spannendes, plausibel entwickeltes Zukunftsszenario mit einem gewissen Gruseleffekt und hohem Unterhaltungswert, obwohl die Figuren recht flach sind, ist auch der Familienroman gut gelungen. Mir ist das aber leider nicht gelungen.

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    walli007s avatar
    walli007vor 8 Monaten
    Mandible

    Amerika in einer nicht ganz so fernen Zukunft, das Land ist überschuldet und der Dollar verliert immer mehr an Wert. Die Familie Mandible hat sich immer abgesichert geglaubt. Ihr großer Übervater der 100jährige George ist ein Finanzmagnat und das Geld der Familie ist sicher angelegt. Wenn es also einzelne Familienmitglieder nicht zu großem Reichtum bringen, so ist doch irgendwann ein Erbe zu erwarten. Wenn schon nicht die Gegenwart so scheint doch wenigstens die Zukunft gesichert - bis der Dollar zusammenbricht und der Staat Maßnahmen ergreift, um sich das letzte Quäntchen finanziellen Spielraum zu erhalten. Genau in diesem Moment ist Florence diejenige, die den anderen mit ihren schmalen Mitteln unter die Arme greift. 


    Eine Familie am Rande des Untergangs, wäre da nicht Florence` Sohn Willing, dessen innovative Ideen, präzise treffenden Analysen und außerordentliche Überzeugungskraft die Familie auf neue Wege führen. Doch bevor es soweit kommt, muss man einen beispiellosen Untergang einer großen Nation erleben, der keinen der Bürger unberührt lässt. Erst hofft man noch, die Katastrophe werde vorüber gehen und die Normalität werde sich durchsetzen. Schnell jedoch wird klar, es ist ein sehr tiefes Tal, das zu durchwandern ist. Schwer ist es, die Familie wird ungeahnten Gefahren ausgesetzt und muss den finanziellen Absturz verkraften.


    Etwas sperrig lässt sich die Lektüre an, vielleicht auch, weil es teilweise schwer zu ertragen ist, wie schnell gewachsene Strukturen zusammenbrechen, derer man sich sicher war. Eine Art Staatsdiktatur melkt das Letzte aus den Menschen heraus. Und jedes Mal, wenn ein Fünkchen Hoffnung aufkeimt, die Situation könne sich entspannen, kommt der nächste Hammer. Wie ein kleines zartes Pflänzchen, das sich in seinem Wachsen nicht beirren lässt, wirkt Willing, der erst 13jährige, der als einziger erkennt, wie der Hase läuft. Je mehr man dieses gewitzte Kerlchen versteht, desto mehr kann man sich mit dem Roman anfreunden. Eine stille Stütze ist auch die alte Nollie, die aus Europa kommend, in den Schoß der Familie zurück findet. Nollie, die trotz ihres Alters jugendlicher und fortschrittlicher wirkt als die meisten anderen Familienmitglieder. 


    In Zeiten eines extremen Umbruchs wird eine Familie auf sich selbst zurückgeworfen und überlebt. Eine Art Utopie, die hoffentlich eine Utopie bleibt, die jedoch manchmal erschreckende Parallelen zur Wirklichkeit aufweist. Ein Roman, durch den man sich ein wenig kämpfen muss, der zum Nachdenken anregt und der so schnell nicht loslässt.

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    sursulapitschis avatar
    sursulapitschivor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Eigentlich ein gutes Buch, man braucht nur viel Geduld oder großes Interesse an finanzpolitischen Finessen um es gänzlich zu genießen.
    Dystopie der anderen Art

    Die Idee dieses Buches ist schön. 2029 bricht der Dollarkurs ein. Eine verheerende Inflation bringt in Amerika alles zum Erliegen. Nichts geht mehr. Selbst der schwerreiche Douglas Mandible, auf den sich seine Familie immer als Notnagel verlassen hat, hat gar nichts mehr.

    Die Mitglieder dieser amerikanischen Familie sind ausgesucht originell. Da haben wir den Urgroßvater Douglas, den Patriarchen mit Geld, die Tante im Rentenalter, die noch immer von ihrem vergangenen Ruhm als Schriftstellerin zehrt, die Schwestern Florence und Avery, die sich nicht grün sind, weil die eine snobistisch und die andere viel zu alternativ ist. Auf ihren Aussteigerbruder sehen sie beide herab. Deren Kinder sind entweder verwöhnt, altklug oder gelangweilt.
    Es ist spannend und auch witzig, wie sie alle mit dieser Krise umgehen. Die Lage wird immer schlimmer, bis sie nahezu absurde Formen annimmt.

    Mit gnadenlosem Sarkasmus erzählt Lionel Shriver diese Geschichte und verpasst dem amerikanischen System derbe Hiebe. Hier bekommt jeder sein Fett weg. Ob es um Wirtschaft geht oder das Steuersystem, Rassismus, Zuwanderer, Elitedenken, es wird alles thematisiert und zu allem Überfluss geht es den Mexikanern plötzlich besser als den US-Bürgern, nur lassen sie niemanden einwandern. Dies ist eine Dystopie der anderen Art.

    Das ist hübsch, das macht Spaß und schön erzählt ist es auch. Es wäre ein großartiges Buch, wenn nicht zwischendurch immer wieder seitenlang politisiert würde. Wieder und wieder diskutiert irgend jemand lang und breit die Lage, das Finanzsystem, die Börsenkurse oder sonstige wirtschaftliche Belange. Und die ersten zwei- drei Seiten lang kann man sich auch darüber amüsieren, aber sie diskutieren wirklich ausführlich. Mag sein, dass sich manch einer daran ergötzen kann, mir war es sehr oft zu viel und ich habe öfter mal einige Seiten weitergeblättert.
    Ich war beim Lesen hin- und hergerissen. Einerseits ist die Geschichte fesselnd, die Figuren toll, das Geschehen irrwitzig, andererseits bremsen immer wieder lange Referate die Handlung aus und langweilen dann doch. Ein beherzter Rotstift hätte da Wunder wirken können.

    Unterm Strich ist es ein gutes Buch, beinahe großartig, man braucht nur entweder viel Geduld oder großes Interesse an finanzpolitischen Finessen um es gänzlich zu genießen.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 9 Monaten
    Ein denkbares Szenario


    Die Vereinigten Staaten von Amerika in naher Zukunft. Quasi über Nacht stürzt der Wert des einst starken US-Dollars in den Keller, um schließlich durch eine neue globale Währung ersetzt zu werden. Millionen amerikanischer Familien verlieren sämtliche Ersparnisse, der Präsident erklärt, dass die USA seine Kredite nicht begleichen wird. Da im Gegenzug auch keine neuen Kredite mehr aufgenommen werden können, druckt die Regierung massenhaft Geld, um zumindest die drängendsten Schulden zu begleichen - und öffnet der Inflation damit Tür und Tor.


    Vor kurzem noch wohlhabend und gut ausgebildet, haben die Mandibles inzwischen alles verloren und können sich nicht einmal grundlegende Dinge leisten. Seit Wochen essen Florence und ihr Sohn Willing nur noch Kohl und wohnen zu guter Letzt sogar in einem Park. Ausgerechnet der eigenwillige Dreizehnjährige wird seine Familie retten…


    Die USA 2029? Was nach Science Fiction klingt, scheint beinahe zum Greifen nahe. Lionel Shriver denkt unsere heutige Welt weiter - die Folgen von Globalisierung und dem unter diesen Vorzeichen Streben einzelner Staaten, die sich an erster Stelle sehen wollen, treiben üble Blüten. 
    Aus dem Land, in dem die Erfüllung schier jedes Traumes möglich schien, sind plötzlich selbst Wasser und Nahrungsmittel knapp.


    Der Autorin ist hier eine Vision einer möglichen Zukunft gelungen, die schlicht und ergreifend beängstigend ist. In meinen Augen besticht Shriver dabei vor allem durch ihren brillanten Witz, ihre mitunter scharfe Zunge und gleichzeitig einem liebevollen Händchen für ihre mitunter sehr eigenwilligen Charaktere. Gerade der junge Willing überzeugt mich mit seiner ungewöhnlich weitsichtigen Art und einer ordentlichen Prise Pragmatismus, mit der er sich an die veränderte Situation anzupassen versucht.


    Ja, das Buch zu lesen macht Spaß, auch wenn so manche Idee nur wie das strikte Weiterdenken der heutigen Situation ist: allen voran ein jährlicher Shutdown, für den man China beschuldigt, und ein am Boden liegender Journalismus, da in Zeiten von 'Fake News' keiner mehr einer Quelle trauen mag.


    "Eine amerikanische Familie" ist eine gekonnte Satire, die Lionel Shrivers sehr intelligente Ironie beweist. Ich wünsche diesem Roman viele LeserInnen, da ich denke, dass er unsere Zeit in einer Art und Weise weiterspinnt, die leider ganz und gar nicht undenkbar ist. Umso wichtiger, dass wir dafür sorgen, dass diese Zukunft nicht Wirklichkeit wird.


    Fazit: Ein Roman, der nahezu zur perfekten Zeit erscheint und mit seinem Szenario hoffentlich den ein oder die andere wachrüttelt. Sehr lesenswert!

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    thursdaynextvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Realistische Zukunftsvision zum American Dream. Beklemmend und spannend.
    Ein amerikanischer Albtraum

    In nicht allzu ferner Zukunft beginnt diese dystopische, sehr authentische Familiengeschichte, die gleichzeitig einen sehr kritischen, differenzierenten Blick auf eine USA, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat, wirft.

    Wir glauben wohl alle nicht mehr an rosige Zukunftsaussichten, anders kann ich mir die gehäuft vorkommenden Dystopien nicht mehr erklären. Trotz kognitiver Dissonanz, so ganz kann man die Augen nicht mehr verschliessen vor den zu bewältigenden Aufgaben und dem miesen Personal das uns zu deren Lösung in den westlichen Demokratien zur Verfügung steht. Von den nicht demokratischen Ländern ganz zu schweigen. Amerika ist hier der Vorreiter für den Westen. Nicht erst mit dem jetzigen Präsidenten begann der Niedergang der Vereinigten Staaten, die eine immense Schuldenlast angehäuft haben.

    Die Mittelschicht schrumpft, Bildung ist teuer, der Raubbau an der Natur zeigt Folgen, wie auch der Klimawandel.

    Lionel Shrivers „Amerikanische Familie“ ist nicht nur eine weitere Dystopie, die den Hype bedient, sie ist so nah an der Realität, dass die Leserschaft mit den unangenehmen Auswirkungen einer sich zersetzenden Gesellschaft direkt konfrontiert wird. Moral, Ethik, Zivilisation, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, was bleibt übrig, wenn es nur noch um das nackte Überleben geht. An den Mandibles kann man beobachten, wie der Niedergang voranschreitet. Nebenbei: Charaktereigenschaften, die zuvor unangenehm waren verstärken sich im Elend. Doch die Mandibles folgen der Maxime „Blut ist dicker als Wasser“. Besonders Avery, die Mutter des Jungen Willing, dessen Erwachsenwerden sich über den gesamten Roman erstreckt, handelt nach diesem Prinzip und es hilft. Lionel Shriver geht in dieser Familiengeschichte sehr einfühlsam mit den einzelnen Protagonisten um, sie wertet ihr Verhalten nicht. Das ist wohltuend, liest sich aber leicht distanziert.

    2029 ist es der Mangel, der in Nordamerika verwaltet wird. Zumindest was die Mittelschicht betrifft. Es fehlt an vielem, der gewohnte Komfort der westlichen Industriestaaten steht immer weniger Menschen zur Verfügung. Spannend ist Shrivers Schilderung des Niedergangs, da die Auswirkungen der Krise direkt mit dem Leben der Familie Mandible verknüpft sind.

    Die Geschichte beginnt bei Florence, die ihren 13 jährigen Sohn Willing, ihren Lebenspartner, sich selbst sowie Untermieter Kurt gerade so durchbringt. Essen ist sehr teuer, Wasserknappheit und ein mieser Job, der bei weitem nicht ihrer Ausbildung entspricht erschweren das Leben. Anders als ihre Schwester Avery die mit ihrem Professorengatten Lowell und den Kindern Bing, Goog und Savannah gutgesettled alle Annehmlichkeiten, die die USA den Bessergestellten bietet, genießt.

    Die Form, die die Autorin gewählt hat, den wirtschaftlichen Niedergang der USA darzustellen, ist einprägsam. Alle Leser können ihn nachvollziehen, egal ob sie wie Florence Mandible im Prekariat oder, wie ihre Schwester Avery mit ihrer Familie, gutsituiert leben. Doch es trifft auch die großen Vermögen. Jene, die sich aufgrund ihres Kapitals immer auf der sicheren Seite wähnten. So auch den Patriarchen der Familie, Großvater Mandible, dessen riesiges Vermögen im Hintergrund seine Töchter und Enkelkinder immer in Sicherheit wiegte.

    Schaut man sich die Verschuldung der USA an, ist das von Shriver entworfene Szenario sehr realistisch. Und so kann man diesen Familienroman durchaus auch auf andere Industriestaaten übertragen. Die Versprechen, die die Staaten, Politiker und Regierungen ihren Bürgern und Wählern machen sind nicht mehr einzuhalten. Wohlstand und Sicherheit, Schutz des Privaten, funktionierende Infrastruktur, all das ist nicht so selbstverständlich wie von den Bürgern angenommen. Ein derartiges Szenario kann durchaus auch die Bessergestellten und die Superreichen treffen.

    Eine Folge dessen, dass niemand sich im Neoliberalismus mehr darum kümmerte, dass es den vielen gutgeht, sondern einige wenige das vorhandene Vermögen unter sich verteilten. Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden sondern ganz allgemein auch die der Anderen ein gutes Leben in relativer wirtschaftlicher Sicherheit zu führen.

    „Its the economy stupid!“

    Lionel Shriver hat mit „Eine amerikanische Familie“ einen Weckruf geschrieben, der in seiner Komplexität weit über die Grenzen Nordamerikas reicht und trotz des nicht gerade amüsanten Themas spannend und empfehlenswert ist, auch für Menschen die mit Dystopien sonst nichts anzufangen wissen. Mir fehlte ein wenig die Poesie, die zugunsten des realitätsnahen Erzählstils nur sachte und kaum fassbar vorhanden war. Doch das ist Geschmacksache und weder der Autorin, die ich bis dato noch nicht kannte, noch dem Roman anzulasten.



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    Lilli33s avatar
    Lilli33vor 9 Monaten
    Ein amerikanischer (Alb-) Traum

    Gebundene Ausgabe: 487 Seiten

    Verlag: Piper (12. Januar 2018)

    ISBN-13: 978-3492058216

    Originaltitel: The Mandibles

    Preis: 24,00€

    auch als E-Book erhältlich


    Ein amerikanischer (Alb-) Traum


    Inhalt:

    New York, 2029. Die US-amerikanische Wirtschaft ist am Boden. Die Inflation ist enorm, Wasser und Lebensmittel sind knapp. Florence schlägt sich mit ihrem dreizehnjährigen Sohn Willing und ihrem Lebensgefährten Esteban mehr schlecht als recht durch. Doch ihren reichen Verwandten ergeht es noch schlimmer, und bald stehen sie alle vor ihrer Tür, bis sie auch dieses Dach über dem Kopf verlieren. Ausgerechnet der jugendliche Willing beweist den meisten Weitblick und sichert das Überleben der Familie. Er führt den Exodus aufs Land an zu seinem Onkel Jarred, wo die Familie Zuflucht sucht.


    Meine Meinung:

    Lionel Shrivers Vision eines zukünftigen Amerikas ist wirklich beeindruckend und vielleicht gar nicht so weit hergeholt. Die Folgen der Globalisierung und des Nationalismus könnten durchaus so aussehen. Sehr schön wurde hier der amerikanische Traum, dass jeder durch harte Arbeit und Einfallsreichtum etwas erreichen kann, eingearbeitet, wenn es auch zwischendurch immer wieder eher wie ein Albtraum anmutet. 


    Ich fand vor allem die verschiedenen Charaktere spannend, die sich die Autorin ausgedacht hat. Florence, die in einem Obdachlosenheim arbeitet und mit ihrem kärglichen Leben ganz gut zurechtkommt. Willing, der von kleinauf nichts anderes kennt, als sich einzuschränken. Den Gegensatz zu Florence’ kleiner Familie bildet die Familie ihrer Schwester Avery, die schon immer gutsituiert war, mit dem Verlust ihres Vermögens aber kaum umgehen kann und Schwierigkeiten hat, sich den neuen Begebenheiten anzupassen.


    Auch der pater familias, der Großvater von Florence und Avery, Douglas Mandible, genannt der Tolle Große Mann - TGM -, spielt eine raffinierte Rolle, ebenso wie Florence’ Tante Nollie, eine alternde Schriftstellerin, die es aber faustdick hinter den Ohren hat und sich vor allem mit Willing gut versteht. Die beiden sind ein tolles Team, das sich nicht unterkriegen lässt. 


    So führt uns Shriver durch die harten frühen 2030er Jahre, um schließlich einen Sprung nach 2047 zu machen. Die verbliebenen Mitglieder der Familie Mandible machen sich erneut auf die Reise in eine bessere Zukunft.


    Die Geschichte mit ihren urigen Figuren hat mich inhaltlich sehr begeistert, der Erzählstil leider weniger. Lionel Shriver erzählt zum Teil recht trocken mit viel Theorie und wenig aktiver Handlung. Das zieht sich manchmal schon unangenehm in die Länge. Hin und wieder blitzt aber auch etwas Ironie und Sarkasmus auf und lockert das Ganze wieder auf. Insgesamt hat mir der Roman doch recht gut gefallen.


    ★★★★☆


    Ich bedanke mich ganz herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise im Rahmen einer Testleseaktion auf literaturschock.de ein Rezensionsexemplar zukommen ließ.



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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor 9 Monaten

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